Präsenz-Lernen und Heim-Lernen zusammen führen

Seit einer Woche arbeite ich mit der Hälfte meiner Klasse zusammen in einem Raum in der Schule. Die andere Hälfte sitzt zu Hause an ihren Aufgaben. In der nächsten Woche werde ich die zweite Gruppe in der Schule begrüßen können, die erste bleibt dann zu Hause. Schule in Corona-Zeiten. 

Das hört sich nach der klassischen Struktur des Unterrichts seit Jahrzehnten an: Im Unterricht werden Inhalte erklärt, nachgefragt, diskutiert, dann geht es mit Hausaufgaben nach Hause, die die Schüler_innen dann an ihrem heimischen Schreibtisch bearbeiten. Sie kommen damit dann in die nächste Stunde, die damit beginnt, dass Hausaufgaben vorgelesen werden (einer spricht, alles schläft). 

Ist das nach den sechs Wochen Erfahrung im digital unterstützten Fernlernen noch zeitgemäß? 

Ich überlege, wie man Präsenz-Lernen und Heim-Lernen zusammenführen kann. Wir sollten doch die Erfahrungen, die wir die letzten Wochen gemacht haben, nicht einfach wieder ablegen, und zu der alten Schule zurückkehren. Mal einen kurzen Überblick über diese Erfahrungen: 

  • die jungen Leute haben ganz viele Selbstorganisation-Erfahrungen gemacht
  • sie haben den Wert von direkter, analoger, unmittelbarer Kommunikation gespürt. Es ist etwas schönes, in die Schule zu gehen und die Lehrenden und Mitschüler zu treffen. 
  • Es gibt eine große Gruppe von Schüler_innen, die mangels Endgeräte vom Lernen abgekoppelt sind.
  • Es gibt eine weitere große Gruppe, die aufgrund mangelnder Selbstorganisation oder familiärer Unterstützung nicht die Aufgaben der Schule nicht bearbeiten konnten. 

Die Zusammenführung von Präsenz- und Heim-Lernen, so meine Idealvorstellung, baut aufeinander auf. Jede Gruppe gibt ihre Ergebnisse weiter und veröffentlicht diese in den entsprechenden Tools. Damit wird gemeinsam an den Themen und Aufgaben gearbeitet, jedoch nicht synchron wie im normalen Unterricht, sondern asynchron. 

Nach einer Woche kann ich folgendes sagen: 

  • Ich gebe jeden Morgen um 9.00 einen Morgengruß an alle Schüler über das Forum heraus, wo ich den Stand der Arbeit beschreibe 
  • Ich gebe jeden Morgen eine Tages-Denk-Aufgabe, zu der die Schüler Stellung nehmen sollen (im Forum für die Heim-Schüler und in der Schule für die Präsenz-Schüler) 
  • Die Lernaufgaben werden über MeisterTask organisiert. 
  • Die Präsenzgruppe legt vor, die Ergebnisse werden auf Flipcharts geschrieben und abfotografiert 
  • Die Präsenz-Gruppe legt den Schwerpunkt auf das gemeinsame Besprechen
  • Die Heim-Gruppe hat ihren Schwerpunkt im Bearbeiten der Aufgaben. 
  • In der zweiten Woche dreht sich der Schwerpunkt um, wobei die zweite Präsenzgruppe von der Vorarbeit profitiert. 
  • Meine Inputs nehme ich mit explain everything auf und stelle sie zur Verfügung. Dabei nutze ich die Ergebnisse der ersten Präsenzgruppe. 

In der kommenden Woche werden wir auch eine Präsentationsleistung von einem Schüler aus der Heim-Gruppe bekommen, die wir gemeinsam, in der Schule und zu Hause anschauen werden. 

Mein Fazit bisher: 

Ich muss gut koordinieren! 

Ich muss die Aufgabenkarten und die Ergebnisssicherungen schnell auf den neuesten Stand halten. 

Ich muss gut den Überblick halten. 

Es ist schon einiges an Arbeit, aber vielleicht, weil ich es noch nicht gewohnt bin, in zwei Ebenen zu denken. 

Schule in Jg. 12 in Hamburg gestartet

Auf die Minute genau saßen 11 Schülerinnen und Schüler auf ihren Einzelplätzen, stumm und erwartungsvoll schauten sie in dieser Prüfungs-Sitzordnung nach vorne. Die Chill-Musik, die ich während der Einrichtung des Raumes angemacht hatte, schien sie zu beruhigen.

Die Hälfte der Klasse 12 darf in die Schule kommen, die andere Hälfte bleibt zu Hause im Heim-Lernen. Eine Gruppe kommt eine Woche in die Schule, die andere in der zweiten – immer alternierend. Wahrscheinlich wird dieser Wechsel das Modell für die Restzeit des Schuljahres bis zu den Sommerferien.

Die Gesprächsrunde am mit den Schülerinnen und Schüler zeigte, dass sie trotzt der Sondersituation viele wichtige Erfahrungen mit sich und dem Lernen gemacht haben. Fast alle berichteten, dass sie sich erst einmal neu organisieren mussten in ihrer Arbeit. Sie habe viele Erfahrungen in ihrer Selbstorganisation gemacht. Es kam eine lange Liste von Tipps zum häuslichen Lernen zusammen.

Die meisten schätzten die neue Freiheit, sich die Arbeit selbst einteilen zu können, selbst entscheiden zu können, wann und wie sie arbeiten. Trotzdem bleibt das Lernen eher fremdbestimmt. Die Lehrenden schicken Aufgaben, Arbeitsblätter und Deadlines, die abgearbeitet und eingehalten werden müssen.

Am meisten vermissten sie den Kontakt untereinander und die Unterstützung durch die Lehrenden. Besonders in Mathe wurde das Fehlen eines erklärenden Lehrers schmerzlich vermisst. Sie berichteten auch von einer gewissen „Ödnis“, jeden Tag nur Aufgaben und Arbeitsblätter abzuarbeiten.

Wie kann ein zweigleisiges Lernen, Präsenz-Lernen und Heim-Lernen, in den nächsten Wochen aussehen?

Die klassische Version wäre, Aufgaben in das Heim-Lernen zu geben, und diese im Präsenzlernen zu besprechen und dann ein neues Thema vorzustellen, und die Lernenden wieder mit Aufgaben ins Heim-Lernen zu schicken.

Mir schwebt allerdings vor, das Präsenz-Lernen und das Heim-Lernen zu verzahnen. Ich möchte Lern-Teams bilden, die die kollaborativen Möglichkeiten des Digitalen nutzen, trotz Distanzregelungen gemeinsam an Lernprojekten zu arbeiten. Gemeinsame Dokumente, Video-Konferenzen, Lernaufgaben kollaborativ bearbeiten – das kann gut in Teams passieren, von denen ein Teil jeweils pro Woche in der Schule sind, und der andere Teil im homeoffice.

Ich möchte 2x den gleichen Inhalt bearbeiten, sondern in der Lerngruppe jede Woche ein neue Niveau anstreben. In einer Aufgabe hat ein Team von vier Schüler_innen die Aufgabe bekommen, ein Themenfeld („Savannen“) zu bearbeiten und die Ergebnisse in einem Weblog zu präsentieren. Ich habe ihnen einen Aufgabenpool zur Verfügung gestellt, den sie selbst in ihrem Team verteilen mussten.

Obwohl nur eine Halbgruppe in die Schule kommt, möchte ich das geplante Projekt „PPP – Planet Protection Project“ mit den Schüler_innen durchführen. Dabei werden kleine Teams beauftragt, Lösungskonzepte für globale ökologische Problem in verschiedenen Weltregionen zu suchen.

Ich steuere das Projekt über Meistertask. Dabei sollen jetzt die Teams ihr agiles Board selbst erstellen. Bisher habe ich das Board betreut. Ich bin gespannt, ob sich ein Projekt auch unter den Bedingungen einer Halb-und-Halb-Schule umsetzen lässt. Auf jeden Fall werden die “4Ks“, Kollaboration, Kommunikation, Kreativität und kritisches Denken gefordert werden.

Ich werde hier über den Fortgang des Projektes berichten.

Portfolios als Lernnachweis

Schlagartig sind sie weg, die Schülerinnen und Schüler. Kein Hausaufgabenvergleich, keine Arbeitsblätter, die ausgefüllt werden können.

Da bietet sich das Portfolio als Lernnachweis an. Ein Portfolio ist erstmal eine Sammlung von eignen Arbeiten. Meist wird zwischen

  • Lernportfolio
  • Bewertungsportfolio
  • Präsentationsportfolio

unterschieden. Das Lernportfolio ist die mehr oder weniger geordnete Sammlung der Lernaufgaben. Man könnte auch sagen, eine gut sortierte Mappe.

Das Bewertungsportfolio ist eine Auswahl aus dem Lernportfolio, die besonders gelungene Aufgaben zeigt, die Grundlage einer Bewertung werden sollen. Dabei müssen verschiedene Kompetenzen und Aufgabenformate gezeigt werden. Das sollte man mit dem Lehrenden absprechen.

Das Präsentationsportfolio sind besondere gute Leistungen, die bei Lernentwicklungsgesprächen, für Ausstellungen oder Blog-Veröffentlichungen oder anderen besonderen Anlässen gezeigt werden.

Das Bewertungsportfolio setze ich gerade jetzt im homeschooling gerne ein, damit die Lernenden ihre eigene Auswahl von Aufgaben zeigen können. Die Aufgaben bekommen sie in einem Forschungsplaner (siehe Anlage), den sie im eigenen Tempo bearbeiten. Aus ihren Aufgaben im Lernportfolio wählen sie dann die Aufgaben aus, die sie im Bewertungsportfolio vorlegen wollen. Dabei müssen sie mehrere (z.B. drei) verschiedene Aufgabentypen zeigen. Das kann z.B. ein langer Text, eine eigene Zeichnung und ein Versuchsprotokoll sein.

Gegen das Portfolio wird oft eingewendet, dass es soviel Zeit kostet, es zu bewerten. Dazu habe ich ein Raster entwickelt, in dem Rückmelde-Textbausteine stehen,  die einer Bewertungskategorie zugeordnet sind. Die zutreffenden Textbausteine färbe ich dann ein. Aus den eingefärbten Passagen ergibt dann ein grafisches Bewertungsprofil (siehe Anlage).

Wichtig bei der Bewertung von Portfolios ist der Schwerpunkt auf die Reflexion der eigenen Arbeit. Wir wissen aus der Schulforschung, dass die Reflexion und die Metaebene sehr wichtig für den Lernerfolg ist.

Portfolios können sehr schön zu Hause gemacht werden. Dabei fotografieren die Schüler_innen die Passagen aus ihrem Heft ab und fügen sie in eine Textdatei ein. Das Foto wird dann mit einer Einleitung und einem Schlusskommentar versehen. Fehlendes wird ergänzt. Am Ende des Portfolios wird die Gesamtreflexion geschrieben. Die Schüler_innen geben das Portfolio als pdf-Dokument bei mir ab, am besten in einem Aufgabentool.

Schulöffnung in Hamburg

Jetzt werden die Schulen langsam wieder geöffnet. Die Abschluss-Jahrgänge sollen starten. Und in Hamburg die Jahr­gänge 6 des Gymnasiums, nicht der Stadtteilschule, damit sie noch einmal die Chance haben, Schüler an die Stadtteilschule abzuschulen.

Die Logik unseres bestehenden Schulsystems soll aufrechterhalten bleiben. Prüfen und Auslesen. Wo bleibt die seit Jahren geforderte Kreativität, das kritische Denken, die kommunikativen Fähigkeiten im Team, die Kollaboration, die in Zukunft so dringend nötig sein wird. Die Corona-Krise führt es uns vor Augen, was wir, was die jungen Menschen, die wir gerade in den Schulen ausbilden, brauchen:

• Die Krisen sind global, weltumspannend. Wir brauchen ein mehr an Zusammenarbeit und Kollaboration. Einzelkämpfer sind nicht das Modell der Zukunft.

• Wir brauchen große Kreativität, um mit den Herausforderungen der zukünftigen Krisen zurecht zukommen. Und auch wenn diese Krise noch nicht überwunden ist, die nächsten werden kommen.

• Wir brauchen Menschen, die in der Kommunikation geübt sind, um den Hass-Reden und den Verschwörungstheorien entgegenzutreten

• Diese Liste ließe sich noch verlängern.

Nun fangen die Prüfungen zum Mittleren Schulabschluss an: Deutsch, Mathe, Englisch. Sind das die Antworten des deutschen Bildungssystems auf die Herausforderungen der Krise? Sind Fächer, die auch noch in Haupt- und Nebenfächer unterteilt sind, die Lösung? Kann man mit Deutsch, Mathe und Englisch die Welt retten und die Herausforderungen von morgen lösen?

Zeigt nicht gerade die aktuelle Krise, dass wir in neuen Kategorien denken müssen? Wir sind nicht mehr in der Industriegesellschaft, in der wir als Schule auf normierte Aufgaben in einer Fließbandgesellschaft vorbereiten müssen. Sicher kann man argumentieren, dass die Prüfungen auch ein Stück Aufrechterhaltung der Normalität bedeutet und Sicherheit vermitteln. Aber ist es nicht eine Normalität von gestern? Uns zeigt die Krise, dass wir in Zukunft eine ganz neue Flexibilität und viel Ideenreichtum zeigen müssen. Das „weiter so“ erinnert eher an „Brauchtumspflege“, wie es Henrike Roßbach es in der SZ am 17.04. nannte, als an Zukunftsorientierung.

Ab Montag werden die Schulen in Hamburg wieder für die Abschlussklassen geöffnet. Ein ungeheurer Aufwand wird getrieben, um die Prüfungen durchführen zu können. Wäre es nicht sinnvoller gewesen, den Aufwand in das Innehalten und Nachdenken zu investieren, was wir hier eigentlich treiben? Wenn ich in die seitenlangen Übungslisten schaue, die die 10-Klässler für z.B. die Matheprüfung zum Mittleren Schulabschluss abarbeiten sollen, frage ich mich, ob dieses „Learning-for-the-Test“ die Kompetenzen entwickelt, die die jungen Leute in Zukunft für die Bewältigung weiterer Krisen wie die Corona-Krise benötigen? Ich befürchte, meine Antwort lautet „nein“.

Genauso sieht es mit den Abi-Prüfungen aus. Ich verstehe, dass viele der aktuellen Abiturienten ein Abi machen wollen, weil es durch einen großen gesellschaftlichen Konsens das wichtigste Dokument zu sein scheint, mit dem man ins Leben starten sollte. Aber auch hier wäre ein Innehalten sinnvoll gewesen: Sind die Abi-Klausuren nicht völlig aus der Zeit gefallen? Können sie zeigen, dass die jungen Leute gerüstet sind für die Herausforderungen der Zukunft, was eigentlich eine Aufgabe einer Abiprüfung wäre? Ich las neulich in einem Tweet sinngemäß: Ich will auf der Intensivstation nur Ärzte haben, die 15 Punkte in der Lyrikinterpretation in der Abiklausur haben. Der Tweet stammte noch aus Vor-Corona-Zeiten, heute bleibt mir das Lachen eher im Halse stecken.

Was wären denn die Alternativen?

Das Abitur sollte einen Kompetenzstand nachweisen, mit dem die jungen Leute in der Lage sind, ein Hochschulstudium oder einen anspruchsvollere Ausbildung zu beginnen. Sie sollten Ideen davon haben, wie man gemeinschaftlich und kritisch die Herausforderungen der Zukunft meistert.

Die Abinote sollte nicht mehr darüber entscheiden, ob man eine NC-Hürde überspringt oder nicht. Den Zugang zu einem Studiengang sollten spezifische Eingangsprüfungen und Assessments regeln, in denen auch deutlich wird, ob man für das Studium geeignet ist. Die 40% Studienabbrüche sind ein Skandal.

Eine Abiprüfung könnte folgendes enthalten:

• Eine Präsentation über ein einjähriges Projekt, das in einem Team durchgeführt wurde
• Ein Portfolio über einen fachlichen Lernprozess, in dem gezeigt wird, dass man sich selbstständig ein komplexes Thema aneignen kann.
• Eine kritische Reflexion eines Zukunfts-Problems aus unterschiedlichen Sichtweisen (dazu könnte auch die Sichtweise eines Lyrikers gehören).
• Eine Dokumentation eines sozialen Praktikums oder Projektes und die kritische Auseinandersetzung damit.

Eine Weiterentwicklung des Abiturs muss keine Vereinfachung bedeuten. Die 1er-Abinoten-Inflation, z.B. in Thüringen, ist auch ein Problem des alten Abiturs. Lasst uns neue Wege gehen.

Corona verändert die Schule

Wir sind noch mittendrin. Ich glaube nicht, dass die Schulen so schnell wieder aufmachen. Wenn die Abiprüfungen denn stattfinden sollen, wird man sicher nicht nebenbei hunderte von Schülern rumspringen lassen. 

Aber das ist alles Spekulation. 

Meine These: Nach der Schulöffnung wird, oder sollte, nichts mehr sein wie es war. Wir haben durch die Schulunterbrechung durch Corona auch die Chance, Schule und Bildung so zu verändern, dass sie endlich auch im 21. Jahrhundert ankommen können. 

Für mich als seit zehn Jahren in der digitalen Bildung aktiven Lehrer ist es natürlich spannend zu sehen und zu begleiten, wie plötzlich die Möglichkeiten des Lernens über das Internet von vielen genutzt wird. Plötzlich bekommt das digitale Zeitalter auch in der Schule eine Chance. Digitales Lernen kommt aus der Nische einiger Aktivisten in die Breite der täglichen Schulaktivitäten. 

Das bedeutet aber auch, dass es einen qualitativen Sprung geben muss. Wir sollten nicht die Nase über diejenigen Kolleg_innen rümpfen, die pdfs über Mails verschicken, aber wir dürfen nicht dabei stehen bleiben. Wir haben die einmalige Chance, diese Kolleg_innen mitzunehmen und gemeinsam eine qualitativ neue Form des Lernens zu etablieren. 

Es wird darauf ankommen, wie wir die Erfahrungen, die wir jetzt machen, in die Zeit nach den Schulschließungen hinübernehmen. Eine Erfahrung ist auf jeden Fall, dass die persönliche Begegnung, die Beziehung, unersetzlich ist. Das Verhältnis zwischen Anwesenheitskultur und eigenem Lernen sollten wir diskutieren und neu austarieren. Viele meiner Schüler_innen berichten, dass sie zu Hause viel mehr schaffen, ihnen aber der Kontakt zu den Mitschüler_innen fehle. 

Der Vorstoß von Frau Prien aus Schleswig-Holstein war ein erster Testballon. Ihm wurde zwar schnell wieder die Luft rausgelassen, das Thema wird aber weiter aktuell bleiben: Wir halten wir es mit dem Abitur? Wie wichtig sind Abschlussprüfungen? Und herunter dekliniert: Wie wichtig sind prüfen und bewerten? Wie ist das Verhältnis von Lernen und Auslese an der Schule? 

Die Irritationen, die die Frage aufwirft, wie kann ich eigentlich Leistung bewerten in Zeiten der Schulschließungen, zeigt in die Richtung. Sie zeigt, dass wir die Frage, ob und wie wir bewerten in der Schule, neu durchdacht werden sollte. Wir haben jetzt durch den Schul-Break die Chance, Leistungsbewertung neu zu diskutieren

Das Abi wird dabei das dickste Brett, weil es die heiligste Kuh des deutschen Bildungsbürgertums ist. Es ist der Ausweis dafür, ob man dazugehört oder nicht. Nicht umsonst berichtete eine angehenden Abiturientin neulich bei Hart aber Fair unter Tränen, dass ihr die wichtigste Zeit ihres Lebens mit Mottowochen und Abifeiern genommen würde. Und das neben Berichten von Krebspatienten, die als Risikogruppen in einem Gesundheitsgefängnis in Isolation gehalten werden und Angst davor haben, ohne ihre Angehörigen sterben zu müssen. Soviel zu den Verhältnissen. 

Wir sollten diese Zeit dafür nutzen nachzudenken, ob das Abitur in dieser Form noch in das 21. Jahrhundert passt. 

Die Regeln, die zum Abitur führen sollen, die Bildungspläne, stammen in Hamburg aus dem Jahre 2009.  Das iPhone war gerade auf dem Markt, die Eurokrise in vollem Gange. Wir wissen alle, welche rasanten digitalen Veränderungen das letzte Jahrzehnt gebracht hat. Die Globalisierung hat in den zehn Jahren eine nie dagewesene Geschwindigkeit erlebt. Ein Virus konnte sich in nicht vorstellbarer Geschwindigkeit in der Welt verbreiten. 

Und wir arbeiten noch Bildungspläne von 2009 ab? Ist das noch zeitgemäß? 

Wir stehen vor einer Menschheitskrise, sagt Joschka Fischer in der Taz vom 4.4.20. Machen wir die jungen Leute fit, Krisen zu bewältigen, in dem wir Bildungspläne abarbeiten? Brauchen wir nicht ganz neue Konzepte, um auf die Herausforderungen der Zukunft reagieren zu können? 

Auch wenn wir die Corona-Krise überwunden haben werden, wird die nächste Krise vor der Tür stehen: Keiner weiß, wann die Kipppunkte der Klimakrise wirklich kippen. 2008 hatten wir die Immobilienkrise, 2009 die Eurokrise, 2015 die Flüchtlingskrise, 2020 die Coronakrise, 2025 die Klimakrise? 

Brauchen wir eine Schule, die die jungen Leute auf den Umgang mit Krisen vorbereitet? Ich glaube ja! Sie brauchen die Flexibilität und Kreativität, auf unvorhergesehenes reagieren zu können, sie brauchen die Kommunikation, weil die Herausforderungen nur gemeinsam gelöst werden können (ob nun die Suche nach einem Impfstoff oder die Organisation der Pflege in einem Altenheim), sie brauchen das kritische Denken, vorgefertigte Konzepte zu hinterfragen. Ich bezweifle, dass das in nach Schul-Fächern getrennten Bildungsgängen an der Schule möglich ist (auch wenn sie vielleicht irgendwann nicht mehr aus 2009 stammen). 

Andreas Schleicher sagte dazu (schon vor der Coronakrise): 

In den Schulen von heute lernen Schülerinnen und Schüler meist individuell und am Ende des Schuljahres bescheinigen wir ihnen ihre persönlichen Leistungen. Je stärker die Welt aber von gegenseitigen Abhängigkeiten geprägt ist, desto mehr brauchen wir Menschen, die gut zusammenarbeiten und die das Miteinander koordinieren. Innovationen werden heute selten von Einzelpersonen hervorgebracht, sondern sind vielmehr ein Produkt unserer Fähigkeit, Wissen zu aktivieren, zu teilen und zusammenzuführen. Schulen müssen daher Lernumgebungen entwickeln, in denen Schülerinnen und Schüler lernen, selbstständig zu denken und gemeinsam mit anderen zu handeln.

https://www.forumbd.de/blog/andreas-schleicher-chancen-der-digitalisierung-fuer-schule/

Lasst uns in die Diskussion kommen, wie wir nach dem Corona-Break die Schule ins 21. Jahrhundert bringen können. Vor allem lasst uns handeln. 

Agiles Lernen in der Schule

Agiles Arbeiten scheint ganz schön hip zu sein. Hört sich auch modern und dynamisch an. In allen Bereichen, wo es um Projekte geht, wird das Wort „agil“ gerne oft benutzt. Kaum eine Stellenausschreibung, in der nicht Kenntnisse im „Agilen Projektmanagement“ gefordert werden.

Das hat mich neugierig gemacht. Kurz erzählt, kommt das agile Arbeiten aus der App-Entwicklung Anfang der 2000er Jahre. Man stellte im hochdynamischen Prozess der Programmierung fest, dass die klassischen Projektpläne zu starr für einen Prozess sind, wenn man sich laufend auf neue Anforderungen und sich verändernde Rahmenbedingungen einstellen muss.

Während des Sprints

In einem „Agilen Manifest“ wurden 2001 die Grundlagen agilen Arbeitens festgelegt:

  • Individuals and interactions over processes and tools
  • Working software over comprehensive documentation
  • Customer collaboration over contract negotiation
  • Responding to change over following a plan
  • Quelle: Projektmagazin

Kurz gesagt: Die Beziehung, der Prozess und das kreative Ergebnis stehen über Regeln, Verträge, Kontrolle und Plan.

Würde diese Haltung nicht auch für das Lernen in der Schule einen sinnvollen Paradigmenwechsel darstellen, habe ich mich gefragt.

Über die Projektplanung eines Schülerkongress an der Oberstufe bin ich an die Software Trello gekommen. Seit Anfang dieses Schuljahres benutze ich für die Planung in der Profilklasse im Jahrgang 12 das Kanban-Board von MeisterTask. Dann habe ich das Buch von Peter Brichzin u.a. Agile Schule gelesen. Dort beziehen sich die Autoren hauptsächlich auf den Informatikunterricht, mich interessieren natürlich die Möglichkeiten agilen Arbeitens im Projektunterricht. Oder: Wie kann man „normalen“ Unterricht projektorientierter gestalten?

Auf Anregung durch eine Workshop von Uta Eichborn und ihrer Kollegin auf dem Kongress BildungDigitalisierung in Berlin habe ich mit meiner Profilklasse „Artenschutz“ einen Kurzworkshop „Eine Stadt bauen“ durchgeführt. Einen Haufen Pappe, Klebe, Cuttermesser und Scheren habe ich bereitgestellt, um mit den Schüler_innen nach agilen Prinzipien eine Stadt in 90 Minuten zu bauen. Die Gruppen wurden ausgelost, Project Owner und ScrumMaster bestimmt, Handout:

Sprint 1

Die Product Owner formulierten mit der User Story die Anforderungen für die zu bauende Stadt an die Teams. Der Workshop wurde in drei gleich ablaufenden Sprints aufgeteilt, die klar zeitlich getaktet waren (siehe Handout). Die Produktionszyklen der Stadt aus Pappe wurde im Time Boxing festgelegt. Nach jedem Zyklus (Sprint) bewerteten die Auftraggeber (Product Owner) das Zwischenergebnis und gaben Tipps an die Teams. Nach drei Zyklen sollte die Stadt fertig sein und die Product Owner begutachteten die Ergebnisse.

Zentrum der Planung war das Kanban Board. Hier werden die zu erledigenden Aufgaben auf Post its geschrieben. Das Board umfasst die Spalten „to do“, „Doing“ und „done“.

Das Board

Aus dem Backlog werden die Aufgaben einer Person zugeordnet, die für sie verantwortlich ist. Im Stand up werden die Post its für den nächsten Sprint in die Spalte „to do“ geklebt. Im Sprint kommen die Kleber in die Spalte „doing“. Was fertig ist, wandert in die Spalte „done“.

Jede Gruppe führt ihr eigenes Board

In einer Doppelstunde haben die Schüler_innen beeindruckende Ergebnisse produziert. Die Arbeit war sehr konzentriert und effektiv. Durch das Timeboxing kam auch etwas sportlicher Ehrgeiz ins Spiel.

Die Ergebnisse
Die Ergebnisse

Ich finde agiles Lernen eine spannende Haltung für das Lernen in der Schule. Eine offene, kreative, flexible Haltung kommt einem individuellen Lernverständnis deutlich näher als ein Kursunterricht, in dem alle im gleichen Takt gehen müssen. Die Schüler_innen sind trotz kurzer Zeit zu guten Ergebnissen fähig.

Vielen Dank an die 12I der Stadtteilschule Niendorf in Hamburg.

Weitere interessante Beiträge zum Agilen Lernen finden sich auch auf den Seiten der Bildungspunks.

Kann die Digitalisierung des Lernens die Lernkultur positiv entwickeln?

Seit einigen Tagen schreiben wir das Jahr 2020, Star Wars hat eine neue Episode herausgebracht, ist aber eigentlich schon im Rentenalter. Egal ob Rente oder nicht, die neuen 20er Jahre werden ein Jahrzehnt der Digitalisierung werden. Wie das Jahrzehnt aussehen wird, wissen wir nicht, aber dass es digital wird, davon können wir ausgehen.

Also, Kopf in den Sand stecken hilft nicht, wir müssen das Jahrzehnt schon selber gestalten, wir, diejenigen, die im Bildungsbereich arbeiten. Was kann die Digitalisierung dazu beitragen, das Lernen zeitgemäßer zu gestalten? Dazu ein kleiner Überblick über die Tendenzen in der Bildung:

  • Die Digitalisierung durchdringt immer mehr Lebensbereiche. Die Schule und das Lernen ist dabei noch sehr widerspenstig.
  • Wir wissen nicht genau, was junge Menschen für die Lebensbewältigung in den nächsten 30 Jahren benötigen. Welches Wissen ist nötig? Der bisherige Bildungskanon scheint nicht mehr ausreichend zu sein. Die Schwerpunkte scheinen sich zu verschieben. Klassische Bildung ist kein sicheres Fundament mehr.
  • Eines ist sicher: vieles wird sich in den nächsten zehn Jahren wandeln. Zweites ist auch sicher: wir wissen nicht genau, wohin. Eines der wichtigsten Kompetenzen für junge Leute wird also sein: Flexibilität. Wir müssen uns davon verabschieden, dass man mit einem klassischen Wissenkanon für das nächste Jahrzehnt gut ausgerüstet ist.
  • Wissen ist kein statischer Zustand mehr, der angehäuft werden kann, sondern Wissen ist ein hochdynamischer Prozess, der sich dauernd verändert. Wissen ist dauernd verfügbar, nicht mehr in staubigen Bibliotheken, sondern über das Smartphone abrufbar aus dem Internet. Der heute Wissende ist derjenige, der mit dem großen Wissensangebot umgehen weiß, der wichtiges von unwichtigen unterscheiden kann, der weiß, wo es passgenaues Wissen gibt. Nicht mehr das wieviel ist wichtig, sondernd das was und wo.
  • Flexibilität bedeutet auch ein hohes Maß an Anpassungsfähigkeit für die menschliche Psyche. Die Veränderungsgeschwindigkeit ist so hoch, dass das Gefühl eigentlich nicht nachkommt. Daraus folgt, dass die Schule auch Kompetenzen vermitteln muss, mit dieser Veränderungsgeschwindigkeit umzugehen.
  • Unsere heutige Schule ist noch immer auf Wissensanhäufung ausgelegt, die berühmten „Fässer, die gefüllt werden müssen“. Im nächsten Jahrzehnt stellt sich die Frage, wieviel Wissen muss man auf „Vorrat“ mitbringen, und wieviel Wissen kann man sich „im Prozess“ aneignen. Das ist keine einfach zu beantwortende Frage. Für die Schule ist sie jedoch extrem wichtig.
Das neue Jahrzehnt der 20er fängt nebelig an.

Jetzt zu meiner Ausgangsfrage: Unsere Lernkultur muss sich verändern und sich an die gesellschaftlichen Veränderungen anpassen. Was kann Die digitale Bildung zu allem vorher gesagten beitragen ?

  1. Digitales Lernen ermöglicht die Entkoppelung von Zeit und Raum. Lernen ist überall möglich, eben nicht nur im Klassenraum in den 90 Minuten des Unterrichts. Ich mag dieses Wort auch nicht mehr: Unter – Richten! Das suggieriert gleich, dass die Schüler passiv sind und „unterrichtet“ werden. Aber Lernen ist ein aktiver Vorgang und findet immer statt (daher das Motto dieses Blogs). Digitales Lernen ermöglicht die Entkoppelung von der Zeit des Unterrichts („Montag erste beiden Stunden, da schlafe ich noch“) und vom Raum (das Lernvideo können die Schüler im Flur, im Klassenraum oder zu Hause anschauen).
  2. Diese Entkoppelung gibt mir als Lehrender die Freiheit, auf einzelne Schüler eingehen zu können, persönlich und individuell. ich muss nicht mehr mit der Gießkanne das Wissen über alle gleichmäßig auskippen, sondern kann mich auf Unterstützung und Beratung der Lernenden konzentrieren.
  3. Als Lehrender kann ich mich auf Orientierung und Strukturierung des Lernprozesses konzentrieren. Die Verantwortung für das Lernen gebe ich an die Lernenden ab, ich bin für die Unterstützung und das Coaching zuständig. Das Wissen ist ja vorhanden, das brauche ich nicht „vermitteln“. Ich gebe Hinweise, wo die Schüler das Wissen finden können und wie sie es verarbeiten können.
  4. Ich kann auf einzelne Fragen eingehen. Da alle Informationen für das Lernen digital verfügbar sind, habe ich als Lehrender die Freiheit, auf einzelne Schüler einzugehen. Ich kann sie individuell betreuen. Ich bin nicht mehr der „Hüter der Weisheit und des Wissens“. Das findet sich in den digitalen Welten. Darin Orientierung zu geben, ist wieder meine Aufgabe.
  5. Trotzdem wird im digitalen Lernen der Lehrende nicht überflüssig. Seine Rolle verändert sich nur. Er wird Orientierungsgeber und Begleiter der Lernenden.
  6. Ein Problem bleibt: Der Lehrende ist gleichzeitig Coach und Lernbegleiter und dann auch Bewerter und Aussortierer. Dieses Problem löst auch die Digitalisierung nicht. Dieser Widerspruch muss woanders gelöst werden.

Fazit: Digitalisierung kann ein neues Lernverständnis, eine neue Lernkultur befördern. Die Lernenden sind zunehmend selbst verantwortlich für ihren Lernprozess. Die Lehrenden sind verantwortlich für ein lernförderliches Umfeld, gute Unterstützung und Coaching sowie individuelle Beratung. Dabei helfen die digitalen Tools sehr gut.

Zur Bewertung, ob diese Tendenzen positiv zu sehen sind, möchte ich folgende Kriterien ins Feld werfen:

  1. Lernen heute muss den Anforderungen des 21. Jahrhunderts gerecht werden. Ich meine hierbei ausdrücklich nicht nur die beruflichen Anforderungen, denn Schule in der ersten Linie die Allgemeinbildung und die Persönlichkeitsentwicklung im Fokus haben. Im 21. Jahrhundert wird nicht das Sammeln von Informationen im Vordergrund stehen, sondern das Umgehen mit unendlich vielen Informationsmöglichkeiten.
  2. Die Gesellschaft wird sich immer schneller entwicklen und wandeln. Berufbiografien werden flexibler werden, das Lernen für ein ganzes Leben wird nicht mehr ausreichen. Deshalb wird Schule Kompetenzen entwickeln müssen, mit dieser Veränderung umgehen zu können.
  3. Der Schwerpunkt des Lernens wird sich vom Wissenserwerb hin zu Wissensmanagement und den Umgang mit sich wandelnden Anforderungen verschieben.