Die Oberstufe der Winterhuder Reformschule wird eine Projekt-Oberstufe.

Einstiegsprojekt des Profils 13 kulturell: vor Goethes Gartenhaus in Weimar

„Augen zu und durch“ war ein Motto, das mir ein 13-Klässler nannte, mit dem er sein letztes Schuljahr beginnen wollte. Der Sinn der Oberstufe scheint für viele Schülerinnen und Schüler in dem möglichst stressfreien Erreichen des „Reifezeugnis“ zu sein.

Wenn man sich den Dschungel der Belegauflagen, Prüfungsrichtlinien in den Ausbildungs- und Prüfungsordnungen und der großen Zahl von Fächern, die ohne Zusammenhang ihre hohen Anforderungen definieren; dann kann man schon mal an das „schnell durch“ denken.

Dabei kann die Oberstufe ein wichtiger Raum für junge Menschen sein, wichtige Erfahrungen und Auseinandersetzungen auf einem hohen Niveau zu machen. Allein beim Abarbeiten von Bildungsplänen darf es allerdings nicht bleiben. Ein solides Fachwissen ist immer hilfreich, aber eigentlich geht es um den Sinn des eigenen Handelns.

Wir glauben an der Winterhuder Reformschule, dass sich sinn-geleitetes Lernen am ehesten in Projekten verwirklichen lässt. Neben den traditionellen „Einstiegsprojekten“ und den „Lernexpeditionen“ (Lex-Woche) kommt in diesem Schuljahr die „Semesterprojekte“ in der Oberstufe hinzu.

Das Besondere an den Einstiegsprojekten in den ersten drei Wochen des Schuljahres ist die Planung durch den „Projektrat“, der sich aus Schülerinnen und Schülern zusammensetzt. Der Projektrat organisiert mit Unterstützung von zwei Lehrkräften die Einstiegsprojekte und versucht aus den Interessen der Schüler_innen und den Expertisen der Lehrendenden interessante Projektideen zusammenzustellen. Die Schüler_innen wählen dann aus dem Angebot ihr Projekt aus. Am Ende werden die Projekte in einem „Projektfest“ an einem Donnerstag Abend für Eltern und Schulöffentlichkeit präsentiert.

Während die Lehrenden notenfreie Projekte im Kopf hatten, haben die Schüler_innen vor einigen Jahren die Bewertung der Projekte eingefordert, weil wirklich viel Arbeit in sie hineingesteckt wird. Seit dem werden die Projekte als eine Klausurersatzleistung in einem passenden Fach gewertet.

Die Lernexpedition (LEX-Woche) ist für die Schüler_innen die Möglichkeit, eine Woche lang ein eigenes Lernvorhaben umzusetzen. Dabei gibt es keine Vorgabe seitens der Schule. Die Projekte werden angemeldet, mit den Lehrenden beraten und genehmigt. Eine Bewertung oder Kontrolle findet nicht statt. Lernexpeditionen können beispielsweise das Lernen eines Musikinstruments sein, Vertiefen einer Fremdsprache, das Lesen eines besonderen Fachbuchs oder auch die Durchführung eines intensiven Trainingsprogramms. Am Ende geben die Schüler_innen eine Reflexion ihrer Woche beim Seminarlehrenden ab.

Um auch den normalen Fachunterricht auf Grundlage der Bildungspläne stärker projektorientiert durchzuführen, starten wir in diesem Schuljahr mit den Semesterprojekten. In ihnen sollen die Fachinhalte mehrerer Fächer innerhalb eines Projekts entwickelt werden. Das ist auch für die Lehrenden als „Projektdesigner“ eine herausfordernde Aufgabe, weil die Bildungspläne auf dem traditionellen Unterricht aufbaut. Einerseits verpflichtende Inhalte und andererseits offene, variable Lernformen in einem Projekt zu vereinbaren, bedarf einiger Gedankenarbeit. Sie bietet aber auch die Chance, den Nutzen von Fachwissen für die Lösung von Zukunftsproblemen einzusetzen, und nicht nur als eine Wissensanhäufung für die nächste Klausur.

Wichtig ist deshalb bei den Semesterprojekten, dass als Ergebnis des Projekts ein Vorschlag für eine Verbesserung eines gesellschaftlichen Problems steht. Die Projekte sollen für die Lösung von „echten“ Problemen stehen und den Nutzen von Fachinhalten für die Lösung dieser Probleme deutlich machen.

Ich habe hier in meinem Blog schon mehrere Semesterprojekte, die ich durchgeführt habe, vorgestellt. Jetzt an der Winterhuder Reformoberstufe hat sich eine ganze Abteilung auf den Weg gemacht, das Projektlernen zu stärken. Durch die drei Bausteine bekommen die Projekte ein deutliches Gewicht im Lernen an der WiR. Trotzdem kann auch die Reformschule nicht aus den engen Anforderungen der Ausbildungsordnung ausscheren und es bedarf immer wieder viel Kreativität, pädagogische Ansprüche und formale Anforderungen auszutarieren.

Lernen oder Prüfen?

Nach den Frühjahrsferien sollen die Abschlussjahrgänge wieder in den Präsenzunterricht kommen. Viel wurde in den letzten zwei Monaten darüber diskutiert und geschrieben, welche negativen Auswirkungen die Schulschließungen auf die Entwicklung der jungen Menschen haben. Das unsägliche Wort der „Lernrückstände“ wurde geboren, als ob sozialen Probleme, die Isolation, übermäßige Internetnutzung, fehlende Bewegung usw. nicht existieren würden.

Jetzt sollen wieder die Schüler*innen, die Prüfung machen, in die Schule kommen. Damit zeigt sich deutlich, wo die Kultusminister den Schwerpunkt in der Schule sehen: Im Absolvieren von Prüfungen. Dahinter hat sich alles unterzuordnen. Warum ist die Prüfung eines Neuntklässlers wichtiger als das Lernen eines Achtklässlers?

Hier in der Krise der Pandemie zeigt sich die Krise des Bildungssystems: Es ist in erster Linie auf Berechtigungen, Abschlüsse und Auslese ausgerichtet, und erst nachrangig am Lernen. Die Persönlichkeitsentwicklung kommt in den Bildungsplänen kaum vor.

Jetzt in den Zeiten der Schul-wieder-Öffnung sollte doch auf das Fördern des Lernens der Schwerpunkt gelegt werden, auf das Schaffen eines sozialen Miteinanders, das solange gefehlt hat, auf das Miteinander und die Bestärkung, dass die junge Generation keine benachteiligte Generation ist.

Aber wir Lehrenden sollen die Schüler*innen auf Prüfungen vorbereiten.

Das ruft nach einer Trennung von Lernen und Prüfen. In der Schule sollte in erster Linie Zeit für das Lernen und das Machen von Erfahrungen sein. Wenn es um Abschlüsse und Prüfungen geht, sollten diese vom Lernen deutlich getrennt werden.

Gerade der „Wackelpudding“ aller Bewertungen, die mündliche Mitarbeit, ist völlig in das Ermessen des Lehrenden gelegt. Selten werden klare Kriterien angewendet. Stille und zurückhaltende Schüler*innen haben hier kaum eine Chance.

Das Lernen, das überprüfbar sein muss, ist ein anderes Lernen als das freie, unbewegtere Lernen. Hier sind Irrtümer, Umwege, Erfahrungen, möglich, die nicht in ein Bewertungssystem zu pressen sind. Ich merke es oft an mir selbst: Wenn ich Aufgaben für einen Lernabschnitt konzipiere, habe ich schnell die Frage im Kopf: Wie kann ich das bewerten.

Aus dieser Falle möchte ich heraus. Schule sollte für mich ein Ort sein, in dem jungen Menschen gefördert und begleitet werden. Die Frage nach der Prüfung und Bewertung sollte ausgelagert werden, zumindest aus dem täglichen Lerngeschäft.

Mindestens sollten die Schulschließungen den Diskussion auf veränderte (Über-) Prüfungskulturen legen. Wir brauchen andere Verfahren, um Berechtigungen auf nächste Lernschritte zu verteilen, wie die Gymnasialempfehlung, der erste und zweite Bildungsabschluss, das Recht, auf die Oberstufe gehen zu können, das Recht eine Universität besuchen zu können.

„Ein Leben lang Nachteile“?

https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/schulschliessungen-reaktionen-101.html

In den letzten zwei Wochen ist die Diskussion um Schulschließungen und Schulöffnungen wieder richtig in Fahrt gekommen. Was fast alle Beiträge gemeinsam haben, ist das lineare Verständnis von Lernen: Lernen findet wie eine Fahrt auf der Autobahn statt, alle zusammen in eine Richtung. Das Ziel muss sein, dass alle möglichst gleich schnell fahren. Es wird immer wieder gesagt, alle Schüler*innen müssen „auf einen Stand gebracht“ werden und „Lerndefizite“ müssten ausgeglichen werden. Diesem Verständnis liegt das alte Bild von Kindern zugrunde, die „leere Fässer“ sind, die mit „Wissen und Bildung“ gefüllt werden müssen. Anhand von Messungen kann man dann den „Lernstand“ ablesen“.

In dieser Krise können wir sehen, wie dieses Lernverständnis an seine Grenzen kommt. Es gibt keine Orientierungspunkte, um zu sinnvollen Entscheidungen über den Umgang mit schulischer Bildung in diesen Pandemie-Zeiten zu kommen.

Ganz fatal empfinde ich die Botschaft, die durch diese Diskussion an die junge Generation gesendet wird. Klar ist, dass Kinder und Jugendliche besonders unter den Beschränkungen leiden, weil ihre Persönlichkeit noch nicht so ausgereift ist wie bei Erwachsenen oder sie mitten in Entwicklungsumbrüchen wie der Pubertät stecken. Sie dann auch noch zu Bildungsverlierern zu erklären, halte ich für besonders gemein. Sich im Homeoffice für das Lernen zu motivieren, ist für Kinder und Jugendliche schon schwer genug, ihnen dann auch noch zu erklären, sie würden „ein Leben lang Nachteile“ haben, ist der Motivationskiller.

Lernen ist kein linearer Prozess! Er ist chaotisch und von Erfolgen und Umbrüchen, von Sprints und Lernplateaus, von Aha-Erlebnissen und Lernblockaden, von „Licht angehen“ und „Blackouts“ geprägt. Schule und Lehrende versuchen, Struktur in diesen Prozess zu bringen, mal mehr, mal weniger erfolgreich. Diese Erkenntnis ist vielfach durch die Lernforschung nachgewiesen – sie schlägt sich leider in dem, wie wir Schule machen, wenig nieder.

Deshalb bedeutet diese Erkenntnis für die aktuelle Situation, dass nicht die Frage „Schulöffnung ja oder nein?“ wichtig ist, sondern wie wir auf die sehr unterschiedlichen Situationen in dieser Krise reagieren können und als System Schule bestmögliche Unterstützung geben können.

Ich kenne Schülerinnen, die sehr gut mit dem Fernlernen klar kommen, die ein unterstützendes familiäres Umfeld haben, gute technische Ausstattung. Diese Schüler brauchen ein gutes digitales Angebot und wahrscheinlich nur eine punktuelle Betreuung. Ich kenne sogar Schülerinnen, die froh sind, dem täglichen Trubel des Klassenraums entflohen zu sein und nun bessere Ergebnisse schaffen.

Ich kenne viele Schüler*innen, die sich schwer motivieren können, morgens nicht aus dem Bett kommen. Sie brauchen die direkte Ansprache in Videokonferenzen, das Nachfragen, den direkten Kontakt mit den Lehrenden.

Es gibt auch viele Schüler*innen, die kaum familiäre Unterstützung haben, meist keine ausreichende technische Ausstattung wie WLAN oder Computer zu Hause. Bei ihnen sollte man überlegen, sie in kleinen Gruppen mit Abstand in der Schule zu betreuen, um Ihnen durch persönliche Ansprache zu unterstützen.

Zwischen diesen drei skizzierten Gruppen gibt es natürlich noch viele dazwischen. Aber es wird deutlich, dass ein schwarz oder weiß, Schulöffnung oder Schulschließung, nicht die lösungsorientierte Frage ist. Wenn wir anerkennen, dass Lernen ein höchst individueller, nicht linearer Vorgang ist, brauchen wir auch differenzierte Angebote für die unterschiedlichen Schüler*innen.

An der Winterhuder Reformschule versuchen wir den Weg in diese Richtung zu gehen. Aber auch eine Reformschule ist in das System der Schuladministration eingebunden und vielen Zwängen, wie Noten und Abschlussprüfungen ausgesetzt.

Die Altersschwäche der wichtigsten Abschlussprüfung in Deutschland, dem Abitur, wird in diesen Krisenzeiten besonders deutlich. Gerade in eine Pandemie ist die Fixierung auf eine Prüfung, in der die Stelle hinter dem Komma die Lebenschancen vergibt, besonders absurd. Das Abitur hat sich seit meinem Abitur vor 40 Jahren kaum verändert. Es werden drei Klausuren geschrieben und eine mündliche Prüfung abgehalten. Nur eine Präsentationsprüfung gab es bei mir noch nicht. Die vielen Vorschläge, wie man dieses Jahr mit einem „Corona-Abitur“ umgehen soll, zeigen den Weg in die Richtung: Die Rolle und die Art des Abiturs müssen dringend überdacht und reformiert werden.

Die Aufgabe der Vergabe von Lebenschancen, die die Schule im Moment hat, muss von den schulischen Schultern genommen werden. Die aufnehmenden Institutionen, wie Lehrbetriebe, Fachschulen, Hochschulen und Universitäten müssen selbst Verfahren entwickeln, wie sie Bewerber aufnehmen. Die Schulnoten haben nur noch begrenzten Aussagewert. Viele Unternehmen verzichten schon auf das Betrachten der Abschlussnoten, wie z.B. die Deutsche Bahn.

Dann könnten die Schule das machen, was eigentlich ihr Auftrag ist: jungen Menschen beim Lernen unterstützen und sie bei ihrem Weg in die Gesellschaft begleiten.

Start in den Hybridunterricht: Es geht doch.

Heute, Mittwoch der 15.12.2020, gehen wir in den Schullockdown. Anders als in anderen Bundesländern bleiben die Schulen in Hamburg offen. Die Präsenzpflicht wird ausgesetzt. Endlich haben wir die Möglichkeit, hybrid den Unterricht zu gestalten.

Heute Mittwoch, 8.30 Uhr. Ich öffne den Video-Konferenzraum für die Werkstatt Licht in den Jahrgängen 8-10 an der Winterhuder Reformschule. Es sind schon zwei Schüler vor mir da. Okay, einer erzählt, er liege noch im Bett. Aber hat sein iPad vor der Nase und ist bereit. Eine kurze Blitzlichtrunde ergibt, dass alle guter Dinge sind und positiv in den Fernunterricht gehen. Keiner hat Bedenken.

Also muss ich die Bande aus dem Bett holen. Auftrag: Sammelt farbige Gegenstände in eurem Zimmer und sortiert sie in der Reihenfolge des Farbspektrums. Macht ein Foto und ladet es auf unserer Flinga-Whitewall. 20 Minuten Zeit.

Das Farbspektrum

Die ersten sind nach 10 Minuten fertig, es gibt kreative Ergebnisse zu bestaunen. „Wie komme ich in die Flinga-Wall?“ Ich muss nichts sagen, sofort ist ein Mitschüler da und gibt den entscheidenden Tipp. Alles findet sich auf unserem Kurs-Padlet.

Das Padlet

Dann arbeiten die Schüler_innen selbstständig in ihren Werkstatt-Tagebüchern an ihren Themen. Die Werkstatt bietet freie Lernangebote, bei der sie selbst Schwerpunkte setzen können. Nach 45 Minuten sollen sie ihre beste Aufgabe, die sie bisher zum Thema Licht bearbeitet haben, als Mini-Portfolio abgeben. Dazu fotografieren sie entweder als Screenshot aus ihrem iPad oder als Foto aus ihrem Papier-Heft ihre Arbeit ab und laden sie im Aufgaben-Tool in MS-Teams hoch.

offene Arbeitsmöglichkeiten in der Werkstatt Natur

Die letzten 10 Minuten gehören dem Feedback und den Wünschen für schöne Weihnachtsferien.

Aber auch: vier Schüler waren nicht da. Ich habe die Klassenleitungen angeschrieben, ob sie etwas gehört haben, ob sie krank sind oder anderes. Wir lassen keinen zurück.

Mich stört, dass immer wieder von „Lernrückständen“ im Zusammenhang von hybridem Lernen gesprochen wird. Dieser Begriff suggeriert das Ideal, dass alle Schüler_innen „auf den gleichen Stand gebracht“ werden müssen. Wir wissen aber doch durch die Lernforschung, dass Lernen ein sehr individueller, manchmal chaotischer und nicht linearer Vorgang ist. Wir Lehrenden haben die Aufgabe, möglichst günstige, vielfältige Lernmöglichkeiten zu schaffen. Die Idealisierung des Präsenzunterrichts, in proppenvollen Klassen, in lärmenden Umgebungen, dann noch mit Masken, sind alles andere als eine ideale Lernumgebung. Das heißt nicht, das Präsenz nicht wichtig ist. Doch wir sollten vielfältig, flexibel, eben agil die Umgebung gestalten.

Agiler Geschichtsunterricht

Am Anfang des Schuljahres musste ich spontan einen Geschichtskurs im Jg. 11 übernehmen. Ich hatte keine Zeit mehr, mich fundiert auf die inhaltlichen Herausforderungen des Bildungsplanes einzuarbeiten. Da erinnerte ich mich an meine Session auf der Edunautika im September 2020 zum Thema Agiles Lernen. Ich konzipierte also den Geschichtskurs, der epochal stattfand mit 10 Unterrichtswochen, nach agilen Prinzipen. Die Epoche ging heute zu Ende, und ich möchte hier eine erste Bilanz der agilen Unterrichtssequenz geben.

Agiles Lernen heißt, flexibel auf ein Ziel hinzuarbeiten, im Team zu agieren, den Arbeitsprozess vor den Lehrplan zu stellen und die Erstellung eines Arbeitsproduktes in festgelegten Schleifen (Sprints) zu gestalten. Die Prinzipien des agilen Arbeitens sind im Agilen Manifest dargelegt.

„Wir erschließen bessere Wege, Software zu entwickeln, indem wir es selbst tun und anderen dabei helfen. Durch diese Tätigkeit haben wir diese Werte zu schätzen gelernt:

Individuen und Interaktionen mehr als Prozesse und Werkzeuge

Funktionierende Software mehr als umfassende Dokumentation

Zusammenarbeit mit dem Kunden mehr als Vertragsverhandlung

Reagieren auf Veränderung mehr als das Befolgen eines Plans

Das heißt, obwohl wir die Werte auf der rechten Seite wichtig finden, schätzen wir die Werte auf der linken Seite höher ein.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Agile_Softwareentwicklung

Im Bildungsplan Geschichte in Hamburg sind vier Oberthemen mit jeweils sechs Beispielen aus unterschiedlichen Epochen vorgegeben. Es geht um die geschichtliche Orientierungskompetenz.

Ich habe die Klasse in Teams von 3-4 Schüler_innen aufgeteilt und ihnen den Auftrag gegeben, sich auf ein Oberthema zu einigen, das sie bearbeiten wollen. Der Auftrag umfasst die Erarbeitung des Oberthemas und die Erstellung eines Produktes, das für die anderen Schüler_innen das Thema erfassbar macht. Das Produkt kann eine Präsentation, eine Broschüre, ein Podcast, ein Video o.ä. sein. Die Auswahl steht dem Team frei. Das Produkt sollte aber unabhängig von einer Präsentation vom Konsumenten genutzt werden können.

Jedes Team sucht sich drei Epochenthemen für das Oberthema aus, die sie bearbeiten wollen – pro Teammitglied eines. Es soll aber ein gemeinsames Produkt entstehen.

Die Kommunikation der Teams erfolgt über ein Padlet. Jedes Team bekommt eine Spalte im Padlet – und schreibt zuerst die Themen und Epochen hinein, auf die sich das Team geeinigt hat.

Der Geschichtskurs ist 2-stündig, 90 Minuten. Am Anfang der Stunden gebe ich eine strukturierende Übersicht und einen Input. Der erste Input bezieht sich auf die agile Methode. Diese Inputs können in einer eigenen Spalte im Padlet nachvollzogen werden. Weitere Inputs beziehen sich auf das

• Bearbeiten von historischen Quellen, auf die
• Übersicht über die geschichtlichen Epochen und auf die
• Unterschiede von Sach- und Werturteilen.

Jedes Team bekommt ein Kanban-Board auf einem Flipchart-Papier. Mit einem Stapel Post-Its ausgerüstet, planen die Teams ihre ersten Sprints. To Do – Doing – Done sind die Spalten im Kanban-Board. Wichtig ist dabei, das die Tasks, die Aufgaben-Einheiten, in einer Woche von einer Person zu erledigen sind. Auf den Post-Its werden die Aufgabe und der Name des Teammitglieds geschrieben, die die Aufgabe übernimmt.

Dann ging es in vier Sprints. Ein Sprint ist ein Zyklus, in dem ein Produkt entwickelt wird. Ein Sprint läuft in einem festgelegten Ablauf ab. Bei uns lief der Sprint über eine Woche, von Stunde zu Stunde:

• Sprint Planning: Das Kanban-Board wird mit Tasks bestückt und auf das Team verteilt.
• Task-Operation: Aufgaben abarbeiten
• Stand-Up-Meeting: Kurze Treffen, die den Stand der Arbeit austauschen
• Sprint-Review: Was wurde im Sprint geschafft, was muss im nächsten Sprint erledigt werden?

Das Team erstellt einen kurzen Sprint-Review-Bericht, den es in seine Spalte im Padlet stellt. Der Bericht dient als Arbeitsnachweis.

Und dann beginnt der Zyklus von neuem, mit neuen Tasks. Vorteil dieser Methode ist, dass keine starre Zeitplanung eingehalten werden muss, sondern flexibel, agil, auf die Arbeit des Teams reagiert werden kann. Jedes Team macht seinen eigenen Plan. Es wird kein Plan vom Lehrenden vorgegeben.

Das heißt aber auch für mich als Lehrer, Kontrolle abzugeben. Ich war nicht mehr im Bilde über den Arbeitsstand in den Team und musste auf die Arbeit der Schüler_innen vertrauen. Das ist ein ganz wichtiges Element im agilen Arbeiten. Das Loslassen von der Kontrolle – das ist eine schwierige Aufgabe und ein großer Rollenwechsel.

Die Ergebnisse der Schüler_innen waren meist Präsentationen, von denen einige sogar mit einer Audiospur besprochen wurden. Eine Gruppe hat eine Broschüre erstellt, eine andere ein Plakat. Die Produkte können alle Schüler_innen des Kurses für die weitere Arbeit im Fach Geschichte mitnehmen.

Nach der Fertigstellung der Produkte stellten die Team in „Vermittlungsgruppen“ ihre Ergebnisse vor. Wir bildeten drei Vermittlungsgruppen, in den jeweils ein Vertreter jeder Gruppe saß. Die erste Vermittlungsrunde diente der Information, in der zweite Vermittlungsrunde erfolgte die Diskussion übergeordneter Fragestellungen. Die Fragen wurden von mir vorgeschlagen und dienten der Vorbereitung eines Fachgespräches in der ganzen Klasse. Die Schüler*innen konnten aus einer Expertenrolle heraus allgemeine Fragen zur historischen Orientierungskompetenz diskutieren. Die beiden Vermittlungsrunden waren je 90 Minuten lang.

Den Abschluss der Erarbeitung bildete das Fachgespräch. Hier wurden die in den Vermittlungsrunden andiskutierten Fragen wieder aufgenommen und in der ganzen Klasse diskutiert. Hier habe ich als Lehrender die Moderation übernommen, um Impulse und Strukturierung geben zu können. Ziel des Fachgespräches war die Einordnung historischer Ereignisse in geschichtliche Prozesse und die Diskussion von Ursachen und Wirkungen von Ereignissen. Die Schüler*innen konnten ihre erarbeiteten Ergebnisse in einen größeren Kontext einordnen.

Das Fachgespräch wurde hinsichtlich der Qualität der Beiträge bewertet und war neben den Produkten und der Dokumentation der Sprints der dritte Baustein in der Bewertung der Kursleistung. Es gab dabei gemäß dem Kompetenzprinzip („es gibt keine negativen Kompetenzen“) keine falschen Aussagen. Ich benutzte das von mir erstellte Kompetenzraster. Das Ziel war nicht ein Abfragen von Wissen, sondern die Schüler*innen dazu zu bringen, über historische Zusammenhänge zu diskutieren.

Den Abschluss der Epoche bildete die (leider) obligatorische Klausur.

Im Feedbackgespräch habe sich die Schülerinnen alle positiv über die Arbeitsmethode des Agilen Lernens geäußert. Sie hätten gerne mehr Zeit gehabt, die Prinzipen einzuüben. In der Tat waren 10 Wochen eine kurze Zeit, sich an ein neues Konzept zu gewöhnen. Die Arbeitsorganisation über das Padlet haben die Schülerinnen als hilfreich und übersichtlich empfunden.

In der nächsten Klasse werde ich dieses Konzept verfeinern. Die in der Klausur deutlich gewordenen offenen Bereiche wie der Umgang mir Quellen und Zitaten oder die Erstellung eines Sachurteils werde ich in der nächsten Epoche mehr berücksichtigen. Für die Kürze der Zeit war diese agile Geschichtseinheit eine gelungenes Experiment.

Projekte in Zeiten des geteilten Lernens

Seit Anfang Mai sind die Schüler_innen wieder in der Schule in Hamburg. An der Oberstufe haben wir zwei Gruppen gebildet, die in vierzehntägigem Wechsel in den Schule kommen. Eine Gruppe macht Präsenzunterricht, die andere Fernunterricht. Wobei ich lieber von Lernen spreche, weil das ein aktiver Prozess ist.

Trotz dieser eingeschränkten Rahmenbedingungen wollte ich das geplante Projekt PPP (project planet protection) durchführen. Die Projektbeschreibung findet ihr in meinem vorletzten Beitrag. Ziel des Projektes ist es, konkrete kreative Lösungsmöglichkeiten für globale ökologische Probleme zu finden. Wir steuern jetzt auf die Zielgerade nach fünf Wochen zu.

Folgende Teams und Themen haben sich gefunden:

  • Regenwaldfeuer beenden
  • Desertifikation stoppen
  • Die Wüste bewässern?
  • Das Korallensterben stoppen
  • Die Umweltbedingungen im Hochgebirge verbessern (Nepal)
  • Mikroplastik im Meer verhindern
  • Mikroplastik in der Luft verringern

Meine Ziele waren:

  • Projektarbeit trotz geteilter Klassen durchführen
  • Teamarbeit ermöglichen, auch wenn nicht alle im Raum sind
  • Kreativität fordern statt nur Abarbeiten von Aufgaben
  • Eine Präsentationsform für die Ergebnisse finden

Das Projekt habe ich mit MeisterTask gesteuert. Ich habe ein Projekt angelegt, in dem ich die Aufgaben und Informationen für alle Teams zusammengestellt habe:

Dieses Board dient jedoch nur als Vorlage. Jedes Team sollte sich ein eigenes Board anlegen. Dazu konnten sich die Teams die Karten aus dem Vorlage-Board heraus kopieren und in ihr Board einfügen.

Die Projekte der einzelnen Teams in der Boardübersicht

Das Projekt habe ich nach agilen Prinzipien angelegt:

  • Es gibt eine User-Story, die die Anforderungen an das Projekt festlegt (s.u.)
  • Die Arbeit ist in Sprints organisiert, die jeweils eine Woche dauern
  • jede Aufgabe wird durch eine Karte definiert und einer Person zugeordnet
  • Der Sprint beginnt mit einem Sprint-Planning
  • Während des Sprints findet ein Stand-Up-Meeting statt
  • Am Ende des Sprints gibt es ein Sprint-Review.

Diese Arbeitsschritte müssen dokumentiert sein.

User-Story

Die User-Story habe ich mit dem digitalen Whiteboard flinga.fi erstellt:

User Story auf dem Whiteboard

Meine bisherigen Erfahrungen:

  • Sobald die Schüler_innen zurück im Präsenzlernen sind, fallen sie auch Wieder in typisches schulisches Verhalten: Sie erwarten vom Lehrer Aufgaben, bearbeiten diese und geben sie dann wieder ab
  • ein komplexeres Arbeiten mit selbsterstellten Aufgaben fällt den Schüler_innen sehr schwer
  • Das Einlassen auf eine feste Struktur (Sprints, eigenes Board usw.) ist ungewohnt. Sie sind es gewöhnt, die Struktur von den Lehrenden vorgegeben zu bekommen
  • Die Nutzung digitaler Tools bleibt fast nur auf Whats-App beschränkt. Die flexible Nutzung verschiedener Tools stößt auf Widerstand.

Projektpräsentation

Ursprünglich wollte ich eine Projektpräsentation mit einem Info-Stand in der Fußgängerzone machen. Das ist in der derzeitigen Situation unrealistisch. Da bleibt dann nur wieder die digitale Präsentation. Gerade an diesem Punkt hätte ich eine direkte Kommunikation mit anderen Menschen sinnvoll gefunden. Digitale Präsentationen haben immer eine große Distanz.

Präsenz-Lernen und Heim-Lernen zusammen führen

Seit einer Woche arbeite ich mit der Hälfte meiner Klasse zusammen in einem Raum in der Schule. Die andere Hälfte sitzt zu Hause an ihren Aufgaben. In der nächsten Woche werde ich die zweite Gruppe in der Schule begrüßen können, die erste bleibt dann zu Hause. Schule in Corona-Zeiten. 

Das hört sich nach der klassischen Struktur des Unterrichts seit Jahrzehnten an: Im Unterricht werden Inhalte erklärt, nachgefragt, diskutiert, dann geht es mit Hausaufgaben nach Hause, die die Schüler_innen dann an ihrem heimischen Schreibtisch bearbeiten. Sie kommen damit dann in die nächste Stunde, die damit beginnt, dass Hausaufgaben vorgelesen werden (einer spricht, alles schläft). 

Ist das nach den sechs Wochen Erfahrung im digital unterstützten Fernlernen noch zeitgemäß? 

Ich überlege, wie man Präsenz-Lernen und Heim-Lernen zusammenführen kann. Wir sollten doch die Erfahrungen, die wir die letzten Wochen gemacht haben, nicht einfach wieder ablegen, und zu der alten Schule zurückkehren. Mal einen kurzen Überblick über diese Erfahrungen: 

  • die jungen Leute haben ganz viele Selbstorganisation-Erfahrungen gemacht
  • sie haben den Wert von direkter, analoger, unmittelbarer Kommunikation gespürt. Es ist etwas schönes, in die Schule zu gehen und die Lehrenden und Mitschüler zu treffen. 
  • Es gibt eine große Gruppe von Schüler_innen, die mangels Endgeräte vom Lernen abgekoppelt sind.
  • Es gibt eine weitere große Gruppe, die aufgrund mangelnder Selbstorganisation oder familiärer Unterstützung nicht die Aufgaben der Schule nicht bearbeiten konnten. 

Die Zusammenführung von Präsenz- und Heim-Lernen, so meine Idealvorstellung, baut aufeinander auf. Jede Gruppe gibt ihre Ergebnisse weiter und veröffentlicht diese in den entsprechenden Tools. Damit wird gemeinsam an den Themen und Aufgaben gearbeitet, jedoch nicht synchron wie im normalen Unterricht, sondern asynchron. 

Nach einer Woche kann ich folgendes sagen: 

  • Ich gebe jeden Morgen um 9.00 einen Morgengruß an alle Schüler über das Forum heraus, wo ich den Stand der Arbeit beschreibe 
  • Ich gebe jeden Morgen eine Tages-Denk-Aufgabe, zu der die Schüler Stellung nehmen sollen (im Forum für die Heim-Schüler und in der Schule für die Präsenz-Schüler) 
  • Die Lernaufgaben werden über MeisterTask organisiert. 
  • Die Präsenzgruppe legt vor, die Ergebnisse werden auf Flipcharts geschrieben und abfotografiert 
  • Die Präsenz-Gruppe legt den Schwerpunkt auf das gemeinsame Besprechen
  • Die Heim-Gruppe hat ihren Schwerpunkt im Bearbeiten der Aufgaben. 
  • In der zweiten Woche dreht sich der Schwerpunkt um, wobei die zweite Präsenzgruppe von der Vorarbeit profitiert. 
  • Meine Inputs nehme ich mit explain everything auf und stelle sie zur Verfügung. Dabei nutze ich die Ergebnisse der ersten Präsenzgruppe. 

In der kommenden Woche werden wir auch eine Präsentationsleistung von einem Schüler aus der Heim-Gruppe bekommen, die wir gemeinsam, in der Schule und zu Hause anschauen werden. 

Mein Fazit bisher: 

Ich muss gut koordinieren! 

Ich muss die Aufgabenkarten und die Ergebnisssicherungen schnell auf den neuesten Stand halten. 

Ich muss gut den Überblick halten. 

Es ist schon einiges an Arbeit, aber vielleicht, weil ich es noch nicht gewohnt bin, in zwei Ebenen zu denken. 

Schule in Jg. 12 in Hamburg gestartet

Auf die Minute genau saßen 11 Schülerinnen und Schüler auf ihren Einzelplätzen, stumm und erwartungsvoll schauten sie in dieser Prüfungs-Sitzordnung nach vorne. Die Chill-Musik, die ich während der Einrichtung des Raumes angemacht hatte, schien sie zu beruhigen.

Die Hälfte der Klasse 12 darf in die Schule kommen, die andere Hälfte bleibt zu Hause im Heim-Lernen. Eine Gruppe kommt eine Woche in die Schule, die andere in der zweiten – immer alternierend. Wahrscheinlich wird dieser Wechsel das Modell für die Restzeit des Schuljahres bis zu den Sommerferien.

Die Gesprächsrunde am mit den Schülerinnen und Schüler zeigte, dass sie trotzt der Sondersituation viele wichtige Erfahrungen mit sich und dem Lernen gemacht haben. Fast alle berichteten, dass sie sich erst einmal neu organisieren mussten in ihrer Arbeit. Sie habe viele Erfahrungen in ihrer Selbstorganisation gemacht. Es kam eine lange Liste von Tipps zum häuslichen Lernen zusammen.

Die meisten schätzten die neue Freiheit, sich die Arbeit selbst einteilen zu können, selbst entscheiden zu können, wann und wie sie arbeiten. Trotzdem bleibt das Lernen eher fremdbestimmt. Die Lehrenden schicken Aufgaben, Arbeitsblätter und Deadlines, die abgearbeitet und eingehalten werden müssen.

Am meisten vermissten sie den Kontakt untereinander und die Unterstützung durch die Lehrenden. Besonders in Mathe wurde das Fehlen eines erklärenden Lehrers schmerzlich vermisst. Sie berichteten auch von einer gewissen „Ödnis“, jeden Tag nur Aufgaben und Arbeitsblätter abzuarbeiten.

Wie kann ein zweigleisiges Lernen, Präsenz-Lernen und Heim-Lernen, in den nächsten Wochen aussehen?

Die klassische Version wäre, Aufgaben in das Heim-Lernen zu geben, und diese im Präsenzlernen zu besprechen und dann ein neues Thema vorzustellen, und die Lernenden wieder mit Aufgaben ins Heim-Lernen zu schicken.

Mir schwebt allerdings vor, das Präsenz-Lernen und das Heim-Lernen zu verzahnen. Ich möchte Lern-Teams bilden, die die kollaborativen Möglichkeiten des Digitalen nutzen, trotz Distanzregelungen gemeinsam an Lernprojekten zu arbeiten. Gemeinsame Dokumente, Video-Konferenzen, Lernaufgaben kollaborativ bearbeiten – das kann gut in Teams passieren, von denen ein Teil jeweils pro Woche in der Schule sind, und der andere Teil im homeoffice.

Ich möchte 2x den gleichen Inhalt bearbeiten, sondern in der Lerngruppe jede Woche ein neue Niveau anstreben. In einer Aufgabe hat ein Team von vier Schüler_innen die Aufgabe bekommen, ein Themenfeld („Savannen“) zu bearbeiten und die Ergebnisse in einem Weblog zu präsentieren. Ich habe ihnen einen Aufgabenpool zur Verfügung gestellt, den sie selbst in ihrem Team verteilen mussten.

Obwohl nur eine Halbgruppe in die Schule kommt, möchte ich das geplante Projekt „PPP – Planet Protection Project“ mit den Schüler_innen durchführen. Dabei werden kleine Teams beauftragt, Lösungskonzepte für globale ökologische Problem in verschiedenen Weltregionen zu suchen.

Ich steuere das Projekt über Meistertask. Dabei sollen jetzt die Teams ihr agiles Board selbst erstellen. Bisher habe ich das Board betreut. Ich bin gespannt, ob sich ein Projekt auch unter den Bedingungen einer Halb-und-Halb-Schule umsetzen lässt. Auf jeden Fall werden die “4Ks“, Kollaboration, Kommunikation, Kreativität und kritisches Denken gefordert werden.

Ich werde hier über den Fortgang des Projektes berichten.

Portfolios als Lernnachweis

Schlagartig sind sie weg, die Schülerinnen und Schüler. Kein Hausaufgabenvergleich, keine Arbeitsblätter, die ausgefüllt werden können.

Da bietet sich das Portfolio als Lernnachweis an. Ein Portfolio ist erstmal eine Sammlung von eignen Arbeiten. Meist wird zwischen

  • Lernportfolio
  • Bewertungsportfolio
  • Präsentationsportfolio

unterschieden. Das Lernportfolio ist die mehr oder weniger geordnete Sammlung der Lernaufgaben. Man könnte auch sagen, eine gut sortierte Mappe.

Das Bewertungsportfolio ist eine Auswahl aus dem Lernportfolio, die besonders gelungene Aufgaben zeigt, die Grundlage einer Bewertung werden sollen. Dabei müssen verschiedene Kompetenzen und Aufgabenformate gezeigt werden. Das sollte man mit dem Lehrenden absprechen.

Das Präsentationsportfolio sind besondere gute Leistungen, die bei Lernentwicklungsgesprächen, für Ausstellungen oder Blog-Veröffentlichungen oder anderen besonderen Anlässen gezeigt werden.

Das Bewertungsportfolio setze ich gerade jetzt im homeschooling gerne ein, damit die Lernenden ihre eigene Auswahl von Aufgaben zeigen können. Die Aufgaben bekommen sie in einem Forschungsplaner (siehe Anlage), den sie im eigenen Tempo bearbeiten. Aus ihren Aufgaben im Lernportfolio wählen sie dann die Aufgaben aus, die sie im Bewertungsportfolio vorlegen wollen. Dabei müssen sie mehrere (z.B. drei) verschiedene Aufgabentypen zeigen. Das kann z.B. ein langer Text, eine eigene Zeichnung und ein Versuchsprotokoll sein.

Gegen das Portfolio wird oft eingewendet, dass es soviel Zeit kostet, es zu bewerten. Dazu habe ich ein Raster entwickelt, in dem Rückmelde-Textbausteine stehen,  die einer Bewertungskategorie zugeordnet sind. Die zutreffenden Textbausteine färbe ich dann ein. Aus den eingefärbten Passagen ergibt dann ein grafisches Bewertungsprofil (siehe Anlage).

Wichtig bei der Bewertung von Portfolios ist der Schwerpunkt auf die Reflexion der eigenen Arbeit. Wir wissen aus der Schulforschung, dass die Reflexion und die Metaebene sehr wichtig für den Lernerfolg ist.

Portfolios können sehr schön zu Hause gemacht werden. Dabei fotografieren die Schüler_innen die Passagen aus ihrem Heft ab und fügen sie in eine Textdatei ein. Das Foto wird dann mit einer Einleitung und einem Schlusskommentar versehen. Fehlendes wird ergänzt. Am Ende des Portfolios wird die Gesamtreflexion geschrieben. Die Schüler_innen geben das Portfolio als pdf-Dokument bei mir ab, am besten in einem Aufgabentool.

Schulöffnung in Hamburg

Jetzt werden die Schulen langsam wieder geöffnet. Die Abschluss-Jahrgänge sollen starten. Und in Hamburg die Jahr­gänge 6 des Gymnasiums, nicht der Stadtteilschule, damit sie noch einmal die Chance haben, Schüler an die Stadtteilschule abzuschulen.

Die Logik unseres bestehenden Schulsystems soll aufrechterhalten bleiben. Prüfen und Auslesen. Wo bleibt die seit Jahren geforderte Kreativität, das kritische Denken, die kommunikativen Fähigkeiten im Team, die Kollaboration, die in Zukunft so dringend nötig sein wird. Die Corona-Krise führt es uns vor Augen, was wir, was die jungen Menschen, die wir gerade in den Schulen ausbilden, brauchen:

• Die Krisen sind global, weltumspannend. Wir brauchen ein mehr an Zusammenarbeit und Kollaboration. Einzelkämpfer sind nicht das Modell der Zukunft.

• Wir brauchen große Kreativität, um mit den Herausforderungen der zukünftigen Krisen zurecht zukommen. Und auch wenn diese Krise noch nicht überwunden ist, die nächsten werden kommen.

• Wir brauchen Menschen, die in der Kommunikation geübt sind, um den Hass-Reden und den Verschwörungstheorien entgegenzutreten

• Diese Liste ließe sich noch verlängern.

Nun fangen die Prüfungen zum Mittleren Schulabschluss an: Deutsch, Mathe, Englisch. Sind das die Antworten des deutschen Bildungssystems auf die Herausforderungen der Krise? Sind Fächer, die auch noch in Haupt- und Nebenfächer unterteilt sind, die Lösung? Kann man mit Deutsch, Mathe und Englisch die Welt retten und die Herausforderungen von morgen lösen?

Zeigt nicht gerade die aktuelle Krise, dass wir in neuen Kategorien denken müssen? Wir sind nicht mehr in der Industriegesellschaft, in der wir als Schule auf normierte Aufgaben in einer Fließbandgesellschaft vorbereiten müssen. Sicher kann man argumentieren, dass die Prüfungen auch ein Stück Aufrechterhaltung der Normalität bedeutet und Sicherheit vermitteln. Aber ist es nicht eine Normalität von gestern? Uns zeigt die Krise, dass wir in Zukunft eine ganz neue Flexibilität und viel Ideenreichtum zeigen müssen. Das „weiter so“ erinnert eher an „Brauchtumspflege“, wie es Henrike Roßbach es in der SZ am 17.04. nannte, als an Zukunftsorientierung.

Ab Montag werden die Schulen in Hamburg wieder für die Abschlussklassen geöffnet. Ein ungeheurer Aufwand wird getrieben, um die Prüfungen durchführen zu können. Wäre es nicht sinnvoller gewesen, den Aufwand in das Innehalten und Nachdenken zu investieren, was wir hier eigentlich treiben? Wenn ich in die seitenlangen Übungslisten schaue, die die 10-Klässler für z.B. die Matheprüfung zum Mittleren Schulabschluss abarbeiten sollen, frage ich mich, ob dieses „Learning-for-the-Test“ die Kompetenzen entwickelt, die die jungen Leute in Zukunft für die Bewältigung weiterer Krisen wie die Corona-Krise benötigen? Ich befürchte, meine Antwort lautet „nein“.

Genauso sieht es mit den Abi-Prüfungen aus. Ich verstehe, dass viele der aktuellen Abiturienten ein Abi machen wollen, weil es durch einen großen gesellschaftlichen Konsens das wichtigste Dokument zu sein scheint, mit dem man ins Leben starten sollte. Aber auch hier wäre ein Innehalten sinnvoll gewesen: Sind die Abi-Klausuren nicht völlig aus der Zeit gefallen? Können sie zeigen, dass die jungen Leute gerüstet sind für die Herausforderungen der Zukunft, was eigentlich eine Aufgabe einer Abiprüfung wäre? Ich las neulich in einem Tweet sinngemäß: Ich will auf der Intensivstation nur Ärzte haben, die 15 Punkte in der Lyrikinterpretation in der Abiklausur haben. Der Tweet stammte noch aus Vor-Corona-Zeiten, heute bleibt mir das Lachen eher im Halse stecken.

Was wären denn die Alternativen?

Das Abitur sollte einen Kompetenzstand nachweisen, mit dem die jungen Leute in der Lage sind, ein Hochschulstudium oder einen anspruchsvollere Ausbildung zu beginnen. Sie sollten Ideen davon haben, wie man gemeinschaftlich und kritisch die Herausforderungen der Zukunft meistert.

Die Abinote sollte nicht mehr darüber entscheiden, ob man eine NC-Hürde überspringt oder nicht. Den Zugang zu einem Studiengang sollten spezifische Eingangsprüfungen und Assessments regeln, in denen auch deutlich wird, ob man für das Studium geeignet ist. Die 40% Studienabbrüche sind ein Skandal.

Eine Abiprüfung könnte folgendes enthalten:

• Eine Präsentation über ein einjähriges Projekt, das in einem Team durchgeführt wurde
• Ein Portfolio über einen fachlichen Lernprozess, in dem gezeigt wird, dass man sich selbstständig ein komplexes Thema aneignen kann.
• Eine kritische Reflexion eines Zukunfts-Problems aus unterschiedlichen Sichtweisen (dazu könnte auch die Sichtweise eines Lyrikers gehören).
• Eine Dokumentation eines sozialen Praktikums oder Projektes und die kritische Auseinandersetzung damit.

Eine Weiterentwicklung des Abiturs muss keine Vereinfachung bedeuten. Die 1er-Abinoten-Inflation, z.B. in Thüringen, ist auch ein Problem des alten Abiturs. Lasst uns neue Wege gehen.