Zeitgemäßes Lernen in der Praxis

Das „Guten Morgen“ kommt erst nach zehn Minuten. Manchmal dauert es auch 15 Minuten, bis alle arbeitsbereit sind. In dieser Zeit schalte ich Beamer und Computer an, stelle die Ablagekörbe mit den Tischblättern und den Versuchsbeschreibungen auf den Tisch, pinne die Listen mit den erledigten Aufgaben sowie die Feedbackbögen zu mündlicher Mitarbeit und zur Selbststeuerung des Lernens mit Magneten an die Tafel. Zwischendurch schaue ich in die Liste, wer heute als Assistenten fungieren soll. Sie müssen die Physikbücher, die Tischblätter (1), die Experimentierkästen auf die Gruppentische bringen.

Als der Beamer und der Computer hochgefahren ist, bringe ich den Forschungsplan und den Kursordner in IServ (2) auf die Leinwand. Das Foto des Tafelbildes der letzten Stunde muss ich ebenso noch aufrufen. Ganz nach vorne kommen allerdings zwei banale Sätze: „Was hast du in der letzten Stunde geschafft? Was willst du heute machen?“

Mitten im Organisieren beantworte ich noch Schülerfragen, erkundige mich nach dem Wochenende und stelle die entscheidende Frage: „Worauf wartest du? Willst du nicht mal dein Forschungstagebuch auspacken und aufschlagen?“ Ach ja, da war ja was. Die Stunde beginnt, wenn wir den Physikraum betreten, und nicht erst, wenn ich als Lehrer „Guten Morgen“ sage.

Das Lernen wieder zurück in die Verantwortung der Lernenden geben, ist eine meiner Hauptziele eines zeitgemäßen Lernens. Sie müssen selbst die Erfahrung machen, wie es sich anfühlt, selbst für das eigene Lernen verantwortlich zu sein. Wie soll sonst lebenslanges Lernen möglich sein, wenn nicht mehr ein Lehrer den Takt vorgibt. Nach zehn Jahren Belehrung kein leichtes Unterfangen. Über Jahre sind die Schüler darauf konditioniert worden, das zu tun, was der Lehrende von ihnen verlangt, und zwar in einer unmittelbaren Form für alle: “ Alle schlagen jetzt mal die Seite 275 auf und lesen den Text durch“. Da kann man praktischerweise auch mal bei Tischnachbarn nachfragen. Aber was, wenn später im Leben der Tischnachbar und der Lehrer nicht da ist, weil man sich in einem Onlinekurs selber fortbilden muss?

Deshalb ist meine Hauptmaxime: Das Lernen an die Schüler zurückgeben. Und die zweite Maxime ist: Lass sie nicht alleine.

Die ersten haben immerhin das Lerntagebuch aufgeschlagen und das Datum eingetragen. Wenige haben aufgeschrieben, was sie heute machen wollen. Dafür musste ich sie auf die Checkliste in ihrem Forschungsplan oder auf die Klassenliste an der Tafel hinweisen, auf der der Arbeitsfortschritt vermerkt ist. Jetzt kann ich „Guten Morgen“ sagen. Ich kann zur Einleitung etwas zu unserem Lernstand sagen und mache meistens einen kleinen Input zum aktuellen Thema.

Dann geht das Arbeiten in den einzelnen Tischgruppen los. Die Aufgaben haben die Schüler schon am Anfang des Schuljahres in einem Forschungsplan (3) bekommen. In ihm stehen alle Aufgaben drin, Hinweise zu den Arbeitsformen, Links ins Internet, Hinweise zur Führung des Lerntagebuchs und das Bewertungsraster.

Nur mit dem Lesen tun sich die Schüler schwer. Es ist ja bequemer, wenn sie vom Lehrer direkt instruiert werden. Aber den Gefallen tue ich ihnen nicht. Bei Fragen verweise ich entweder auf den Forschungsplan, weise auf die Buchseiten oder einfach an das Nachdenken. Wer nicht beim Vortrag zugehört hat, kann ein YouTube-Video von mir oder Kollegen anschauen. Das ist nicht beliebt bei den Schülern. Es ist ja viel einfacher, alles in kleinen Häppchen von den Lehrenden präsentiert zu bekommen. Deshalb ist zeitgemäßes Lernen, das auf eigenständiges Handeln, Selbstverantwortung, autonome Wahl der Lernformen, eigenverantwortliches Nutzen des Internets und Problemlösen setzt, auch anstrengend.

Der zentrale Lernnachweis ist das Lerntagebuch. Hier werden alle Aktivitäten des Schülers eingetragen. Es ist höchst individuell. Nur was selbst geschrieben oder gezeichnet wurde, möchte ich sehen. Keine Arbeitsblätter, keine Kopien, keine Lückentexte. Das Lerntagebuch soll aber auch die unterschiedlichen Lernformate widerspiegeln: Zeichnungen, (längere) Texte, Versuchsprotokolle, Tabellen, Grafiken, Messungen, Merksätze, Berechnungen. Jede Woche soll durch einen Eintrag dokumentiert werden. Alle Einträge bekommen eine Einleitung und einen Kommentar mit einem reflexiven Blick.

Bei den traditionellen Tests darf das Lerntagebuch zum Nachschlagen benutzt werden. Dafür sind doch eigentlich Aufzeichnungen da: Wenn man Probleme lösen soll (wie in einem Test), schaut man in seine Notizen. Ich weiß, dass das im Widerspruch zur Überprüfungskultur der meisten Schulen steht. Aber die Veränderung der Überprüfungsformate ist eine wichtige Bedingung für das zeitgemäße Lernen in Zeiten der Digitalität.

Währenddessen gehe ich von Tisch zu Tisch und helfe bei auftretenden Fragen: Wie bedient man das Vielfachmessgerät, wie wird das Amperemeter in den Stromkreis eingebaut, welche Skala brauche ich zum Ablesen. Ich habe Zeit, mit den einzelnen Schülern zu sprechen. Ich merke, dass vom Input am Anfang der Stunde wenig hängen geblieben ist. Auch im Lösen von Problemen sind die Schüler wenig geübt. Sie erwarten von mir sofort die Lösung. Mein Spruch in diesen Situationen: „Ich bin Lehrer und kein Vorsager“; und erläutere ihnen, dass ich sie zum eigenen Denken anregen möchte. „Mach mir einen Lösungsvorschlag, und ich sage dir, ob du auf dem richtigen Weg bist“.

Alle Dokumente habe ich in einem Ordner in unserer Kommunikationsplattform IServ gespeichert. Dort finden sich die Forschungsplan, Fotos von Tafelbildern, Übungstests und Links zu Videos und Leifiphysik. Die Handys gehören auf den Tisch, mit dem Display nach unten. Vom Klingeln zum Klingeln ist das Nutzen der Handys für unterrichtliche Zwecke erlaubt. Dazu gehört Instagram und Whatsapp nicht. Diese Regelung basiert auf gegenseitigem Vertrauen. Die Schüler fotografieren sich die Versuchsaufbauten ab, um sie in der nächsten Stunde wieder rekonstruieren zu können. Auf jedem Gruppentisch steht ein Macbook, um weitere Infoquellen zu nutzen. An der Wand hängen die QR-Codes der Internetlinks.

Ich gebe den Schülern die Möglichkeit, mit Handy und Macbook zu arbeiten. Die ersten bringen ihre eigenen Tablets mit. Ist das jetzt Digitales Lernen? Das Lerntagebuch wird (noch) mit der Hand geschrieben, ein Schulbuch aus Papier dient zum Nachschlagen. Ein Zeitgemäßes Lernen erweitert die Möglichkeiten der Lernenden im eigenen Handeln. Es gibt ihnen Instrumente an die Hand, ihr Tun selbstständig planen und umsetzen zu können. Dazu gibt es viele internetbasierte Tools, die die Erreichung dieses Zieles erleichtern. Ein zeitgemäßes Lernen verringert die Abhängigkeit vom Lernen und weist somit auch in die Richtung einer Demokratisierung des Lernens. Dazu sind digitale Tools hilfreich, aber sie sind nicht Selbstzweck.

Trotzdem trifft das Lernkonzept bei den Schülern nicht nur auf Gegenliebe. Selbstständiges Lernen ist anstrengend, man muss ja selbst Verantwortung übernehmen.

(1) Tischblätter sind Kopien, die zur Ansicht auf den Gruppentischen liegen. Sie sind mit einem T markiert und werden am Ende der Stunde wieder eingesammelt. Sie verhindern das massenhafte Kopieren und sinnlose Mappenfüllen.

(2) Wir benutzen an unserer Schule die Kommunikationsplattform IServ. Sie ist keine Lernplattform. Hier können nur Ordner gefüllt werden, auf die die Schüler Zugriff haben. Die Schüler haben auch eine eigene Ablagemöglichkeit.

(3) Forschungsplan: Elektrik 10 Forschungsplan 19

Lernen organisieren mit MeisterTask

Am Anfang des Schuljahres war die von mir in meinen Lerngruppen benutzte Lernplattform abhanden gekommen. Die Schule unterstützte die Nutzung nicht mehr. Ich war dadurch auf der Suche nach etwas neuem.

Für ein zeitgemäßes Lernen braucht man aus meiner Sicht eine Lernplattform, auf der man das Lernen für die Lerngruppe organisiert, auf die alle Lernende zugreifen können und einen individuellen Zugang zum Lernen bietet. Sie sollte mehr sein als eine einfache Dateiablage. An meiner Schule arbeiten wir mir iServ, was eine gute Kommunikation und eine Dateiablage bietet. Aber zu einer Lernplattform eignet sich eigentlich nicht.

Vor einigen Jahren habe ich einen Schülerkongress mit Trello organisiert, die Schüler_innen haben die Projektplattform gut angenommen und selbstständig ihr Projekt organisiert (siehe Beitrag von mir weiter unten). Doch Trello steht in den USA und entzieht sich dem europäischen Datenschutzrecht. Ich bin auf MeisterTask gestoßen, ebenfalls ein Projektplanungtool, das seine Server in Frankfurt stehen hat. Also habe ich in meinem Projektkurs in der Klasse 12 MeisterTask ausprobiert.

meistertask

Das Board ist Aufgebaut wie ein SCRUM-Board mit vorgefertigten Spalten offen, in Arbeit und Erledigt. Man eigene weitere Spalten hinzufügen. Jede Aufgabe bekommt eine Karte, auf der die notiert wird. Auf dieser Karte werden dann Beschreibungen, Checklisten und Dokumente hinterlegt, die für die Aufgabe nötig sind.

meistertask Aufgabe.

Nach etwas Eingewöhnung haben die Schüler_innen das Board gut angenommen. Gut ist, dass das Tool eine App hat, mit der man vom Smartphone und iPad arbeiten kann. Alle Lernaktivitäten kann ich jetzt von jedem beliebigen Ort aus vorbereiten und organisieren. Viele Lernende, die mit iPads arbeiten, geben ihre Aufgaben über das Board ab. Dafür habe ich die Spalte Abgabe eingerichtet. Es ist auch sehr wünschenswert, dass alle Lernende sehen, was ihre Mitschüler_innen gemacht haben.

Für die Projektarbeit habe ich weitere Spalten eingerichtet. Jede Projektgruppe hat eine eigene Spalte, in der sie ihre Aufgaben organisiert. Jeder kann alles sehen, und ich kann den Projektfortschritt für jede Gruppe übersehen und über die Kommentarfunktion weitere Tipps geben. In diesem Projekt arbeiten wir an der Untersuchung der Lebensbedingungen in Hamburger Stadtteilen. Bildschirmfoto 2019-09-19 um 16.10.09

Man kann jede Aufgabe einem Lernenden zuordnen. Leider ist die Zuordnung zu mehreren Schüler_innen nicht möglich. Jede_r Nutzer_in hat ein persönliches Board, auf dem er/sie sich die Aufgaben selbst organisieren kann.

MeisterTask ist in der Basisversion kostenlos. Die Pro-Version, die auch eine Teamfunktion enthält, ist dann schon mit 8,25€ pro Monat relativ teuer. Ich arbeite jetzt seit vier Wochen mit MeisterTask und mir scheint es ganz gut geeignet, Lernprojekte in einer Klasse zu organisieren. Wenn ich in den Klassenraum komme, öffne ich zuerst das Board, um in einem Stand up den Stand der Arbeit mit den Schüler_innen zu besprechen.

Ich bin gespannt auf Erfahrungen anderer Anwender.

Schnack mit Robert Habeck…

…und Lena Sophie Müller war auch dabei, als gestern die Grünen zur Diskussion um ihr neues Grundsatzprogramm mit dem Schwerpunkt Digitalisierung in die Hamburger Fabrik luden. Vorwiegend älter Menschen kamen, nur vereinzelt waren bärtige Hipster oder wollmützentragende Jugendvertreter zu sichten. Robert und Lena stellten sich den Fragen aus dem Publikum, die dann doch mehrheitlich eine eher kritische Haltung zur Digitalisierung und der sie gestaltenden Monopolisten deutlich machten.

Für mich waren die folgenden Aussagen die wichtigsten:

  1. Es geht gar nicht in erster Linie um die Digitalisierung. Sie ist erstmal weder gut noch schlecht. Es geht zuerst um die Frage in welcher Gesellschaft wollen wir leben und wie wollen wir zusammen leben. Wollen wir uns mit der zunehmenden Spaltung der Gesellschaft abfinden, wollen wir die schleichende Entsolidarisierung der Gesellschaft hinnehmen, wollen wir unsere demokratischen Strukturen verteidigen, wollen wir weiter international und global denken? Wenn diese und weitere Fragen geklärt sind, kann man klarer sehen, welchen Nutzen die Digitalisierung für diese wünschenswerte Gesellschaft bringen kann.
  2. Politik muss gestalten und regeln. Wie die Digitalisierung das Leben und die Gesellschaft verändert, darf nicht nur den Marktkräften überlassen bleiben, die im übrigen kaum existieren, da der Digitalisierungsmarkt von Monopolisten beherrscht wird. Daraus folgt, dass die Digitalisierung gestaltet werden muss, auf allen Ebenen der Gesellschaft: in der Politik, in der Schule, in der Wirtschaft,  in den Familien und in den Beziehungen. Lena brachte ein schönes Beispiel: vor der Digitalisierung in ihrer Kindheit wurde es ihr auch verboten, Micky Maus Hefte am Essenstisch zu lesen. Gleiches müsse heute auch für Handys gelten.
  3. Digitalisierung bietet viele Chancen, das Zusammenleben besser zu machen. Sehr lustig fand ich die Anmerkung von Robert, dass seit der Einführung von Dating-Plattformen die Zahl der multi-kulturellen Beziehungen gestiegen sind. Digitalisierung bietet aber auch Gefahren. Und hier gilt es: Abwägen. Das ist gar nichts Neues oder Besonderes. Man lernt es in jedem Politikkurs in der Schule. Das gab es auch schon vor der Digitalisierung. Das Neue ist allerdings, worauf Lena hinwies, dass die Geschwindigkeit der Veränderung immens hoch ist, was die Gesellschaft überfordern könnte.
  4. Die Digitalisierung macht deutlich, dass wir auf die Globalisierung des Handelns noch keine Antwort haben. Die Internetkonzerne zahlen kaum Steuern und beteiligen sich damit kaum am Gemeinwohl und den gemeinschaftlichen Kosten der Gesellschaft. Darüber kann keine noch so innovative Rhetorik von Apple, Google und Co hinwegtäuschen. An der Digitalisierung wird deutlich, dass die Lösung der aktuellen Probleme nicht mit nationalstaatlichen Konzepten, wie von vielen gefordert, gelöst werden können.
  5. Leider wurde kaum über die Bildung gesprochen. Immerhin wurde gesagt, dass die Bildungsinstitutionen den Umgang mit dem Internet und den sozialen Kommunikationsmöglichkeiten, und in Zukunft wohl auch mit dem Internet der Dinge vermitteln müssen. Dabei hilft kein „Handys raus aus der Schule“, sondern das Lernen eines klugen, nützlichen Umgangs mit diesem „Kulturzugangsgerät“. Genauso wie junge Menschen lernen, dass man sich auf die Fußballplatz anders verhalten kann als in der Schule, können sie auch lernen, das Handy in der Schule anders zu nutzen als in der Freizeit.
  6. Zur digitalen Bildung gehört auch, den Blick nicht zu verschließen gegenüber der Gefahr, das digitales Lernen zu einer Spaltung der Gesellschaft führen kann; in einen innovativen, fortschrittlichen und einen, der sich Neuerungen verweigert. Ich beobachte bei meinen vielfältigen Anwendungen digitalen Lernens, dass die Nutzung bei vielen Schülern gut ankommt und Kreativität freisetzt, dass es aber auch einen ganzen Anteil gibt, denen das Einarbeiten in Apps und Anwendungen zu kompliziert ist. Ihnen fehlt die Ausdauer, die Geduld und die Neugier, sich auf das Lernen mit digitalen Möglichkeiten auseinanderzusetzen. Darüber hinaus wird deutlich, dass mit der flächendeckenden Verteilung von Handys die Nutzung eines Computers zu Hause nicht mehr selbstverständlich ist. So sagte mir ein großer Teil meines Projektkurses in der 7. Klasse neulich, dass ein täglicher Blick in ihre Emails auf dem Schulserver für sie viel zu lästig sei.
  7. Wir seien alle noch in der „digitalen Pubertät“ sagte Lena, Jöran zitierend. Wir müssen noch vieles ausprobieren, Irrwege gehen, anecken, was alles eben zur Pubertät dazugehört. Sie gab auch Robert und den Grünen für den Programmbildungsprozess mit auf den Weg, dass die Digitalisierung kein eigenständiger Bereich der Politik sei (wie Sozialpolitik, Außenpolitik usw), sondern immer in allen Politikfeldern mitgedacht werden müsse.

Schülerkongress: Partizipation stärken

Schulerkongress(1)Am 20 Juni soll ein neues Projekt meine Profilklasse im Jahrgang 12 verlassen: der Schülerkongress. Jedes Semester der Studienstufe mache ich ein Projekt mit meiner Profilklasse, in der  fächerübergreifendes und projektartiges Lernen seinen Raum findet. Nach dem Gentrifizierungsprojekt zu Hamburger Stadtteilen im ersten Semester  bietet es sich im Jahr der Bundestagswahl an, ein Projekt zum politischen Diskurs zu entwickeln.

Schon länger wälze ich im Kopf Gedanken hin und her, wie man die Schür zu mehr eigener Aktivität bewegen kann. Zwölf Jahre Konsum-Lernen haben ihre Spuren hinterlassen. Die Schüler sitzen in der Klasse und warten auf das, was ihnen der Lehrer präsentiert. Wenn wir das immer so machen, müssen wir Lehrpersonal uns nicht über passive Schüler wundern.

Also habe ich mir die Förderung der Partizipation auf meine Agenda für das zweite Semester-Projekt geschrieben. Ich will mit den Schülern gemeinsam einen „Schülerkongress“ organisieren, auf dem die Schüler ihre Ideen und Gedanken zum politischen Geschehen austauschen können. Das Wahljahr mit der Bundestagswahl bietet sich dazu gerade an.

Im Februar habe ich diese Projektidee in meiner Klasse verkündet. Es ist mir nicht gerade Begeisterung entgegengeschlagen, zu ungewohnt ist bei den Lernenden das Format, keine klaren Vorgaben durch die Lehrer zu bekommen. Ich habe meine Haltung erläutert, dass ich eine Idee in die Klasse bringe, aber mich dann in die Rolle eines Unterstützers oder Coaches zurückziehe. Ich habe zwei Schüler als Projektleiter wählen lassen, und ihnen dann alles weitere übergeben. Ich habe mich aber nicht zurückgezogen, sondern als „aktiver Freund“ die Planungen begleitet. Ich bin auch aktiv mit Ideen hinein gegangen, aber in erster Linie als Berater der Projektleiter.

Wir haben dann ein Karten-Brainstorming durchgeführt, um die Interessen der jungen Erwachsenen in den Blick zu bekommen. Die Karten wurden auf dem Boden sortiert und mit Oberbegriffen geclustert. Aus den Oberbegriffen wurden dann die Workshopthemen. Die Schüler übernahmen die Verantwortung für die Vorbereitung der einzelnen Workshops. 45 Minuten lang werden  sich die Schüler auf dem Kongress zu einem Thema austauschen können. Jeder Teilnehmer sollte zwei Workshops besuchen können.

Wir wollten die Klassen des 10 – 12 Jahrgangs einladen. Die 13er sind schon nicht mehr an der Schule und befinden sich in der letzten Phase der Abi-Prüfungen. Die 10.Klässler sind zwar bei der Bundestagswahl nicht wahlberechtigt, auf kommunaler Ebene haben sie in Hamburg jedoch ein Stimmrecht.

In den zwei Seminarstunden pro Woche rückten wir die Tische zu einem großen „Agentur-Konferenztisch“ zusammen und planten das weitere Vorgehen. Ich eröffnete ein „Trello.com“-Board, in dem wir die Planungen dokumentieren und steuern.

Als wir im März auf Besuch bei unserem Bundestagsabgeordneten im Berliner Bundestag waren, kamen wir auf die Idee, auch Politiker einzuladen. Es sollte aber keine der üblichen Podiumsdiskussionen geben, bei denen die Schüler passiv zuhören. Es sollte um Partizipation gehen, dem Gefühl, am Diskurs teilzunehmen und gehört zu werden. Wir wollen die Poltiker einladen, aber sie sollen eher die Chance haben, den jungen Menschen zuzuhören.  So werden wir eine Talk-Runde unter dem Motto „Politiker fragen – Schüler antworten“ machen.

Der Schülerkongress soll vier Stunden dauern, von 12.00 bis 16.00 Uhr in der Schulzeit. Wie bei einem richtigen Kongress können sich die Schüler akkreditieren und bekommen ein Namensschildchen. Nach der Eröffnung durch den Schulleiter wollen wir den Talk zwischen Poltikern und Schülern auf der Bühne durchführen. Danach geht es in zwei Workshoprunden.

Wenn es gut läuft, ergeben sich aus den Workshops Forderungen, die am Ende des Kongresses zusammengefasst und beschlossen werden können. Vielleicht kann man dann ein Forderungsmanifest an die Bundestagskandidaten übergeben.

Fortsetzung folgt. Ich werde weiter von den Vorbereitungen berichten.

Projekte und digitales Lernen in der Studienstufe

Das neue Schuljahr hat begonnen und ich habe eine neue Profilklasse mit den Fächern Politik, Geografie und Seminar gestartet: Die Profilklasse MenschWelt. Ich gehe mit diesem Konzept in die dritte Runde und möchte meinen Schwerpunkte: Projekte und digitales Lernen, in diesem Profil ausbauen.

Hier ist mein Konzept: profilklasse-mw1618-planung

Ich hätte besonders Interesse an einer digitalen Austauschmöglichkeit meiner Schüler_innen mit anderen Klassen in Deutschland und Europa. Die Bearbeitung eines gemeinsamen Blogs wäre ein lohnendes Projekt.

Zurzeit bearbeiten wir ein Stadtteilprojekt: Gentrifizierung in Hamburger Stadtteilen. Weitere Projektideen wären die Organisation eines Jugendkongresses, in dem die Schüler Jungpolitiker in die Schule zur Diskussion einladen, ein Europaprojekt oder ein Projekt zum Thema Migration. Ich würde mich über Kontakte zu anderen Schulen und Lehrer_innen freuen.

Auch im digitalen Lernen würde ich gerne wieder etwas ausprobieren. In meinem Planungskonzept habe ich eine Liste verzeichnet, welche digitalen Tools ich gerne ausprobieren würde. Ein Hindernis gab es am Schuljahresanfang: Ein Bagger hat in den Ferien eine Wasserleitung gekappt, die den gesamten Keller mit Server unter Wasser gesetzt hat. Während der Server an einem anderen Standort wieder aufgebaut werden konnte, ging das WLAN mehrere Wochen nicht. Ich fand es doch schon erschreckend und überraschend, wie abhängig ich mittlerweile vom Internetzugang im Unterricht bin. Sogar das normale Drucken lief über den defekten Router und war somit nicht mehr möglich.

Aber nun kann es losgehen, alles geht wieder. Ich freue mich über weitere Projektideen für die Klassenstufen 12 und 13.

Schuljahresende

IMG_0700Nun sind die Abiturienten entlassen, die Zeugnisse geschrieben, die Notenlisten abgeschlossen. Damit scheinen die Schüler ihre Arbeit einzustellen. Ich dachte mir, ich mache noch ein paar Stunden zum Thema Suchmaschinen und Internetrecherche. Aber damit konnte ich auch keinen Blumentopf in der 7. Klasse mehr gewinnen. Die Bereitschaft, überhaupt noch den Denkapparat einzuschalten, ging gegen Null.
Da sagen doch die Neurobiologen immer, dass jedes Kind und jeder Jugendliche eigentlich lernen will. Ja, es sei sogar die Natur unseres Gehirns, dauernd zu lernen. Deshalb heißt ja auch der Untertitel meines Blogs „Lernen ist immer“. Aber für die letzten Schultage scheint das nicht zu gelten. Die Schüler wollen nur noch sich durch einen Film berieseln lassen oder am besten gleich nach Hause.
Auf meine Frage, was sie denn zu Hause am liebsten machen wollen, die Ferien werden doch noch lang genug, bekomme ich zur Antwort: an den Computer.
Aber das, was wir hier immer mit dem „digitalen Lernen“ verhandeln, ist damit wohl nicht gemeint. PokemonGo scheint eine größere Anziehungskraft zu haben.

Eine weitere Frage, die ich mir in der letzten Woche gestellt habe: Wäre die Leistung der Abiturienten bei konsequenter Anwendung digitaler Ressourcen zu verbessern gewesen? Hätte das Durchfallen einiger Schüler vermieden werden können?
Ich habe noch keine Indizien dafür gefunden. Digitale Ressourcen machen das Lernen ja nicht leichter, sondern vielleicht abwechslungsreicher, komplexer, besser erklärt. Aber die Mühe, die aufgewendet werden muss, ist genauso groß. Mir scheinen zwei eher „weiche“ Parameter für den Erfolg maßgeblich zu sein: erstens, wie gut gelingt es den Schülern, sich emotional auf die Lerngegenstände einzulassen, einen Sinn darin zu entdecken; und zweitens, wie weit schaffen sie es, sich eine „innere Struktur“ zu entwickeln, die ihnen genügend Zeit und Ausdauer zum Lernen und Arbeiten gibt.
Können digitale Ressourcen dabei helfen, diese beiden Parameter positiv zu entwickeln? Ich könnte mir hier am ehesten Lerngemeinschaften vorstellen, die sich gegenseitig bestärken und unterstützen. Aus systemischer Sicht sind Lösungen bei Problemen ja immer schon in den Personen angelegt, sie müssen nur entdeckt werden. Der Lehrersprech „Du musst…“ hilft da nicht weiter.
Ich könnte mir internetbasierte Lerngemeinschaften von 3-4 Schülern vorstellen, die Gedanken und Ergebnisse austauschen, uns die sich vor allem emotional unterstützen.
Das will ich im nächsten Schuljahr mal ausprobieren.

Klassengespräche mit backchannel

Welche Lehrende kennen es nicht: Klassengespräche finden nur mit einer Handvoll SchülerInnen statt. Diese engagieren sich interessiert und eifrig, sie wollen sich mitteilen und gehört werden. Ein anderer Teil der Klasse verhält sich passiv, hört zu, meist auch interessiert, aber zu schüchtern, sich selber zu beteiligen. Die Angst, etwas Falsches zu sagen und sich damit bloßzustellen, ist zu groß. Alle Versuche, durch gutes Zureden die Schweigsamen in die Aktivität zu bringen, sindbei mir eher gescheitert.

Ausgewählte Klassengespräche gehen in die Bewertung des Lernprozesses mit ein. Das sind meist die Gespräche, die ein Thema zusammenfassen und das Gelernte noch einmal durchdiskutieren. Ich bewerte diese Gespräche mit einem speziellen Kompetenzraster, das ich hier im Blog schon einmal vorgestellt habe; bitte unten nachschauen.

Nun versuche ich, die Inaktiven über einen backchannel an der Diskussion zu beteiligen. Todaysmeet.com ist eine Backchannel-Seite, auf der man mit dem Smartphone oder einem anderen internetfähigen Gerät Kurzbeiträge zu einer Diskussion beitragen kann. Die Beiträge erscheinen auf einer chronologischen timeline, die ich per Beamer an die Wand werfe, so dass sie jedeR mitverfolgen kann. Die Nutzung des Smartphones ist in diesen Diskussionen ausdrücklich erlaubt.

Zuletzt habe ich todaysmeet.com in einer Diskussion um die Kernspaltung eingesetzt. Nach anfänglich ungläubigen Reaktionen der Schüler („dürfen wir wirklich das Smartphone benutzten?“) hat sich etwa die Hälfte der Klasse auch über den backchannel an der Diskussion beteiligt. Es ist auch für SchülerInnen, die nicht „dran“ sind, möglich sich sofort zu beteiligen. Auch als Lehrer gebe ich mehr und mehr meine Gesprächsimpulse über todaysmeet.com: Ich werfe neue Stichworte in die Runde oder fordere die SchülerInnen auf, sich zu bestimmten Aspekten des Themas noch genauer zu äußern. In dieser Konstellation kann ich die Gesprächsleitung an die Schüler abgeben, und die Diskussion kann selbstgesteuert ablaufen.

Den backchannel kann jeder aufrufen, der die URL hat: Ich gebe der Diskussion einen Namen. Bei der Eröffnung des Diskussion kann ich entscheiden, wie lange sie sichtbar bleibt. Sie kann auch sofort nach der Diskussion wieder gelöscht werden. Für ein Nachlesen der Diskussion ist eine „Standzeit“ von einer Woche sicher sinnvoll.

Ich finde den backchannel eine sinnvolle und kreative Ergänzung für Klassendiskussionen. Sie gibt den „stillen“ Schülern eine Stimme und die Chance, sich auch an einer Diskussion zu beteiligen. Probiert es aus.