Besondere Herausforderung: Mit dem Rad von Stockholm nach Hamburg 

Es ist ein stetiges Auf und Ab: Kurze steile Rampen, dann wieder kurz und schnell hinunter. Links und rechts die schwedische Landschaft, wie aus dem Reiseprospekt. Kiefern, Birken, rundgeschliffene Felsen, Seen. Die Schüler*innen kämpfen sich im schweren Gang nach oben, hinunter lassen sie es rollen. Die Benutzung der Schaltung scheint noch unbekannt.

Aus Stockholm fahren wir noch auf tollen Radwegen heraus, den ganzen Tag auf glattem Asphalt. Aber am zweiten Tag schickt und die Outdoor-App in den Wald, mit Schotter und noch mehr Steigung. Wir schaffen nur 20km, als wir einen wunderschönen Zeltplatz im Naturschutzgebiet zu unserem Ziel erklären.

Es ist wirklich eine Herausforderung, die wir mit unseren Schüler*innen auf uns genommen haben, 1000km von Hamburg entfernt. Mieke, Bjarne und Anton haben als Oberstufenschüler sich die Herausforderung ausgedacht, ich begleite sie als Lehrer. Herausforderungen: Damit beginnt das Schuljahr an der Winterhuder Reformschule in Hamburg für die 8 – 10. Klässler jedes Jahr. Die Idee dahinter ist, dass junge Menschen mehr brauchen als nur Unterricht. Sie brauchen auch eine Möglichkeit, sich auszutesten, an ihre Grenzen zu gehen, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, Selbstwirksamkeit zu erfahren, Persönlichkeit zu entwickeln. Mit dieser Idee geht die Schule die ersten drei Wochen Radfahren, Wandern, Klettern, ins Kloster, auf die Alm, iTrainingslager für einen Tria usw.Kloster, auf die Alm, ins Trainingslager für einen Triathlon usw.

Wir sind den dritten Tag in Schweden unterwegs und meiden die Walddurchfahrten. Trotzdem müssen wir in den Wald zu den Sheltern, in denen wir übernachten wollen. Das Budget ist so knapp, dass wir nicht jeden Tag auf einen Zeltplatz gehen können. Die ersten habe starke Knieschmerzen.  Es wird langsam klar, dass wir das ambitionierte Ziel, direkt nach Hamburg zurückzufahren, mit unserem Tagesschnitt nicht erreichen werden. In Kristineholm müssen wir uns einen Plan B überlegen.

Herausforderungen sind nicht nur körperlicher Art, sondern auch das Lösen von Problemen. Wir brauchen eine neue Route. Bei den Herausforderungen machen möglichst die Schüler*innen alles selbst: Einkaufen, Kochen, sich organisieren. Bei dieser Herausforderung bieten Oberstufenschüler den Erfahrungsraum für die Kleineren an. Unsere Schüler*innen sind zwischen 13 und 14 Jahre alt. Während der ganzen Herausforderung halten die Schüler*innen über die ‚Tagesberichte‘ Kontakt zu ein Primarklasse, den Delphinen. Diese müssen die Berichte abschreiben und in das Taskcard-Board stellen, damit die Eltern und Interessierte über die Herausforderung Bescheid wissen. Die Handys sollten zu Hause bleiben.

Wir entscheiden uns, ans Kattegat nach Göteborg mit dem Zug zu fahren, der Kattegat-Leden ist deutlich leichter, kürzer und weniger bergig. Die Fahrräder werden für viel Geld mit einem Anhänger nach Göteborg gebracht, was ein ordentliches Loch in die Kasse reißt. Aber wir haben keine andere Wahl. Um 15 Uhr sind die Fahrräder am Göteborger Hauptbahnhof gepackt, pünktlich fängt es an zu regnen, und wir machen uns auf den Weg nach Süden in Richtung Mälmo.

Und die nächste Herausforderung wartet auf uns: An der touristisch geprägten Küste finden wir keinen Lagerplatz oder Kirche, die uns aufnimmt. Alles ist schon geschlossen. Für einen Campingplatz ist das Geld zu knapp. Um 21 Uhr haben wir immer noch keinen Platz, das Orgateam geht von Haustür zu Haustür und fährt die umliegenden Kirchen ab. Glücklicherweise erinnert sich ein Anwohner an ein Pfadfindercamp, das drei Shelter hat. Nach ein paar Telefonaten können wir dort schlafen.

„Am Anfang wusste ich noch nicht mal, wie man eine Isomatte zusammen rollt“, sagt ein Teilnehmer. Draußen schlafen, selber Kochen, Entscheiden, was man vom Essensbudget kauft, keine Toilette haben, Wasser im Kanister heranschleppen, Feuer machen usw. Erfahrungsräume, die Selbstsicherheit schaffen, um später in der Schule die Prüfungen selbstbewusst zu schaffen. Wir sind der Auffassung, dass Schule sich nicht nur um Deutsch, Mathe und Englisch kümmern muss, sondern das Bildung auch die Persönlichkeitsentwicklung umfasst. Dafür geben wir mit den Herausforderungen einen Erfahrungsraum.

Nach einer Woche kommen wir in Malmö an, nach einer Nacht an der Ostseeküsten fahren wir zum Fährhafen und schippern nach Travemünde. Von hier aus sind es noch zwei Fahrtage bis Hamburg. Wir schlafen noch zwei Tage in gastfreundlichen Kirchengemeinden. 20km vor Hamburg machen wir Rast im NABU-Infozentrum Duvenstedter Brook. Ein letzter Stuhlkreis für eine ausführliche Reflexion. Jeder Teilnehmende hat Namen gezogen, zu denen er ein Feedback gibt. Die Reflexion heute hat den Schwerpunkt ‚die Gruppe und ich‘. Die Themen ‚Radfahren‘ und ‚Zelten‘ haben wir schon auf der Fähre besprochen. Überraschend offen berichten die Schüler*innen über ihre Erfahrungen in und mit der Gruppe. Sie ist in den letzten drei Wochen zusammengewachsen. Zum Schluss bekommt jeder eine ‚Warme Dusche‘, viele positive Worte zu seiner Person.

Zu jeder Erfahrung gehört die Reflexion, damit aus Erfahrung auch ein Lernen wird, dass auf zukünftige Situationen anwendbar ist. Diese Reflexion muss angeleitet werden und passiert nicht von selbst. Wichtig ist, einen verbindlichen und sicheren Raum für Reflexionen zu finden. Bei uns waren die Begriffe ‚Lernkurve, Mindset und Mind-Shift‘ besonders beachtet.

Um 19 Uhr biegen wir mit lauter Musik auf den Schulhof ein, wo uns die Eltern schon erwarten. Wir haben die Herausforderung geschafft, zwar anders als geplant, aber geschafft. Das wichtigste ist aber, dass wir einen Erfahrungsraum geschaffen haben, in dem die Mitfahrenden an ihre Grenzen gehen konnten, und diese spüren und erkennen konnten.

 

 

 

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