MOOCs in der Schule?

Die werkstatt.bpb hat in den Sommerwochen sich mit dem Thema „MOOCs“ beschäftigt.

https://www.bpb.de/lernen/digitale-bildung/werkstatt/211475/fazit-moocs-und-e-learning-2-0

Ich probiere ja schon seit längeren aus, wie man in der Schule selbstständige Lernformen und selbstwirksameres Lernen fördern kann. Und frage mich auch, ob MOOCs dabei helfen können.

MOOCs kommen ja aus dem universitären Bereich und ermöglichen durch verschiedene Internetressourcen die Teilnahme an Onlinekursen von außerhalb der Universität. Sie sind offen für jeden und verlangen eine hohe Eigenmotivation, um sie durchzuhalten.

Schule scheint das Gegenteil davon zu sein. Schule ist ja gar nicht offen: Die Lernenden sind in Klassen, Stundenpläne, Kurse, Fächer und Inhalte hineingesetzt, ohne selbst etwas bestimmen zu können. Diese Fremdbestimmung prägt die Lernkultur in der Schule. Wie kann man da etwas öffnen?

Vielleicht geben Online-Kurse ja die Möglichkeit, das Lernen in der Schule etwas selbstbestimmter und selbstwirksamer zu machen. Es ist  ja mittlerweile allseits anerkannt, dass sich Können und Wissen nachhaltiger bildet, wenn es selbstbestimmt erarbeitet wurde.

Ich versuche den Lernenden in „Lernplänen“ einen Überblick über ihre Lernmöglichkeiten zur Erarbeitung eines Thema zu geben. LehrerInnen nennen das meist „Unterrichtseinheiten“. Die Lernenden können dann in ihrem eigenen Rhythmus und Tempo die Lernaufgaben bearbeiten, wann und wo sie wollen. Das kann in den Lernstunden in der Schule sein, in den Studienzeiten im Stundenplan, zu Hause oder im Park. Die Lernpläne enthalten Einzelaufgaben, Partner- und Gruppenaufgaben, Puzzleaufgaben und Kreativaufgaben sowie Aufgaben zum Füllen unseres wikis und zu Diskussionen im blog. Mein Job als Lehrender ist es, für die vielfältigen Zugänge und Lernmöglichkeiten zu sorgen, Diskussionen anzuregen, Wiederholungen und Vertiefungen zu organisieren.

Ich arbeite zweigleisig: analog und digital. Die Lernpläne bekommen die SchülerInnen ausgedruckt, sie stehen auch auf der Lernplattform der Klasse. Das erarbeitete Wissen wird im Themenwiki gesammelt und Diskussionen finden im Klassenblog statt. Die Aufgaben aus den Lernplänen werden zu Hause und auch in den Lernstunden in der Schule bearbeitet. Klassische „Hausaufgaben“ erteile ich nicht mehr. Der Schwerpunkt in den Lernstunden in der Schule liegt auf dem Verarbeiten, Diskutieren, Vertiefen sowie auch das Überprüfen der Lerninhalte. Dabei spielen kooperative Lernformen eine große Rolle. Interessant wäre eine Ausweitung der Diskussionen über den Klassenraum hinaus zu anderen SchülerInnen und Schulen.

Meine SchülerInnen springen auf die Möglichkeiten des digitalen Lernens noch nicht so richtig auf. Für sie ist das schön geschriebene Heft mit den eigenen Inhalten wichtiger als eine kollektive Sammlung wie in einem Wiki. Vielleicht ist es das unbewusste Gefühl, was man im eigenen Heft geschrieben hat, besitzt man wirklich selbst. Wahrscheinlich spielt die jahrelange analoge Lernsozialisation auch eine große Rolle. Das digitale Gerät, was alle benutzen, ist das Handy. Damit werden Buchseiten abfotografiert, damit man nicht das schwere Buch mit nach Hause schleppen muss. Wenn es Handy-Apps für meine Wikiseiten gäbe, würden sie sicher mehr genutzt werden.

Wie könnten also die Perspektiven an der Schule aussehen:

  1. Die Lernbausteine einer Unterrichtseinheit werden online zur Verfügung gestellt. Dabei kann man entscheiden, ob sie nur der eigenen Lerngruppe, der Schule oder im www verfügbar ist.
  2. Der Kurs hat einen Anfang und ein Ende. Er wird durch die Lernperson begleitet, kann aber auch nach den Kursterminen selbstständig wiederholt werden. Das kann für Lernende, die krank sind, wichtig sein. Aber auch für SchülerInnen, die mal einen „Hänger“ haben, gibt es die Möglichkeit, Inhalte nachzuarbeiten.
  3. Man kann andere Klassen der eigenen oder anderer Schulen zu Diskussionen einladen. Diese Diskussionen können über einen Blog geführt werden und müssen nicht unbedingt in Echtzeit stattfinden.
  4. Es werden Zwischentests und andere Lernnachweise erstellt.

Mein Fazit bis hierher:

Elemente aus MOOCs könnten das schulische Lernen ergänzen und bereichern:

  • Das Öffnen, d.h. das zur Verfügungstellen aller Lernmaterialien und Aufgaben online. Ein „ich habe das Arbeitsblatt nicht gekriegt“ gehört der Vergangenheit an. Das gibt den SchülerInnen auch mehr Verantwortung für ihren eigenen Lernprozess.
  • Das Online Arbeiten ist eine Ergänzung und Erweiterung der Möglichkeiten des klassischen analogen Lernens im Klassenraum. Das gibt besonders SchülerInnen, die sich ungern an Klassengesprächen beteiligen, einen Teilnahmekanal.
  • Die Demokratisierung: Durch das Onlinestellen aller Lernmaterialien verringert sich die Abhängigkeit der SchülerInnen von der jeweiligen Lehrperson. Trotzdem bleibt die Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden ein wichtiger Faktor für erfolgreiches Lernen. Monika Heusinger weist auf die Bedeutung der Lernautonomie hin.

Ich freue mich auf spannende Diskussionen

Hier noch einige weiterführende Links:
bit.ly/moocis13 Hashtag: #MOOCiS http://monika-heusinger.info/blog/moocs

Klausuren am Computer schreiben?

Klausuren am Computer schreiben? Und dabei noch Internetzugang haben? Eine Bastion des deutschen Bildungstums, die handschriftliche Klausur, gerät in Gefahr? Klausuren sind vergleichbare Lernnachweise, die von allen Schülern zur gleichen Zeit unter gleichen Bedingungen geschrieben werden, damit eine objektive Vergleichbarkeit zwecks Leistungsranking möglich sei.

Ist das noch zeitgemäß? Kein Mensch würde sich heute in einem professionellen Zusammenhang eine Präsentation, ein Meeting, ein Thema vorbereiten, ohne vorher ins Internet zu schauen. Die meisten Vorberitungen würden am Computer entstehen. Da frage ich mich, warum Klausuren in der Schule immer noch per Hand geschrieben werden. Ich wollte es ausprobieren, und ermöglichte meinen Schülern der 12 Klasse das Schreiben einer Klausur im Fach Politik in einer Textdatei. Sie hatten über die Schulcomputer Zugang zum Internet, und dadurch auch Zugang zu unserem Lernraum, in dem die Wikis zum Thema abgelegt sind. Nach Fertigstellung der Klausur luden sie ihre Datei im virtuellen Lernraum hoch.

Die Grundidee besteht darin, dass es in einer Klausur nicht um (auswendig) gelernte Inhalte geht (die natürlich trotzdem nötig sind), sondern um zu zeigen, ob man politische Ideen und Konzepte darstellen, vergleichen und bewerten kann. Dieses sind Kompetenzen, die man nicht einfach aus dem Internet abschreiben kann. Die Schüler waren aufgefordert, die Ideen von klassischen politischen Konzepten (wie z.B. John Locke, siehe Bild, http://commons.m.wikimedia.org/wiki/File:John_Locke.jpg)

Ich habe  jetzt fast alle Klausuren durchgesehen. Mir ist aufgefallen, dass fast alle 4-5 Seiten geschrieben haben. Die Texte sind besser strukturiert als die handschriftlich geschriebenen. Das scheint mir auch logisch, da man in einem Textprogramm ja noch während des Schreibprozesses noch strukturieren, umstellen und ergänzen kann. Für mich ein klarer Vorteil für die Arbeit am Computer.

Es scheint mir auch, dass die Verwendung der fachlichen Begrifflichkeit sicherer ist. Benutzte Fachbegriffe kann man mit Internetzugang noch nachschlagen und sie in ihrer Bedeutung sicherer anwenden. Trotzdem bleibt in einer Klausur nicht die Zeit, unbekannte Begriffe zu recherchieren. Die Schüler müssen schon auf dem aufbauen, was sie gelernt haben.

Was mich verwundert hat, ist dass Schüler mit einer schwachen Rechtschreibung ihre Fehlerzahl nicht reduzieren konnten. Trotz einer Rechtschreibüberprüfung, die ja WORD bietet, konnte bei einigen Schülern die Qualität nicht verbessert werden. Die Gründe dafür habe ich noch nicht ergründet.

Gerade Jungen haben öfters keine fließende Handschrift und tun sich schwer mit langen Texten, die ja in Klausuren erwartet werden. Hier kann das Schreiben am Computer eine Erleichterung sein.

Bei dem Blick auf die inhaltliche Qualität muss ich feststellen, dass die Nutzung des Internets nicht automatisch eine Verbesserung darstellt. Was man vor der Klausur nicht kann, wird man auch nicht während der Klausur im Internet nachlesen können. Die Kompetenz der sprachlich strukturierten Darstellung, der Analyse kann man sich nicht im Internet anlesen, sondern ist ein Ergebnis einer lernenden Auseinandersetzung – vor der Klausur. Deshalb sehe ich die Gefahr, dass nur aus dem Internet abgeschrieben wird, als nicht sehr groß an.

Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass Schüler ihren Aufwand, eine Klausur vorzubereiten, verringern könnten, wenn sie die Möglichkeit der Internet-Nutzung während der Klausur haben. Es könnte ihnen suggerieren, alles im Internet nachsehen zu können. Aber auch das wird ein wichtiger Lernschritt sein, zu erkennen, dass dieses so nicht funktioniert.

Somit ist für mich bis hierher das Fazit, dass eine Klausur am Computer nicht automatisch bessere Ergebnisse bringt, aber im Aspekt „Struktur“ und „Begrifflichkeit“ Entwicklungsmöglichkeiten bietet.

Ich werde jetzt noch einen Schülerfragebogen entwerfen und die Schüler nach ihrem Feedback fragen. Und ich werde die organisatorischen Rahmenbedingungen für eine Klausur am Computer näher beleuchten. Dazu in einem späteren Aritikel mehr.

Hier der Fragebogen für die Schüler

Fragebogen Klausur Computer

Brauchen wir eine digitale Didaktik?

Das Digitale sind ja erst einmal nur Geräte, die die Möglichkeiten der Kommunikation erweitern und den Zugang zu Informationen vergrößern.

Einen Didaktik sollte sich weniger aus den Gerätschaften, sondern mehr aus einem Menschenbild und den Vorstellungen, wie wir Menschen lernen, ergeben.

Trotzdem werden die Möglichkeiten des Internets die Kommunikation und die Informationsbeschaffung verändern. Deshalb sollten unsere „analogen“ Didaktiken ergänzt und erweitert werden, genauso wie unser alltägliches Leben durch die digitalen Möglichkeiten erweitert wird.

Nur eines scheint mir klar: Das Internet ist fakt, ist nicht wegzudiskutieren. Deshalb ist die Ausklammerung des Internets aus der Schule, wie es häufig noch der Fall ist, wenig hilfreich und an der Realität vorbei. Die Frage ist eher, wie man mit der Realität des Internets sinnvoll umgeht. Wie alle Innovationen hat auch das Internet positve Möglichkeiten wie auch Gefahren. Und eine um das digitale erweiterte Didaktik sollte die positiven Möglichkeiten aufgreifen. Man wird ja auch nicht den Buchdruck verteufeln, auch wenn mir dieser Technologie „Mein Kampf“ gedruckt wurde, und keiner wird heute auf die Satelitenbilder in der Wettervorhersage verzichten wollen, auch wenn die Raketentechnologie für militärische Zwecke genutzt werden kann.

Auch im digitalen Lernen gehe ich von der konstruktivistischen Sichtweise davon aus, dass sich alle Menschen ein Bild von der Wirklichkeit in ihrem Bewusstsein konstruieren. Diese individuelle Sichtweise wurde schon vor dem digitalen Zeitalter entwickelt und hat zur Folge, dass Lernende (also wir alle) möglichst vielfältige Informations- und Verarbeitungsmöglichkeiten nutzen sollten, die möglichst ihren Potentialen entsprechen. Auch Schulbücher versuchen heutzutage differenzierte Lernmaterialien zur Verfügung zu stellen. Das Internet erweitert diese Möglichkeiten noch einmal deutlich.

Die Verfügbarkeit des Wissens beschränkt sich heute nicht mehr auf ein Lehrbuch und einen Brockhaus und der Worte des Lehrers, sondern das Wissen ist potentiell immer im Internet vorhanden. Die neue Herausforderung an eine Didaktik wird sein, dass das Internetwissen nicht immer in einer günstig didaktisierten Form vorliegt. Hier werden also weiter Lehrende gebraucht, die selber Material didaktisieren oder den Lernenden dabei hilft, Internetwissen sinnvoll für ihre Lernbedürfnisse aufzubereiten. Dabei spielen kollektive Lernprozesse eine wichtige Rolle. Diese sind auch keine Erfindung des Digitalen, bekommen aber durch die Informationsfülle des Internets einen neue Bedeutung und müssen in einer digitalen Didaktik eine besondere Rolle spielen. Das Internet bietet eine Fülle von Möglichkeiten, kollektiv Lernergebnisse zu erarbeiten: Wikis, Blogs, Etherpads usw.

Internet basiertes Lernen ermöglicht neue Wege im individualisierten Lernen. Es können verschiedene Wege genommen werden, und dank interaktiver Tools können die Ergebnisse zusammenfügt und verglichen werden. Wie das gehen kann, sollte in einer digitalen Didaktik beschrieben werden. Portfolios und Lerntagebücher sind keine Erfindung der digitalen Welt, ermöglichen jedoch kreativere Gestaltungen.

Mit digitalen Tools können leichter den je eigene Lernprodukte hergestellt und veröffentlicht werden. Das ermöglicht ganz neue Perspektiven, wenn Lernende eigene Produkte vorstellen und teilen können und Lehrende eigene Lernmaterialien – ev. auf Basis anderer OER-Materialien – herstellen.

Das selbstständige Lernen hat neue Perspektiven mit digitalen Tools. Wenn man die Lernorganisation über digitale Lernplattformen durchführt, dreht sich die Verantwortung für das Lernen um: Vom Lehrenden zum Lernenden. Nicht mehr der Lehrende ist dafür verantwortlich, dass der Lernende die Aufgaben „bekommt“, sondern der Lernende holt sich die Aufgaben bei der Lernplattform ab. Es ist also ein Wechsel vom passiven „Bekommen“ zum aktiven „Holen“. Das trifft bei traditionell schulsozialisierten Schülern nicht immer auf Gegenliebe. Die Nieschen und Lücken, die ein traditioneller Schulbetrieb bietet fallen weg. Ein aktiver Lernpart bei den Schülern kann für sie durchaus anstrengender sein.

Fazit: Die digitalen Möglichkeiten müssen bestehende Didaktiken ausdifferenzieren und ergänzen. Sie erweitern die Möglichkeiten, ohne die Grundprinzipien des Lernens komplett auf den Kopf zu stellen. Deshalb hat das digitale Lernen keinen Selbstzweck, es ist auch nicht „moderner“. Ich glaube jedoch, dass es die Möglichkeiten deutlich erweitert.

 

Drei Jahre werkstatt.bpb

Am Donnerstag den 11.12. fand in Berlins das Auswertungstreffen zu drei Jahren zur Förderung des digitalen Lernens in der politischen Bildung statt. Eine kleine Gruppe von Teilnehmern lauschte dem Bericht der Mitarbeitern der Werkstatt.bpb über ihre Projekte in den vergangenen drei Jahren. Dabei hat sich eine beeindruckende Zahl von Projekten und interessanten Formaten angesammelt.

Anschließend entwarfen die teilnehmenden in einem „Speed design thinking“ verschiedene Visionen zur weiterarbeit, die von dem Team dankend aufgenommen wurden.

Trotzdem bleibt die die zentrale Frage ungeklärt: wie kann man die Politiklehrer und außerschulische Pädagogen von der Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit dem digitalen Wandel überzeugen? Es bleibt offen, was man eigentlich braucht, um die „digitale Gesellschaft“ auch in der Schule Wirklichkeit werden zu lassen. Ich habe das Gefühl, dass dieses kleine Projekt Werkstatt.bpb viel zu klein angelegt ist, diese Aufgabe wirklich zu schaffen. Ich weiß nicht, wie viele Politik Lehrer es in Deutschland gibt, ich schätze 25.000. Wenn man wirklich einen Wandel erzielen will, muss man in größeren Stile auf diese Personengruppe zugehen. Ein paar CDs zum Ausprobieren herauszugeben ist zwar sehr nett, aber das Ziel, einen digitalen Wandel in der politischen Bildung zu erreichen, braucht eine größere Strategie. Müssen wir nicht viel größer denken?

werkstatt.bpb.de