Das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen in unserer Gesellschaft und in der zentralen gesellschaftlichen Institution, der Schule, sinkt. Sie ist aber gleichzeitig Voraussetzung für ein erfolgreiches Lernen. Das ist die These von El-Mafaalani, Kurtenbach und Strohmeier in ihrem Buch ‚Kindheit – Minderheit ohne Schutz‘. Sebastian Kurtenbach hat diese These auf dem Innovationskongress Oberstufe der Initiative Flexible Oberstufe vergangenes Wochenende in Berlin nochmal eindrücklich betont.
Sollte deshalb das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen zu einer zentralen Kategorie der Bildung gemacht werden, neben Kompetenzerwerb und Wissensaneignung? Sollte das Wohlbefinden Eingang in die Schulgesetze finden? Sollte das Wohlbefinden sogar Eingang in einem Kinder-Rechte-Artikel im Grundgesetz finden?
Lehrerin A kommt ins Lehrerzimmer: „Ich komme wieder mit meinem Stoff nicht durch. Die Schüler sind so langsam. Ich muss alles wieder und wieder erklären. Wie soll ich mich da noch um das Befinden von einzelnen kümmern? Und wenn ich fertig bin, muss ich schnell nach Hause an den Schreibtisch und die ganzen Arbeiten bewerten.“
Lehrerin B: „Ich komme wieder mit meinem Stoff nicht durch. Ich brauche so viel Zeit, mich darum zu kümmern, dass die Schüler auch arbeiten können. Jeder bringt so viele Päckchen mit die die Schule, die erst mal geklärt werden müssen, bevor sie überhaupt ans Lernen gehen können. Ich muss mich doch erstmal darum kümmern, dass meine Lerngruppe arbeitsfähig ist. Der Stoff muss dann liegenbleiben.“
Niemand wird sicherlich abstreiten, dass ein gewisses Wohlbefinden notwendig ist, um gut Lernen zu können. Hier geht es darum, ob der Staat, seinen zentrale Institution für Kinder und Jugendliche – die Schule, und seine wichtigsten Mitarbeiter, die Lehrenden dafür verantwortlich sind, dass sich Kinder und Jugendliche so wohlfühlen, dass sie gut lernen können. Bisher waren die Familien und Eltern dafür verantwortlich. Und die, so die These aus dem Buch, schaffen das nicht mehr, weil sie selbst in vielen Herausforderungen eingebunden sind.
Diese Veränderungen sind in der Schule zu erkennen, sowohl am Gymnasium als auch an den Gesamtschulen. Die LAG Bildung der Grünen Hamburg haben in ihrer Sitzung im Mai dazu beraten. Wir haben festgestellt, dass sich die Schülerschaft deutlich verändert hat:
- Viele empirische Befunde sowie das Alltagserleben vieler Lehrkräfte zeigen, dass sich die psychische Gesundheit von vielen Schüler*innen seit der Coronakrise deutlich verschärft hat.
- Der Anteil der Schüler*innen mit migrantischem Hintergrund steigt kontinuierlich. Die damit zusammenhängende Vertiefung des Spracherwerbs bringt viele Klassen vor große Herausforderungen. Der Anteil ist in Hamburg auf über 50 Prozent angewachsen.
- Der Anteil von Schüler*innen mir herausforderndem Verhalten steigt stark an.
- Es sind eine starke Verunsicherung und Ängste in der Schülerschaft festzustellen:
- Sinkende Zuversicht
- Angst vor Klimawandel
- Angst vor Krieg
- Wirtschaftliche Unsicherheit
- Belastung durch Social Media
- Fehlendes Gefühl von Selbstwirksamkeit im System Schule
Die Frage, die ich mir stelle ist, wie weit die Institution Schule im aktuellen System diese Situation auffangen kann. Ich meine damit das System Schule, nicht die einzelne Lehrkraft. Viele von ihnen kümmern sich täglich um das Wohlbefinden der Schüler*innen. Die Frage ist eher, ob das System Schule eine Verantwortung für das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen übernehmen muss? Und damit die Rahmenbedingungen, dass die Lehrenden diese Verantwortung auch übernehmen können, schaffen muss. Die Autoren fordern die stärkere Unterstützung von multiprofessionellen Teams an der Schule. Diesem Anspruch steht die Struktur der Schule mit Fächern und Stundenplan entgegen.
Deshalb ist meinen These, dass das Wohlbefinden von Kindern als staatliche Aufgabe als Kategorie in die Schulgesetze mit aufgenommen werden müssen. Die Institution Schule muss für den Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen Verantwortung übernehmen. Das ist gerade nach den Ergebnissen der letzten PISA-Studie dringend nötig.
„Wenn ein Boot zu sinken droht, dann sollte jemand den Kapitän wecken!“
(Aladin El-Mafaalani in der Süddeutschen Zeitung)









