Besondere Herausforderung: Mit dem Rad von Stockholm nach Hamburg 

Es ist ein stetiges Auf und Ab: Kurze steile Rampen, dann wieder kurz und schnell hinunter. Links und rechts die schwedische Landschaft, wie aus dem Reiseprospekt. Kiefern, Birken, rundgeschliffene Felsen, Seen. Die Schüler*innen kämpfen sich im schweren Gang nach oben, hinunter lassen sie es rollen. Die Benutzung der Schaltung scheint noch unbekannt.

DCIM190GOPROG0084482.JPG

Aus Stockholm fahren wir noch auf tollen Radwegen heraus, den ganzen Tag auf glattem Asphalt. Aber am zweiten Tag schickt und die Outdoor-App in den Wald, mit Schotter und noch mehr Steigung. Wir schaffen nur 20km, als wir einen wunderschönen Zeltplatz im Naturschutzgebiet zu unserem Ziel erklären.

Es ist wirklich eine Herausforderung, die wir mit unseren Schüler*innen auf uns genommen haben, 1000km von Hamburg entfernt. Mieke, Bjarne und Anton haben als Oberstufenschüler sich die Herausforderung ausgedacht, ich begleite sie als Lehrer. Herausforderungen: Damit beginnt das Schuljahr an der Winterhuder Reformschule in Hamburg für die 8 – 10. Klässler jedes Jahr. Die Idee dahinter ist, dass junge Menschen mehr brauchen als nur Unterricht. Sie brauchen auch eine Möglichkeit, sich auszutesten, an ihre Grenzen zu gehen, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, Selbstwirksamkeit zu erfahren, Persönlichkeit zu entwickeln. Mit dieser Idee geht die Schule die ersten drei Wochen Radfahren, Wandern, Klettern, ins Kloster, auf die Alm, iTrainingslager für einen Tria usw.Kloster, auf die Alm, ins Trainingslager für einen Triathlon usw.

Wir sind den dritten Tag in Schweden unterwegs und meiden die Walddurchfahrten. Trotzdem müssen wir in den Wald zu den Sheltern, in denen wir übernachten wollen. Das Budget ist so knapp, dass wir nicht jeden Tag auf einen Zeltplatz gehen können. Die ersten habe starke Knieschmerzen.  Es wird langsam klar, dass wir das ambitionierte Ziel, direkt nach Hamburg zurückzufahren, mit unserem Tagesschnitt nicht erreichen werden. In Katrineholm müssen wir uns einen Plan B überlegen.

Herausforderungen sind nicht nur körperlicher Art, sondern auch das Lösen von Problemen. Wir brauchen eine neue Route. Bei den Herausforderungen machen möglichst die Schüler*innen alles selbst: Einkaufen, Kochen, sich organisieren. Bei dieser Herausforderung bieten Oberstufenschüler den Erfahrungsraum für die Kleineren an. Unsere Schüler*innen sind zwischen 13 und 14 Jahre alt. Während der ganzen Herausforderung halten die Schüler*innen über die ‚Tagesberichte‘ Kontakt zu ein Primarklasse, den Delphinen. Diese müssen die Berichte abschreiben und in das Taskcard-Board stellen, damit die Eltern und Interessierte über die Herausforderung Bescheid wissen. Die Handys sollten zu Hause bleiben.

Wir entscheiden uns, ans Kattegat nach Göteborg mit dem Zug zu fahren, der Kattegat-Leden ist deutlich leichter, kürzer und weniger bergig. Die Fahrräder werden für viel Geld mit einem Anhänger nach Göteborg gebracht, was ein ordentliches Loch in die Kasse reißt. Aber wir haben keine andere Wahl. Um 15 Uhr sind die Fahrräder am Göteborger Hauptbahnhof gepackt, pünktlich fängt es an zu regnen, und wir machen uns auf den Weg nach Süden in Richtung Mälmo.

Und die nächste Herausforderung wartet auf uns: An der touristisch geprägten Küste finden wir keinen Lagerplatz oder Kirche, die uns aufnimmt. Alles ist schon geschlossen. Für einen Campingplatz ist das Geld zu knapp. Um 21 Uhr haben wir immer noch keinen Platz, das Orgateam geht von Haustür zu Haustür und fährt die umliegenden Kirchen ab. Glücklicherweise erinnert sich ein Anwohner an ein Pfadfindercamp, das drei Shelter hat. Nach ein paar Telefonaten können wir dort schlafen.

„Am Anfang wusste ich noch nicht mal, wie man eine Isomatte zusammen rollt“, sagt ein Teilnehmer. Draußen schlafen, selber Kochen, Entscheiden, was man vom Essensbudget kauft, keine Toilette haben, Wasser im Kanister heranschleppen, Feuer machen usw. Erfahrungsräume, die Selbstsicherheit schaffen, um später in der Schule die Prüfungen selbstbewusst zu schaffen. Wir sind der Auffassung, dass Schule sich nicht nur um Deutsch, Mathe und Englisch kümmern muss, sondern das Bildung auch die Persönlichkeitsentwicklung umfasst. Dafür geben wir mit den Herausforderungen einen Erfahrungsraum.

Nach einer Woche kommen wir in Malmö an, nach einer Nacht an der Ostseeküsten fahren wir zum Fährhafen und schippern nach Travemünde. Von hier aus sind es noch zwei Fahrtage bis Hamburg. Wir schlafen noch zwei Tage in gastfreundlichen Kirchengemeinden. 20km vor Hamburg machen wir Rast im NABU-Infozentrum Duvenstedter Brook. Ein letzter Stuhlkreis für eine ausführliche Reflexion. Jeder Teilnehmende hat Namen gezogen, zu denen er ein Feedback gibt. Die Reflexion heute hat den Schwerpunkt ‚die Gruppe und ich‘. Die Themen ‚Radfahren‘ und ‚Zelten‘ haben wir schon auf der Fähre besprochen. Überraschend offen berichten die Schüler*innen über ihre Erfahrungen in und mit der Gruppe. Sie ist in den letzten drei Wochen zusammengewachsen. Zum Schluss bekommt jeder eine ‚Warme Dusche‘, viele positive Worte zu seiner Person.

Zu jeder Erfahrung gehört die Reflexion, damit aus Erfahrung auch ein Lernen wird, dass auf zukünftige Situationen anwendbar ist. Diese Reflexion muss angeleitet werden und passiert nicht von selbst. Wichtig ist, einen verbindlichen und sicheren Raum für Reflexionen zu finden. Bei uns waren die Begriffe ‚Lernkurve, Mindset und Mind-Shift‘ besonders beachtet.

Um 19 Uhr biegen wir mit lauter Musik auf den Schulhof ein, wo uns die Eltern schon erwarten. Wir haben die Herausforderung geschafft, zwar anders als geplant, aber geschafft. Das wichtigste ist aber, dass wir einen Erfahrungsraum geschaffen haben, in dem die Mitfahrenden an ihre Grenzen gehen konnten, und diese spüren und erkennen konnten.

 

 

 

Agiles Arbeiten und Sinn im Lernen

Viele Schüler*innen sehen die Schule nur noch als Prüfungsmaschine. Sie hechten von Klausur zu Test, das dazwischen wird als notwendiges Übel gesehen. Einen Sinn können sie in dieser Konstruktion oft nicht erkennen.

Dabei wäre Sinn etwas, was wir in der Schule dringend gebrauchen können. Ein Baustein dazu, wie wir wieder Sinn in das Lernen in der Schule bringen können, ist Agiles Lernen. Das Grundkonzept habe ich schon einmal in einem vorherigen Artikel beschrieben (klick hier) und es gibt viele tolle Blogartikel zum Agilen Lernen.

Ich möchte hier meine Erfahrungen teilen, wie man mit dem Konzept des Agilen Lernens ein Angebot für einen Sinn im schulischen Lernen machen kann. Es kann nur ein Angebot sein, weil man „Sinn im Tun“ nur selber finden kann, er ist nicht durch einen Lehrplan zu verordnen. Aber als Lehrender kann ich einen Raum schaffen, dass die Schüler*innen einen Anknüpfungspunkt zu Ihren eigenen Ideen und Emotionen finden und damit ihr schulisches Lernen etwas mehr mit ihrem persönlichen Leben zu überlappen.

Erster Baustein: Im Agilen Lernen werden Produkte hergestellt, die etwas nützen. Der einfachste Nutzen kann es sein, eine Aufarbeitung der Lerngegenstände herzustellen, die bei dem nächsten Test oder Klausur helfen kann, die Aufgaben erfolgreich zu lösen. Das setzt natürlich eine Prüfungskultur voraus, in der die Schüler*innen ihre Aufzeichnungen bei den Prüfungen nutzen dürfen.

Zweiter Baustein: Agiles Lernen ist nicht linear, sondern asynchron. Es wird nicht stur ein Lernplan (Chapter 2-7) abgearbeitet, sondern die Lernenden entscheiden im Team ihre Arbeitsschritte. Eben agil, an die gerade vorhandenen Notwendigkeiten angelehnt. Wenn Schüler*innen ihre Lernwege selbst bestimmen können, trägt es zur Sinnfindung im Lernen bei. Das muss nicht heißen, dass es keine linearen Übungsphasen geben kann, sie sind aber eher ein Exkurs.

Dritter Baustein: Lernergebnisse haben einen Wert. Sie werden nicht nur zur Notenermittlung erstellt, sondern haben einen realen Wert: Sie werden ausgestellt, anderen Schüler*innen zur Verfügung gestellt, veröffentlicht usw.

Vierter Baustein: Lernen findet nicht nach einem vorgegebenen Plan statt, sondern den Plan machen die Schülerinnen in ihren Team selber. Die Schülerinnen-Team stellen ihren Backlog zusammen, erstellen Tasks und teilen die Aufgaben in ihrer Gruppe auf. Flankierend gebe ich als Lehrender inhaltliche Inputs oder Strukturierungshilfen für die Teamarbeit, z.B. in Form einer Fortschrittsliste.

Ein typischer Workflow im Agilen Lernen sieht folgendermaßen aus:

Ich erstelle einen Arbeitsplan, in dem ich den Rahmen des Lernprojekts abstecke. Darin enthalten ist das inhaltliche Thema (worum geht es?), Aufgaben und Arbeitsvorschläge (hier achte ich darauf, dass alle Anforderungsbereiche abgedeckt sind), freie Aufgaben sowie Materialien und Links.

Das zu erstellende Produkt, das das Team am Ende abgeben muss, lege ich fest oder bespreche mit der Klasse das Produkt.

Zuerst erstellen die Teams einen Backlog, sie sammeln alle Teilaufgaben auf Post-Its und kleben sie auf ein Blatt. Das kann auch die Form eines Brainstormings haben. Die Schüler*innen sammeln erste Ideen für ihr Team-Produkt (z.B. ein Dossier, ein Portfolio, eine Präsentation, einen Film usw.).

Dann geht es in den ersten Sprint: Aus dem Backlog werden die Aufgaben/Post-Its, die in dem ersten Zeitabschnitt (z.B. eine Woche) erledigt werden sollen, im Kanban-Board nach „To-Do“ verschoben. Dann wird genau geschaut, ob die Aufgaben auf den Klebezetteln auch wirklich in einem Sprint zu schaffen sind oder zu umfangreich sind (was bei Schüler*innen schnell passiert). Dann muss die Aufgabe auf mehrere Post-Its verteilt werden.

Nach diesem Schritt werden die Aufgaben im Team verteilt: Sprint-Planning. Die Tasks werden in die Spalte „Doing“ verschoben. Und dann geht die Arbeit los.

An einem festgelegten Zeitpunkt wird die Arbeit für ein Stand-up-Meeting unterbrochen: Für ca. 5 Minuten trifft sich das Team vor dem Kanban-Board und bespricht den Arbeitsstand. Dann geht die Arbeit weiter.

Am Ende des Sprints muss Zeit eingeplant werden, den Zwischen-Arbeitsstand, den Prototypen des Produkts, beim Product Owner (meist die Lehrperson) abzugeben (Sprint Review). Die Lehrenden können dann bis zur nächsten Woche (nächster Sprint) sich die Zwischenergebnisse anschauen und ein Feedback geben.

Zum Schluss trifft sich das Team und macht eine Retrospektive und schreibt stichwortartig auf, wie die Teamarbeit im Sprint gelaufen ist und was im nächsten Sprint verbessert werden soll.

In der nächsten Woche beginnt der Kreislauf von neuem. Man verabredet vorher, wieviele Sprints vorgesehen sind und wie perfekt das Produkt am Ende sein soll.

Es ist völlig egal, ob man diesen Prozess analog oder digital durchführt. Analog arbeite ich mit Flipchartpapier und gelben Post-Its, jedes Team hat ein Kanban-Board. In letzter Zeit arbeiten die Schüler*innen mehr digital, dann erstelle ich ihnen auf Taskcards ein Board, das sie sich selber gestalten.

Am besten man fängt einfach mal an und geht mit den Schülerinnen zusammen auf Entdeckungsreise in der Welt des Agilen Lernens. Die Schülerinnen werden sich freuen, selbstbestimmter Teil des Projekts zu sein.

Design Thinking in den Einstiegsprojekten an der WiR

Morgens um 9:00 Uhr, Hamburg-Winterhude, Reformschule. Sprint-Planning für 36 Schülerinnen im Einstiegsprojekt „Global|Lokal“. Acht Teams aus Schülerinnen entwickeln Prototypen für eine Verbesserung der Welt.

Auf dem großen Bildschirm im Raum steht das TaskCard-Board mit dem Kanban-Board des Projekts. Die Karten mit den Aufgaben (Tasks) werden von der Spalte „To do“ zu „Doing“ geschoben. Die Aufgaben des Projekts werden für den Tag festgelegt. Mikis und Norbert ordnen den Tag in die Phasen des „Design Thinking“ – Prozess ein. Die Teamspalten im Board zeigen die Karten mit den Ergebnissen des „Sprint-Reviews“ des Vortags an. Es werden die Ergebnisse des Vortags diskutiert, auch was noch fehlt.

Dann werden die Teams in ihr teaminternen Sprint-Planning entlassen. Sie beugen sich auf ihren iPads über ihr Board.

Wie kann man junge Menschen zu mehr Naturschutz animieren?
Wie kann man nachhaltige Produkte auch Menschen mit wenig Geld zugänglich machen?
Wie kann man den Kinderschutz verbessern?
Wie kann man eine schulinterne Plattform für Second-Hand-Kleidung aufbauen?
Wie kann man die Situation für systemrelevante Berufe verbessern?
Wie kann man einen kostengünstigen Wasserfilter bauen?
Wie kann man Klischees über die Gleichberechtigung begegnen?
Wie kann eine Stadt aussehen, die echte Gleichberechtigung ermöglicht?

Wir sind im Einstiegsprojekt „GlobalLokal“, das mit Hilfe der „Design-Thinking-Methode“ Projekte zur Verbesserung der Welt entwerfen will. An der Reformschule Winterhude in Hamburg arbeiten alle Oberstufenschüler*innen die ersten drei Wochen des Schuljahrs an besonderen Projekten außerhalb des normalen Klassenverbands.

SCRUM-Planspiel „Eine Stadt planen“

GlobalLokal führt die Schüler*innen durch den Design-Thinking-Prozess und nutzt die agilen Methoden des Scrum-Rahmenwerks. Wir orientieren uns an den Materialien aus Design Thinking in der Schule und dem Digital Innovation Handbook. Nachdem in der ersten Woche die jungen Menschen noch durch den Prozess von Projekt-Backlock, Sprint-Planning, Stand-Up-Meetings, Sprint Reviews und Retrospektiven geleitet wurden, haben sie mittlerweile eigene Teams gegründet und führen den interativen Prozess zu ihren Projekten selbstständig durch. Alle Teams haben ein eigenes Kanban-Board auf Taskcards.de erhalten.

Zum Üben haben wir ein kleines Planspiel zum agilen Planen einer Stadt durchgeführt. Dieses habe ich in einem älteren Beitrag schon einmal vorgestellt.

Der Design-Thinking Prozess

Einen weiteren Input zum Thema Projektentwicklung gab Chris von GoBanyo aus Hamburg, in dem er von der Entwicklung des Duschbus für Obdachlose berichtete (https://gobanyo.org).

Einen guten Überblick über das Arbeiten mit agilen Tools gibt es in den Materialien einer Fortbildung von Uta Eichborn und Petra Walenciak bei Zeit für Lehrer (https://www.zeitfuerdieschule.de/veranstaltungen/zeit-fuer-lehrer/), die in einer Aufzeichnung nachzusehen ist.

An der Winterhuder Reformschule gibt es gerade eine große Bereitschaft, das Lernen mit agilen Methoden in den Fokus zu stellen. Wir werden in einzelnen Fächern agil arbeiten und das Konzept des SCRUM-Rahmenwerks auf den Unterricht anwenden.

Dazu werde ich an dieser Stelle weiter berichten.

Material:
Hopp-Foundation, Design-Thinking in der Schule, freier Download
Dark Horse Innovation: Digital Innovation Playbook, Murrmann, ohne Ort

Semesterprojekte gestartet

Agile Schule steht auf einem Poster, das auf unserem Klassenbildschirm auftaucht. Der typische Kreis der Iteration, der Sprint, ist deutlich zu erkennen. Als Warm-Up gibt es eine Präsentation von Benjamin Adrion, dem ehemaligen Profi vom FC St. Pauli, in dem er das Projekt „Viva con Agua“ vorstellt.

Wir starten in den dritten Projekttag von fünf in diesem Semester. Unter der Überschrift „Mit Gemeinwohl die Welt retten!?“ erarbeiten die Schüler_innen Geschäftsideen für ein eigenes Start Up. Wir orientieren uns dabei an dem Konzept der Social Entrepreneuship Education des Vereins SEEd aus Kiel https://seed.schule . Der heutige Projekttag steht nach der Ideensammlung und der Zielgruppenanalyse im Zeichen des Geschäftsmodells. Die 13. Klasse an der Oberstufe der Winterhuder Reformschule ist jedoch nur spärlich anwesend.

Nachdem ich in meinem letzten Beitrag von der Struktur der Projekte an der Oberstufe in Hamburg-Winterhude berichtet habe, soll es heute mehr um die Schwierigkeiten und Hemmnisse bei der Entwicklung von Projektlernen an der Oberstufe gehen.

Nur etwa die Hälfte der Schüler_innen in der Klasse sind an diesem Montag morgen anwesend. Der Rest hat sich krankgemeldet, hat Arzttermine oder will lieber zu Hause arbeiten. Wenn auf dem Stundenplan „Klausurvorbereitung“ gestanden hätte, wären alle da. Das zeigt, Projektarbeit hat gegenüber klassischem Lernen an der Oberstufe, bei dem es in erster Linie um Bestehen einer Klausur und den Abi-Prüfungen geht, einen schweren Stand. Auch wenn die Schüler_innen in der Sekundarstufe I viele Erfahrungen mit Projekten und freien Lernformen gemacht haben, in der Oberstufe scheint es wieder verlernt zu sein.

Das liegt an der oberstufentypischen Struktur von Fächern, die in erster Linie von Wissenaneignung ausgehen. Diese Fächer werden getrennt voneinander unterrichtet, jedes Fach erteilt eine eigenen Note. Ziel der Oberstufe, das äußern mir gegenüber die Schüler_innen immer wieder, ist das Erreichen einer möglichst guten Abiturnote. Die Chance, sich an der Studienstufe zwei Jahre lang mit spannenden Themen vertieft auseinandersetzen zu können, wird so nicht als Privileg wahrgenommen. Bei einer Umfrage am Anfang des Schuljahres in meiner Klasse war „Durchkommen“ das vorherrschende Motto.

Der Befund für mich ist: Die Struktur der Oberstufe ist projektfeindlich. Auch wenn im Bildungsplan Kompetenzen ausgewiesen werden, orientieren sie sich doch in erster Linie am Fachwissen einzelner Fächer. Zwar wird für das Fach Seminar fächerverbindendes und -übergreifendes Lernen gefordert, die Strukturen der Oberstufe geben aber keinen Rahmen, das sinnvoll umzusetzen.

So fordert die Böll-Stifung in der Veröffentlichung „Neue Lernkultur für alle Schulen“ in dem Kapitel „Lösungsansätze“:

„Fachliche Kompetenzen zu erwerben, liefert eine Grundlage zum Verständnis der Welt. Aber erst in der Zusammenschau unterschiedlicher fachlicher Perspektiven entstehen Antworten auf die großen Zukunftsfragen wie die Entwicklung
des Weltklimas, Globalisierung und Digitalisierung sowie die Gestaltung unserer Demokratie. Erst die Verbindung von Erkenntnissen aus den Naturwissenschaften mit den Geistes- und Sozialwissenschaften führt zu Lösungsansätzen dieser Fragen. Deshalb muss der Fachunterricht um transdisziplinäre Fragestellungen erweitert werden. Dazu eignet sich insbesondere das Lernen in Projekten, die an realen Problemen ansetzen und Handlungsorientierung, praktische Erfahrung und kritische Reflexion ermöglichen. Schulen brauchen Freiräume, um ihren Unterricht entsprechend zu gestalten.“

CORNELIA VON ILSEMANN, SYLVIA LÖHRMANN, HANNELORE TRAGESER, PHILIPP ANTONY: Neue Lernkultur für alle Schulen! Impulse für ein zukunftsfähiges Bildungswesen, Herausgeberin: Heinrich-Böll-Stiftung e.V., August 2021

Daraus folgt, dass wir, solange wir ein Oberstufensystem mit Fixierung auf Noten und Abschlussprüfungen haben, das Projektlernen in dieses System integrieren müssen. Sonst wird das Projektlernen immer ein Lernen zweiter Klasse bleiben. Die Alternative wäre eine klare Trennung von Lernen und Bewerten, ein System, in dem es große bewertungsfreie Bereiche gibt, in dem Projektlernen gleichberechtigt neben fachlichem Lernen steht.

Aber auch Lehrenden verlangt der Projektunterricht eine neue Flexibilität ab. Ein großer Hemmschuh für die Umsetzung von Projektunterricht über die Fachgrenzen hinweg ist das Fehlen von Zusammenarbeitsstrukturen unter Lehrenden. Appellartig wird immer wieder die nötige Zusammenarbeit von Lehrpersonen gefordert und beworben. Die Strukturen, in denen Schule organisiert ist, behindern aber, dass diese Zusammenarbeitsstrukturen entstehen können. Nötig wären feste Koordinationszeiten der entsprechenden Fachlehrer_innen, Zeitfenster zum gemeinsamen arbeiten. Bisher hängt es aber von jeweiligen persönlichen Engagement ab, ob eine Zusammenarbeit zustande kommt, sie wird nicht systemisch angelegt. Sie wird dadurch zu einer moralischen Frage, sie sollte aber reine professionelle Frage sein.

Gesucht sind also gute Konzepte für Zusammenarbeitsstrukturen, die systemisch in den Schulalltag integriert sind. Über Erfahrungsberichte bin ich sehr dankbar.

Auch die Organisation stellt das Arbeiten in Projekten eine Schulorganisation vor Probleme. Schon der normale Stundenplan ist schon eine große Herausforderung. Wenn dann in Projekttagen aus diesem Stundenplan ausgeschert wird, ist ein hohes Maß an Kommunikation und Geduld nötig, alle Beteiligten, Lernende wie Lehrende auf den Wechsel der Organisationsstruktur vorzubereiten. An der WiR organisieren wir 5 Projekttage im Semester, die im Abstand von 2-3 Wochen je an einem Wochentag Montag bis Freitag liegen. Dadurch „spendet“ jedes Fach gleich viel Stunden in die Projekte hinein. Die „eingestreute“ Struktur der Projekttage in den Semesterablauf braucht eine rechtzeitige Ankündigung und Raumplanung, damit keine Überraschungen entstehen („Huch, heute ist Projekttag?“). An den Projekttagen bleibt der Lehrkräfteeinsatz wie im Stundenplan bestehen, nur dass die Lehrenden dann nicht „ihr“ Fach unterrichten, sondern Begleiter in den Projekten sind. Die Projektlehrer_innen steuern die Arbeit in Zeiten ihrer persönlichen Anwesenheit und sonst über Projektplanung-Tools (ich benutze ein Padlet).

Die Umsetzung von Projekten an einer Oberstufe ist kein Vorhaben, dass schnell und leicht umzusetzen ist. Man darf auch nicht erwarten, dass sie nur mit großer Begeisterung von Schüler_innen sowie Lehrer_innen aufgenommen wird.

Ich würde mich über Erfahrungen über das Arbeiten mit Projekten und einen Austausch freuen.

Beitragsbild aus der Ausstellung „Space Mission“ von Tom Sachs, die im Moment in den Deichtorhallen Hamburg zu sehen ist. https://www.deichtorhallen.de

Projekte in Zeiten des geteilten Lernens

Seit Anfang Mai sind die Schüler_innen wieder in der Schule in Hamburg. An der Oberstufe haben wir zwei Gruppen gebildet, die in vierzehntägigem Wechsel in den Schule kommen. Eine Gruppe macht Präsenzunterricht, die andere Fernunterricht. Wobei ich lieber von Lernen spreche, weil das ein aktiver Prozess ist.

Trotz dieser eingeschränkten Rahmenbedingungen wollte ich das geplante Projekt PPP (project planet protection) durchführen. Die Projektbeschreibung findet ihr in meinem vorletzten Beitrag. Ziel des Projektes ist es, konkrete kreative Lösungsmöglichkeiten für globale ökologische Probleme zu finden. Wir steuern jetzt auf die Zielgerade nach fünf Wochen zu.

Folgende Teams und Themen haben sich gefunden:

  • Regenwaldfeuer beenden
  • Desertifikation stoppen
  • Die Wüste bewässern?
  • Das Korallensterben stoppen
  • Die Umweltbedingungen im Hochgebirge verbessern (Nepal)
  • Mikroplastik im Meer verhindern
  • Mikroplastik in der Luft verringern

Meine Ziele waren:

  • Projektarbeit trotz geteilter Klassen durchführen
  • Teamarbeit ermöglichen, auch wenn nicht alle im Raum sind
  • Kreativität fordern statt nur Abarbeiten von Aufgaben
  • Eine Präsentationsform für die Ergebnisse finden

Das Projekt habe ich mit MeisterTask gesteuert. Ich habe ein Projekt angelegt, in dem ich die Aufgaben und Informationen für alle Teams zusammengestellt habe:

Dieses Board dient jedoch nur als Vorlage. Jedes Team sollte sich ein eigenes Board anlegen. Dazu konnten sich die Teams die Karten aus dem Vorlage-Board heraus kopieren und in ihr Board einfügen.

Die Projekte der einzelnen Teams in der Boardübersicht

Das Projekt habe ich nach agilen Prinzipien angelegt:

  • Es gibt eine User-Story, die die Anforderungen an das Projekt festlegt (s.u.)
  • Die Arbeit ist in Sprints organisiert, die jeweils eine Woche dauern
  • jede Aufgabe wird durch eine Karte definiert und einer Person zugeordnet
  • Der Sprint beginnt mit einem Sprint-Planning
  • Während des Sprints findet ein Stand-Up-Meeting statt
  • Am Ende des Sprints gibt es ein Sprint-Review.

Diese Arbeitsschritte müssen dokumentiert sein.

User-Story

Die User-Story habe ich mit dem digitalen Whiteboard flinga.fi erstellt:

User Story auf dem Whiteboard

Meine bisherigen Erfahrungen:

  • Sobald die Schüler_innen zurück im Präsenzlernen sind, fallen sie auch Wieder in typisches schulisches Verhalten: Sie erwarten vom Lehrer Aufgaben, bearbeiten diese und geben sie dann wieder ab
  • ein komplexeres Arbeiten mit selbsterstellten Aufgaben fällt den Schüler_innen sehr schwer
  • Das Einlassen auf eine feste Struktur (Sprints, eigenes Board usw.) ist ungewohnt. Sie sind es gewöhnt, die Struktur von den Lehrenden vorgegeben zu bekommen
  • Die Nutzung digitaler Tools bleibt fast nur auf Whats-App beschränkt. Die flexible Nutzung verschiedener Tools stößt auf Widerstand.

Projektpräsentation

Ursprünglich wollte ich eine Projektpräsentation mit einem Info-Stand in der Fußgängerzone machen. Das ist in der derzeitigen Situation unrealistisch. Da bleibt dann nur wieder die digitale Präsentation. Gerade an diesem Punkt hätte ich eine direkte Kommunikation mit anderen Menschen sinnvoll gefunden. Digitale Präsentationen haben immer eine große Distanz.

Schule in Jg. 12 in Hamburg gestartet

Auf die Minute genau saßen 11 Schülerinnen und Schüler auf ihren Einzelplätzen, stumm und erwartungsvoll schauten sie in dieser Prüfungs-Sitzordnung nach vorne. Die Chill-Musik, die ich während der Einrichtung des Raumes angemacht hatte, schien sie zu beruhigen.

Die Hälfte der Klasse 12 darf in die Schule kommen, die andere Hälfte bleibt zu Hause im Heim-Lernen. Eine Gruppe kommt eine Woche in die Schule, die andere in der zweiten – immer alternierend. Wahrscheinlich wird dieser Wechsel das Modell für die Restzeit des Schuljahres bis zu den Sommerferien.

Die Gesprächsrunde am mit den Schülerinnen und Schüler zeigte, dass sie trotzt der Sondersituation viele wichtige Erfahrungen mit sich und dem Lernen gemacht haben. Fast alle berichteten, dass sie sich erst einmal neu organisieren mussten in ihrer Arbeit. Sie habe viele Erfahrungen in ihrer Selbstorganisation gemacht. Es kam eine lange Liste von Tipps zum häuslichen Lernen zusammen.

Die meisten schätzten die neue Freiheit, sich die Arbeit selbst einteilen zu können, selbst entscheiden zu können, wann und wie sie arbeiten. Trotzdem bleibt das Lernen eher fremdbestimmt. Die Lehrenden schicken Aufgaben, Arbeitsblätter und Deadlines, die abgearbeitet und eingehalten werden müssen.

Am meisten vermissten sie den Kontakt untereinander und die Unterstützung durch die Lehrenden. Besonders in Mathe wurde das Fehlen eines erklärenden Lehrers schmerzlich vermisst. Sie berichteten auch von einer gewissen „Ödnis“, jeden Tag nur Aufgaben und Arbeitsblätter abzuarbeiten.

Wie kann ein zweigleisiges Lernen, Präsenz-Lernen und Heim-Lernen, in den nächsten Wochen aussehen?

Die klassische Version wäre, Aufgaben in das Heim-Lernen zu geben, und diese im Präsenzlernen zu besprechen und dann ein neues Thema vorzustellen, und die Lernenden wieder mit Aufgaben ins Heim-Lernen zu schicken.

Mir schwebt allerdings vor, das Präsenz-Lernen und das Heim-Lernen zu verzahnen. Ich möchte Lern-Teams bilden, die die kollaborativen Möglichkeiten des Digitalen nutzen, trotz Distanzregelungen gemeinsam an Lernprojekten zu arbeiten. Gemeinsame Dokumente, Video-Konferenzen, Lernaufgaben kollaborativ bearbeiten – das kann gut in Teams passieren, von denen ein Teil jeweils pro Woche in der Schule sind, und der andere Teil im homeoffice.

Ich möchte 2x den gleichen Inhalt bearbeiten, sondern in der Lerngruppe jede Woche ein neue Niveau anstreben. In einer Aufgabe hat ein Team von vier Schüler_innen die Aufgabe bekommen, ein Themenfeld („Savannen“) zu bearbeiten und die Ergebnisse in einem Weblog zu präsentieren. Ich habe ihnen einen Aufgabenpool zur Verfügung gestellt, den sie selbst in ihrem Team verteilen mussten.

Obwohl nur eine Halbgruppe in die Schule kommt, möchte ich das geplante Projekt „PPP – Planet Protection Project“ mit den Schüler_innen durchführen. Dabei werden kleine Teams beauftragt, Lösungskonzepte für globale ökologische Problem in verschiedenen Weltregionen zu suchen.

Ich steuere das Projekt über Meistertask. Dabei sollen jetzt die Teams ihr agiles Board selbst erstellen. Bisher habe ich das Board betreut. Ich bin gespannt, ob sich ein Projekt auch unter den Bedingungen einer Halb-und-Halb-Schule umsetzen lässt. Auf jeden Fall werden die “4Ks“, Kollaboration, Kommunikation, Kreativität und kritisches Denken gefordert werden.

Ich werde hier über den Fortgang des Projektes berichten.

Agiles Lernen in der Schule

Agiles Arbeiten scheint ganz schön hip zu sein. Hört sich auch modern und dynamisch an. In allen Bereichen, wo es um Projekte geht, wird das Wort „agil“ gerne oft benutzt. Kaum eine Stellenausschreibung, in der nicht Kenntnisse im „Agilen Projektmanagement“ gefordert werden.

Das hat mich neugierig gemacht. Kurz erzählt, kommt das agile Arbeiten aus der App-Entwicklung Anfang der 2000er Jahre. Man stellte im hochdynamischen Prozess der Programmierung fest, dass die klassischen Projektpläne zu starr für einen Prozess sind, wenn man sich laufend auf neue Anforderungen und sich verändernde Rahmenbedingungen einstellen muss.

Während des Sprints

In einem „Agilen Manifest“ wurden 2001 die Grundlagen agilen Arbeitens festgelegt:

  • Individuals and interactions over processes and tools
  • Working software over comprehensive documentation
  • Customer collaboration over contract negotiation
  • Responding to change over following a plan
  • Quelle: Projektmagazin

Kurz gesagt: Die Beziehung, der Prozess und das kreative Ergebnis stehen über Regeln, Verträge, Kontrolle und Plan.

Würde diese Haltung nicht auch für das Lernen in der Schule einen sinnvollen Paradigmenwechsel darstellen, habe ich mich gefragt.

Über die Projektplanung eines Schülerkongress an der Oberstufe bin ich an die Software Trello gekommen. Seit Anfang dieses Schuljahres benutze ich für die Planung in der Profilklasse im Jahrgang 12 das Kanban-Board von MeisterTask. Dann habe ich das Buch von Peter Brichzin u.a. Agile Schule gelesen. Dort beziehen sich die Autoren hauptsächlich auf den Informatikunterricht, mich interessieren natürlich die Möglichkeiten agilen Arbeitens im Projektunterricht. Oder: Wie kann man „normalen“ Unterricht projektorientierter gestalten?

Auf Anregung durch eine Workshop von Uta Eichborn und ihrer Kollegin auf dem Kongress BildungDigitalisierung in Berlin habe ich mit meiner Profilklasse „Artenschutz“ einen Kurzworkshop „Eine Stadt bauen“ durchgeführt. Einen Haufen Pappe, Klebe, Cuttermesser und Scheren habe ich bereitgestellt, um mit den Schüler_innen nach agilen Prinzipien eine Stadt in 90 Minuten zu bauen. Die Gruppen wurden ausgelost, Project Owner und ScrumMaster bestimmt, Handout:

Sprint 1

Die Product Owner formulierten mit der User Story die Anforderungen für die zu bauende Stadt an die Teams. Der Workshop wurde in drei gleich ablaufenden Sprints aufgeteilt, die klar zeitlich getaktet waren (siehe Handout). Die Produktionszyklen der Stadt aus Pappe wurde im Time Boxing festgelegt. Nach jedem Zyklus (Sprint) bewerteten die Auftraggeber (Product Owner) das Zwischenergebnis und gaben Tipps an die Teams. Nach drei Zyklen sollte die Stadt fertig sein und die Product Owner begutachteten die Ergebnisse.

Zentrum der Planung war das Kanban Board. Hier werden die zu erledigenden Aufgaben auf Post its geschrieben. Das Board umfasst die Spalten „to do“, „Doing“ und „done“.

Das Board

Aus dem Backlog werden die Aufgaben einer Person zugeordnet, die für sie verantwortlich ist. Im Stand up werden die Post its für den nächsten Sprint in die Spalte „to do“ geklebt. Im Sprint kommen die Kleber in die Spalte „doing“. Was fertig ist, wandert in die Spalte „done“.

Jede Gruppe führt ihr eigenes Board

In einer Doppelstunde haben die Schüler_innen beeindruckende Ergebnisse produziert. Die Arbeit war sehr konzentriert und effektiv. Durch das Timeboxing kam auch etwas sportlicher Ehrgeiz ins Spiel.

Die Ergebnisse
Die Ergebnisse

Ich finde agiles Lernen eine spannende Haltung für das Lernen in der Schule. Eine offene, kreative, flexible Haltung kommt einem individuellen Lernverständnis deutlich näher als ein Kursunterricht, in dem alle im gleichen Takt gehen müssen. Die Schüler_innen sind trotz kurzer Zeit zu guten Ergebnissen fähig.

Vielen Dank an die 12I der Stadtteilschule Niendorf in Hamburg.

Weitere interessante Beiträge zum Agilen Lernen finden sich auch auf den Seiten der Bildungspunks.

Zeitgemäßes Lernen

Bei uns an der Schule ist der Digitalpakt angekommen. Die Schulentwicklungsgruppe Digitales Lernen arbeitet an einer Umsetzungstrategie für die nächsten zwei Jahre und an einer Fortbildungs- und Transformationsstrategie. 

Transformation? 

Ich glaube, dass die Umwälzungen in der Gesellschaft so groß sind, dass es mit „wir machen mal ein – zwei Fortbildungen je 90 Minuten“ nicht getan ist. Ich glaube, dass mehr nötig ist, als ein paar iPad zu verteilen und ein paar Beamer aufzustellen und deren Funktion zu erklären. Ich glaube, dass sich Lernen und Bildung auf eine neue Ebene begibt und neu diskutiert werden muss. 

Dejan Mihajlovic aus Freiburg hat den Begriff „Zeitgemäßes Lernen“ geprägt. Ein auf den ersten Blick etwas schwammiger Begriff, wo man doch eine genaue „Didaktik des Digitalen Lernens“ erwarten würde. Was ist schon zeitgemäß, das könnte auch eine Mode sein? Aber der Begriff zeigt in seiner Offenheit die Dynamik, in der wir uns befinden. Die Lehrpläne für die Gesamtschule in Hamburg sind an der Oberstufe von 2009, da war das iPhone gerade auf den Markt gekommen. Was in diesen zehn Jahren sich entwickelt hat, weiß jeder. 

Das wird so weiter gehen. Letztlich wissen wir nicht so genau, wie es weiter gehen wird, wie die nächsten zehn Jahre aussehen werden. So scheint es, dass eine „Digitale Didaktik“ schon wieder veraltet sein könnte, wenn sie dann gebunden auf den Buchmarkt käme. Ein dynamischer Begriff wie „zeitgemäßes Lernen“ erscheint also sinnvoll. 

Dejan schreibt in seinem Artikel „Was ist Zeitgemäße Bildung?“ (1), dass für diese Bildung die gesellschaftlichen Entwicklungen dauernd neu analysiert werden müssen. Dabei liegt ein besonderer Blick auf die digitalen Entwicklungen. Die Zeitgemäße Bildung ist dabei mehr als nur das digitale. Sie zielt auf die Aufhebung des Gegensatzes von analogen und digitalen Lernen. Wenn man in den 80ern sagte „wir gehen heute ins Sprachlabor“, kann man heute nicht mehr sagen „wir gehen heute in den Computerraum“. Damit ist die Medienpädagogik als didaktischer Zweig tot. Digitale Geräte und das Internet werden integraler Bestandteil von allen Lernprozessen, wie Papier und Stift. Es gibt auch keine „Papier- und Stift-Pädagogik“. Zeitgemäße Bildung orientiert sich nach Dejan immer wieder neu an den gesellschaftlichen Entwicklungen. 

Der große Fokus ist das „Lebenslange Lernen“. Das ist nicht neu, aber auf was für ein Leben soll die Schule vorbereiten? Genaues wissen wir nicht, aber auf jeden Fall wird die Geschwindigkeit der Veränderung größer werden wird. Das wird viele Menschen vor große Anpassungsprobleme stellen (vgl. Harari, 2). Es stellt sich die Frage, ob wir mit dem heutigen Bildungskanon, der sich in den Curricula widerspiegelt, dem gerecht werden. Dabei wird es nicht helfen, einfach neue Curricula zu schreiben, sondern sich nach Systemen umzuschauen, die dynamischer auf die Veränderungen reagieren können. Alte Handlungsmuster werden nicht mehr funktionieren: Wenn in Hamburg die Mathe-Leistungen nicht zufriedenstellend sind, wird einfach eine Mathestunde draufgesattelt. Wird das die Probleme der Zukunft lösen? Wird die Maßnahme junge Menschen zu einem Ingenieur- oder Informatikstudium motivieren? Ich bin skeptisch. 

Dejan fordert, dass sich Zeitgemäßes Lernen an einem Persönlichen Lernnetzwerk (PLN) orientieren soll. Der Prozess des Lernens sollte mehr in den Fokus kommen, nicht nur die Inhalte. Auch diese Idee ist nicht neu und wurde in den letzten Jahrzehnten oft unter dem Begriff „Lernen lernen“ behandelt. Aber das Internet bietet ganz neue Möglichkeiten der Vernetzung und Verknüpfung von Lernen. Ich möchte hier den Begriff der „Selbstorganisation“ aus der Systemtheorie hinzufügen. Schule muss mit jungen Leuten Handlungsmöglichkeiten entwickeln, die ein selbstgesteuertes Lernen und leben in einer hochkomplexen digitalen Gesellschaft ermöglicht. Wir entwickeln sie nicht mit Instruktion und Unterweisung „wir machen jetzt alle Aufgabe 5“. Hier ist es die Aufgabe der Schule, die Selbstorganisation der Schüler Schritt für Schritt zu erweitern und zu entwickeln. 

In einer Zeitgemäßen Bildung lösen sich nach Dejan Fächer, Klassen, Schularten oder formale und non-formale Bildung auf. Das wird sicher der schwierigste Teil der Transformation. Nach Ken Robinson (3) ist die Schulorganisation immer noch industriellen Organisationsformen strukturiert, in Deutschland gehen sie bis auf die preußische Schulreform zurück. Aber der Blick nach Skandinavien zeigt ja, dass es geht. 

Aus meiner Sicht sollten sich auch die Lernprozesse ausdifferenzieren. Zeitgemäßer Unterricht wären für mich Lernsituationen, die einen vielfältigen Zugang zu den Lerngegenständen ermöglicht. Darin haben auch Sequenzen des Auswendiglernens oder des frontalen Vortrags ihren Platz, wenn sie in ein Angebot vielfältigen Lernens eingebettet sind. Projekte sind genauso vorhanden wie Lernkurse. Hier bietet das Internet vielfältige Möglichkeiten der Auseinandersetzung. Dem Lehrenden kommt die Aufgabe zu, die Vielfältigkeit zu strukturieren und die Lernenden bei ihrem individuellen Lernen zu beraten. Wir sollten vielfältiges Lernen ermöglichen. Wenn ein Schüler mal völlig verplant ist, kann auch die direkte Instruktion („Fang jetzt mal mit Aufgabe 5 an“) sinnvoll sein. Aber es kann kein Konzept für alle sein. Wir suchen nach Organisationsformen, wie dieses differenziert Lernangebot in einer Unterrichtsstunde gestaltet werden kann. Ein Beispiel dafür habe ich in meinem letzten Beitrag versucht zu geben. 

Einen wichtigen Widerspruch kann der Begriff Zeitgemäßes Lernen noch nicht lösen: Der Widerspruch zwischen Lernen, Lehren und Bewerten. Neue Prüfungsformate und Bewertungsmaßstäbe müssen entwickelt werden. In dieses Feld müssen wir noch viel Experimentierfreude, Nachdenken und Diskussionen stecken. Die Dauer-Bewertung in unserem Schulalltag passt überhaupt nicht mehr zu unserer komplexen Gesellschaft. Wir brauchen mehr Problemlöser als Akkordarbeiter. Auch hier folgt die Schule immer noch der industriellen Logik. 

Ich glaube, wir haben es mit einer Umwälzung – einer Transformation – des Lernens zu tun. 

(1) Dejan Mihajlovic, Was ist Zeitgemäße Bildung?, in Krommer u.a. Routenplaner Digitale Bildung, Hamburg, 2019

(2) Yuval Harari, 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert 

(3) Ken Robinson: https://youtu.be/zDZFcDGpL4U

Foto: Schülerdemonstration auf dem Kulturtag 18 an der Stadtteilschule Niendorf

Lernen organisieren mit MeisterTask

Am Anfang des Schuljahres war die von mir in meinen Lerngruppen benutzte Lernplattform abhanden gekommen. Die Schule unterstützte die Nutzung nicht mehr. Ich war dadurch auf der Suche nach etwas neuem.

Für ein zeitgemäßes Lernen braucht man aus meiner Sicht eine Lernplattform, auf der man das Lernen für die Lerngruppe organisiert, auf die alle Lernende zugreifen können und einen individuellen Zugang zum Lernen bietet. Sie sollte mehr sein als eine einfache Dateiablage. An meiner Schule arbeiten wir mir iServ, was eine gute Kommunikation und eine Dateiablage bietet. Aber zu einer Lernplattform eignet sich eigentlich nicht.

Vor einigen Jahren habe ich einen Schülerkongress mit Trello organisiert, die Schüler_innen haben die Projektplattform gut angenommen und selbstständig ihr Projekt organisiert (siehe Beitrag von mir weiter unten). Doch Trello steht in den USA und entzieht sich dem europäischen Datenschutzrecht. Ich bin auf MeisterTask gestoßen, ebenfalls ein Projektplanungtool, das seine Server in Frankfurt stehen hat. Also habe ich in meinem Projektkurs in der Klasse 12 MeisterTask ausprobiert.

meistertask

Das Board ist Aufgebaut wie ein SCRUM-Board mit vorgefertigten Spalten offen, in Arbeit und Erledigt. Man eigene weitere Spalten hinzufügen. Jede Aufgabe bekommt eine Karte, auf der die notiert wird. Auf dieser Karte werden dann Beschreibungen, Checklisten und Dokumente hinterlegt, die für die Aufgabe nötig sind.

meistertask Aufgabe.

Nach etwas Eingewöhnung haben die Schüler_innen das Board gut angenommen. Gut ist, dass das Tool eine App hat, mit der man vom Smartphone und iPad arbeiten kann. Alle Lernaktivitäten kann ich jetzt von jedem beliebigen Ort aus vorbereiten und organisieren. Viele Lernende, die mit iPads arbeiten, geben ihre Aufgaben über das Board ab. Dafür habe ich die Spalte Abgabe eingerichtet. Es ist auch sehr wünschenswert, dass alle Lernende sehen, was ihre Mitschüler_innen gemacht haben.

Für die Projektarbeit habe ich weitere Spalten eingerichtet. Jede Projektgruppe hat eine eigene Spalte, in der sie ihre Aufgaben organisiert. Jeder kann alles sehen, und ich kann den Projektfortschritt für jede Gruppe übersehen und über die Kommentarfunktion weitere Tipps geben. In diesem Projekt arbeiten wir an der Untersuchung der Lebensbedingungen in Hamburger Stadtteilen. Bildschirmfoto 2019-09-19 um 16.10.09

Man kann jede Aufgabe einem Lernenden zuordnen. Leider ist die Zuordnung zu mehreren Schüler_innen nicht möglich. Jede_r Nutzer_in hat ein persönliches Board, auf dem er/sie sich die Aufgaben selbst organisieren kann.

MeisterTask ist in der Basisversion kostenlos. Die Pro-Version, die auch eine Teamfunktion enthält, ist dann schon mit 8,25€ pro Monat relativ teuer. Ich arbeite jetzt seit vier Wochen mit MeisterTask und mir scheint es ganz gut geeignet, Lernprojekte in einer Klasse zu organisieren. Wenn ich in den Klassenraum komme, öffne ich zuerst das Board, um in einem Stand up den Stand der Arbeit mit den Schüler_innen zu besprechen.

Ich bin gespannt auf Erfahrungen anderer Anwender.

Mein Arbeitsplatz heute morgen

08.15 am U-Bahnhof. Telefonnummern austauschen, letzte Instruktionen und Fragen, dann gehen sie in Dreiergruppen los ins Projekt. Ich fahre an die Elbphilharmonie und setze mich mit schönem Blick an meinem Arbeitsplatz. Kontakt habe ich mit meinen Schülern nur über das Smartphone. Projekt Hafen.

Die Schüler des Projektkurses Hamburg#Welt haben ihre Fragelisten in der Tasche und ziehen auf ihre Tour, um eigenständig Informationen zu ihrem Thema zu sammeln. Sie gehen selbstständig in die Museen, Polizeidienststellen oder Behörden. Für die meisten ist diese Freiheit ungewohnt, sind sie doch die direkte Instruktion im Unterricht seit Jahren gewohnt. Sie sind ungeübt darin, eigene Entscheidungen zu treffen. Aber genau das ist es, was die jungen Leute der 9. Klasse brauchen: das Gefühl der Autonomie, Möglichkeiten eigener Wahl, Verantwortung für das eigene Tun übernehmen.

Wir haben sechs Teams gebildet. Jedes Team bearbeitet eine Route im Hafen und dokumentiert alles Wichtige auf dieser Strecke und erklärt es für Auswärtige. Dazu hat jedes Team noch ein übergreifendes Thema:

  • Globalisierung
  • Berufe im Hafen
  • Geschichte des Hafens
  • Umweltschutz und Elbvertiefung
  • Container

Ziel ist ein gemeinsames eBook zu erstellen. Es soll sich an einem kleinen Reiseführer orientieren. Die Schüler zeigen alles Sehenswerte auf einer Route im Hafen und erklären darüber hinaus noch ein Thema.

Fachlich stehen die Themen Globalisierung, Welthandel, technologischer Wandel, die klassischen Erdkundethemen, auf der Agenda.

Aber im Vordergrund steht das Arbeiten im Projekt: die Schüler können lernen, ihr eigenes Arbeiten zu organisieren, Selbstständigkeit zu entwickeln. Wir Lehrer beklagen ja oft, dass die Schüler zu unselbständig sind, geben ihnen aber selten Gelegenheit, diese Selbstständigkeit zu entwickeln. Dazu müssen wir aber eigene Gewohnheiten von Effizienz und Strukturiertheit hinten anstellen. Wir müssen es aushalten, dass Schüler nicht so strukturiert und effizient sind, wir ein professioneller Unterricht. Aber genau den Weg der Erfahrung müssen sie ja gehen.

„Erfahrungen machen“ ist eine seltene Kategorie in der schulischen Bildung. Es geht eher um Wissen, Können, manchmal schon um Kompetenzen. Erfahrungen beinhalten auch Umwege, Fehler, Scheitern, Überraschungen, Probleme. Aber auch neue Perspektiven, Erkenntnisse, Selbstwirksamkeit. Erfahrungen sind das, was uns weiterbringt. Bei Bewerbungsgesprächen wird ja meistens nach den Erfahrungen gefragt und nicht nach Wissen.

Trotzdem spielen Erfahrungen im schulischen Lernen noch eine untergeordnete Rolle. Das möchte ich mit dem Projektkurs ändern. Dabei muss ich es selbst aushalten, wenn das Schülerhandeln nicht so effektiv ist wie in einem linearen, kursartigen Unterricht. Ich muss es aushalten, wenn die Schüler_innen ihre Freiheit ausnutzen, um andere Dinge zu machen. Aber die Erfahrung, dann mit den Aufgaben nicht richtig voranzukommen, gehört zu den Erfahrungen auch dazu.

11 Uhr, mein Handy klingelt. Die Gruppe „Umweltschutz“ meldet sich. Der Termin bei der Hamburg Port Authority ist beendet. Eine Stunde lang haben sich die Jungen von einer Ingenieurin über die Landstromanbindung für Kreuzfahrtschiffe und die Elbvertiefung informieren lassen. Im Projekt kommen die Informationen möglichst nicht von mir als Lehrer, sondern von „realen“ Experten. Auch das ist eine ganz neue Erfahrung für die Schüler_innen.