Coaching für Schüler_innen

Die Zukunftszenarien sind von einem geprägt: Wir wissen nicht, wohin die Reise geht. Wir wissen nur eines mit Sicherheit: es wird sich viel verändern, mit hoher Geschwindigkeit. 

Wenn man sich nur mal die letzten 10 Jahre anschaut, dann scheint die einzige Konstante die Veränderung zu sein. Wir haben heute flächendeckende Smartphones, das „Handyverbot“ an Schulen scheint zunehmend lächerlich, das Internet ermöglicht viele alltägliche Geschäfte wie Einkaufen, Banking, Fahrkarten kaufen, Steuererklärung machen online, ja sie sind kaum noch offline zu machen. 

Wenn man die Entwicklung der letzten 10 Jahre auf die nächsten 10 Jahre bis 2030 hochrechnet, kann einem schwindelig werden. Aber meine Schüler_innen in der 12. Klasse werden dann erst 26 sein, vielleicht erst am Beginn ihrer Berufstätigkeit. Ist das, was wir ihnen jetzt in der Schule mitgeben, das was sie dann in zehn Jahren gebrauchen können? Der Bildungsplan, mit dem wir in der Oberstufe in Hamburg arbeiten ist von 2009, also fast von vor der iPhone-Zeit. Die Frage lässt sich sicherlich leicht beantworten: Nein, das was wir im Moment im Fachunterricht machen, kann 2030 wenig helfen. 

Aber was dann? Die ernüchternde Antwort ist aus meiner Sicht: Wir wissen es nicht! Wir wissen nur eines sicher, dass die Gesellschaft, die Wirtschaft, das Klima sich rasant verändern werden und dass wir viel Energie in die Verteidigung der demokratischen Errungenschaften investieren müssen. 

Sollten wir in der Schule nicht die jungen Leute darauf vorbereiten? Können wir das mit unserem derzeitigen Instrumentarium der Fächer, der Klausuren, der Prüfungen, der Noten leisten? Ich glaube nicht. Das ist ein Instrumentarium aus dem 20. Jahrhundert, in dem es um Belehrung, der Selektion und der Aufnahme von Wissen ging. 

Der Geschichtswissenschaftler Yuval Noah Harari sagt in seinem Buch „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“, dass …

… „Schulen weniger Wert auf technisches Können legen und stattdessen universell anwendbare Lebensfertigkeiten in den Mittelpunkt rücken (sollten). Am allerwichtigsten wird die Fähigkeit sein, mit Veränderung umzugehen, neue Dinge zu lernen und in unvertrauten Situationen das seelische Gleichgewicht zu wahren. Wollen wir mit der Welt des Jahres 2050 Schritt halten, müssen wir nicht nur neue Ideen und Produkte erfinden – wir müssen vor allem uns selbst immer wieder neu erfinden.“

Was bedeutet das für uns an den Schulen? 

mit Veränderung umgehen“ scheint mir der Schlüsselbegriff zu sein. Müssten wir nicht den jungen Leuten ein Instrumentarium an die Hand geben, wie sich mit rasanter Veränderung umgehen können? Wie sie sich mehrfach im Leben selbst neu erfinden können? Das steht natürlich im Gegensatz zu jeder Lehrer_innen-Biografie, denn wenn jemand Lehrer geworden ist, wird er/sie das wahrscheinlich bis zur Pensionierung weiter tun. Das wird aber in anderen gesellschaftlichen Bereichen nicht so sein. Das wird es schwer machen, bei meinen Lehrerkolleg_innen Verständnis für diese Erkenntnis zu gewinnen, wenn die persönliche Erfahrung anders aussieht. 

Aber ich glaube trotzdem, dass wir die jungen Menschen fit machen müssen für die Zukunft in Veränderung. Wir könnten ihnen ein Handwerkszeug an die Hand geben, dass sie wissen, was auf sie zukommen könnte und wie sie damit umgehen könnten. Wieder Harari: 

„Am allerwichtigsten wird die Fähigkeit sein, mit Veränderung umzugehen, neue Dinge zu lernen und in unvertrauten Situationen das seelische Gleichgewicht zu wahren“

Sollten nicht alle Schüler_innen ein Coaching durchlaufen, dass ihnen diese Fähigkeiten nahe bringt? 

„Wie soll man leben in einer Welt, in der umfassende Ungewissheit kein Fehler, sondern ein Grundmerkmal ist? Wer in einer solchen Welt überleben und gedeihen will, braucht eine Menge an geistiger Flexibilität und große Reserven an emotionaler Ausgeglichenheit“

Diese Fähigkeiten sollten wir unseren Schüler_innen in der Schule mitgeben. Ich werde versuchen, in den nächsten Wochen eine Skizze für ein Coaching für Schüler_innen zu entwerfen. 

Das Beitragsfoto habe ich in Sukhothai in Thailand aufgenommen.

Systemisches Arbeiten an der Schule

Seit einem halben Jahr mache ich eine zweijährige Ausbildung zum systemischen Berater. Ich möchte damit meine Kompetenzen und Erfahrungen erweitern, um gezielter Schüler_innen fördern zu können.

Worum geht es dabei?

Der systemische Ansatz geht davon aus, dass die Menschen in einen Geflecht auch Beziehungen und Rollen handeln und sich entsprechend verhalten. Dabei ist jeder Mensch ein „geschlossenes System“, das autonom handelt und von außen nicht beeinflussbar ist. Im System Schule bedeutet dieses, dass Aufforderungen, wie „du musst dich mehr melden“ oder „du sollst deine Hausaufgaben machen“, sinnlos sind.

Wichtiger wäre aus systemischer Sicht herauszufinden, was den Schüler hindert, sich zu melden oder Hausaufgaben zu machen, und wie man das System, das Setting ändern kann, damit die Möglichkeit besteht, sein Verhalten zu ändern. Aufforderungen allein reichen nicht aus.

Hier setzen die Lernentwicklungsgespräche (LEGs) an, die ich (und die ganze Schule) in der letzten Woche mit meinen Schülern geführt habe. Für jeden Schüler und dessen Eltern habe ich 30 Minuten Zeit, individuell zu sprechen. In 30 Minuten lässt sich schon einiges entwickeln, und ich empfinde die LEGs einen deutlichen Fortschritt zu den früheren, und an anderen Schulen noch üblichen Elternsprechtagen.

Aus der systemischen Sicht nehme ich erst einmal eine wertschätzende Haltung ein. Ich gehe davon aus, dass jeder Schüler etwas lernen will und sich verbessern möchte. Ich versuche diese Haltung in einer anerkennenden Sprache zum Ausdruck zu bringen. Dabei stelle ich Fragen und halte mich mit eigenen Einschätzungen zurück. Ich gehe davon aus, dass meine Schüler_innen selbst Experten für ihr Handeln sind. Meine Aufgabe ist es, durch geschicktes Fragen die Schüler_innen selbst zu Lösungen und Einschätzungen kommen zu lassen. Die Lösung für Probleme sind immer schon im Individuum vorhanden und müssen nur „freigelegt“ werden.

Ich versuche in der systemischen Beratung von den Potentialen und Ressourcen der Schüler_innen, die mir gegenüber sitzen, auszugehen. Deshalb ist es wichtig, diese erst einmal herauszufinden. Das ist in der Schule oft gar nicht so einfach, weil das System Schule leider noch immer eher auf die Defizite schaut, auf das was die Lernenden noch nicht können. Auch ich bin wider besseren Wissens gefangener des Systems Schule. Um so wichtiger ist die Betrachtung der Ressourcen in einem LEG. Dabei ist es immer wieder überraschend, dass die Lernenden sich oft negativer einschätzen als ich es auch meiner Sicht machen würde. Wir benutzen dafür Ankreuzlisten zu unterschiedlichen Aussagen. Meine Aufgabe ist es in dieser Phase, die Potentiale der Schüler_innen sichtbar zu machen und ihnen deutlich zu zeigen, worauf sie aufbauen können.

Dann beginnt die Identifizierung der Baustellen, die die Lernenden bearbeiten wollen. Das sollten nicht mehr als drei sein, weil mehr Veränderung  kein Mensch auf einmal bewältigen kann. Daraus werden Ziele formuliert, die erreicht werden wollen. Die Ziele sollten SMART sein, also Spezifisch (genau), Messbar, Akzeptabel, Realistisch und Terminierbar sein. Der häufig von Schüler_innen genannte Wunsch, „ich will mich in Mathe verbessern“, ist nicht spezifisch, weil viel zu ungenau ist, und er ist nicht messbar. Auch hier nehme ich eine beratende Haltung ein und versuche, die Ziele mit den Lernenden gemeinsam zu entwickeln.

Wir überprüfen die Ziele im Gespräch durch „zirkuläre Fragen„, indem wir schauen, was andere dazu sagen würden, wenn das Ziel erreicht wäre. „Was würde deine Mutter, deine Geschwister, dein Bauch dazu sagen, wenn du selbstbewusster geworden bist und dich um Unterricht trauen würdest, etwas zu sagen?“ Manchmal bringen diese Sichtweisen starke Emotionen hoch, heute brach eine Schülerin in Tränen aus, als sie sich vorstellte, sie und ihre Mutter könnte ganz stolz auf sie sein.

Ziele können natürlich nicht „in einem Rutsch“ erreicht werden, deshalb ist es wichtig, den ersten Schritt herauszufinden. Dabei helfen Skalierungen weiter: „Stelle dir eine Skala von 1 – 10 vor und markiere die Stelle, wo du heute in Bezug auf deine Frage stehst. Wo willst du in einem halben Jahr sein? Was wäre der erste Schritt in diese Richtung?“

Leider reicht die Zeit für eine Auswirkungsüberprüfung nicht mehr aus: „Was wäre das für ein Gefühl, wenn du dein Ziel erreicht hast?“

Am Ende des Lernentwicklungsgespräches fasse ich das besprochene noch einmal zusammen. Auf einem Formblatt sind die Besprechungspunkte festgehalten. Alle Beteiligten unterschreiben, Schüler_innen, Eltern, Lehrer_innen.

Ich empfinde die Lernentwicklungsgespräche als ein Highlight im Schuljahr. Selten gibt es intensivere Momente, in denen man die Entwicklung von jungen Menschen begleiten und unterstützen kann. Die wertschätzende und ressourcenorientierte Haltung öffnet die Lernenden Schritt für Schritt. Es ist dann schön zu merken, wie sich Entwicklung und Veränderung dann von selbst entwickelt. Eine fordernde Haltung („die Schüler sollen…“) ist wenig hilfreich für die Entwicklung einer positiven Lernkultur.