Portfolios als Lernnachweis

Schlagartig sind sie weg, die Schülerinnen und Schüler. Kein Hausaufgabenvergleich, keine Arbeitsblätter, die ausgefüllt werden können.

Da bietet sich das Portfolio als Lernnachweis an. Ein Portfolio ist erstmal eine Sammlung von eignen Arbeiten. Meist wird zwischen

  • Lernportfolio
  • Bewertungsportfolio
  • Präsentationsportfolio

unterschieden. Das Lernportfolio ist die mehr oder weniger geordnete Sammlung der Lernaufgaben. Man könnte auch sagen, eine gut sortierte Mappe.

Das Bewertungsportfolio ist eine Auswahl aus dem Lernportfolio, die besonders gelungene Aufgaben zeigt, die Grundlage einer Bewertung werden sollen. Dabei müssen verschiedene Kompetenzen und Aufgabenformate gezeigt werden. Das sollte man mit dem Lehrenden absprechen.

Das Präsentationsportfolio sind besondere gute Leistungen, die bei Lernentwicklungsgesprächen, für Ausstellungen oder Blog-Veröffentlichungen oder anderen besonderen Anlässen gezeigt werden.

Das Bewertungsportfolio setze ich gerade jetzt im homeschooling gerne ein, damit die Lernenden ihre eigene Auswahl von Aufgaben zeigen können. Die Aufgaben bekommen sie in einem Forschungsplaner (siehe Anlage), den sie im eigenen Tempo bearbeiten. Aus ihren Aufgaben im Lernportfolio wählen sie dann die Aufgaben aus, die sie im Bewertungsportfolio vorlegen wollen. Dabei müssen sie mehrere (z.B. drei) verschiedene Aufgabentypen zeigen. Das kann z.B. ein langer Text, eine eigene Zeichnung und ein Versuchsprotokoll sein.

Gegen das Portfolio wird oft eingewendet, dass es soviel Zeit kostet, es zu bewerten. Dazu habe ich ein Raster entwickelt, in dem Rückmelde-Textbausteine stehen,  die einer Bewertungskategorie zugeordnet sind. Die zutreffenden Textbausteine färbe ich dann ein. Aus den eingefärbten Passagen ergibt dann ein grafisches Bewertungsprofil (siehe Anlage).

Wichtig bei der Bewertung von Portfolios ist der Schwerpunkt auf die Reflexion der eigenen Arbeit. Wir wissen aus der Schulforschung, dass die Reflexion und die Metaebene sehr wichtig für den Lernerfolg ist.

Portfolios können sehr schön zu Hause gemacht werden. Dabei fotografieren die Schüler_innen die Passagen aus ihrem Heft ab und fügen sie in eine Textdatei ein. Das Foto wird dann mit einer Einleitung und einem Schlusskommentar versehen. Fehlendes wird ergänzt. Am Ende des Portfolios wird die Gesamtreflexion geschrieben. Die Schüler_innen geben das Portfolio als pdf-Dokument bei mir ab, am besten in einem Aufgabentool.

Schulöffnung in Hamburg

Jetzt werden die Schulen langsam wieder geöffnet. Die Abschluss-Jahrgänge sollen starten. Und in Hamburg die Jahr­gänge 6 des Gymnasiums, nicht der Stadtteilschule, damit sie noch einmal die Chance haben, Schüler an die Stadtteilschule abzuschulen.

Die Logik unseres bestehenden Schulsystems soll aufrechterhalten bleiben. Prüfen und Auslesen. Wo bleibt die seit Jahren geforderte Kreativität, das kritische Denken, die kommunikativen Fähigkeiten im Team, die Kollaboration, die in Zukunft so dringend nötig sein wird. Die Corona-Krise führt es uns vor Augen, was wir, was die jungen Menschen, die wir gerade in den Schulen ausbilden, brauchen:

• Die Krisen sind global, weltumspannend. Wir brauchen ein mehr an Zusammenarbeit und Kollaboration. Einzelkämpfer sind nicht das Modell der Zukunft.

• Wir brauchen große Kreativität, um mit den Herausforderungen der zukünftigen Krisen zurecht zukommen. Und auch wenn diese Krise noch nicht überwunden ist, die nächsten werden kommen.

• Wir brauchen Menschen, die in der Kommunikation geübt sind, um den Hass-Reden und den Verschwörungstheorien entgegenzutreten

• Diese Liste ließe sich noch verlängern.

Nun fangen die Prüfungen zum Mittleren Schulabschluss an: Deutsch, Mathe, Englisch. Sind das die Antworten des deutschen Bildungssystems auf die Herausforderungen der Krise? Sind Fächer, die auch noch in Haupt- und Nebenfächer unterteilt sind, die Lösung? Kann man mit Deutsch, Mathe und Englisch die Welt retten und die Herausforderungen von morgen lösen?

Zeigt nicht gerade die aktuelle Krise, dass wir in neuen Kategorien denken müssen? Wir sind nicht mehr in der Industriegesellschaft, in der wir als Schule auf normierte Aufgaben in einer Fließbandgesellschaft vorbereiten müssen. Sicher kann man argumentieren, dass die Prüfungen auch ein Stück Aufrechterhaltung der Normalität bedeutet und Sicherheit vermitteln. Aber ist es nicht eine Normalität von gestern? Uns zeigt die Krise, dass wir in Zukunft eine ganz neue Flexibilität und viel Ideenreichtum zeigen müssen. Das „weiter so“ erinnert eher an „Brauchtumspflege“, wie es Henrike Roßbach es in der SZ am 17.04. nannte, als an Zukunftsorientierung.

Ab Montag werden die Schulen in Hamburg wieder für die Abschlussklassen geöffnet. Ein ungeheurer Aufwand wird getrieben, um die Prüfungen durchführen zu können. Wäre es nicht sinnvoller gewesen, den Aufwand in das Innehalten und Nachdenken zu investieren, was wir hier eigentlich treiben? Wenn ich in die seitenlangen Übungslisten schaue, die die 10-Klässler für z.B. die Matheprüfung zum Mittleren Schulabschluss abarbeiten sollen, frage ich mich, ob dieses „Learning-for-the-Test“ die Kompetenzen entwickelt, die die jungen Leute in Zukunft für die Bewältigung weiterer Krisen wie die Corona-Krise benötigen? Ich befürchte, meine Antwort lautet „nein“.

Genauso sieht es mit den Abi-Prüfungen aus. Ich verstehe, dass viele der aktuellen Abiturienten ein Abi machen wollen, weil es durch einen großen gesellschaftlichen Konsens das wichtigste Dokument zu sein scheint, mit dem man ins Leben starten sollte. Aber auch hier wäre ein Innehalten sinnvoll gewesen: Sind die Abi-Klausuren nicht völlig aus der Zeit gefallen? Können sie zeigen, dass die jungen Leute gerüstet sind für die Herausforderungen der Zukunft, was eigentlich eine Aufgabe einer Abiprüfung wäre? Ich las neulich in einem Tweet sinngemäß: Ich will auf der Intensivstation nur Ärzte haben, die 15 Punkte in der Lyrikinterpretation in der Abiklausur haben. Der Tweet stammte noch aus Vor-Corona-Zeiten, heute bleibt mir das Lachen eher im Halse stecken.

Was wären denn die Alternativen?

Das Abitur sollte einen Kompetenzstand nachweisen, mit dem die jungen Leute in der Lage sind, ein Hochschulstudium oder einen anspruchsvollere Ausbildung zu beginnen. Sie sollten Ideen davon haben, wie man gemeinschaftlich und kritisch die Herausforderungen der Zukunft meistert.

Die Abinote sollte nicht mehr darüber entscheiden, ob man eine NC-Hürde überspringt oder nicht. Den Zugang zu einem Studiengang sollten spezifische Eingangsprüfungen und Assessments regeln, in denen auch deutlich wird, ob man für das Studium geeignet ist. Die 40% Studienabbrüche sind ein Skandal.

Eine Abiprüfung könnte folgendes enthalten:

• Eine Präsentation über ein einjähriges Projekt, das in einem Team durchgeführt wurde
• Ein Portfolio über einen fachlichen Lernprozess, in dem gezeigt wird, dass man sich selbstständig ein komplexes Thema aneignen kann.
• Eine kritische Reflexion eines Zukunfts-Problems aus unterschiedlichen Sichtweisen (dazu könnte auch die Sichtweise eines Lyrikers gehören).
• Eine Dokumentation eines sozialen Praktikums oder Projektes und die kritische Auseinandersetzung damit.

Eine Weiterentwicklung des Abiturs muss keine Vereinfachung bedeuten. Die 1er-Abinoten-Inflation, z.B. in Thüringen, ist auch ein Problem des alten Abiturs. Lasst uns neue Wege gehen.

Corona verändert die Schule

Wir sind noch mittendrin. Ich glaube nicht, dass die Schulen so schnell wieder aufmachen. Wenn die Abiprüfungen denn stattfinden sollen, wird man sicher nicht nebenbei hunderte von Schülern rumspringen lassen. 

Aber das ist alles Spekulation. 

Meine These: Nach der Schulöffnung wird, oder sollte, nichts mehr sein wie es war. Wir haben durch die Schulunterbrechung durch Corona auch die Chance, Schule und Bildung so zu verändern, dass sie endlich auch im 21. Jahrhundert ankommen können. 

Für mich als seit zehn Jahren in der digitalen Bildung aktiven Lehrer ist es natürlich spannend zu sehen und zu begleiten, wie plötzlich die Möglichkeiten des Lernens über das Internet von vielen genutzt wird. Plötzlich bekommt das digitale Zeitalter auch in der Schule eine Chance. Digitales Lernen kommt aus der Nische einiger Aktivisten in die Breite der täglichen Schulaktivitäten. 

Das bedeutet aber auch, dass es einen qualitativen Sprung geben muss. Wir sollten nicht die Nase über diejenigen Kolleg_innen rümpfen, die pdfs über Mails verschicken, aber wir dürfen nicht dabei stehen bleiben. Wir haben die einmalige Chance, diese Kolleg_innen mitzunehmen und gemeinsam eine qualitativ neue Form des Lernens zu etablieren. 

Es wird darauf ankommen, wie wir die Erfahrungen, die wir jetzt machen, in die Zeit nach den Schulschließungen hinübernehmen. Eine Erfahrung ist auf jeden Fall, dass die persönliche Begegnung, die Beziehung, unersetzlich ist. Das Verhältnis zwischen Anwesenheitskultur und eigenem Lernen sollten wir diskutieren und neu austarieren. Viele meiner Schüler_innen berichten, dass sie zu Hause viel mehr schaffen, ihnen aber der Kontakt zu den Mitschüler_innen fehle. 

Der Vorstoß von Frau Prien aus Schleswig-Holstein war ein erster Testballon. Ihm wurde zwar schnell wieder die Luft rausgelassen, das Thema wird aber weiter aktuell bleiben: Wir halten wir es mit dem Abitur? Wie wichtig sind Abschlussprüfungen? Und herunter dekliniert: Wie wichtig sind prüfen und bewerten? Wie ist das Verhältnis von Lernen und Auslese an der Schule? 

Die Irritationen, die die Frage aufwirft, wie kann ich eigentlich Leistung bewerten in Zeiten der Schulschließungen, zeigt in die Richtung. Sie zeigt, dass wir die Frage, ob und wie wir bewerten in der Schule, neu durchdacht werden sollte. Wir haben jetzt durch den Schul-Break die Chance, Leistungsbewertung neu zu diskutieren

Das Abi wird dabei das dickste Brett, weil es die heiligste Kuh des deutschen Bildungsbürgertums ist. Es ist der Ausweis dafür, ob man dazugehört oder nicht. Nicht umsonst berichtete eine angehenden Abiturientin neulich bei Hart aber Fair unter Tränen, dass ihr die wichtigste Zeit ihres Lebens mit Mottowochen und Abifeiern genommen würde. Und das neben Berichten von Krebspatienten, die als Risikogruppen in einem Gesundheitsgefängnis in Isolation gehalten werden und Angst davor haben, ohne ihre Angehörigen sterben zu müssen. Soviel zu den Verhältnissen. 

Wir sollten diese Zeit dafür nutzen nachzudenken, ob das Abitur in dieser Form noch in das 21. Jahrhundert passt. 

Die Regeln, die zum Abitur führen sollen, die Bildungspläne, stammen in Hamburg aus dem Jahre 2009.  Das iPhone war gerade auf dem Markt, die Eurokrise in vollem Gange. Wir wissen alle, welche rasanten digitalen Veränderungen das letzte Jahrzehnt gebracht hat. Die Globalisierung hat in den zehn Jahren eine nie dagewesene Geschwindigkeit erlebt. Ein Virus konnte sich in nicht vorstellbarer Geschwindigkeit in der Welt verbreiten. 

Und wir arbeiten noch Bildungspläne von 2009 ab? Ist das noch zeitgemäß? 

Wir stehen vor einer Menschheitskrise, sagt Joschka Fischer in der Taz vom 4.4.20. Machen wir die jungen Leute fit, Krisen zu bewältigen, in dem wir Bildungspläne abarbeiten? Brauchen wir nicht ganz neue Konzepte, um auf die Herausforderungen der Zukunft reagieren zu können? 

Auch wenn wir die Corona-Krise überwunden haben werden, wird die nächste Krise vor der Tür stehen: Keiner weiß, wann die Kipppunkte der Klimakrise wirklich kippen. 2008 hatten wir die Immobilienkrise, 2009 die Eurokrise, 2015 die Flüchtlingskrise, 2020 die Coronakrise, 2025 die Klimakrise? 

Brauchen wir eine Schule, die die jungen Leute auf den Umgang mit Krisen vorbereitet? Ich glaube ja! Sie brauchen die Flexibilität und Kreativität, auf unvorhergesehenes reagieren zu können, sie brauchen die Kommunikation, weil die Herausforderungen nur gemeinsam gelöst werden können (ob nun die Suche nach einem Impfstoff oder die Organisation der Pflege in einem Altenheim), sie brauchen das kritische Denken, vorgefertigte Konzepte zu hinterfragen. Ich bezweifle, dass das in nach Schul-Fächern getrennten Bildungsgängen an der Schule möglich ist (auch wenn sie vielleicht irgendwann nicht mehr aus 2009 stammen). 

Andreas Schleicher sagte dazu (schon vor der Coronakrise): 

In den Schulen von heute lernen Schülerinnen und Schüler meist individuell und am Ende des Schuljahres bescheinigen wir ihnen ihre persönlichen Leistungen. Je stärker die Welt aber von gegenseitigen Abhängigkeiten geprägt ist, desto mehr brauchen wir Menschen, die gut zusammenarbeiten und die das Miteinander koordinieren. Innovationen werden heute selten von Einzelpersonen hervorgebracht, sondern sind vielmehr ein Produkt unserer Fähigkeit, Wissen zu aktivieren, zu teilen und zusammenzuführen. Schulen müssen daher Lernumgebungen entwickeln, in denen Schülerinnen und Schüler lernen, selbstständig zu denken und gemeinsam mit anderen zu handeln.

https://www.forumbd.de/blog/andreas-schleicher-chancen-der-digitalisierung-fuer-schule/

Lasst uns in die Diskussion kommen, wie wir nach dem Corona-Break die Schule ins 21. Jahrhundert bringen können. Vor allem lasst uns handeln.