„Ein Leben lang Nachteile“?

https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/schulschliessungen-reaktionen-101.html

In den letzten zwei Wochen ist die Diskussion um Schulschließungen und Schulöffnungen wieder richtig in Fahrt gekommen. Was fast alle Beiträge gemeinsam haben, ist das lineare Verständnis von Lernen: Lernen findet wie eine Fahrt auf der Autobahn statt, alle zusammen in eine Richtung. Das Ziel muss sein, dass alle möglichst gleich schnell fahren. Es wird immer wieder gesagt, alle Schüler*innen müssen „auf einen Stand gebracht“ werden und „Lerndefizite“ müssten ausgeglichen werden. Diesem Verständnis liegt das alte Bild von Kindern zugrunde, die „leere Fässer“ sind, die mit „Wissen und Bildung“ gefüllt werden müssen. Anhand von Messungen kann man dann den „Lernstand“ ablesen“.

In dieser Krise können wir sehen, wie dieses Lernverständnis an seine Grenzen kommt. Es gibt keine Orientierungspunkte, um zu sinnvollen Entscheidungen über den Umgang mit schulischer Bildung in diesen Pandemie-Zeiten zu kommen.

Ganz fatal empfinde ich die Botschaft, die durch diese Diskussion an die junge Generation gesendet wird. Klar ist, dass Kinder und Jugendliche besonders unter den Beschränkungen leiden, weil ihre Persönlichkeit noch nicht so ausgereift ist wie bei Erwachsenen oder sie mitten in Entwicklungsumbrüchen wie der Pubertät stecken. Sie dann auch noch zu Bildungsverlierern zu erklären, halte ich für besonders gemein. Sich im Homeoffice für das Lernen zu motivieren, ist für Kinder und Jugendliche schon schwer genug, ihnen dann auch noch zu erklären, sie würden „ein Leben lang Nachteile“ haben, ist der Motivationskiller.

Lernen ist kein linearer Prozess! Er ist chaotisch und von Erfolgen und Umbrüchen, von Sprints und Lernplateaus, von Aha-Erlebnissen und Lernblockaden, von „Licht angehen“ und „Blackouts“ geprägt. Schule und Lehrende versuchen, Struktur in diesen Prozess zu bringen, mal mehr, mal weniger erfolgreich. Diese Erkenntnis ist vielfach durch die Lernforschung nachgewiesen – sie schlägt sich leider in dem, wie wir Schule machen, wenig nieder.

Deshalb bedeutet diese Erkenntnis für die aktuelle Situation, dass nicht die Frage „Schulöffnung ja oder nein?“ wichtig ist, sondern wie wir auf die sehr unterschiedlichen Situationen in dieser Krise reagieren können und als System Schule bestmögliche Unterstützung geben können.

Ich kenne Schülerinnen, die sehr gut mit dem Fernlernen klar kommen, die ein unterstützendes familiäres Umfeld haben, gute technische Ausstattung. Diese Schüler brauchen ein gutes digitales Angebot und wahrscheinlich nur eine punktuelle Betreuung. Ich kenne sogar Schülerinnen, die froh sind, dem täglichen Trubel des Klassenraums entflohen zu sein und nun bessere Ergebnisse schaffen.

Ich kenne viele Schüler*innen, die sich schwer motivieren können, morgens nicht aus dem Bett kommen. Sie brauchen die direkte Ansprache in Videokonferenzen, das Nachfragen, den direkten Kontakt mit den Lehrenden.

Es gibt auch viele Schüler*innen, die kaum familiäre Unterstützung haben, meist keine ausreichende technische Ausstattung wie WLAN oder Computer zu Hause. Bei ihnen sollte man überlegen, sie in kleinen Gruppen mit Abstand in der Schule zu betreuen, um Ihnen durch persönliche Ansprache zu unterstützen.

Zwischen diesen drei skizzierten Gruppen gibt es natürlich noch viele dazwischen. Aber es wird deutlich, dass ein schwarz oder weiß, Schulöffnung oder Schulschließung, nicht die lösungsorientierte Frage ist. Wenn wir anerkennen, dass Lernen ein höchst individueller, nicht linearer Vorgang ist, brauchen wir auch differenzierte Angebote für die unterschiedlichen Schüler*innen.

An der Winterhuder Reformschule versuchen wir den Weg in diese Richtung zu gehen. Aber auch eine Reformschule ist in das System der Schuladministration eingebunden und vielen Zwängen, wie Noten und Abschlussprüfungen ausgesetzt.

Die Altersschwäche der wichtigsten Abschlussprüfung in Deutschland, dem Abitur, wird in diesen Krisenzeiten besonders deutlich. Gerade in eine Pandemie ist die Fixierung auf eine Prüfung, in der die Stelle hinter dem Komma die Lebenschancen vergibt, besonders absurd. Das Abitur hat sich seit meinem Abitur vor 40 Jahren kaum verändert. Es werden drei Klausuren geschrieben und eine mündliche Prüfung abgehalten. Nur eine Präsentationsprüfung gab es bei mir noch nicht. Die vielen Vorschläge, wie man dieses Jahr mit einem „Corona-Abitur“ umgehen soll, zeigen den Weg in die Richtung: Die Rolle und die Art des Abiturs müssen dringend überdacht und reformiert werden.

Die Aufgabe der Vergabe von Lebenschancen, die die Schule im Moment hat, muss von den schulischen Schultern genommen werden. Die aufnehmenden Institutionen, wie Lehrbetriebe, Fachschulen, Hochschulen und Universitäten müssen selbst Verfahren entwickeln, wie sie Bewerber aufnehmen. Die Schulnoten haben nur noch begrenzten Aussagewert. Viele Unternehmen verzichten schon auf das Betrachten der Abschlussnoten, wie z.B. die Deutsche Bahn.

Dann könnten die Schule das machen, was eigentlich ihr Auftrag ist: jungen Menschen beim Lernen unterstützen und sie bei ihrem Weg in die Gesellschaft begleiten.

Start in den Hybridunterricht: Es geht doch.

Heute, Mittwoch der 15.12.2020, gehen wir in den Schullockdown. Anders als in anderen Bundesländern bleiben die Schulen in Hamburg offen. Die Präsenzpflicht wird ausgesetzt. Endlich haben wir die Möglichkeit, hybrid den Unterricht zu gestalten.

Heute Mittwoch, 8.30 Uhr. Ich öffne den Video-Konferenzraum für die Werkstatt Licht in den Jahrgängen 8-10 an der Winterhuder Reformschule. Es sind schon zwei Schüler vor mir da. Okay, einer erzählt, er liege noch im Bett. Aber hat sein iPad vor der Nase und ist bereit. Eine kurze Blitzlichtrunde ergibt, dass alle guter Dinge sind und positiv in den Fernunterricht gehen. Keiner hat Bedenken.

Also muss ich die Bande aus dem Bett holen. Auftrag: Sammelt farbige Gegenstände in eurem Zimmer und sortiert sie in der Reihenfolge des Farbspektrums. Macht ein Foto und ladet es auf unserer Flinga-Whitewall. 20 Minuten Zeit.

Das Farbspektrum

Die ersten sind nach 10 Minuten fertig, es gibt kreative Ergebnisse zu bestaunen. „Wie komme ich in die Flinga-Wall?“ Ich muss nichts sagen, sofort ist ein Mitschüler da und gibt den entscheidenden Tipp. Alles findet sich auf unserem Kurs-Padlet.

Das Padlet

Dann arbeiten die Schüler_innen selbstständig in ihren Werkstatt-Tagebüchern an ihren Themen. Die Werkstatt bietet freie Lernangebote, bei der sie selbst Schwerpunkte setzen können. Nach 45 Minuten sollen sie ihre beste Aufgabe, die sie bisher zum Thema Licht bearbeitet haben, als Mini-Portfolio abgeben. Dazu fotografieren sie entweder als Screenshot aus ihrem iPad oder als Foto aus ihrem Papier-Heft ihre Arbeit ab und laden sie im Aufgaben-Tool in MS-Teams hoch.

offene Arbeitsmöglichkeiten in der Werkstatt Natur

Die letzten 10 Minuten gehören dem Feedback und den Wünschen für schöne Weihnachtsferien.

Aber auch: vier Schüler waren nicht da. Ich habe die Klassenleitungen angeschrieben, ob sie etwas gehört haben, ob sie krank sind oder anderes. Wir lassen keinen zurück.

Mich stört, dass immer wieder von „Lernrückständen“ im Zusammenhang von hybridem Lernen gesprochen wird. Dieser Begriff suggeriert das Ideal, dass alle Schüler_innen „auf den gleichen Stand gebracht“ werden müssen. Wir wissen aber doch durch die Lernforschung, dass Lernen ein sehr individueller, manchmal chaotischer und nicht linearer Vorgang ist. Wir Lehrenden haben die Aufgabe, möglichst günstige, vielfältige Lernmöglichkeiten zu schaffen. Die Idealisierung des Präsenzunterrichts, in proppenvollen Klassen, in lärmenden Umgebungen, dann noch mit Masken, sind alles andere als eine ideale Lernumgebung. Das heißt nicht, das Präsenz nicht wichtig ist. Doch wir sollten vielfältig, flexibel, eben agil die Umgebung gestalten.

Agiler Geschichtsunterricht

Am Anfang des Schuljahres musste ich spontan einen Geschichtskurs im Jg. 11 übernehmen. Ich hatte keine Zeit mehr, mich fundiert auf die inhaltlichen Herausforderungen des Bildungsplanes einzuarbeiten. Da erinnerte ich mich an meine Session auf der Edunautika im September 2020 zum Thema Agiles Lernen. Ich konzipierte also den Geschichtskurs, der epochal stattfand mit 10 Unterrichtswochen, nach agilen Prinzipen. Die Epoche ging heute zu Ende, und ich möchte hier eine erste Bilanz der agilen Unterrichtssequenz geben.

Agiles Lernen heißt, flexibel auf ein Ziel hinzuarbeiten, im Team zu agieren, den Arbeitsprozess vor den Lehrplan zu stellen und die Erstellung eines Arbeitsproduktes in festgelegten Schleifen (Sprints) zu gestalten. Die Prinzipien des agilen Arbeitens sind im Agilen Manifest dargelegt.

„Wir erschließen bessere Wege, Software zu entwickeln, indem wir es selbst tun und anderen dabei helfen. Durch diese Tätigkeit haben wir diese Werte zu schätzen gelernt:

Individuen und Interaktionen mehr als Prozesse und Werkzeuge

Funktionierende Software mehr als umfassende Dokumentation

Zusammenarbeit mit dem Kunden mehr als Vertragsverhandlung

Reagieren auf Veränderung mehr als das Befolgen eines Plans

Das heißt, obwohl wir die Werte auf der rechten Seite wichtig finden, schätzen wir die Werte auf der linken Seite höher ein.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Agile_Softwareentwicklung

Im Bildungsplan Geschichte in Hamburg sind vier Oberthemen mit jeweils sechs Beispielen aus unterschiedlichen Epochen vorgegeben. Es geht um die geschichtliche Orientierungskompetenz.

Ich habe die Klasse in Teams von 3-4 Schüler_innen aufgeteilt und ihnen den Auftrag gegeben, sich auf ein Oberthema zu einigen, das sie bearbeiten wollen. Der Auftrag umfasst die Erarbeitung des Oberthemas und die Erstellung eines Produktes, das für die anderen Schüler_innen das Thema erfassbar macht. Das Produkt kann eine Präsentation, eine Broschüre, ein Podcast, ein Video o.ä. sein. Die Auswahl steht dem Team frei. Das Produkt sollte aber unabhängig von einer Präsentation vom Konsumenten genutzt werden können.

Jedes Team sucht sich drei Epochenthemen für das Oberthema aus, die sie bearbeiten wollen – pro Teammitglied eines. Es soll aber ein gemeinsames Produkt entstehen.

Die Kommunikation der Teams erfolgt über ein Padlet. Jedes Team bekommt eine Spalte im Padlet – und schreibt zuerst die Themen und Epochen hinein, auf die sich das Team geeinigt hat.

Der Geschichtskurs ist 2-stündig, 90 Minuten. Am Anfang der Stunden gebe ich eine strukturierende Übersicht und einen Input. Der erste Input bezieht sich auf die agile Methode. Diese Inputs können in einer eigenen Spalte im Padlet nachvollzogen werden. Weitere Inputs beziehen sich auf das

• Bearbeiten von historischen Quellen, auf die
• Übersicht über die geschichtlichen Epochen und auf die
• Unterschiede von Sach- und Werturteilen.

Jedes Team bekommt ein Kanban-Board auf einem Flipchart-Papier. Mit einem Stapel Post-Its ausgerüstet, planen die Teams ihre ersten Sprints. To Do – Doing – Done sind die Spalten im Kanban-Board. Wichtig ist dabei, das die Tasks, die Aufgaben-Einheiten, in einer Woche von einer Person zu erledigen sind. Auf den Post-Its werden die Aufgabe und der Name des Teammitglieds geschrieben, die die Aufgabe übernimmt.

Dann ging es in vier Sprints. Ein Sprint ist ein Zyklus, in dem ein Produkt entwickelt wird. Ein Sprint läuft in einem festgelegten Ablauf ab. Bei uns lief der Sprint über eine Woche, von Stunde zu Stunde:

• Sprint Planning: Das Kanban-Board wird mit Tasks bestückt und auf das Team verteilt.
• Task-Operation: Aufgaben abarbeiten
• Stand-Up-Meeting: Kurze Treffen, die den Stand der Arbeit austauschen
• Sprint-Review: Was wurde im Sprint geschafft, was muss im nächsten Sprint erledigt werden?

Das Team erstellt einen kurzen Sprint-Review-Bericht, den es in seine Spalte im Padlet stellt. Der Bericht dient als Arbeitsnachweis.

Und dann beginnt der Zyklus von neuem, mit neuen Tasks. Vorteil dieser Methode ist, dass keine starre Zeitplanung eingehalten werden muss, sondern flexibel, agil, auf die Arbeit des Teams reagiert werden kann. Jedes Team macht seinen eigenen Plan. Es wird kein Plan vom Lehrenden vorgegeben.

Das heißt aber auch für mich als Lehrer, Kontrolle abzugeben. Ich war nicht mehr im Bilde über den Arbeitsstand in den Team und musste auf die Arbeit der Schüler_innen vertrauen. Das ist ein ganz wichtiges Element im agilen Arbeiten. Das Loslassen von der Kontrolle – das ist eine schwierige Aufgabe und ein großer Rollenwechsel.

Die Ergebnisse der Schüler_innen waren meist Präsentationen, von denen einige sogar mit einer Audiospur besprochen wurden. Eine Gruppe hat eine Broschüre erstellt, eine andere ein Plakat. Die Produkte können alle Schüler_innen des Kurses für die weitere Arbeit im Fach Geschichte mitnehmen.

Nach der Fertigstellung der Produkte stellten die Team in „Vermittlungsgruppen“ ihre Ergebnisse vor. Wir bildeten drei Vermittlungsgruppen, in den jeweils ein Vertreter jeder Gruppe saß. Die erste Vermittlungsrunde diente der Information, in der zweite Vermittlungsrunde erfolgte die Diskussion übergeordneter Fragestellungen. Die Fragen wurden von mir vorgeschlagen und dienten der Vorbereitung eines Fachgespräches in der ganzen Klasse. Die Schüler*innen konnten aus einer Expertenrolle heraus allgemeine Fragen zur historischen Orientierungskompetenz diskutieren. Die beiden Vermittlungsrunden waren je 90 Minuten lang.

Den Abschluss der Erarbeitung bildete das Fachgespräch. Hier wurden die in den Vermittlungsrunden andiskutierten Fragen wieder aufgenommen und in der ganzen Klasse diskutiert. Hier habe ich als Lehrender die Moderation übernommen, um Impulse und Strukturierung geben zu können. Ziel des Fachgespräches war die Einordnung historischer Ereignisse in geschichtliche Prozesse und die Diskussion von Ursachen und Wirkungen von Ereignissen. Die Schüler*innen konnten ihre erarbeiteten Ergebnisse in einen größeren Kontext einordnen.

Das Fachgespräch wurde hinsichtlich der Qualität der Beiträge bewertet und war neben den Produkten und der Dokumentation der Sprints der dritte Baustein in der Bewertung der Kursleistung. Es gab dabei gemäß dem Kompetenzprinzip („es gibt keine negativen Kompetenzen“) keine falschen Aussagen. Ich benutzte das von mir erstellte Kompetenzraster. Das Ziel war nicht ein Abfragen von Wissen, sondern die Schüler*innen dazu zu bringen, über historische Zusammenhänge zu diskutieren.

Den Abschluss der Epoche bildete die (leider) obligatorische Klausur.

Im Feedbackgespräch habe sich die Schülerinnen alle positiv über die Arbeitsmethode des Agilen Lernens geäußert. Sie hätten gerne mehr Zeit gehabt, die Prinzipen einzuüben. In der Tat waren 10 Wochen eine kurze Zeit, sich an ein neues Konzept zu gewöhnen. Die Arbeitsorganisation über das Padlet haben die Schülerinnen als hilfreich und übersichtlich empfunden.

In der nächsten Klasse werde ich dieses Konzept verfeinern. Die in der Klausur deutlich gewordenen offenen Bereiche wie der Umgang mir Quellen und Zitaten oder die Erstellung eines Sachurteils werde ich in der nächsten Epoche mehr berücksichtigen. Für die Kürze der Zeit war diese agile Geschichtseinheit eine gelungenes Experiment.

Projekte in Zeiten des geteilten Lernens

Seit Anfang Mai sind die Schüler_innen wieder in der Schule in Hamburg. An der Oberstufe haben wir zwei Gruppen gebildet, die in vierzehntägigem Wechsel in den Schule kommen. Eine Gruppe macht Präsenzunterricht, die andere Fernunterricht. Wobei ich lieber von Lernen spreche, weil das ein aktiver Prozess ist.

Trotz dieser eingeschränkten Rahmenbedingungen wollte ich das geplante Projekt PPP (project planet protection) durchführen. Die Projektbeschreibung findet ihr in meinem vorletzten Beitrag. Ziel des Projektes ist es, konkrete kreative Lösungsmöglichkeiten für globale ökologische Probleme zu finden. Wir steuern jetzt auf die Zielgerade nach fünf Wochen zu.

Folgende Teams und Themen haben sich gefunden:

  • Regenwaldfeuer beenden
  • Desertifikation stoppen
  • Die Wüste bewässern?
  • Das Korallensterben stoppen
  • Die Umweltbedingungen im Hochgebirge verbessern (Nepal)
  • Mikroplastik im Meer verhindern
  • Mikroplastik in der Luft verringern

Meine Ziele waren:

  • Projektarbeit trotz geteilter Klassen durchführen
  • Teamarbeit ermöglichen, auch wenn nicht alle im Raum sind
  • Kreativität fordern statt nur Abarbeiten von Aufgaben
  • Eine Präsentationsform für die Ergebnisse finden

Das Projekt habe ich mit MeisterTask gesteuert. Ich habe ein Projekt angelegt, in dem ich die Aufgaben und Informationen für alle Teams zusammengestellt habe:

Dieses Board dient jedoch nur als Vorlage. Jedes Team sollte sich ein eigenes Board anlegen. Dazu konnten sich die Teams die Karten aus dem Vorlage-Board heraus kopieren und in ihr Board einfügen.

Die Projekte der einzelnen Teams in der Boardübersicht

Das Projekt habe ich nach agilen Prinzipien angelegt:

  • Es gibt eine User-Story, die die Anforderungen an das Projekt festlegt (s.u.)
  • Die Arbeit ist in Sprints organisiert, die jeweils eine Woche dauern
  • jede Aufgabe wird durch eine Karte definiert und einer Person zugeordnet
  • Der Sprint beginnt mit einem Sprint-Planning
  • Während des Sprints findet ein Stand-Up-Meeting statt
  • Am Ende des Sprints gibt es ein Sprint-Review.

Diese Arbeitsschritte müssen dokumentiert sein.

User-Story

Die User-Story habe ich mit dem digitalen Whiteboard flinga.fi erstellt:

User Story auf dem Whiteboard

Meine bisherigen Erfahrungen:

  • Sobald die Schüler_innen zurück im Präsenzlernen sind, fallen sie auch Wieder in typisches schulisches Verhalten: Sie erwarten vom Lehrer Aufgaben, bearbeiten diese und geben sie dann wieder ab
  • ein komplexeres Arbeiten mit selbsterstellten Aufgaben fällt den Schüler_innen sehr schwer
  • Das Einlassen auf eine feste Struktur (Sprints, eigenes Board usw.) ist ungewohnt. Sie sind es gewöhnt, die Struktur von den Lehrenden vorgegeben zu bekommen
  • Die Nutzung digitaler Tools bleibt fast nur auf Whats-App beschränkt. Die flexible Nutzung verschiedener Tools stößt auf Widerstand.

Projektpräsentation

Ursprünglich wollte ich eine Projektpräsentation mit einem Info-Stand in der Fußgängerzone machen. Das ist in der derzeitigen Situation unrealistisch. Da bleibt dann nur wieder die digitale Präsentation. Gerade an diesem Punkt hätte ich eine direkte Kommunikation mit anderen Menschen sinnvoll gefunden. Digitale Präsentationen haben immer eine große Distanz.

Präsenz-Lernen und Heim-Lernen zusammen führen

Seit einer Woche arbeite ich mit der Hälfte meiner Klasse zusammen in einem Raum in der Schule. Die andere Hälfte sitzt zu Hause an ihren Aufgaben. In der nächsten Woche werde ich die zweite Gruppe in der Schule begrüßen können, die erste bleibt dann zu Hause. Schule in Corona-Zeiten. 

Das hört sich nach der klassischen Struktur des Unterrichts seit Jahrzehnten an: Im Unterricht werden Inhalte erklärt, nachgefragt, diskutiert, dann geht es mit Hausaufgaben nach Hause, die die Schüler_innen dann an ihrem heimischen Schreibtisch bearbeiten. Sie kommen damit dann in die nächste Stunde, die damit beginnt, dass Hausaufgaben vorgelesen werden (einer spricht, alles schläft). 

Ist das nach den sechs Wochen Erfahrung im digital unterstützten Fernlernen noch zeitgemäß? 

Ich überlege, wie man Präsenz-Lernen und Heim-Lernen zusammenführen kann. Wir sollten doch die Erfahrungen, die wir die letzten Wochen gemacht haben, nicht einfach wieder ablegen, und zu der alten Schule zurückkehren. Mal einen kurzen Überblick über diese Erfahrungen: 

  • die jungen Leute haben ganz viele Selbstorganisation-Erfahrungen gemacht
  • sie haben den Wert von direkter, analoger, unmittelbarer Kommunikation gespürt. Es ist etwas schönes, in die Schule zu gehen und die Lehrenden und Mitschüler zu treffen. 
  • Es gibt eine große Gruppe von Schüler_innen, die mangels Endgeräte vom Lernen abgekoppelt sind.
  • Es gibt eine weitere große Gruppe, die aufgrund mangelnder Selbstorganisation oder familiärer Unterstützung nicht die Aufgaben der Schule nicht bearbeiten konnten. 

Die Zusammenführung von Präsenz- und Heim-Lernen, so meine Idealvorstellung, baut aufeinander auf. Jede Gruppe gibt ihre Ergebnisse weiter und veröffentlicht diese in den entsprechenden Tools. Damit wird gemeinsam an den Themen und Aufgaben gearbeitet, jedoch nicht synchron wie im normalen Unterricht, sondern asynchron. 

Nach einer Woche kann ich folgendes sagen: 

  • Ich gebe jeden Morgen um 9.00 einen Morgengruß an alle Schüler über das Forum heraus, wo ich den Stand der Arbeit beschreibe 
  • Ich gebe jeden Morgen eine Tages-Denk-Aufgabe, zu der die Schüler Stellung nehmen sollen (im Forum für die Heim-Schüler und in der Schule für die Präsenz-Schüler) 
  • Die Lernaufgaben werden über MeisterTask organisiert. 
  • Die Präsenzgruppe legt vor, die Ergebnisse werden auf Flipcharts geschrieben und abfotografiert 
  • Die Präsenz-Gruppe legt den Schwerpunkt auf das gemeinsame Besprechen
  • Die Heim-Gruppe hat ihren Schwerpunkt im Bearbeiten der Aufgaben. 
  • In der zweiten Woche dreht sich der Schwerpunkt um, wobei die zweite Präsenzgruppe von der Vorarbeit profitiert. 
  • Meine Inputs nehme ich mit explain everything auf und stelle sie zur Verfügung. Dabei nutze ich die Ergebnisse der ersten Präsenzgruppe. 

In der kommenden Woche werden wir auch eine Präsentationsleistung von einem Schüler aus der Heim-Gruppe bekommen, die wir gemeinsam, in der Schule und zu Hause anschauen werden. 

Mein Fazit bisher: 

Ich muss gut koordinieren! 

Ich muss die Aufgabenkarten und die Ergebnisssicherungen schnell auf den neuesten Stand halten. 

Ich muss gut den Überblick halten. 

Es ist schon einiges an Arbeit, aber vielleicht, weil ich es noch nicht gewohnt bin, in zwei Ebenen zu denken. 

Schule in Jg. 12 in Hamburg gestartet

Auf die Minute genau saßen 11 Schülerinnen und Schüler auf ihren Einzelplätzen, stumm und erwartungsvoll schauten sie in dieser Prüfungs-Sitzordnung nach vorne. Die Chill-Musik, die ich während der Einrichtung des Raumes angemacht hatte, schien sie zu beruhigen.

Die Hälfte der Klasse 12 darf in die Schule kommen, die andere Hälfte bleibt zu Hause im Heim-Lernen. Eine Gruppe kommt eine Woche in die Schule, die andere in der zweiten – immer alternierend. Wahrscheinlich wird dieser Wechsel das Modell für die Restzeit des Schuljahres bis zu den Sommerferien.

Die Gesprächsrunde am mit den Schülerinnen und Schüler zeigte, dass sie trotzt der Sondersituation viele wichtige Erfahrungen mit sich und dem Lernen gemacht haben. Fast alle berichteten, dass sie sich erst einmal neu organisieren mussten in ihrer Arbeit. Sie habe viele Erfahrungen in ihrer Selbstorganisation gemacht. Es kam eine lange Liste von Tipps zum häuslichen Lernen zusammen.

Die meisten schätzten die neue Freiheit, sich die Arbeit selbst einteilen zu können, selbst entscheiden zu können, wann und wie sie arbeiten. Trotzdem bleibt das Lernen eher fremdbestimmt. Die Lehrenden schicken Aufgaben, Arbeitsblätter und Deadlines, die abgearbeitet und eingehalten werden müssen.

Am meisten vermissten sie den Kontakt untereinander und die Unterstützung durch die Lehrenden. Besonders in Mathe wurde das Fehlen eines erklärenden Lehrers schmerzlich vermisst. Sie berichteten auch von einer gewissen „Ödnis“, jeden Tag nur Aufgaben und Arbeitsblätter abzuarbeiten.

Wie kann ein zweigleisiges Lernen, Präsenz-Lernen und Heim-Lernen, in den nächsten Wochen aussehen?

Die klassische Version wäre, Aufgaben in das Heim-Lernen zu geben, und diese im Präsenzlernen zu besprechen und dann ein neues Thema vorzustellen, und die Lernenden wieder mit Aufgaben ins Heim-Lernen zu schicken.

Mir schwebt allerdings vor, das Präsenz-Lernen und das Heim-Lernen zu verzahnen. Ich möchte Lern-Teams bilden, die die kollaborativen Möglichkeiten des Digitalen nutzen, trotz Distanzregelungen gemeinsam an Lernprojekten zu arbeiten. Gemeinsame Dokumente, Video-Konferenzen, Lernaufgaben kollaborativ bearbeiten – das kann gut in Teams passieren, von denen ein Teil jeweils pro Woche in der Schule sind, und der andere Teil im homeoffice.

Ich möchte 2x den gleichen Inhalt bearbeiten, sondern in der Lerngruppe jede Woche ein neue Niveau anstreben. In einer Aufgabe hat ein Team von vier Schüler_innen die Aufgabe bekommen, ein Themenfeld („Savannen“) zu bearbeiten und die Ergebnisse in einem Weblog zu präsentieren. Ich habe ihnen einen Aufgabenpool zur Verfügung gestellt, den sie selbst in ihrem Team verteilen mussten.

Obwohl nur eine Halbgruppe in die Schule kommt, möchte ich das geplante Projekt „PPP – Planet Protection Project“ mit den Schüler_innen durchführen. Dabei werden kleine Teams beauftragt, Lösungskonzepte für globale ökologische Problem in verschiedenen Weltregionen zu suchen.

Ich steuere das Projekt über Meistertask. Dabei sollen jetzt die Teams ihr agiles Board selbst erstellen. Bisher habe ich das Board betreut. Ich bin gespannt, ob sich ein Projekt auch unter den Bedingungen einer Halb-und-Halb-Schule umsetzen lässt. Auf jeden Fall werden die “4Ks“, Kollaboration, Kommunikation, Kreativität und kritisches Denken gefordert werden.

Ich werde hier über den Fortgang des Projektes berichten.

Portfolios als Lernnachweis

Schlagartig sind sie weg, die Schülerinnen und Schüler. Kein Hausaufgabenvergleich, keine Arbeitsblätter, die ausgefüllt werden können.

Da bietet sich das Portfolio als Lernnachweis an. Ein Portfolio ist erstmal eine Sammlung von eignen Arbeiten. Meist wird zwischen

  • Lernportfolio
  • Bewertungsportfolio
  • Präsentationsportfolio

unterschieden. Das Lernportfolio ist die mehr oder weniger geordnete Sammlung der Lernaufgaben. Man könnte auch sagen, eine gut sortierte Mappe.

Das Bewertungsportfolio ist eine Auswahl aus dem Lernportfolio, die besonders gelungene Aufgaben zeigt, die Grundlage einer Bewertung werden sollen. Dabei müssen verschiedene Kompetenzen und Aufgabenformate gezeigt werden. Das sollte man mit dem Lehrenden absprechen.

Das Präsentationsportfolio sind besondere gute Leistungen, die bei Lernentwicklungsgesprächen, für Ausstellungen oder Blog-Veröffentlichungen oder anderen besonderen Anlässen gezeigt werden.

Das Bewertungsportfolio setze ich gerade jetzt im homeschooling gerne ein, damit die Lernenden ihre eigene Auswahl von Aufgaben zeigen können. Die Aufgaben bekommen sie in einem Forschungsplaner (siehe Anlage), den sie im eigenen Tempo bearbeiten. Aus ihren Aufgaben im Lernportfolio wählen sie dann die Aufgaben aus, die sie im Bewertungsportfolio vorlegen wollen. Dabei müssen sie mehrere (z.B. drei) verschiedene Aufgabentypen zeigen. Das kann z.B. ein langer Text, eine eigene Zeichnung und ein Versuchsprotokoll sein.

Gegen das Portfolio wird oft eingewendet, dass es soviel Zeit kostet, es zu bewerten. Dazu habe ich ein Raster entwickelt, in dem Rückmelde-Textbausteine stehen,  die einer Bewertungskategorie zugeordnet sind. Die zutreffenden Textbausteine färbe ich dann ein. Aus den eingefärbten Passagen ergibt dann ein grafisches Bewertungsprofil (siehe Anlage).

Wichtig bei der Bewertung von Portfolios ist der Schwerpunkt auf die Reflexion der eigenen Arbeit. Wir wissen aus der Schulforschung, dass die Reflexion und die Metaebene sehr wichtig für den Lernerfolg ist.

Portfolios können sehr schön zu Hause gemacht werden. Dabei fotografieren die Schüler_innen die Passagen aus ihrem Heft ab und fügen sie in eine Textdatei ein. Das Foto wird dann mit einer Einleitung und einem Schlusskommentar versehen. Fehlendes wird ergänzt. Am Ende des Portfolios wird die Gesamtreflexion geschrieben. Die Schüler_innen geben das Portfolio als pdf-Dokument bei mir ab, am besten in einem Aufgabentool.

Schulöffnung in Hamburg

Jetzt werden die Schulen langsam wieder geöffnet. Die Abschluss-Jahrgänge sollen starten. Und in Hamburg die Jahr­gänge 6 des Gymnasiums, nicht der Stadtteilschule, damit sie noch einmal die Chance haben, Schüler an die Stadtteilschule abzuschulen.

Die Logik unseres bestehenden Schulsystems soll aufrechterhalten bleiben. Prüfen und Auslesen. Wo bleibt die seit Jahren geforderte Kreativität, das kritische Denken, die kommunikativen Fähigkeiten im Team, die Kollaboration, die in Zukunft so dringend nötig sein wird. Die Corona-Krise führt es uns vor Augen, was wir, was die jungen Menschen, die wir gerade in den Schulen ausbilden, brauchen:

• Die Krisen sind global, weltumspannend. Wir brauchen ein mehr an Zusammenarbeit und Kollaboration. Einzelkämpfer sind nicht das Modell der Zukunft.

• Wir brauchen große Kreativität, um mit den Herausforderungen der zukünftigen Krisen zurecht zukommen. Und auch wenn diese Krise noch nicht überwunden ist, die nächsten werden kommen.

• Wir brauchen Menschen, die in der Kommunikation geübt sind, um den Hass-Reden und den Verschwörungstheorien entgegenzutreten

• Diese Liste ließe sich noch verlängern.

Nun fangen die Prüfungen zum Mittleren Schulabschluss an: Deutsch, Mathe, Englisch. Sind das die Antworten des deutschen Bildungssystems auf die Herausforderungen der Krise? Sind Fächer, die auch noch in Haupt- und Nebenfächer unterteilt sind, die Lösung? Kann man mit Deutsch, Mathe und Englisch die Welt retten und die Herausforderungen von morgen lösen?

Zeigt nicht gerade die aktuelle Krise, dass wir in neuen Kategorien denken müssen? Wir sind nicht mehr in der Industriegesellschaft, in der wir als Schule auf normierte Aufgaben in einer Fließbandgesellschaft vorbereiten müssen. Sicher kann man argumentieren, dass die Prüfungen auch ein Stück Aufrechterhaltung der Normalität bedeutet und Sicherheit vermitteln. Aber ist es nicht eine Normalität von gestern? Uns zeigt die Krise, dass wir in Zukunft eine ganz neue Flexibilität und viel Ideenreichtum zeigen müssen. Das „weiter so“ erinnert eher an „Brauchtumspflege“, wie es Henrike Roßbach es in der SZ am 17.04. nannte, als an Zukunftsorientierung.

Ab Montag werden die Schulen in Hamburg wieder für die Abschlussklassen geöffnet. Ein ungeheurer Aufwand wird getrieben, um die Prüfungen durchführen zu können. Wäre es nicht sinnvoller gewesen, den Aufwand in das Innehalten und Nachdenken zu investieren, was wir hier eigentlich treiben? Wenn ich in die seitenlangen Übungslisten schaue, die die 10-Klässler für z.B. die Matheprüfung zum Mittleren Schulabschluss abarbeiten sollen, frage ich mich, ob dieses „Learning-for-the-Test“ die Kompetenzen entwickelt, die die jungen Leute in Zukunft für die Bewältigung weiterer Krisen wie die Corona-Krise benötigen? Ich befürchte, meine Antwort lautet „nein“.

Genauso sieht es mit den Abi-Prüfungen aus. Ich verstehe, dass viele der aktuellen Abiturienten ein Abi machen wollen, weil es durch einen großen gesellschaftlichen Konsens das wichtigste Dokument zu sein scheint, mit dem man ins Leben starten sollte. Aber auch hier wäre ein Innehalten sinnvoll gewesen: Sind die Abi-Klausuren nicht völlig aus der Zeit gefallen? Können sie zeigen, dass die jungen Leute gerüstet sind für die Herausforderungen der Zukunft, was eigentlich eine Aufgabe einer Abiprüfung wäre? Ich las neulich in einem Tweet sinngemäß: Ich will auf der Intensivstation nur Ärzte haben, die 15 Punkte in der Lyrikinterpretation in der Abiklausur haben. Der Tweet stammte noch aus Vor-Corona-Zeiten, heute bleibt mir das Lachen eher im Halse stecken.

Was wären denn die Alternativen?

Das Abitur sollte einen Kompetenzstand nachweisen, mit dem die jungen Leute in der Lage sind, ein Hochschulstudium oder einen anspruchsvollere Ausbildung zu beginnen. Sie sollten Ideen davon haben, wie man gemeinschaftlich und kritisch die Herausforderungen der Zukunft meistert.

Die Abinote sollte nicht mehr darüber entscheiden, ob man eine NC-Hürde überspringt oder nicht. Den Zugang zu einem Studiengang sollten spezifische Eingangsprüfungen und Assessments regeln, in denen auch deutlich wird, ob man für das Studium geeignet ist. Die 40% Studienabbrüche sind ein Skandal.

Eine Abiprüfung könnte folgendes enthalten:

• Eine Präsentation über ein einjähriges Projekt, das in einem Team durchgeführt wurde
• Ein Portfolio über einen fachlichen Lernprozess, in dem gezeigt wird, dass man sich selbstständig ein komplexes Thema aneignen kann.
• Eine kritische Reflexion eines Zukunfts-Problems aus unterschiedlichen Sichtweisen (dazu könnte auch die Sichtweise eines Lyrikers gehören).
• Eine Dokumentation eines sozialen Praktikums oder Projektes und die kritische Auseinandersetzung damit.

Eine Weiterentwicklung des Abiturs muss keine Vereinfachung bedeuten. Die 1er-Abinoten-Inflation, z.B. in Thüringen, ist auch ein Problem des alten Abiturs. Lasst uns neue Wege gehen.

Corona verändert die Schule

Wir sind noch mittendrin. Ich glaube nicht, dass die Schulen so schnell wieder aufmachen. Wenn die Abiprüfungen denn stattfinden sollen, wird man sicher nicht nebenbei hunderte von Schülern rumspringen lassen. 

Aber das ist alles Spekulation. 

Meine These: Nach der Schulöffnung wird, oder sollte, nichts mehr sein wie es war. Wir haben durch die Schulunterbrechung durch Corona auch die Chance, Schule und Bildung so zu verändern, dass sie endlich auch im 21. Jahrhundert ankommen können. 

Für mich als seit zehn Jahren in der digitalen Bildung aktiven Lehrer ist es natürlich spannend zu sehen und zu begleiten, wie plötzlich die Möglichkeiten des Lernens über das Internet von vielen genutzt wird. Plötzlich bekommt das digitale Zeitalter auch in der Schule eine Chance. Digitales Lernen kommt aus der Nische einiger Aktivisten in die Breite der täglichen Schulaktivitäten. 

Das bedeutet aber auch, dass es einen qualitativen Sprung geben muss. Wir sollten nicht die Nase über diejenigen Kolleg_innen rümpfen, die pdfs über Mails verschicken, aber wir dürfen nicht dabei stehen bleiben. Wir haben die einmalige Chance, diese Kolleg_innen mitzunehmen und gemeinsam eine qualitativ neue Form des Lernens zu etablieren. 

Es wird darauf ankommen, wie wir die Erfahrungen, die wir jetzt machen, in die Zeit nach den Schulschließungen hinübernehmen. Eine Erfahrung ist auf jeden Fall, dass die persönliche Begegnung, die Beziehung, unersetzlich ist. Das Verhältnis zwischen Anwesenheitskultur und eigenem Lernen sollten wir diskutieren und neu austarieren. Viele meiner Schüler_innen berichten, dass sie zu Hause viel mehr schaffen, ihnen aber der Kontakt zu den Mitschüler_innen fehle. 

Der Vorstoß von Frau Prien aus Schleswig-Holstein war ein erster Testballon. Ihm wurde zwar schnell wieder die Luft rausgelassen, das Thema wird aber weiter aktuell bleiben: Wir halten wir es mit dem Abitur? Wie wichtig sind Abschlussprüfungen? Und herunter dekliniert: Wie wichtig sind prüfen und bewerten? Wie ist das Verhältnis von Lernen und Auslese an der Schule? 

Die Irritationen, die die Frage aufwirft, wie kann ich eigentlich Leistung bewerten in Zeiten der Schulschließungen, zeigt in die Richtung. Sie zeigt, dass wir die Frage, ob und wie wir bewerten in der Schule, neu durchdacht werden sollte. Wir haben jetzt durch den Schul-Break die Chance, Leistungsbewertung neu zu diskutieren

Das Abi wird dabei das dickste Brett, weil es die heiligste Kuh des deutschen Bildungsbürgertums ist. Es ist der Ausweis dafür, ob man dazugehört oder nicht. Nicht umsonst berichtete eine angehenden Abiturientin neulich bei Hart aber Fair unter Tränen, dass ihr die wichtigste Zeit ihres Lebens mit Mottowochen und Abifeiern genommen würde. Und das neben Berichten von Krebspatienten, die als Risikogruppen in einem Gesundheitsgefängnis in Isolation gehalten werden und Angst davor haben, ohne ihre Angehörigen sterben zu müssen. Soviel zu den Verhältnissen. 

Wir sollten diese Zeit dafür nutzen nachzudenken, ob das Abitur in dieser Form noch in das 21. Jahrhundert passt. 

Die Regeln, die zum Abitur führen sollen, die Bildungspläne, stammen in Hamburg aus dem Jahre 2009.  Das iPhone war gerade auf dem Markt, die Eurokrise in vollem Gange. Wir wissen alle, welche rasanten digitalen Veränderungen das letzte Jahrzehnt gebracht hat. Die Globalisierung hat in den zehn Jahren eine nie dagewesene Geschwindigkeit erlebt. Ein Virus konnte sich in nicht vorstellbarer Geschwindigkeit in der Welt verbreiten. 

Und wir arbeiten noch Bildungspläne von 2009 ab? Ist das noch zeitgemäß? 

Wir stehen vor einer Menschheitskrise, sagt Joschka Fischer in der Taz vom 4.4.20. Machen wir die jungen Leute fit, Krisen zu bewältigen, in dem wir Bildungspläne abarbeiten? Brauchen wir nicht ganz neue Konzepte, um auf die Herausforderungen der Zukunft reagieren zu können? 

Auch wenn wir die Corona-Krise überwunden haben werden, wird die nächste Krise vor der Tür stehen: Keiner weiß, wann die Kipppunkte der Klimakrise wirklich kippen. 2008 hatten wir die Immobilienkrise, 2009 die Eurokrise, 2015 die Flüchtlingskrise, 2020 die Coronakrise, 2025 die Klimakrise? 

Brauchen wir eine Schule, die die jungen Leute auf den Umgang mit Krisen vorbereitet? Ich glaube ja! Sie brauchen die Flexibilität und Kreativität, auf unvorhergesehenes reagieren zu können, sie brauchen die Kommunikation, weil die Herausforderungen nur gemeinsam gelöst werden können (ob nun die Suche nach einem Impfstoff oder die Organisation der Pflege in einem Altenheim), sie brauchen das kritische Denken, vorgefertigte Konzepte zu hinterfragen. Ich bezweifle, dass das in nach Schul-Fächern getrennten Bildungsgängen an der Schule möglich ist (auch wenn sie vielleicht irgendwann nicht mehr aus 2009 stammen). 

Andreas Schleicher sagte dazu (schon vor der Coronakrise): 

In den Schulen von heute lernen Schülerinnen und Schüler meist individuell und am Ende des Schuljahres bescheinigen wir ihnen ihre persönlichen Leistungen. Je stärker die Welt aber von gegenseitigen Abhängigkeiten geprägt ist, desto mehr brauchen wir Menschen, die gut zusammenarbeiten und die das Miteinander koordinieren. Innovationen werden heute selten von Einzelpersonen hervorgebracht, sondern sind vielmehr ein Produkt unserer Fähigkeit, Wissen zu aktivieren, zu teilen und zusammenzuführen. Schulen müssen daher Lernumgebungen entwickeln, in denen Schülerinnen und Schüler lernen, selbstständig zu denken und gemeinsam mit anderen zu handeln.

https://www.forumbd.de/blog/andreas-schleicher-chancen-der-digitalisierung-fuer-schule/

Lasst uns in die Diskussion kommen, wie wir nach dem Corona-Break die Schule ins 21. Jahrhundert bringen können. Vor allem lasst uns handeln. 

Agiles Lernen in der Schule

Agiles Arbeiten scheint ganz schön hip zu sein. Hört sich auch modern und dynamisch an. In allen Bereichen, wo es um Projekte geht, wird das Wort „agil“ gerne oft benutzt. Kaum eine Stellenausschreibung, in der nicht Kenntnisse im „Agilen Projektmanagement“ gefordert werden.

Das hat mich neugierig gemacht. Kurz erzählt, kommt das agile Arbeiten aus der App-Entwicklung Anfang der 2000er Jahre. Man stellte im hochdynamischen Prozess der Programmierung fest, dass die klassischen Projektpläne zu starr für einen Prozess sind, wenn man sich laufend auf neue Anforderungen und sich verändernde Rahmenbedingungen einstellen muss.

Während des Sprints

In einem „Agilen Manifest“ wurden 2001 die Grundlagen agilen Arbeitens festgelegt:

  • Individuals and interactions over processes and tools
  • Working software over comprehensive documentation
  • Customer collaboration over contract negotiation
  • Responding to change over following a plan
  • Quelle: Projektmagazin

Kurz gesagt: Die Beziehung, der Prozess und das kreative Ergebnis stehen über Regeln, Verträge, Kontrolle und Plan.

Würde diese Haltung nicht auch für das Lernen in der Schule einen sinnvollen Paradigmenwechsel darstellen, habe ich mich gefragt.

Über die Projektplanung eines Schülerkongress an der Oberstufe bin ich an die Software Trello gekommen. Seit Anfang dieses Schuljahres benutze ich für die Planung in der Profilklasse im Jahrgang 12 das Kanban-Board von MeisterTask. Dann habe ich das Buch von Peter Brichzin u.a. Agile Schule gelesen. Dort beziehen sich die Autoren hauptsächlich auf den Informatikunterricht, mich interessieren natürlich die Möglichkeiten agilen Arbeitens im Projektunterricht. Oder: Wie kann man „normalen“ Unterricht projektorientierter gestalten?

Auf Anregung durch eine Workshop von Uta Eichborn und ihrer Kollegin auf dem Kongress BildungDigitalisierung in Berlin habe ich mit meiner Profilklasse „Artenschutz“ einen Kurzworkshop „Eine Stadt bauen“ durchgeführt. Einen Haufen Pappe, Klebe, Cuttermesser und Scheren habe ich bereitgestellt, um mit den Schüler_innen nach agilen Prinzipien eine Stadt in 90 Minuten zu bauen. Die Gruppen wurden ausgelost, Project Owner und ScrumMaster bestimmt, Handout:

Sprint 1

Die Product Owner formulierten mit der User Story die Anforderungen für die zu bauende Stadt an die Teams. Der Workshop wurde in drei gleich ablaufenden Sprints aufgeteilt, die klar zeitlich getaktet waren (siehe Handout). Die Produktionszyklen der Stadt aus Pappe wurde im Time Boxing festgelegt. Nach jedem Zyklus (Sprint) bewerteten die Auftraggeber (Product Owner) das Zwischenergebnis und gaben Tipps an die Teams. Nach drei Zyklen sollte die Stadt fertig sein und die Product Owner begutachteten die Ergebnisse.

Zentrum der Planung war das Kanban Board. Hier werden die zu erledigenden Aufgaben auf Post its geschrieben. Das Board umfasst die Spalten „to do“, „Doing“ und „done“.

Das Board

Aus dem Backlog werden die Aufgaben einer Person zugeordnet, die für sie verantwortlich ist. Im Stand up werden die Post its für den nächsten Sprint in die Spalte „to do“ geklebt. Im Sprint kommen die Kleber in die Spalte „doing“. Was fertig ist, wandert in die Spalte „done“.

Jede Gruppe führt ihr eigenes Board

In einer Doppelstunde haben die Schüler_innen beeindruckende Ergebnisse produziert. Die Arbeit war sehr konzentriert und effektiv. Durch das Timeboxing kam auch etwas sportlicher Ehrgeiz ins Spiel.

Die Ergebnisse
Die Ergebnisse

Ich finde agiles Lernen eine spannende Haltung für das Lernen in der Schule. Eine offene, kreative, flexible Haltung kommt einem individuellen Lernverständnis deutlich näher als ein Kursunterricht, in dem alle im gleichen Takt gehen müssen. Die Schüler_innen sind trotz kurzer Zeit zu guten Ergebnissen fähig.

Vielen Dank an die 12I der Stadtteilschule Niendorf in Hamburg.

Weitere interessante Beiträge zum Agilen Lernen finden sich auch auf den Seiten der Bildungspunks.