Zeitgemäßes Lernen in der Praxis

Das „Guten Morgen“ kommt erst nach zehn Minuten. Manchmal dauert es auch 15 Minuten, bis alle arbeitsbereit sind. In dieser Zeit schalte ich Beamer und Computer an, stelle die Ablagekörbe mit den Tischblättern und den Versuchsbeschreibungen auf den Tisch, pinne die Listen mit den erledigten Aufgaben sowie die Feedbackbögen zu mündlicher Mitarbeit und zur Selbststeuerung des Lernens mit Magneten an die Tafel. Zwischendurch schaue ich in die Liste, wer heute als Assistenten fungieren soll. Sie müssen die Physikbücher, die Tischblätter (1), die Experimentierkästen auf die Gruppentische bringen.

Als der Beamer und der Computer hochgefahren ist, bringe ich den Forschungsplan und den Kursordner in IServ (2) auf die Leinwand. Das Foto des Tafelbildes der letzten Stunde muss ich ebenso noch aufrufen. Ganz nach vorne kommen allerdings zwei banale Sätze: „Was hast du in der letzten Stunde geschafft? Was willst du heute machen?“

Mitten im Organisieren beantworte ich noch Schülerfragen, erkundige mich nach dem Wochenende und stelle die entscheidende Frage: „Worauf wartest du? Willst du nicht mal dein Forschungstagebuch auspacken und aufschlagen?“ Ach ja, da war ja was. Die Stunde beginnt, wenn wir den Physikraum betreten, und nicht erst, wenn ich als Lehrer „Guten Morgen“ sage.

Das Lernen wieder zurück in die Verantwortung der Lernenden geben, ist eine meiner Hauptziele eines zeitgemäßen Lernens. Sie müssen selbst die Erfahrung machen, wie es sich anfühlt, selbst für das eigene Lernen verantwortlich zu sein. Wie soll sonst lebenslanges Lernen möglich sein, wenn nicht mehr ein Lehrer den Takt vorgibt. Nach zehn Jahren Belehrung kein leichtes Unterfangen. Über Jahre sind die Schüler darauf konditioniert worden, das zu tun, was der Lehrende von ihnen verlangt, und zwar in einer unmittelbaren Form für alle: “ Alle schlagen jetzt mal die Seite 275 auf und lesen den Text durch“. Da kann man praktischerweise auch mal bei Tischnachbarn nachfragen. Aber was, wenn später im Leben der Tischnachbar und der Lehrer nicht da ist, weil man sich in einem Onlinekurs selber fortbilden muss?

Deshalb ist meine Hauptmaxime: Das Lernen an die Schüler zurückgeben. Und die zweite Maxime ist: Lass sie nicht alleine.

Die ersten haben immerhin das Lerntagebuch aufgeschlagen und das Datum eingetragen. Wenige haben aufgeschrieben, was sie heute machen wollen. Dafür musste ich sie auf die Checkliste in ihrem Forschungsplan oder auf die Klassenliste an der Tafel hinweisen, auf der der Arbeitsfortschritt vermerkt ist. Jetzt kann ich „Guten Morgen“ sagen. Ich kann zur Einleitung etwas zu unserem Lernstand sagen und mache meistens einen kleinen Input zum aktuellen Thema.

Dann geht das Arbeiten in den einzelnen Tischgruppen los. Die Aufgaben haben die Schüler schon am Anfang des Schuljahres in einem Forschungsplan (3) bekommen. In ihm stehen alle Aufgaben drin, Hinweise zu den Arbeitsformen, Links ins Internet, Hinweise zur Führung des Lerntagebuchs und das Bewertungsraster.

Nur mit dem Lesen tun sich die Schüler schwer. Es ist ja bequemer, wenn sie vom Lehrer direkt instruiert werden. Aber den Gefallen tue ich ihnen nicht. Bei Fragen verweise ich entweder auf den Forschungsplan, weise auf die Buchseiten oder einfach an das Nachdenken. Wer nicht beim Vortrag zugehört hat, kann ein YouTube-Video von mir oder Kollegen anschauen. Das ist nicht beliebt bei den Schülern. Es ist ja viel einfacher, alles in kleinen Häppchen von den Lehrenden präsentiert zu bekommen. Deshalb ist zeitgemäßes Lernen, das auf eigenständiges Handeln, Selbstverantwortung, autonome Wahl der Lernformen, eigenverantwortliches Nutzen des Internets und Problemlösen setzt, auch anstrengend.

Der zentrale Lernnachweis ist das Lerntagebuch. Hier werden alle Aktivitäten des Schülers eingetragen. Es ist höchst individuell. Nur was selbst geschrieben oder gezeichnet wurde, möchte ich sehen. Keine Arbeitsblätter, keine Kopien, keine Lückentexte. Das Lerntagebuch soll aber auch die unterschiedlichen Lernformate widerspiegeln: Zeichnungen, (längere) Texte, Versuchsprotokolle, Tabellen, Grafiken, Messungen, Merksätze, Berechnungen. Jede Woche soll durch einen Eintrag dokumentiert werden. Alle Einträge bekommen eine Einleitung und einen Kommentar mit einem reflexiven Blick.

Bei den traditionellen Tests darf das Lerntagebuch zum Nachschlagen benutzt werden. Dafür sind doch eigentlich Aufzeichnungen da: Wenn man Probleme lösen soll (wie in einem Test), schaut man in seine Notizen. Ich weiß, dass das im Widerspruch zur Überprüfungskultur der meisten Schulen steht. Aber die Veränderung der Überprüfungsformate ist eine wichtige Bedingung für das zeitgemäße Lernen in Zeiten der Digitalität.

Währenddessen gehe ich von Tisch zu Tisch und helfe bei auftretenden Fragen: Wie bedient man das Vielfachmessgerät, wie wird das Amperemeter in den Stromkreis eingebaut, welche Skala brauche ich zum Ablesen. Ich habe Zeit, mit den einzelnen Schülern zu sprechen. Ich merke, dass vom Input am Anfang der Stunde wenig hängen geblieben ist. Auch im Lösen von Problemen sind die Schüler wenig geübt. Sie erwarten von mir sofort die Lösung. Mein Spruch in diesen Situationen: „Ich bin Lehrer und kein Vorsager“; und erläutere ihnen, dass ich sie zum eigenen Denken anregen möchte. „Mach mir einen Lösungsvorschlag, und ich sage dir, ob du auf dem richtigen Weg bist“.

Alle Dokumente habe ich in einem Ordner in unserer Kommunikationsplattform IServ gespeichert. Dort finden sich die Forschungsplan, Fotos von Tafelbildern, Übungstests und Links zu Videos und Leifiphysik. Die Handys gehören auf den Tisch, mit dem Display nach unten. Vom Klingeln zum Klingeln ist das Nutzen der Handys für unterrichtliche Zwecke erlaubt. Dazu gehört Instagram und Whatsapp nicht. Diese Regelung basiert auf gegenseitigem Vertrauen. Die Schüler fotografieren sich die Versuchsaufbauten ab, um sie in der nächsten Stunde wieder rekonstruieren zu können. Auf jedem Gruppentisch steht ein Macbook, um weitere Infoquellen zu nutzen. An der Wand hängen die QR-Codes der Internetlinks.

Ich gebe den Schülern die Möglichkeit, mit Handy und Macbook zu arbeiten. Die ersten bringen ihre eigenen Tablets mit. Ist das jetzt Digitales Lernen? Das Lerntagebuch wird (noch) mit der Hand geschrieben, ein Schulbuch aus Papier dient zum Nachschlagen. Ein Zeitgemäßes Lernen erweitert die Möglichkeiten der Lernenden im eigenen Handeln. Es gibt ihnen Instrumente an die Hand, ihr Tun selbstständig planen und umsetzen zu können. Dazu gibt es viele internetbasierte Tools, die die Erreichung dieses Zieles erleichtern. Ein zeitgemäßes Lernen verringert die Abhängigkeit vom Lernen und weist somit auch in die Richtung einer Demokratisierung des Lernens. Dazu sind digitale Tools hilfreich, aber sie sind nicht Selbstzweck.

Trotzdem trifft das Lernkonzept bei den Schülern nicht nur auf Gegenliebe. Selbstständiges Lernen ist anstrengend, man muss ja selbst Verantwortung übernehmen.

(1) Tischblätter sind Kopien, die zur Ansicht auf den Gruppentischen liegen. Sie sind mit einem T markiert und werden am Ende der Stunde wieder eingesammelt. Sie verhindern das massenhafte Kopieren und sinnlose Mappenfüllen.

(2) Wir benutzen an unserer Schule die Kommunikationsplattform IServ. Sie ist keine Lernplattform. Hier können nur Ordner gefüllt werden, auf die die Schüler Zugriff haben. Die Schüler haben auch eine eigene Ablagemöglichkeit.

(3) Forschungsplan: Elektrik 10 Forschungsplan 19

Selbstständiges Lernen mit Arbeitsplänen

Schüler_innen in Aktivität bringen, das ist in vielen Unterrichtsstunden ganz schön schwer. Sie erwarten motiviert, unterhalten, ermahnt zu werden. Der Antrieb zum Lernen kommt in der Schule meist von außen.
Ich möchte dieses „von-außen-motivieren“ gerne umdrehen, weil ich glaube, dass sich die Lernwirksamkeit erhöht. Ich mache mir allerdings auch keine Illusionen, dass für alle Dinge, die gelernt werden, eine intrinsische Motivation aufzubauen ist. Trotzdem sagen mit Schüler_innen immer wieder, wenn sie selbstbestimmt lernen können, haben sie mehr Spaß und sind postiver eingestellt.
Um ein selbstbestimmteres Lernen zu ermöglichen, arbeite ich seit einiger Zeit mit Arbeitsplänen. Das sind Listen von verschiedenen Aufgaben, mit denen sich die Schüler_innen ein Thema erarbeiten können. Sie beinhalten alle Aktivitäten des Lernens, in den Stunden wie auch den Hausaufgaben. Die Schüler_innen bearbeiten die Arbeitspläne selbstständig und in eingenem Tempo. Ich achte darauf, dass die Aufgaben eines Arbeitsplanes sehr abwechslungsreich sind. Übungsaufgaben in Einzelarbeit gehört genauso dazu wie die Diskussion in einer Dreiergruppe. Für mich als Aufgabengestalter hat ein Arbeitsplan auch den Vorteil, dass ich verschiedene Zugänge zu einem Thema ermögliche und eine große Bandbreite an Methoden bereit stelle.
Die Arbeitspläne werden zu einem bestimmten Zeitpunkt abgegeben, sie werden in das Abgabefach in der Klasse gelegt. Ich bewerte die Bearbeitung quantitativ: Man bekommt einen „Haken“, wenn man den AP vollständig abgegeben hat. Ich finde, dass das Erarbeiten eines Themas ein bewertungsfreier Raum sein sollte, in dem es keine Sanktionen nach sich zieht, wenn man Fehler macht. Hier sollten Fehler bewusst möglich sein.
Am Anfang meiner zwei Jahre in der Profilklasse Mensch-Welt in der 12 und 13. Klasse gab es viel Wiederstand gegen die Arbeitspläne. Es gab Abstimmungen im Klassenrat zur Abschaffung von Arbeitsplänen. Eine Zeitlang habe ich dann wieder Einzelaufgaben gestellt. Den Schüler_innen war es sehr lästig, selber für ihre Lernarbeit zuständig zu sein. Zum Abschluss der Klasse hatte sich das Meinungsbild aber gewandelt. Man schätzte die selbstständige Arbeitsform und das gute Gefühl, etwas geschafft zu haben, wenn ein Arbeitsplan beendet wurde. Bei Einzelaufgaben verschwand der Erfolg im großen Strom der täglichen Aufgaben.
Ich sehe mich mit den Arbeitsplänen auch in Einklang mit Herrn Hattie, der der Direkten Instruktion eine hohe Wirkungsmächtigkeit zugeordnet hat. Lernerfolg hängt an guten Aufgaben und daran, dass die Schüler_innen wissen, was von ihnen verlangt wird. Direkte Instruktion darf ja nicht als Aufforderung zum Frontalunterricht alter Prägung missverstanden werden.
Manchmal arbeite ich auch mit Forschungsplänen, in denen die Aufgaben für eine ganze Unterrichtseinheit aufgelistet sind. Hier ist der Selbstständigkeitsgrad nicht so hoch, aber fehlende Schüler_innen haben eine gute Möglichkeit, versäumte Aufgaben nachzuholen.
Wenn Schüler an ihren Arbeitsplänen arbeiten, mache ich keine Pause. Ich stehe dann zur Unterstützung und Hilfe zur Verfügung. Und Arbeitspläne schließen ja Diskussionen, kooperative Lernprozesse und auch Lehrervorträge nicht aus. Ich sehe sie als einen guten Beitrag zu einem schülerzentrierten Lernsetting. Gute Arbeitspläne enthalten immer eine freie Zeile, in denen sich die Schüler_innen eine selbstgestellte Aufgabe geben. Geoökosys APs Gletscher
Forschungsplan Klima 11