OER in der Schule?

Brauchen wir Open Education Ressources an der Schule?

Warten Lehrer und Schüler eigentlich auf OER?

These: OER sind nur sinnvoll, wenn sie eine positive Weiterentwicklung der Lernkultur ermöglichen.

Können freie Internet-Inhalte die subjektive Konstruktion von Wissen bei den einzelnen SchülerInnen fördern?
Wenn freie Bildungsinhalte zur Verfügung stehen, können Lernende diese direkt für sich benutze und weiter verarbeiten. Sie können sie in eigene Lerntagebücher, Heften, wikis oder Portfolios einfügen, ohne eine Urheberrechtsverletzung zu begehen. Ich glaube, dass die subjektive Re-Konstruktion von Wissen ein wirksames Lernen ermöglicht. Dabei spielt das eigene Bearbeiten eine große Rolle, und nicht nur das „Abschreiben“.

Können freie Internet-Inhalte selbst gesteuerte, autonome Lernformen fördern?
Freie Bildungsinhalte sollten nicht nur einen Informationsinhalt haben, sondern auch methodische Vorschläge für die Bearbeitung enthalten. Es wäre ein echter Fortschritt in der Autonomie des Lernens, wenn die Lernenden unabhängiger, freier, selbstständiger Agieren können. Ich glaube, dass die SchülerInnen in der Schule heute noch in extremer Unselbstständigkeit gehalten werden (Hausaufgaben werden „aufgegeben“) und sie darauf oft mit Verweigerung reagieren (eben keine Hausaufgaben machen, oder sie aus Angst vor Repression, dem Strich im roten Lehrerbüchlein, widerwillig machen). Offene Bildungsmaterialien sollten neben Inhalten auch Bearbeitungsmöglichkeiten anbieten, die die Lernenden selbst aussuchen können.

Ermöglichen freie Inhalte kooperatives Lernen?
Gemeinsam neue Produkte herstellen ist ein wichtiger Lernprozess. Im Team ein Projekt arbeitsteilig bearbeiten und ein gemeinsames Ergebnis produzieren scheint mir für die Vorbereitung auf das Leben wichtiger zu sein als individuelles Pauken. Die Dominanz des individuellen Lernens hat ja seinen Grund eher in der besseren Prüfbarkeit in der Schule.
Wenn Inhalte frei zu Verfügung stehen für die Weiterverarbeitung, bieten sie viele Möglichkeiten kooperativen Lernens. Ich glaube, dass hier freie Bildungsmaterialien ihre Stärke zeigen können.

Bieten freie Bildungsmaterialien Übungsmöglichkeiten, die die Lernenden selbstständig nutzen können?
Das wäre zu hoffen. Gerade mit der Perspektive des „lebenslangen Lernens“ bekommt der Aspekt selbstständige Übungsmöglichkeiten ein neues Gewicht. Hier wurde in der Session besonders auf die Kölner Geschichtsplattform „segu Geschichte“ hingewiesen. Es wäre erfreulich, wenn weitere Übungsmöglichkeiten

Geben freie Bildungsmaterialien die Chance, das Prüfungssystem zu verbessern? Ist eine Prüfungssituation ohne Nutzung des Internets nicht gerade kein „Lernen für das Leben“?
Das ist wohl noch sehr unklar. In der Schule werden ja Prüfungen für die Lernrückmeldung und für die Selektion benutzt, zwei sehr unterschiedliche Zielsetzungen. Lernrückmeldungen im Internet sind meines Wissens noch ein Neuland und beschränken sich auf Anklicklisten. Hier wäre sicher noch Arbeit zu leisten.

Können freie Bildungsmaterialien die Qualität des Lernens im Vergleich zu der Arbeit mit Schulbüchern verbessern?
Freie Bildungsmaterialen bieten nicht automatisch die Garantie für eine verbesserte Qualität. Auf der Session im educamp Berlin 13 wurden abschreckende Beispiele aus Südkorea berichtet. Die Teilnehmenden an der Session schätzten eher ein Nebeneinander von Schulbuch und freien Ressourcen aus dem Internet als Szenario für die nahe Zukunft als wahrscheinlich ein. Im Moment ist wohl die Stadt Köln am weitesten, Möglichkeiten für OER an den Schulen bereit zu stellen.

Die Idee, ein Qualitätslabel für OER zu vergeben, wurde auf der Session als eher unrealistisch eingeschätzt. Wenn etwas permanent veränderbar ist, kann man dafür kein „festes“ Label vergeben. Für die Beurteilung der Qualität muss die professionelle Beurteilungskompetenz des Lehrenden gerade stehen. Es wurde deutlich gemacht, dass für von LehrerInnen erstellte Materialien keine Genehmigung von der Schulaufsicht nötig ist, solange sie nicht in Buchform veröffentlicht werden.

Die Beurteilung der Qualität von Inhalten, Aufgaben und Lernarrangements ist ja die tägliche Aufgabe von Lehrenden, auch in der analogen Buchwelt. Man muss dauernd bewerten, welche Materialien man auswählt, auch aus Büchern. Das wird sich in der Internetwelt nicht ändern. Der Vorteil offener Bildungsmaterialien besteht darin, dass man vorhandenes verändern, ergänzen, gestalten kann.

Wird Selbstwirksamkeit für die Schüler mehr spürbar durch freie Bildungsmaterialien?
Die Möglichkeit, Bildungsinhalte aus dem Internet zu nehmen und unter einer eigenen Fragestellung neu zu verarbeiten, um damit ein neues, eigenes Produkt (Portfolio, Themenarbeit, Präsentation usw.) zu gestalten, ist sicher eines der großen Chancen von offenen Bildungsressourcen. Wenn es beim Lernen nicht nur um das „Nachvollziehen“ und „Stofflernen“ geht, kann eine Selbstwirksamkeit beim Lernen durch OER sicher erfolgreich eingesetzt werden. Die Möglichkeiten, eigene neue Produkte herzustellen, ist dann sicher grenzenlos und bieten viele Möglichkeiten der subjektiven Konstruktion von Wissen und Bildung.

Lernkultur?
Wie alle Kulturen, der Art, wie Menschen zusammen leben und arbeiten, wird sich die Lernkultur immer wandeln und weiter entwickeln. Sie ist auch immer ein Abbild der Gesellschaft, in der wir leben. In den letzten Jahren haben besonders die neuen Kommunikationsmöglichkeiten des Internets, die Erkenntnisse der Hirnforschung und auch konstruktivistische Vorstellungen die Lernkultur beeinflusst. Die Entwicklung der Lernkultur ist ein dauernder Wandlungsprozess (the road of learning is permanent under construction, Andreas Müller). Ich finde es erfreulich, dass dieser Prozess nicht mehr so stark unter ideologischen Gesichtspunkten diskutiert wird wie in den neunziger Jahren, als sich die Anhänger des gegliederten und des Gesamtschulsystems unversöhnlich gegenüber standen. Es ist erfrischend, dass es jetzt um die Möglichkeiten, und weniger um die richtigen Methoden geht.

OER – Open Education Ressources: Haben wir in der Schule darauf gewartet?

OER – Ein neues faszinierendes Kürzel für gemeinschaftlich erstellte, offene Lerninhalte. Kein Herumschlagen mehr mit Urheberrechtsverletzungen, freie Weiterverarbeitung in Arbeitsblättern und Lernplattformen, ein Wikipedia für die Schule. Haben wir in der Schule darauf gewartet?

Das digitale Lernen bietet viele neue Möglichkeiten und Chancen. Schulbücher scheinen bei den SchülerInnen „out“ zu sein, uncool und fremdgesteuert („Hausaufgabe ist das Rechnen der Blöcke 4a-f auf Seite 164 im Mathebuch“). Die OER Diskussion umfasst den Diskurs darüber, wie wir mit Inhalten in der digitalen Lernwelt umgehen. Und dieser Diskurs kann spannend sein. Trotzdem ist zu beobachten, dass die Diskussion über OER haußtsächlich ausserhalb der Schule geführt wird.

Trotzdem frage ich mich, ob das das zentrale Problem in der Schule ist, das Problem von LehrerInnen und SchülerInnen. Es mangelt den Schulen ja nicht an Inhalten. Ich sehe das Problem eher darin, dass die Bedeutung von Inhalten in der Schule viel zu schwer wiegt und der Prozess, das „WIE“ des Lernens, zu sehr im Hintergrund liegt. Gymnasiasten werden durch das G8 gejagt, Inhalte und „Stoff“ muss „durchgenommen“ werden, Lehrpläne abgearbeitet, und in der Oberstufe wundert man sich dann, was die SchülerInnen alles nicht können.

Kann dieses Problem durch OER gelöst werden?

OER hat nur eine Chance, wenn es das „WIE“ des Lernens, die Lernkultur, mit verhandelt. Es kann bei OER nicht nur um die digitalte Bereitstellung von Inhalten gehen, sondern OER muss auch eine Weiterentwicklung der Lernkultur ermöglichen. Diese Lernkultur müsste folgende Eckpunkte haben:

* Potentialentwicklung: Von dem Können der Lernenden ausgehend und bestärkend
* Kooperativ und kollaborativ: Lernen ist eine soziale Angelegenheit und in der Gemeinschaft nachhaltiger
* Autonome Lernformen: Eine Lernkultur unterstützt die Bedürfnisse der Lernenden nach Autonomie
* Produktorientiert: Durch das Lernen und den Lernprozess entstehen schöne Produkte
* Erfahrungen: Lernen ist mehr als nur Wissen anhäufen. Erfahrungen machen ist ein wichter Faktor für erfolgreiches Lernen
* Rückmeldung und Begleitung: Lernen braucht Begleitung durch Experten (in der Schule die LehrerInnen). Die Rückmeldung zum Lernprozess darf sich nicht nur auf das Wissen (Noten) beziehen. Sie soll eine Beschämung der Lernenden vermeiden.

Wenn OER in der Schule eine Chance haben soll, dann müssen die LehrerInnen mit ins Boot geholt werden. Es muss deutlich werden, wie OER die Gestaltung von Lernsituationen von LehrerInnen erleichtert. Sonst sind die anderen Aufgaben in der Schule, die in den letzten Jahren dort hineingetragen wurden, wie

* Inklusion
* Übernahme von Erziehungsaufgaben von der Familie
* Ganztagsschule
* hoher Leistungsdruck auf SchülerInnen

nicht zu bewältigen.

Potentialentfaltung in der Oberstufe?

Zentralabitur in allen Fächern in Hamburg.

Das erste Mal wird es zentrale Aufgaben im Abitur 14 in (fast) allen Fächern geben. Muss man in einer solchen Situation nicht seine Schüler nur auf diese Klausuren vorbereiten? Nur noch „learning for the test“?

Nein, ich meine im Gegenteil. Weil wir Lehrer nun auch die Aufgaben nicht kennen, müssen wir die SchülerInnen auf breiter Basis darauf vorbereiten, Probleme zu lösen. Das geht nur, wenn sie das Vertrauen darin haben, was sie können. Sie sollten in der Oberstufe also gelernt haben, ihre Potentiale zu entfalten. Nur Wissen anzuhäufen, scheint mir zu kurz gesprungen. Gerade bei den Themen, die in meinem Fach Politik-Gesellschaft-Wirtschaft ausgeschrieben sind, ist die Informationsmenge so groß, dass man eigentlich gleich kapitulieren kann.

Ich glaube, dass man die Potentiale der SchülerInnen fördert, in dem man das Lernen stärker in die Selbstverantwortung der Lernenden legt. Man sollte Lernangebote bieten, die eine offene Lösung ermöglichen. Keine fertigen Lösungen vorgeben, sondern Lernaufgaben so stellen, dass eine aktive und kreative Auseinandersetzung mit dem Lerngegenstand möglich wird.

Weniger ist manchmal mehr: Wenn wir nur Inhalte „durchprügeln“, kommt die Potentialentfaltung zu kurz. Diese braucht auch Zeit für Planung und Strategie, genauso wie Zeit für die Reflexion. Die Reflexion scheint mir ein zentrales Instrument für die Potentialentwicklung zu sein.

Ich halte deshalb auch im Abiturjahr an der Arbeit an Semesterprojekten fest. In diesen Projekten können die Schüler weitgehend selbstbestimmt Themen bearbeiten. Ich als Lehrer gehe in die Rolle des Prozessbegleiters. Meine Schüler haben sich sogar gewünscht, die Bedeutung in der Notenbepunktung noch zu verstärken, weil sie gerne viel Arbeit in die Semesterprojekte investieren.

Beispiele für Semesterprojekte finden sich hier:

http://blogs.hamburg.schulcommsy.de/276082_3264314/2013/08/04/semesterprojekt-gentrifizierung-in-hamburgs-stadtteilen/

 

„Ich bin superwichtig“? wirklich?

http://www.zeit.de/2013/02/Paedagogik-John-Hattie-Visible-Learning

Der Lehrer – und die Lehrerin – sind die entscheidenden Faktoren für ein erfolgreiches Lernen, lese ich in dem ZEIT-Artikel über den neuseeländischen Bildungsforscher John Hattie. Internetbasiertes Lernen schadet nichts – bringt aber auch nichts. Nun habe ich in letzter Zeit versucht, mich als zentralen Akteur des Unterrichts zurückzunehmen und versucht, den SchülerInnen Raum und Hilfen für das selbstständige Lernen an die Hand zu geben. Und dazu habe ich auch noch die Tools des Web 2.0 benutzt.

Alles falsch gemacht? Bei näherer Überlegung sehe ich aber gar nicht mehr so viele Widersprüche zu den empirischen Erkenntnissen aus den Studien von Hattie. Zwar hat Hattie ein Ranking zur Wirksamkeit von Lernmethoden aufgestellt, aber entscheidend bleibt doch der sinnvolle Methoden-Mix. Und da hilft die Bewertung von Hattie wirklich weiter. Die für die Lerngruppe sinnvolle Auswahl von Lernmethoden und die individuelle Anpassung an die einzelnen Schüler verlangt die Kunst des Lehrers und der Lehrerin. Und hier hat der Satz aus dem ZEIT-Artikel seine Richtigkeit: „Auf den guten Lehrer kommt es an“. Die geschickte Kombination aus verschiedenen Zugängen zum Lernen inszeniert die Lehrperson. Sie bietet ein breites Repertoir an Lernmöglichkeiten an. Sie gibt Feedback und bestärkt und lobt bei den Lernfortschritten. Und sie weiß um die Wirksamkeit von den Lernmethoden. In diesem Sinne muss der Lehrer „gut sein“.

Was an unseren Schulen wirklich fehlt, ist die offene Diskussion der Qualität von Unterricht und Lernsituationen. Die meiste Zeit wird über Inhalte gesprochen – und was die Schüler nicht gelernt haben. Fast nie wird über die Qualität von Unterrichtsarrangements und Lehrerhandeln gesprochen. Jeder steht allein in der Klasse. Kollegiale Hospitationen scheinen bei dem eng getackteten Stundenplan kaum möglich. Und wir haben kaum Instrumente, unser eigenes Handeln zu reflektieren und auszuwerten.

Hier sehe ich die große Chance: Lasst uns über Qualität des Lernens an der Schule sprechen. Welche Dinge befördern das Lernen, welche behindern sie? Wie können wir unser eigenes Handeln verbessern, wie können wir als Organisation besser werden? Woran können wir erkennen, ob wir gut sind und wo wir uns verbessert haben?

»Ein guter Lehrer sieht den eigenen Unterricht mit den Augen seiner Schüler«, sagt Hattie.

Welche Oberstufe wollen wir sein?

oder: Wie lernen und arbeiten wir in Zeiten des Zentralabiturs?

Bankwerbung: Wir machen den Weg frei.

Macht das Zentralabitur in allen Fächern das Leben nicht leichter?
Ein zielgerichtetes Hinarbeiten auf das Bestehen einer Abiturprüfung mit klaren inhaltlichen Rahmen? Keine eigene Prüfungsthemenfindung mehr und auch kein lästiges Prozedere der Themenprüfung? Die Inhalte kommen wieder in den Vordergrund!

Aber!
Was wird aus dem projektbezogenem Lernen, das in den Profilen stattfinden soll? Was wird aus dem methodischen und fächerverbindenden Lernen, für das das Seminar steht (einige Schulen schaffen das Seminarfach im Hinblick auf das Zentralabitur schon ab). Was ist mit den Zielen eines demokratischen, selbstverantworteten Lernens?

Ich glaube, wir sollten uns durch das Zentralabitur die „Pferde nicht scheu machen“ lassen. Wir sollten bei allen fachlichen Anforderungen und den vollen Inhaltskatalogen das wesentliche Ziel nicht  aus den Augen verlieren:

Wenn wir den jungen Menschen einen Raum und eine Begleitung bieten, mit denen sie sich zu selbstbewussten, in ihre Fähigkeiten und ihre Potentiale vertrauenden Menschen entwickeln, dann kann das Zentralabitur seine Bedrohung verlieren. Was braucht es, um dieses Ziel gelingen zu lassen?

Zu aller erst braucht es eine Haltung, mit der die Potentiale der jungen Leute herausgelassen werden. Diese Potentiale sind nicht sofort sichtbar und meist auch nicht an schulischen Kriterien zu messen. Die Frage: „Was kannst  du schon gut?“ ist der Schlüssel für weiteres Lernen. Auch wenn wir bei den SchülerInnen oft „Defizite“ feststellen, die aus dem Lernen der Sekundarstufe 1 eigentlich mitgebracht werden sollten, hilft ein Fixieren auf dieses Fehlen nicht weiter. Erst ein Anerkennen der Potentiale der SchülerInnen macht den Weg frei, Defizite aufzuarbeiten.

Eine weitere wichtige Haltung ist die Erkenntnis, dass Lernen nicht linear erfolgt. „Wir haben das letzte Stunde gehabt“ scheint keine Gelingensstrategie zu sein. Zu viele Störfaktoren beeinflussen das lineare Lernen. Es muss  viele Möglichkeiten geben, die Dinge zu lernen, viele Wege eröffnet werden. Achtung! Ich spreche mich nicht gegen eine gut strukturierte Lernsituation (Unterricht) aus – im Gegenteil. Sie sollte aber viele Möglichkeiten enthalten. Deshalb erscheint mir eine Methodendiskussion, die in den vergangenen Jahrzehnten oft geführt wurde, für müßig. Ich glaube nicht, dass es die Methode gibt, sondern dass die Lehrpersonen viele Methoden anbieten und die Lernenden darin begleiten, ihre richtige zu finden.

Ziel der Oberstufe sollte es sein, jungen Menschen einen Weg in eine anspruchsvolle Berufsausbildung oder ein Studium zu ermöglichen. Ihnen ein Orientierungswissen mit auf den Weg zu geben, mit dem Abitur entscheiden zu können, welchen nächsten Schritt sie gehen wollen. Dabei sollten alle fachlichen Inhalte „Mittel zum Zweck“ sein, dass die jungen Leute ihre Potentiale entdecken und entwickeln. Das Lernen von Analysis z.B. ist kein Selbstzweck, sondern sollte dazu dienen, dass sich die SchülerInnen entscheiden können, ob sie einen Beruf oder Studiengang wählen wollen, in dem die Mathematik eine Rolle spielt. Die Qualität des Mathe-Unterrichtes hat dann die Folge, ob die SchülerInnen ihr mathematischen Potentiale entwickeln können – und wollen.

Learning for the test in Zeiten des Zentralbiturs ermöglicht dieses Ziel kaum. So wird es unsere strategische Aufgabe als Lehrende sein, eine gute Ausgewogenheit von zentralen Prüfungsanforderungen und persönlichkeitsentwickelnden Lernarrangements zu finden. Hier ist wieder die pädagogische Kunst gefragt. Es muss auch nicht immer das Ziel sein, das Abitur mit 2.0 zu machen.

Potentialentwicklung mit jungen Erwachsenen

Potentialentwicklung an der Oberstufe? Da geht es doch in erster Linie um das Bestehen des Abiturs. Und dann um einen guten Notenschnitt! Also geht es in erster Linie um die Verteilung von Zukunftschancen: Wer darf Medizin und Jura studieren!

Die erste Aufgabe von Schule sollte die Entwicklung und Entfaltung von den Potentialen von jungen Menschen sein. Erst sehr nachrangig ist die Auslese und Bewertung von Schülern, um die Startchancen im Leben aufzuteilen. Wenn von Potentialentfaltung gesprochen wird, hat man in erster Linie den Wissensdurst von Kindern vor Augen, den man in der Schule aufgreifen will. Aber die jungen Leute zwischen 15 und 19, die an den Oberstufen lernen, gehen meist sehr strategisch an das Lernen heran: wie kann mit minimalem Aufwand eine möglichst hohe Punktzahl erreicht werden? Vom systemischen Standpunkt aus betrachtet ist ein solches Vorgehen auch ökonomisch. Bei 34-36 Wochenstunden hat man wenig Zeit, sich auf Interessen und Begeisterung einzulassen. Und die jungen Leute haben mit zehn Schuljahren ja auch schon reichlich Erfahrung, wie es in der Bildungsökonomie läuft.

Trotzdem mit jungen Erwachsenen an der Oberstufe Potentiale entwickeln? Ja!

Ich arbeite in meiner Profilklasse 12/13 MenschWelt (mit den Fächern PGW, Geografie) an Semesterprojekten, die es den jungen Lernenden ermöglichen soll, eigene Forschungs- und Lernschwerpunkte zu setzen. Dabei ist es immer wieder eine hohe Herausforderung, Projekte so offen zu konzipieren, dass die Lernenden eigene Gestaltungsmöglichkeiten haben, auf der anderen Seite auch die Anforderungen des Bildungsplanes abzudecken, denn ich bewege mich ja im System einer staatlichen Schule. Deshalb muss ich bei dem Projektdesign auch darauf achten, Rückmeldekriterien zu haben, die eine Bepunktung (Benotung) ermöglichen, sonst wäre die Arbeit nichts „wert“.

In der 12. Klasse habe ich die Projekte:

– Gentrifizierung in Hamburger Stadtteilen

– Europa und die Türkei (mit Studienreise nach Istanbul)

durchgeführt. Bei dem Gentrifizierungsthema wurde als Produkt ein Forschungsbericht erstellt, bei dem Europa/Türkei Thema wurde eine Stellwand mit Film oder Computerpräsentation produziert. Diese wurden auf einem Elternabend und am Kulturtag der Schule präsentiert.

Hier können die Projekte näher angesehen werden: http://blogs.hamburg.schulcommsy.de/276082_3264314/

Die SchülerInnen konnten aus meiner Sicht in den Projekten vielfältige Lernerfahrungen machen:

  • Es braucht viel Zeit, eine Arbeitsgruppe zu organisieren und mit den Emotionen umzugehen
  • Eine eigene Forschung ist mehr als nur ein paar Informationen aus dem Internet aufzuschreiben
  • Ein Projekt braucht eine gute Planung
  • Ein Projekt braucht eine gute Arbeitsteilung
  • Selbstbestimmtes Arbeiten macht viel Spaß, aber bei Problemen muss man auch mit Frust umgehen.

Aber: es geht hier nicht nur um den Prozess, sondern auch das Ergebnis ist wichtig. Daran misst sich auch das Feedback von mir als Lehrer anhand der Bewertungskriterien. Wichtig ist mir immer, dass jede Arbeit mit einer Reflexion abgeschlossen wird, die auch in die Bewertung mit einfließt.

Gerade in Zeiten des Zentralabiturs halte ich solche Projekte für besonders wichtig. Wie sollen denn sonst die jungen Erwachsenen lernen, die Probleme unserer Gesellschaft zu lösen?

Erfolgreiches Lernen?

Wann kann man von einem erfolgreichen Lernen sprechen?

In der Schule ist die Rückmeldepraxis über die Noten immer noch defizitorientiert. Nur zwei Noten geben Auskunft über ein erfolgreiches, „die Anforderungen erfüllt“, Lernen: die „2“ und die „1“. Bei Lernüberprufungen erreichen meist nur 20% der SchülerInnen diese Noten. Sind die anderen also nicht erfolgreich?

Wenn man Ziffernnoten verwenden will, sollte man die Skala umdrehen: Alle solten die Chance haben, die Basisanforderungen zu erfüllen. Darauf aufbauend kann man sich dann in Schritten denn nächsten, schwierigeren Anforderungen widmen. Jeder in seinem Tempo.

Ziel sollte es sein, allen Schülerinnen und Schülern ein erfolgreiches Lernen zu ermöglichen. Nur der Erfolg kann nach den Erkenntnissen der Neurowissenschaftlern für ein weiteres Lernen motivieren. Aufgaben können am besten so gewählt werden, dass sie zu schaffen sind. Die Schwierigkeitsgrade können dann immer weiter gesteigert werden. Das schafft Anreiz für die SchülerInnen, sich selbst herauszufordern und sich immer schwierigeren Aufgaben zu stellen.

Auch für die Lehrpersonen ist erfolgreiches Lernen sehr wichtig. Unter ihnen ist das defizitorientierte Denken immer noch sehr verbreitet. „Die Schüler können nichts, sie sind so schwach“ ist immer wieder von Lehrern zu hören. Dieses Klagen ist glaube ich so alt wie es Schule gibt. Dabei orientiert sich die „Messlatte“ immer an den Anforderungen des Faches. Das ist oft eine abstrakte Messhöhe, die sich aus der Logik des Faches ergibt.

In der Schule sollten wir jedoch Menschen, junge Menschen „unterichten“, besser: ihnen erfolgsorientierte Lernmöglichkeiten bieten. Die Fächer bieten ihnen das Handwerkszeug, um sich persönlich zu entwickeln, sich in der Welt zurechtzufinden und eigenen Entscheidungen für den eigenen Lebensweg zu treffen. Leider wird in der Schule noch viel zu oft die Fachlogik in den Vordergrund gestellt. Die Entwicklung des Kompetenzbegriffes ist schon ein Schritt in die richtige Richtung. Erfolgreiches Lernen ist also auch die Entwicklung von umfassenden Kompetenzen, in den Fächern und übergreifend.

Beim Lernen sollte es darum gehen, Potentiale zu entfalten (Gerald Hüther, Was wir sind und was wir sein könnten, 2011). Potentiale von jungen Menschen sind jedoch nicht so leicht zu erkennen und sie sind auch nicht so leicht zu messen wie Wissenshäppchen. Erfolgreiches Lernen ist also, wenn man es schafft, die Potentiale der jungen Leute zur Entfaltung zu bringen, wenn man es schafft, das was in ihnen angelegt ist, zu entwickeln. Dieses Ziel ist kaum linear planbar. Man kann nur möglichst gute Bedingungen schaffen, damit es klappt. Es zeigt sich hier, dass Lernen oft ein chaotischer, zumindestens nicht gradlinig ablaufender Prozess ist. Das was heute nicht funktioniert, kann morgen schon gehen (und umgekehrt).

In der Schule hat man wenig Vertrauen in diesen Prozess. Lernen in der Schule muss immer gemessen werden, und dann wird ein Ranking durchgeführt, damit jeder sieht, wo er in der Schule steht. Ähnlich wie bei den Rankings in den Eurostaaten werden durch eine Abstufung die Bedingungen für das Lernen nicht verbessert. Misserfolge, Niederlagen und Abstufungen sind kein „Dünger“ für das Lernen. Das Vertrauen in die jungen Menschen, erfolgreich zu sein, kann ein wichiger Antrieb für das Lernen sein.

Was macht eine erfolgreiche Oberstufe aus einer systemischen Sicht aus?

Die Schüler haben nun den Sprung in die 11. Klasse geschafft und stellen fest, dass sie sich neuen Anforderungen konfrontiert sehen. Die LehrerInnen reagieren mit dem schon oben beschriebenen Reflex: „Die Schüler sind ja gar nicht auf die Oberstufe vorbereitet“ oder „sie gehören gar nicht auf die Oberstufe“. Aus fachlicher Sicht und mit der Wissensbrille geschaut mag das auch stimmen. Aber man kann ja auch eine andere Brille aufsetzen:

Wie kann man die Potentiale der Schüler, die in die Oberstufe gekommen sind, aufnehmen und so entwickeln, dass sie für sie sinnvolle Entscheidungen zu ihrem Lebensweg fällen können? Wie kann man Lernsituationen schaffen, dass sie positive Lernerfahrungen machen können, ihre Möglichkeiten voll zur Entfaltung bringen?

Erfolg“ kann dann sehr unterschiedlich sein. Für den einen ist der Erfolg das Bestehen des Abiturs mit einem bestimmten Notenschnitt, weil er einen NC erreichen will. Für die andere ist es überhaupt das Bestehen des Abiturs ein Erfolg, weil man es ihr in der 6. Klasse überhaupt nicht zugetraut hätte. Für den nächsten ist es ein Erfolg für sich zu entscheiden, kein Abitur zu machen, weil er für sich festgestellt hat, dass das eher theoretische Lernen an einer Oberstufe nichts für ihn ist. Er will lieber eine Ausbildung machen.

Erfolg muss also individuell gesehen werden. Zum Erfolg kann auch zwischenzeitliches Scheitern gehören. Es gibt die Chance, den „Stand der Dinge“ zu sehen und ggf. die Ziele zu korrigieren. Damit kann man vielleicht realistischere Ziele anpeilen, mit denen man längerfristig erfolgreicher bleibt. Wichtig ist jedoch, die jungen Leute bei diesem Prozess zu begleiten. Wir Lehrpersonen sollten die Schüler bei der Findung ihrer Ziele beraten, ihnen dabe helfen, realistische, erfolgversprechende Ziele zu formulieren. Und ihnen Anschlussmöglichkeiten aufzeigen. Deshalb halte ich ein Lernchoaching für so wichtig für ein erfolgreiches Lernen.

 

Sehr zu empfehlen: Gerald Hüther, Was wir sind und was wir sein könnten – ein neurobiologischer Mutmacher, Franfurt/M, 2011.

 

Haben Noten eine Zukunft?

Seit ich mich mit individualisiertem Lernen beschäftige, frage ich mich, wie weit das tägliche Ranking in der Klasse eigentlich noch lernförderlich ist. Jeden Tag vergeben wir Lehrer hunderte von Noten für Mitarbeit, Hausaufgaben, Tests, Qualität der Beiträge und natürlich für Klassenarbeiten und Klausuren. Wenn ich mir vorstelle, ich wäre selbst diesem Dauerbombardement von täglicher Bewertung ausgesetzt, wird mir schlecht.

Aber Noten sind tief in der Gesellschaft verankert. Alle Menschen haben in ihrem Leben tausende von Noten bekommen, und diese Bewertung prägt vielleicht so manche Lebensrichtung. Deshalb fordern viele Eltern Noten für ihre Kinder ein. Aber vielleicht auch, weil es wenig Wissen über Alternativen gibt. Und weil es immer noch eine Hauptaufgabe der Schule ist, Lebenschancen und Berechtigungen zu verteilen. Die Berechtigung gewisse Berufe zu ergreifen, Fachschulen oder Universitäten zu besuchen. Und dass, obwohl eigentlich unstrittig ist, dass Noten kaum Fähigkeiten und Kompetenzen ausdrücken.

Ich frage mich, ob schlechte Noten wirklich lernförderlich sind. Ist der tägliche Versuch, „gerechte“ Noten in einer Klasse zu verteilen, nicht eine Scheingerechtigkeit; laufen sie dem Prinzip der Individualisierung, und damit der Akzeptanz des Ungleichzeitigen, nicht zuwider?

Meine Versuche, ein handhabbares System zur Erfassung von erreichten Kompetenzen in einer Schülergruppe zu entwickeln und dieses dann in Noten (Ziffern) auszudrücken, machen mir immer mehr deutlich, wie umöglich es ist, individuelle Lernleistungen in den Noten 1-6 auszudrücken.

Wenn wir wirklich eine Veränderung der Lernkultur erreichen wollen, dann ist es nur mit einer grundlegenden Reform der Feedbackkultur an Schule möglich. Ich sehe alle Versuche, Noten durch ergänzende Informationen anzureichern (Kommentare, Berichtszeugnisse usw.) für nicht geeignet. Wenn wir wirklich einen Paradigmenwechsel in der Lernkultur erreichen wollen, kommen wir um die Abschaffung der Noten nicht herum