Kann die Digitalisierung des Lernens die Lernkultur positiv entwickeln?

Seit einigen Tagen schreiben wir das Jahr 2020, Star Wars hat eine neue Episode herausgebracht, ist aber eigentlich schon im Rentenalter. Egal ob Rente oder nicht, die neuen 20er Jahre werden ein Jahrzehnt der Digitalisierung werden. Wie das Jahrzehnt aussehen wird, wissen wir nicht, aber dass es digital wird, davon können wir ausgehen.

Also, Kopf in den Sand stecken hilft nicht, wir müssen das Jahrzehnt schon selber gestalten, wir, diejenigen, die im Bildungsbereich arbeiten. Was kann die Digitalisierung dazu beitragen, das Lernen zeitgemäßer zu gestalten? Dazu ein kleiner Überblick über die Tendenzen in der Bildung:

  • Die Digitalisierung durchdringt immer mehr Lebensbereiche. Die Schule und das Lernen ist dabei noch sehr widerspenstig.
  • Wir wissen nicht genau, was junge Menschen für die Lebensbewältigung in den nächsten 30 Jahren benötigen. Welches Wissen ist nötig? Der bisherige Bildungskanon scheint nicht mehr ausreichend zu sein. Die Schwerpunkte scheinen sich zu verschieben. Klassische Bildung ist kein sicheres Fundament mehr.
  • Eines ist sicher: vieles wird sich in den nächsten zehn Jahren wandeln. Zweites ist auch sicher: wir wissen nicht genau, wohin. Eines der wichtigsten Kompetenzen für junge Leute wird also sein: Flexibilität. Wir müssen uns davon verabschieden, dass man mit einem klassischen Wissenkanon für das nächste Jahrzehnt gut ausgerüstet ist.
  • Wissen ist kein statischer Zustand mehr, der angehäuft werden kann, sondern Wissen ist ein hochdynamischer Prozess, der sich dauernd verändert. Wissen ist dauernd verfügbar, nicht mehr in staubigen Bibliotheken, sondern über das Smartphone abrufbar aus dem Internet. Der heute Wissende ist derjenige, der mit dem großen Wissensangebot umgehen weiß, der wichtiges von unwichtigen unterscheiden kann, der weiß, wo es passgenaues Wissen gibt. Nicht mehr das wieviel ist wichtig, sondernd das was und wo.
  • Flexibilität bedeutet auch ein hohes Maß an Anpassungsfähigkeit für die menschliche Psyche. Die Veränderungsgeschwindigkeit ist so hoch, dass das Gefühl eigentlich nicht nachkommt. Daraus folgt, dass die Schule auch Kompetenzen vermitteln muss, mit dieser Veränderungsgeschwindigkeit umzugehen.
  • Unsere heutige Schule ist noch immer auf Wissensanhäufung ausgelegt, die berühmten „Fässer, die gefüllt werden müssen“. Im nächsten Jahrzehnt stellt sich die Frage, wieviel Wissen muss man auf „Vorrat“ mitbringen, und wieviel Wissen kann man sich „im Prozess“ aneignen. Das ist keine einfach zu beantwortende Frage. Für die Schule ist sie jedoch extrem wichtig.
Das neue Jahrzehnt der 20er fängt nebelig an.

Jetzt zu meiner Ausgangsfrage: Unsere Lernkultur muss sich verändern und sich an die gesellschaftlichen Veränderungen anpassen. Was kann Die digitale Bildung zu allem vorher gesagten beitragen ?

  1. Digitales Lernen ermöglicht die Entkoppelung von Zeit und Raum. Lernen ist überall möglich, eben nicht nur im Klassenraum in den 90 Minuten des Unterrichts. Ich mag dieses Wort auch nicht mehr: Unter – Richten! Das suggieriert gleich, dass die Schüler passiv sind und „unterrichtet“ werden. Aber Lernen ist ein aktiver Vorgang und findet immer statt (daher das Motto dieses Blogs). Digitales Lernen ermöglicht die Entkoppelung von der Zeit des Unterrichts („Montag erste beiden Stunden, da schlafe ich noch“) und vom Raum (das Lernvideo können die Schüler im Flur, im Klassenraum oder zu Hause anschauen).
  2. Diese Entkoppelung gibt mir als Lehrender die Freiheit, auf einzelne Schüler eingehen zu können, persönlich und individuell. ich muss nicht mehr mit der Gießkanne das Wissen über alle gleichmäßig auskippen, sondern kann mich auf Unterstützung und Beratung der Lernenden konzentrieren.
  3. Als Lehrender kann ich mich auf Orientierung und Strukturierung des Lernprozesses konzentrieren. Die Verantwortung für das Lernen gebe ich an die Lernenden ab, ich bin für die Unterstützung und das Coaching zuständig. Das Wissen ist ja vorhanden, das brauche ich nicht „vermitteln“. Ich gebe Hinweise, wo die Schüler das Wissen finden können und wie sie es verarbeiten können.
  4. Ich kann auf einzelne Fragen eingehen. Da alle Informationen für das Lernen digital verfügbar sind, habe ich als Lehrender die Freiheit, auf einzelne Schüler einzugehen. Ich kann sie individuell betreuen. Ich bin nicht mehr der „Hüter der Weisheit und des Wissens“. Das findet sich in den digitalen Welten. Darin Orientierung zu geben, ist wieder meine Aufgabe.
  5. Trotzdem wird im digitalen Lernen der Lehrende nicht überflüssig. Seine Rolle verändert sich nur. Er wird Orientierungsgeber und Begleiter der Lernenden.
  6. Ein Problem bleibt: Der Lehrende ist gleichzeitig Coach und Lernbegleiter und dann auch Bewerter und Aussortierer. Dieses Problem löst auch die Digitalisierung nicht. Dieser Widerspruch muss woanders gelöst werden.

Fazit: Digitalisierung kann ein neues Lernverständnis, eine neue Lernkultur befördern. Die Lernenden sind zunehmend selbst verantwortlich für ihren Lernprozess. Die Lehrenden sind verantwortlich für ein lernförderliches Umfeld, gute Unterstützung und Coaching sowie individuelle Beratung. Dabei helfen die digitalen Tools sehr gut.

Zur Bewertung, ob diese Tendenzen positiv zu sehen sind, möchte ich folgende Kriterien ins Feld werfen:

  1. Lernen heute muss den Anforderungen des 21. Jahrhunderts gerecht werden. Ich meine hierbei ausdrücklich nicht nur die beruflichen Anforderungen, denn Schule in der ersten Linie die Allgemeinbildung und die Persönlichkeitsentwicklung im Fokus haben. Im 21. Jahrhundert wird nicht das Sammeln von Informationen im Vordergrund stehen, sondern das Umgehen mit unendlich vielen Informationsmöglichkeiten.
  2. Die Gesellschaft wird sich immer schneller entwicklen und wandeln. Berufbiografien werden flexibler werden, das Lernen für ein ganzes Leben wird nicht mehr ausreichen. Deshalb wird Schule Kompetenzen entwickeln müssen, mit dieser Veränderung umgehen zu können.
  3. Der Schwerpunkt des Lernens wird sich vom Wissenserwerb hin zu Wissensmanagement und den Umgang mit sich wandelnden Anforderungen verschieben.