Back to school…

Das Sabbatjahr ist zu Ende. Ich gehe wieder zur Schule. Dieses Bild von pixabay.com habe ich auf meiner Asienreise leider nicht gesehen, aber es ist so schön, dass ich es hier einfüge.

Das Schuljahr fing chaotisch an, kein Stundenplan, keine Kurslisten, verkehrte Räume, kein Wifi, kein Server, ausgefallen.

Dieser kleine Tweet hat mir jedoch viel Mitgefühl eingebracht, und viele neue Follower. Mehr, als es je ein Beitrag geschafft hat. Das lässt mich doch aufhorchen. Wenn etwas nicht klappt, bekommt man viel Aufmerksamkeit. Das scheint hier im Netz genauso zu sein wie im Lehrerzimmer. Ist das eine Lehrer-Marotte?

Vor einigen Jahren habe ich mit einem Kollegen ein kleines „Hidden theatre“ im Lehrerzimmer aufgeführt. An einem Tag sind wir gemeinsam in die große Pause ins Lehrerzimmer gekommen und haben uns lautstark über die chaotischen Schüler, ihre Faulheit, Renitenz, Frechheit und was man sich sonst noch so alles ausmalen kann, beschwert. Wir haben spontan viel Zuspruch, Unterstützung und Mitleid von den KollegInnen bekommen.

Am nächsten Tag sind wir wieder gemeinsam ins Lehrerzimmer gekommen und haben uns lautstark über eine super Stunde, lernbegeisterte Schüler, funktionierende Lernkonzepte, spaßige Beziehungen ausgetauscht. Reaktion? Keine! Ignoranz! Null! Es scheint: das will keiner hören.

Sind LehrerInnen immer defizitorientiert? Ich will es eigentlich nicht glauben. Wie sind eure Erfahrungen? Ich muss leider sagen, dass auch sonst im Alltag als Lehrer der negative Blick mehr Aufmerksamkeit bekommt als der Blick auf das Gelingende. Wer von tollen Stunden berichtet, wird eher beargwöhnt als interessiert befragt, was das Geheimrezept sei.

Dabei sollte man als Lehrende doch „ins Gelingen verliebt sein“ ….

Push – Für das Grundrecht auf Wohnen

Wir Geografen beschäftigen uns auch mit Stadtentwicklung. In der Oberstufe wird ein ganzes Semester der Stadtgeografie gewidmet. Dazu habe ich auch schon in älteren Artikeln etwas geschrieben.

Aus diesem Interesse bin ich gestern ins Kino gegangen, um den neuen Dokumentarfilm von Fredrik Gertten, Push, anzusehen. Der Film beschäftigt sich mit den weltweit rasant ansteigenden Mietpreisen in den Metropolen. Die Kamera begleitet Leilani Farha, die Sonderberichterstatterin der UN für Menschenrecht auf Wohnen. Sie reist um die ganze Welt, um zu erforschen, wie Menschen aus den angestammten Wohnquartieren in ihren Städten gedrängt, gepusht, werden. Das von uns Geografen gelehrtes Modell der Gentrifizierung scheint diesen Entwicklungen nicht mehr gerecht zu werden, sagt die Soziologin Saskia Sassen. Immobilien sind seit der Immobilien- und Bankenkrise in dem ersten Jahrzehnt der 2000er zur Handels- und Spekulationsware geworden und nicht selten Objekte, um Schwarzgelder zu verstecken.

Mich hat der Film begeistert und ich empfehle jedem, den Globalisierung, Stadtentwicklung oder auch nur die Unzufriedenheit der Menschen interessiert, ihn sich anzuschauen.

Website Push

ttt, titel-thesen-tempramente

Lange nix geschrieben …

Der letzte Beitrag hier ist jetzt schon fast ein Jahr her. Ich habe ein Jahr schulische Pause gemacht, war viel auf Reisen und habe darüber auf dem Blog http://www.geografunterwegs.wordpress.com geschrieben. Jetzt bin ich wieder in Hamburg steige langsam wieder in das Bildungsgeschäft ein.

Als Politik- und Gesellschafts-Lehrer habe mich jahrelang um die politische Bildung an den Schulen gekümmert. Dabei ist natürlich die Ausgewogenheit und der Meinungspluralismus mir sehr wichtig. Ich sehe meine Aufgabe darin, die Lernenden für politische Themen zu interessieren. Aber ich habe gemerkt, dass man in diesen Zeiten auch selber Position beziehen muss. Lange habe ich mich geziert, einer Partei beizutreten, weil ich befürchtete, von den Parteimeinungen vereinnahmt zu werden. Aber in Zeiten des Rechtspopulismus halte ich es für nötiger denn je, eine Position zu vertreten. Deshalb bin ich im letzten Jahr den GRÜNEN beigetreten. Und deshalb möchte ich auch hier mal Wahlwerbung machen für die Europawahl nächsten Sonntag:

Trailer für Europa

Aber das wichtigste ist: Wählen gehen!

Schnack mit Robert Habeck…

…und Lena Sophie Müller war auch dabei, als gestern die Grünen zur Diskussion um ihr neues Grundsatzprogramm mit dem Schwerpunkt Digitalisierung in die Hamburger Fabrik luden. Vorwiegend älter Menschen kamen, nur vereinzelt waren bärtige Hipster oder wollmützentragende Jugendvertreter zu sichten. Robert und Lena stellten sich den Fragen aus dem Publikum, die dann doch mehrheitlich eine eher kritische Haltung zur Digitalisierung und der sie gestaltenden Monopolisten deutlich machten.

Für mich waren die folgenden Aussagen die wichtigsten:

  1. Es geht gar nicht in erster Linie um die Digitalisierung. Sie ist erstmal weder gut noch schlecht. Es geht zuerst um die Frage in welcher Gesellschaft wollen wir leben und wie wollen wir zusammen leben. Wollen wir uns mit der zunehmenden Spaltung der Gesellschaft abfinden, wollen wir die schleichende Entsolidarisierung der Gesellschaft hinnehmen, wollen wir unsere demokratischen Strukturen verteidigen, wollen wir weiter international und global denken? Wenn diese und weitere Fragen geklärt sind, kann man klarer sehen, welchen Nutzen die Digitalisierung für diese wünschenswerte Gesellschaft bringen kann.
  2. Politik muss gestalten und regeln. Wie die Digitalisierung das Leben und die Gesellschaft verändert, darf nicht nur den Marktkräften überlassen bleiben, die im übrigen kaum existieren, da der Digitalisierungsmarkt von Monopolisten beherrscht wird. Daraus folgt, dass die Digitalisierung gestaltet werden muss, auf allen Ebenen der Gesellschaft: in der Politik, in der Schule, in der Wirtschaft,  in den Familien und in den Beziehungen. Lena brachte ein schönes Beispiel: vor der Digitalisierung in ihrer Kindheit wurde es ihr auch verboten, Micky Maus Hefte am Essenstisch zu lesen. Gleiches müsse heute auch für Handys gelten.
  3. Digitalisierung bietet viele Chancen, das Zusammenleben besser zu machen. Sehr lustig fand ich die Anmerkung von Robert, dass seit der Einführung von Dating-Plattformen die Zahl der multi-kulturellen Beziehungen gestiegen sind. Digitalisierung bietet aber auch Gefahren. Und hier gilt es: Abwägen. Das ist gar nichts Neues oder Besonderes. Man lernt es in jedem Politikkurs in der Schule. Das gab es auch schon vor der Digitalisierung. Das Neue ist allerdings, worauf Lena hinwies, dass die Geschwindigkeit der Veränderung immens hoch ist, was die Gesellschaft überfordern könnte.
  4. Die Digitalisierung macht deutlich, dass wir auf die Globalisierung des Handelns noch keine Antwort haben. Die Internetkonzerne zahlen kaum Steuern und beteiligen sich damit kaum am Gemeinwohl und den gemeinschaftlichen Kosten der Gesellschaft. Darüber kann keine noch so innovative Rhetorik von Apple, Google und Co hinwegtäuschen. An der Digitalisierung wird deutlich, dass die Lösung der aktuellen Probleme nicht mit nationalstaatlichen Konzepten, wie von vielen gefordert, gelöst werden können.
  5. Leider wurde kaum über die Bildung gesprochen. Immerhin wurde gesagt, dass die Bildungsinstitutionen den Umgang mit dem Internet und den sozialen Kommunikationsmöglichkeiten, und in Zukunft wohl auch mit dem Internet der Dinge vermitteln müssen. Dabei hilft kein „Handys raus aus der Schule“, sondern das Lernen eines klugen, nützlichen Umgangs mit diesem „Kulturzugangsgerät“. Genauso wie junge Menschen lernen, dass man sich auf die Fußballplatz anders verhalten kann als in der Schule, können sie auch lernen, das Handy in der Schule anders zu nutzen als in der Freizeit.
  6. Zur digitalen Bildung gehört auch, den Blick nicht zu verschließen gegenüber der Gefahr, das digitales Lernen zu einer Spaltung der Gesellschaft führen kann; in einen innovativen, fortschrittlichen und einen, der sich Neuerungen verweigert. Ich beobachte bei meinen vielfältigen Anwendungen digitalen Lernens, dass die Nutzung bei vielen Schülern gut ankommt und Kreativität freisetzt, dass es aber auch einen ganzen Anteil gibt, denen das Einarbeiten in Apps und Anwendungen zu kompliziert ist. Ihnen fehlt die Ausdauer, die Geduld und die Neugier, sich auf das Lernen mit digitalen Möglichkeiten auseinanderzusetzen. Darüber hinaus wird deutlich, dass mit der flächendeckenden Verteilung von Handys die Nutzung eines Computers zu Hause nicht mehr selbstverständlich ist. So sagte mir ein großer Teil meines Projektkurses in der 7. Klasse neulich, dass ein täglicher Blick in ihre Emails auf dem Schulserver für sie viel zu lästig sei.
  7. Wir seien alle noch in der „digitalen Pubertät“ sagte Lena, Jöran zitierend. Wir müssen noch vieles ausprobieren, Irrwege gehen, anecken, was alles eben zur Pubertät dazugehört. Sie gab auch Robert und den Grünen für den Programmbildungsprozess mit auf den Weg, dass die Digitalisierung kein eigenständiger Bereich der Politik sei (wie Sozialpolitik, Außenpolitik usw), sondern immer in allen Politikfeldern mitgedacht werden müsse.

Ferienbeginn: Zeit für eine Rückschau

Anfang Juli: Woche für Woche hat ein weiteres Bundesland Ferien. Ich war heute noch einmal in der Schule in der ersten Ferienwoche, um die letzten Bilder aufzuhängen, die letzten Zettel wegzuschmeißen und die letzten Dateien auf dem Schulserver zu archivieren. Für mich werden die beginnenden Ferien ganz große Ferien, denn ich setze ein Jahr als Sabbat aus, nach 28 Jahren Lehrer ein Jahr des Innehalten und Besinnens auf den nächsten Schritt.

Dieser Zeitpunkt ist eine gute Gelegenheit, Rückschau zu halten, etwas schlaglichtartig auf die Dinge schauen, die mich in Schule und Bildung bewegen. Vielleicht beschäftigt sich ja der eine oder andere Leser ebenfalls mit einer kleinen Bilanz.

Abitur

Ich habe jetzt im Juni den dritten Abiturjahrgang in Folge verabschiedet. In sechs Jahren habe ich in drei Profildurchgängen der Studienstufe 12/13 versucht, eine gute Mischung zwischen formalen Lernen nach Bildungsplan, Förderung der Selbstständigkeit der jungen Leute im Lernen und das Lernen in Projekten hinzubekommen. Für mich war die Kategorie Bildung immer das Wichtigste, eine Haltung, die es den jungen Leuten ermöglicht, an den gesellschaftlichen Diskursen teilzuhaben und die Entwicklungen kritisch zu hinterfragen.

Mit diesem Ansatz bin ich allerdings nicht oft auf große Gegenliebe bei den Schüler_innen gestoßen. Ihr Abimotto „Nichts gerafft, und trotzdem geschafft“ hat mich doch nachdenklich gestimmt. Es machte den Eindruck, dass viele Schüler_innen mit möglichst geringem Aufwand einen möglichst großen Ertrag herausbekommen wollten. Ein Spaß an der Auseinandersetzung mit Themen, eine Freude, eigenständig eine Sache zu erarbeiten, die Freiheit, eigene Schwerpunkte zu setzen, waren selten zu spüren.

In den Projekten konnten die Schüler_innen eigene Schwerpunkte setzten. In den Projekten „Gentrifizierung in Hamburger Stadtteilen“, „Europa-Ausstellung“ und „Schülerkongress“ habe ich die Verantwortung für das Lernen möglichst weitgehend an die Schüler_innen abgegeben. Leider musste ich feststellen, dass Qualität erst mit einem notenbasierten Anforderungsprofil ins Spiel kam. Das hat mich nachdenklich gemacht: Haben wir unsere Schüler_innen in den 12-13 Jahren Schule so unselbstständig gehalten, dass sie kein eignes Gefühl für Qualität entwickeln konnten? Können sie nur auf äußere Anforderungen hin selbstständig lernen? Leider scheint sich diese Tendenz auch an den Unis und Hochschulen fortzusetzen: Der Trend zum formalen Lernen und Bulimi-Lernen. Haben wir den jungen Leuten die Lust am Lernen abgewöhnt? Oder gehen sie nur aus einer ganz satten Gesellschaft hervor, in der es nichts mehr zu entdecken gibt?

Mit diesen Fragen gehe ich in das nächste Jahr.

Trotzdem bleibt die Erkenntnis, dass den jetzigen Abiturient_innen meist nicht zugetraut wurde, das Abitur zu schaffen. Nur wenige hatten eine Gymnasialempfehlung nach der 4. Klasse. Insofern bleibt es ein Erfolg, dass die Stadtteilschule (Gesamtschule) die Bildungsabschlüsse vieler junger Menschen erweitert.

Projekte

Die Überzeugung, dass man in Projekten besser und nachhaltiger lernen kann, hat mich im letzten Schuljahr bei der Entwicklung der Projektkurse mitmachen lassen (die Projektkurse habe ich in einem vorherigen Beitrag beschrieben). Das Jahresprojekt hieß Expeditionen, ein Thema, so dachte ich, dass 7. Klässler doch begeistern muss. Wir haben viele Ausflüge gemacht, Schatzsuchen, Geocaching, Nahverkehrs-Rallyes, haben gezeltet, historische Expeditionen nacherzählt, Erfahrenes in Projektheften aufgeschrieben.

Hier hatte ich es mit 12jährigen zu tun. Aber auch hier scheint mir die größte Herausforderung zu sein, die jungen Menschen für irgendetwas zu begeistern. Ich habe immer wieder versucht herauszufinden, was die Schüler interessieren könnte; der Projektkurs gab mir ja viel mehr Freiheit, nicht dem Curriculum zu folgen. Außer „Schlafen“, „Zocken“, „nach Hause gehen“ kam nicht viel von den Schülern. Auf keinen Fall „etwas lesen“, schon gar nicht „schreiben“ oder „sich anstrengen“. Eine gemeinsame Projektplanung mit den Schülern habe ich nicht hinbekommen.

So sind die materiellen Ergebnisse des Projektkurses aus meiner Sicht auch eher enttäuschend. Aber vielleicht sind meine Ansprüche zu hoch gewesen. Vielleicht sind die Umbauprozesse im Gehirn von Pubertierenden so stark, dass kaum Energie für Projekte übrig blieben. Vielleicht ist die Pubertät auch nicht das Alter, in dem man Begeisterung und Leidenschaft für Dinge aus der Schule entwickelt. Man will sich ja in erster Linie abgrenzen von den Autoritäten, und da ist es egal, was sie anbieten. Vielleicht sollte man doch auf den alten Pädagogik-Denker Hartmut von Hentig hören, der schon vor vielen Jahren empfohlen hat, die Unterrichtszeit in der Pubertät auf täglich zwei Stunden zu begrenzen. Die restliche Zeit sollte man mit verschiedenen Möglichkeiten der Selbsterfahrung füllen.

Erfahrungen machen ist auch Lernen, vielleicht nicht durch einen Test abfragbar, aber trotzdem wichtig. Die wichtigste Erfahrung scheint mir die zu sein, etwas zu können und etwas zu schaffen. Das findet in der Schule viel zu wenig statt. meine Projektkurs-Schüler hatten wenig gute Meinungen von sich selbst. Als ich ihnen am Schuljahresende jedem persönlich sagte, was ich an tollen Qualitäten gesehen habe im Laufe des Schuljahres, waren viele peinlich berührt, einige zogen meine Worte in das Lächerliche.

Was lerne ich daraus? Wertschätzung kommt an unseren Schule viel zu kurz. Erfahrungen machen sollte einen viel größeren Stellenwert bekommen gegenüber dem formalen Lernen.

Digitales Lernen…

… hat mich natürlich auch im letzten Schuljahr umgetrieben. Wir haben eine offizielle Schulentwicklungsgruppe zum Thema ins Leben gerufen und ein schulinternes Curriculum auf den Weg gebracht, das im kommenden Schuljahr erprobt wird.

Darüber hinaus war ich im Projekt „Digitale Unterrichtsbausteine“ der Stabsstelle Digitalisierung der Schulbehörde aktiv, in der Unterrichtssequenzen entwickelt und bereit gestellt werden. Es ist gut, dass das Thema jetzt auch in der Behörde oben auf der Agenda zu stehen scheint. Im September werden auf einer Plattform der TU Harburg die bis dahin erarbeiteten Bausteine der Öffentlichkeit zu Verfügung gestellt. Bemerkenswert ist, dass alle Bausteine „oer“ sind, als offen nutzbar, veränderbar und neu editierbar sind.

Ich war auf den Kongressen „Edunautika“ an der Reformschule Winterhude, auf dem OER-Camp an der Medienschule und auf dem Kongress „Learning Cities“ der Körber-Stiftung aktiv. Auf diesen Veranstaltungen habe ich für mich folgende Tendenzen mitgenommen:

  • die Digitalisierung bietet die Chancen der Dezentralisierung von Lernen. Beeindruckend war das Beispiel aus Finnland, wo in Helsinki das Konzept „learning as a service“ die Lernorte über die Stadt verteilt. Gelernt wird nur noch ausnahmsweise in der Schule, sondern mehr in Bibliotheken, Hochschulen, Betrieben usw.
  • Vernetzung von unterschiedlichen Bildungsmöglichkeiten und Bildungsanbietern scheint mir wichtig. Hier wurde auf der learning cities-Konferenz der Begriff des Digitalen Ökosystems geprägt. Alle Elemente hängen miteinander systemisch zusammen und bedingen sich einander.
  • Es droht eine digitale Klassengesellschaft. Die Anzahl von Computern in vielen Haushalten geht zurück, seit dem man mit dem Handy scheinbar alles machen kann. Die Datenmenge bei Schülerhandys ist oft schnell erschöpft. Daher ist die Forderung nach bring your own device nicht so einfach, wie sie sich vielleicht anhört.

Ich gehe mit vielen Fragen ins Sabbatjahr und bin gespannt, wo ich in einem Jahr lande. Ob ich an meine alte Schule in Niendorf zurückgehe, mir eine neue Schule suche oder vielleicht ganz neue Herausforderungen suche. Ich bin gespannt.

Wer mich im Sabbatjahr begleiten will, kann dies unter https://geografunterwegs.wordpress.com tun.

Projektkurs HH#Welt

Ich habe gerade den Blog von Thorsten Puderbach über Projektarbeit mit agilen Methoden gelesen, den ich an dieser Stelle allen am projektorientierten Lernen interessierten Menschen empfehlen möchte. Thorsten schildert hier seine Erfahrungen mit der Projektarbeit in einer 7. Klasse, die ich sehr spannend finde. Beeindruckend finde ich die Offenheit, die Interessen der Schüler_innen aufzunehmen und dann umzusetzen – bei allen Schwierigkeiten.

Die agilen Methoden werde ich auch mal ausprobieren. Die Projektplanung mit dem wöchentlichen Standup finde ich sehr beeindruckend und werde es auch mal testen. Ich organisiere den Lernprozess noch sehr linear über Arbeitspläne, die durchnummeriert sind. Mit einer offenen Arbeitsweise bin ich am Anfang gescheitert, weil es die Schüler_innen überhaupt nicht kannten.

Ein bisschen bin ich auch neidisch auf Thorstens Bericht. In meiner Lerngruppe, dem Projektkurs Jg. 7 Von Hamburg in die Welt (PK.HH#Welt) ist die Leistungsbandbreite mindestens drei Klassenstufen groß, dazu zwei Inklusionskinder und einen Schüler, der kaum Deutsch spricht, geschweige denn lesen kann. Das agile, interaktive Arbeiten, das Thorsten beschreibt, war bisher bei mir im Projektkurs nicht möglich. Zu unterschiedlich sind die Kommunikationsfähigkeiten der Schüler_innen. Auch die Aufmerksamkeitsspanne für einen Input oder eine gemeinsame Statusbesprechung ist für die Hälfte meiner Schüler_innen nur bei 10 Minuten, so dass ich aufwendige Standups nicht machen konnte.

Deshalb habe ich meinen Fokus etwas anders gelegt:

  • sehr differenziertes Aufgabenangebot, Projektheft
  • viele außerschulische Lernorte
  • verschiedene Arbeitsorte in der Schule
  • Arbeiten in unterschiedlichen Geschwindigkeiten

Mein erste Projekt heißt Expedition, wobei wir unterschiedliche Exkursionen machen. Wir waren an der Elbe, haben das Orientieren mit Karten im nahegelegenen Niendorfer Gehege geübt, haben eine Stationen-Rallye in der Nähe der Schule gemacht (der Track wurde mit gpsies.de erstellt, dafür habe ich einen Projektaccount angelegt) sowie eine HVV (Verkehrsverbund) Rallye gemacht. Zuletzt absolvierten wir eine Rechercheschulung bei den Bücherhallen (Stadtbibliothek).

Zu jeder dieser Expeditionen gab es einen  differenzierten Aufgabenplan, der verschiedene Aufgaben zur Auswertung der Expeditionen beinhaltete. Dieser Plan enthielt Aufgaben, von sehr leicht bis schwer. Alle Aufgabenpläne können in unserer Lernplattform (Schulcommsy.de) online abgerufen werden. Die Schüler_innen bearbeiten die Aufgaben in ihrem Projektheft. In dieses Heft werden alle Bilder eingeklebt, Karten gesammelt und Aufgaben gelöst. Das Projektheft ist die Zentrale des Projekts. Es entspringt der Idee der konstruktivistischen Weltaneignung. Alle Menschen eignen sich die Welt nach einem eigenen System an. Dabei geht es um die geeignete Selbstkonstruktion von Wirklichkeit und die sinnvolle Abgleichung dieser Wirklichkeit im sozialen Kontext. D.h. bei mir im Projektkurs, dass es eine gesellschaftliche Abmachung ist, dass wir in Karten alles blau markieren, was mit Wasser zu tun hat (Die lila Flüsse einer Schülerin war neulich eine interessante Wirklichkeitskonstruktion).

Das Projektheft bearbeiten die Schüler_innen sehr unterschiedlich. Einige haben noch Schwierigkeiten, ein Bild gerade auszuschneiden und aufzukleben (z.B. zum Thema Gezeiten), wo ich bisher dachte, dass man dieses in der Grundschule lernt, andere Schüler_innen planen eigene Tracks über die Plattform Gpsies.com.

Kleiner Exkurs: Wir arbeiten an der Stadtteilschule Niendorf mit der Kommunikationsplattform iserv, über die man für jeden Kurs eine Gruppe anlegen kann, die gleichzeitig eine Gruppen-Email-Adresse generiert: pk.hh#welt@sts-niendorf.de wer uns eine Mail schicken möchte.

Wir wollen im Projektkurs viel außerhalb der Schule arbeiten. Aber auch in der Schule bleiben wir nicht mehr nur auf unseren Kursraum beschränkt. Zu unterschiedlich sind die Bedürfnisse der jungen Menschen an ihren Lernort. Am Anfang hatte ich noch sechs Gruppentische mit vier Stühlen eingerichtet. Schnell zeigte es sich, dass dieses Arrangement, das woanders gut klappt, hier im Projektkurs nicht funktionierte. Die problembeladenen Schüler_innen gruppierten sich an zwei Tischen, an denen das Chaos tobte. Die Jungs waren nur mit sich selbst beschäftigt.  Ich musste schnell umgestalten.

Ich drehte alle Tische um, mit dem Blick nach außen, auf die Wand oder auf das Fenster. Nur einen Gruppentisch beließ ich, für die Gruppe, die wirklich zusammen arbeiten konnte. Darüber hinaus suchte ich nach weiteren Lernorten. Einen Nebenraum, in dem ein Biologielager war, räumte ich aus und stellte einen weiteren Gruppentisch hinein. Auf dem Flur organisierte ich zwei weitere Einzeltische zum Arbeiten.

Die Projektarbeit findet also im Moment an vier verschiedenen Orten statt. Eine Regel für die Arbeit im Projektkurs lautet: Jeder Schüler sucht sich einen Platz, an dem er gut und ungestört arbeiten kann. Viele haben noch große Schwierigkeiten, sich selbst zu steuern und zu merken, wo sie gut arbeiten können. Am liebsten wollen sie nur mit ihren Kumpels zusammen sein und über Computerspiele reden. Aber langsam merke ich Veränderungen: Die Schüler sehen, dass sie an einem ruhigen Arbeitsplatz mehr schaffen, als wenn sie mit ihren Kumpels herumhängen. Der Lärmpegel im Kursraum ist deutlich gesunken.

Aber auf dem Weg zur guten Selbstorganisation der jungen Menschen ist es noch ein weiter Weg.