OER in der Schule?

Brauchen wir Open Education Ressources an der Schule?

Warten Lehrer und Schüler eigentlich auf OER?

These: OER sind nur sinnvoll, wenn sie eine positive Weiterentwicklung der Lernkultur ermöglichen.

Können freie Internet-Inhalte die subjektive Konstruktion von Wissen bei den einzelnen SchülerInnen fördern?
Wenn freie Bildungsinhalte zur Verfügung stehen, können Lernende diese direkt für sich benutze und weiter verarbeiten. Sie können sie in eigene Lerntagebücher, Heften, wikis oder Portfolios einfügen, ohne eine Urheberrechtsverletzung zu begehen. Ich glaube, dass die subjektive Re-Konstruktion von Wissen ein wirksames Lernen ermöglicht. Dabei spielt das eigene Bearbeiten eine große Rolle, und nicht nur das „Abschreiben“.

Können freie Internet-Inhalte selbst gesteuerte, autonome Lernformen fördern?
Freie Bildungsinhalte sollten nicht nur einen Informationsinhalt haben, sondern auch methodische Vorschläge für die Bearbeitung enthalten. Es wäre ein echter Fortschritt in der Autonomie des Lernens, wenn die Lernenden unabhängiger, freier, selbstständiger Agieren können. Ich glaube, dass die SchülerInnen in der Schule heute noch in extremer Unselbstständigkeit gehalten werden (Hausaufgaben werden „aufgegeben“) und sie darauf oft mit Verweigerung reagieren (eben keine Hausaufgaben machen, oder sie aus Angst vor Repression, dem Strich im roten Lehrerbüchlein, widerwillig machen). Offene Bildungsmaterialien sollten neben Inhalten auch Bearbeitungsmöglichkeiten anbieten, die die Lernenden selbst aussuchen können.

Ermöglichen freie Inhalte kooperatives Lernen?
Gemeinsam neue Produkte herstellen ist ein wichtiger Lernprozess. Im Team ein Projekt arbeitsteilig bearbeiten und ein gemeinsames Ergebnis produzieren scheint mir für die Vorbereitung auf das Leben wichtiger zu sein als individuelles Pauken. Die Dominanz des individuellen Lernens hat ja seinen Grund eher in der besseren Prüfbarkeit in der Schule.
Wenn Inhalte frei zu Verfügung stehen für die Weiterverarbeitung, bieten sie viele Möglichkeiten kooperativen Lernens. Ich glaube, dass hier freie Bildungsmaterialien ihre Stärke zeigen können.

Bieten freie Bildungsmaterialien Übungsmöglichkeiten, die die Lernenden selbstständig nutzen können?
Das wäre zu hoffen. Gerade mit der Perspektive des „lebenslangen Lernens“ bekommt der Aspekt selbstständige Übungsmöglichkeiten ein neues Gewicht. Hier wurde in der Session besonders auf die Kölner Geschichtsplattform „segu Geschichte“ hingewiesen. Es wäre erfreulich, wenn weitere Übungsmöglichkeiten

Geben freie Bildungsmaterialien die Chance, das Prüfungssystem zu verbessern? Ist eine Prüfungssituation ohne Nutzung des Internets nicht gerade kein „Lernen für das Leben“?
Das ist wohl noch sehr unklar. In der Schule werden ja Prüfungen für die Lernrückmeldung und für die Selektion benutzt, zwei sehr unterschiedliche Zielsetzungen. Lernrückmeldungen im Internet sind meines Wissens noch ein Neuland und beschränken sich auf Anklicklisten. Hier wäre sicher noch Arbeit zu leisten.

Können freie Bildungsmaterialien die Qualität des Lernens im Vergleich zu der Arbeit mit Schulbüchern verbessern?
Freie Bildungsmaterialen bieten nicht automatisch die Garantie für eine verbesserte Qualität. Auf der Session im educamp Berlin 13 wurden abschreckende Beispiele aus Südkorea berichtet. Die Teilnehmenden an der Session schätzten eher ein Nebeneinander von Schulbuch und freien Ressourcen aus dem Internet als Szenario für die nahe Zukunft als wahrscheinlich ein. Im Moment ist wohl die Stadt Köln am weitesten, Möglichkeiten für OER an den Schulen bereit zu stellen.

Die Idee, ein Qualitätslabel für OER zu vergeben, wurde auf der Session als eher unrealistisch eingeschätzt. Wenn etwas permanent veränderbar ist, kann man dafür kein „festes“ Label vergeben. Für die Beurteilung der Qualität muss die professionelle Beurteilungskompetenz des Lehrenden gerade stehen. Es wurde deutlich gemacht, dass für von LehrerInnen erstellte Materialien keine Genehmigung von der Schulaufsicht nötig ist, solange sie nicht in Buchform veröffentlicht werden.

Die Beurteilung der Qualität von Inhalten, Aufgaben und Lernarrangements ist ja die tägliche Aufgabe von Lehrenden, auch in der analogen Buchwelt. Man muss dauernd bewerten, welche Materialien man auswählt, auch aus Büchern. Das wird sich in der Internetwelt nicht ändern. Der Vorteil offener Bildungsmaterialien besteht darin, dass man vorhandenes verändern, ergänzen, gestalten kann.

Wird Selbstwirksamkeit für die Schüler mehr spürbar durch freie Bildungsmaterialien?
Die Möglichkeit, Bildungsinhalte aus dem Internet zu nehmen und unter einer eigenen Fragestellung neu zu verarbeiten, um damit ein neues, eigenes Produkt (Portfolio, Themenarbeit, Präsentation usw.) zu gestalten, ist sicher eines der großen Chancen von offenen Bildungsressourcen. Wenn es beim Lernen nicht nur um das „Nachvollziehen“ und „Stofflernen“ geht, kann eine Selbstwirksamkeit beim Lernen durch OER sicher erfolgreich eingesetzt werden. Die Möglichkeiten, eigene neue Produkte herzustellen, ist dann sicher grenzenlos und bieten viele Möglichkeiten der subjektiven Konstruktion von Wissen und Bildung.

Lernkultur?
Wie alle Kulturen, der Art, wie Menschen zusammen leben und arbeiten, wird sich die Lernkultur immer wandeln und weiter entwickeln. Sie ist auch immer ein Abbild der Gesellschaft, in der wir leben. In den letzten Jahren haben besonders die neuen Kommunikationsmöglichkeiten des Internets, die Erkenntnisse der Hirnforschung und auch konstruktivistische Vorstellungen die Lernkultur beeinflusst. Die Entwicklung der Lernkultur ist ein dauernder Wandlungsprozess (the road of learning is permanent under construction, Andreas Müller). Ich finde es erfreulich, dass dieser Prozess nicht mehr so stark unter ideologischen Gesichtspunkten diskutiert wird wie in den neunziger Jahren, als sich die Anhänger des gegliederten und des Gesamtschulsystems unversöhnlich gegenüber standen. Es ist erfrischend, dass es jetzt um die Möglichkeiten, und weniger um die richtigen Methoden geht.

OER: Semesterprojekt Gentrifizierung

Hier stelle ich mein Lernprojekt „Gentrifizierung in Hamburger Stadtteilen“ vor. Die WORD-Datei zum Download und zur Weiterverwendung hängt an.

Didaktischer Kommentar:
Das Semesterprojekt habe ich in einer 12. Klasse im Rahmen des Profils PGW, Geografie und Seminar durchgeführt. Das Ziel dieses Projektes war
– die Durchführung eines Projektes in allen Phasen
– das Entwickeln von selbstständigen Lernvorhaben
– die Förderung des autonomen Lernens
– das fächerübergreifende Arbeiten
– eine hohe Identifikation der SchülerInnen mit dem Projekt

Als Lehrender habe ich die Rahmenbedingungen des Projektes beschrieben und festgelegt. Ich habe die Arbeitsgruppen eng begleitet und die „Wegmarken“ durch das Projekt gesetzt. Letztendlich war es auch meine Aufgabe, eine Rückmeldung zu geben und sie mit Notenpunkten für das Zeugnis zu versehen.

In ihrer Rückmeldung haben die Lernenden das Projekt als sehr motivierend empfunden. Sie konnten eigene Schwerpunkte setzen. Sie merkten, dass sie eng an der Tagespolitik dran waren. Eine Schülergruppe hat eine städtische Informationsveranstaltung für ein großes Stadtentwicklungsprojekt („Neue Mitte Altona“) besucht, eine andere konnte einen Buchhändler in der Straße „Lange Reihe“ interviewen, der eine verdoppelte Mieterhöhung bekommen hat und seine Buchhandlung aufgeben musste.

Anlage:
Projektskizze (WORD und pdf)
zwei Beispiele von Schülerarbeiten
Semesterprojekt Gentrifizierung
Semesterprojekt Gentrifizierung
St.Pauli
eimsbuettel

OER: Meine Lerneinheiten zum Download

Ich möchte das mit den Open Education Ressources jetzt mal ausprobieren. Ich stelle hier unter der Kategorie OER meine Lerneinheiten, die ich mit meinen Schülern durchgeführt habe. Jeder kann sie herunterladen und für sich weiter verwenden. Über eine Rückmeldung würde ich mich natürlich freuen. Ich möchte wissen, ob die OERs die Lernentwicklung an den Schulen wirklich voranbringt. Ich bin mir da nämlich nicht sicher, siehe letzten Artikel.

OER – Open Education Ressources: Haben wir in der Schule darauf gewartet?

OER – Ein neues faszinierendes Kürzel für gemeinschaftlich erstellte, offene Lerninhalte. Kein Herumschlagen mehr mit Urheberrechtsverletzungen, freie Weiterverarbeitung in Arbeitsblättern und Lernplattformen, ein Wikipedia für die Schule. Haben wir in der Schule darauf gewartet?

Das digitale Lernen bietet viele neue Möglichkeiten und Chancen. Schulbücher scheinen bei den SchülerInnen „out“ zu sein, uncool und fremdgesteuert („Hausaufgabe ist das Rechnen der Blöcke 4a-f auf Seite 164 im Mathebuch“). Die OER Diskussion umfasst den Diskurs darüber, wie wir mit Inhalten in der digitalen Lernwelt umgehen. Und dieser Diskurs kann spannend sein. Trotzdem ist zu beobachten, dass die Diskussion über OER haußtsächlich ausserhalb der Schule geführt wird.

Trotzdem frage ich mich, ob das das zentrale Problem in der Schule ist, das Problem von LehrerInnen und SchülerInnen. Es mangelt den Schulen ja nicht an Inhalten. Ich sehe das Problem eher darin, dass die Bedeutung von Inhalten in der Schule viel zu schwer wiegt und der Prozess, das „WIE“ des Lernens, zu sehr im Hintergrund liegt. Gymnasiasten werden durch das G8 gejagt, Inhalte und „Stoff“ muss „durchgenommen“ werden, Lehrpläne abgearbeitet, und in der Oberstufe wundert man sich dann, was die SchülerInnen alles nicht können.

Kann dieses Problem durch OER gelöst werden?

OER hat nur eine Chance, wenn es das „WIE“ des Lernens, die Lernkultur, mit verhandelt. Es kann bei OER nicht nur um die digitalte Bereitstellung von Inhalten gehen, sondern OER muss auch eine Weiterentwicklung der Lernkultur ermöglichen. Diese Lernkultur müsste folgende Eckpunkte haben:

* Potentialentwicklung: Von dem Können der Lernenden ausgehend und bestärkend
* Kooperativ und kollaborativ: Lernen ist eine soziale Angelegenheit und in der Gemeinschaft nachhaltiger
* Autonome Lernformen: Eine Lernkultur unterstützt die Bedürfnisse der Lernenden nach Autonomie
* Produktorientiert: Durch das Lernen und den Lernprozess entstehen schöne Produkte
* Erfahrungen: Lernen ist mehr als nur Wissen anhäufen. Erfahrungen machen ist ein wichter Faktor für erfolgreiches Lernen
* Rückmeldung und Begleitung: Lernen braucht Begleitung durch Experten (in der Schule die LehrerInnen). Die Rückmeldung zum Lernprozess darf sich nicht nur auf das Wissen (Noten) beziehen. Sie soll eine Beschämung der Lernenden vermeiden.

Wenn OER in der Schule eine Chance haben soll, dann müssen die LehrerInnen mit ins Boot geholt werden. Es muss deutlich werden, wie OER die Gestaltung von Lernsituationen von LehrerInnen erleichtert. Sonst sind die anderen Aufgaben in der Schule, die in den letzten Jahren dort hineingetragen wurden, wie

* Inklusion
* Übernahme von Erziehungsaufgaben von der Familie
* Ganztagsschule
* hoher Leistungsdruck auf SchülerInnen

nicht zu bewältigen.

Kess Studie 13 in Hamburg

In Hamburg wurde in der letzten Woche die Kess-Studie für den Jahrgang 13 veröffentlicht. Kess bedeutet “ Kompetenzen und Einstellungen von Schülerinnen und Schülern. Diese Studie konnte zum ersten Mal die SchülerInnen testen, die an einer Stadtteilschule (und anderen Schulen ausßerhalb des G8-Gymnasiums) Abitur gemacht haben, untersuchen. Verglichen wurden diese Daten mit einer „Lernausgangslagen-Untersuchung“ (LAU) von 2007 und konnte damit eine Entwicklung feststellen.

Mir scheinen drei Aspekte dieser Untersuchung wichtig:

1. Die Zahl der Abiturienten aus bildungsfernen Elternhäusern konnte deutlich gesteigert werden. Damit leistet das Abitur in 13 Jahren an einer Stadtteilschule einen großen Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit.

2. Die Kompetenzen der Schüler an den Stadtteilschulen liegt deutlich hinter denen an den Gymnasien. Dieser Unterschied relativiert sich, wenn man den sozialen Hintergrund herausrechnet, bleibt aber deutlich erkennbar. Dieser Befund ist wenig überraschend und gibt damit eine Zukunftsaufgabe für die Stadtteilschule vor.

3. Der Lernzuwachs der Kess 13 SchülerInnen an der Oberstufe Jg. 11-13 ist besonders hoch. Er konnte jedoch die Lücken aus der Sekundarstufe I nicht schließen. Besonders in Mathematik sind die Unterschiede zu Gymnasiasten deutlich.

Es wird jetzt Kritik laut, dass Abitur sei durch die Ausweitung der Abiturientenzahlen „weniger wert“, die Bedeutung des Abiturs würde „verwässert“, wenn 50% eines Jahrganges Abitur machen.

Aber ist das nicht gerade ein Erfolg in Richtung Chancengerechtigkeit, wo wir doch in Deutschland noch so viel aufzuholen haben?

studie-kess-13

Potentialentfaltung in der Oberstufe?

Zentralabitur in allen Fächern in Hamburg.

Das erste Mal wird es zentrale Aufgaben im Abitur 14 in (fast) allen Fächern geben. Muss man in einer solchen Situation nicht seine Schüler nur auf diese Klausuren vorbereiten? Nur noch „learning for the test“?

Nein, ich meine im Gegenteil. Weil wir Lehrer nun auch die Aufgaben nicht kennen, müssen wir die SchülerInnen auf breiter Basis darauf vorbereiten, Probleme zu lösen. Das geht nur, wenn sie das Vertrauen darin haben, was sie können. Sie sollten in der Oberstufe also gelernt haben, ihre Potentiale zu entfalten. Nur Wissen anzuhäufen, scheint mir zu kurz gesprungen. Gerade bei den Themen, die in meinem Fach Politik-Gesellschaft-Wirtschaft ausgeschrieben sind, ist die Informationsmenge so groß, dass man eigentlich gleich kapitulieren kann.

Ich glaube, dass man die Potentiale der SchülerInnen fördert, in dem man das Lernen stärker in die Selbstverantwortung der Lernenden legt. Man sollte Lernangebote bieten, die eine offene Lösung ermöglichen. Keine fertigen Lösungen vorgeben, sondern Lernaufgaben so stellen, dass eine aktive und kreative Auseinandersetzung mit dem Lerngegenstand möglich wird.

Weniger ist manchmal mehr: Wenn wir nur Inhalte „durchprügeln“, kommt die Potentialentfaltung zu kurz. Diese braucht auch Zeit für Planung und Strategie, genauso wie Zeit für die Reflexion. Die Reflexion scheint mir ein zentrales Instrument für die Potentialentwicklung zu sein.

Ich halte deshalb auch im Abiturjahr an der Arbeit an Semesterprojekten fest. In diesen Projekten können die Schüler weitgehend selbstbestimmt Themen bearbeiten. Ich als Lehrer gehe in die Rolle des Prozessbegleiters. Meine Schüler haben sich sogar gewünscht, die Bedeutung in der Notenbepunktung noch zu verstärken, weil sie gerne viel Arbeit in die Semesterprojekte investieren.

Beispiele für Semesterprojekte finden sich hier:

http://blogs.hamburg.schulcommsy.de/276082_3264314/2013/08/04/semesterprojekt-gentrifizierung-in-hamburgs-stadtteilen/

 

Abitur

In Hamburg geht es jetzt in die Ferien, die Abiturfeiern sind sind gefeiert, die Abiballkleider wieder in den Schrank gehängt. Die „Abi13“ Aufkleber auf den Autors fahren weiter durch die Stadt. In vielen Reden wurden die Erfolge gefeiert, die guten Notendurchschnitte, die größere Anzahl der Abiturienten, die ersten Abgänger von den neuen Oberstufen der Stadtteilschulen.

Es ist in der Tat ein Erfolg, dass vielen Schülerinnen und Schülern, denen in der 4. Klasse nicht das Abitur zugetraut wurde, jetzt  mit genau diesem Papier die Schule verlassen. Ich habe einem Schüler nach der Zeugnisübergabe die Hand gedrückt, der ohne Gymnasialempfehlung jetzt einen Abischnitt von 1,3 hingelegt hat. Daran zeigt sich die Unmöglichkeit dieser Prognose für Schüler mit 9 Lebensjahren.

Haben wir nun diese Abiturienten gut auf die vor ihnen liegenden Aufgaben vorbereitet? Sie haben ihre Prüfungen in Mathe, Deutsch, Englisch usw. gemacht und Klausuren geschrieben. In der Präsentationsprüfung haben sie immerhin ein Thema selbst bearbeitet. Sind diese jungen Leute nun darauf vorbereitet, sich an die drängenden Fragen unserer Gesellschaft zu machen? Sind sie motiviert, weiter zu lernen, um diese Fragen lösen zu können? Werden sie die langhaltenden Batterien entwickeln, um die fossile Zeit im Autoverkehr abzulösen? Werden sie neue Formen des Zusammenlebens in einer alternden Gesellschaft finden? Werden sie es schaffen, Europa zu retten? Könnte es ihnen gelingen, gesunde Lebensmittel ohne Massentierhaltung herzustellen? Sind sie kreativ genug, der ostasiatischen Konkurrenz zu begegnen?

Haben wir sie gut vorbereitet?

„Ich bin superwichtig“? wirklich?

http://www.zeit.de/2013/02/Paedagogik-John-Hattie-Visible-Learning

Der Lehrer – und die Lehrerin – sind die entscheidenden Faktoren für ein erfolgreiches Lernen, lese ich in dem ZEIT-Artikel über den neuseeländischen Bildungsforscher John Hattie. Internetbasiertes Lernen schadet nichts – bringt aber auch nichts. Nun habe ich in letzter Zeit versucht, mich als zentralen Akteur des Unterrichts zurückzunehmen und versucht, den SchülerInnen Raum und Hilfen für das selbstständige Lernen an die Hand zu geben. Und dazu habe ich auch noch die Tools des Web 2.0 benutzt.

Alles falsch gemacht? Bei näherer Überlegung sehe ich aber gar nicht mehr so viele Widersprüche zu den empirischen Erkenntnissen aus den Studien von Hattie. Zwar hat Hattie ein Ranking zur Wirksamkeit von Lernmethoden aufgestellt, aber entscheidend bleibt doch der sinnvolle Methoden-Mix. Und da hilft die Bewertung von Hattie wirklich weiter. Die für die Lerngruppe sinnvolle Auswahl von Lernmethoden und die individuelle Anpassung an die einzelnen Schüler verlangt die Kunst des Lehrers und der Lehrerin. Und hier hat der Satz aus dem ZEIT-Artikel seine Richtigkeit: „Auf den guten Lehrer kommt es an“. Die geschickte Kombination aus verschiedenen Zugängen zum Lernen inszeniert die Lehrperson. Sie bietet ein breites Repertoir an Lernmöglichkeiten an. Sie gibt Feedback und bestärkt und lobt bei den Lernfortschritten. Und sie weiß um die Wirksamkeit von den Lernmethoden. In diesem Sinne muss der Lehrer „gut sein“.

Was an unseren Schulen wirklich fehlt, ist die offene Diskussion der Qualität von Unterricht und Lernsituationen. Die meiste Zeit wird über Inhalte gesprochen – und was die Schüler nicht gelernt haben. Fast nie wird über die Qualität von Unterrichtsarrangements und Lehrerhandeln gesprochen. Jeder steht allein in der Klasse. Kollegiale Hospitationen scheinen bei dem eng getackteten Stundenplan kaum möglich. Und wir haben kaum Instrumente, unser eigenes Handeln zu reflektieren und auszuwerten.

Hier sehe ich die große Chance: Lasst uns über Qualität des Lernens an der Schule sprechen. Welche Dinge befördern das Lernen, welche behindern sie? Wie können wir unser eigenes Handeln verbessern, wie können wir als Organisation besser werden? Woran können wir erkennen, ob wir gut sind und wo wir uns verbessert haben?

»Ein guter Lehrer sieht den eigenen Unterricht mit den Augen seiner Schüler«, sagt Hattie.

Welche Oberstufe wollen wir sein?

oder: Wie lernen und arbeiten wir in Zeiten des Zentralabiturs?

Bankwerbung: Wir machen den Weg frei.

Macht das Zentralabitur in allen Fächern das Leben nicht leichter?
Ein zielgerichtetes Hinarbeiten auf das Bestehen einer Abiturprüfung mit klaren inhaltlichen Rahmen? Keine eigene Prüfungsthemenfindung mehr und auch kein lästiges Prozedere der Themenprüfung? Die Inhalte kommen wieder in den Vordergrund!

Aber!
Was wird aus dem projektbezogenem Lernen, das in den Profilen stattfinden soll? Was wird aus dem methodischen und fächerverbindenden Lernen, für das das Seminar steht (einige Schulen schaffen das Seminarfach im Hinblick auf das Zentralabitur schon ab). Was ist mit den Zielen eines demokratischen, selbstverantworteten Lernens?

Ich glaube, wir sollten uns durch das Zentralabitur die „Pferde nicht scheu machen“ lassen. Wir sollten bei allen fachlichen Anforderungen und den vollen Inhaltskatalogen das wesentliche Ziel nicht  aus den Augen verlieren:

Wenn wir den jungen Menschen einen Raum und eine Begleitung bieten, mit denen sie sich zu selbstbewussten, in ihre Fähigkeiten und ihre Potentiale vertrauenden Menschen entwickeln, dann kann das Zentralabitur seine Bedrohung verlieren. Was braucht es, um dieses Ziel gelingen zu lassen?

Zu aller erst braucht es eine Haltung, mit der die Potentiale der jungen Leute herausgelassen werden. Diese Potentiale sind nicht sofort sichtbar und meist auch nicht an schulischen Kriterien zu messen. Die Frage: „Was kannst  du schon gut?“ ist der Schlüssel für weiteres Lernen. Auch wenn wir bei den SchülerInnen oft „Defizite“ feststellen, die aus dem Lernen der Sekundarstufe 1 eigentlich mitgebracht werden sollten, hilft ein Fixieren auf dieses Fehlen nicht weiter. Erst ein Anerkennen der Potentiale der SchülerInnen macht den Weg frei, Defizite aufzuarbeiten.

Eine weitere wichtige Haltung ist die Erkenntnis, dass Lernen nicht linear erfolgt. „Wir haben das letzte Stunde gehabt“ scheint keine Gelingensstrategie zu sein. Zu viele Störfaktoren beeinflussen das lineare Lernen. Es muss  viele Möglichkeiten geben, die Dinge zu lernen, viele Wege eröffnet werden. Achtung! Ich spreche mich nicht gegen eine gut strukturierte Lernsituation (Unterricht) aus – im Gegenteil. Sie sollte aber viele Möglichkeiten enthalten. Deshalb erscheint mir eine Methodendiskussion, die in den vergangenen Jahrzehnten oft geführt wurde, für müßig. Ich glaube nicht, dass es die Methode gibt, sondern dass die Lehrpersonen viele Methoden anbieten und die Lernenden darin begleiten, ihre richtige zu finden.

Ziel der Oberstufe sollte es sein, jungen Menschen einen Weg in eine anspruchsvolle Berufsausbildung oder ein Studium zu ermöglichen. Ihnen ein Orientierungswissen mit auf den Weg zu geben, mit dem Abitur entscheiden zu können, welchen nächsten Schritt sie gehen wollen. Dabei sollten alle fachlichen Inhalte „Mittel zum Zweck“ sein, dass die jungen Leute ihre Potentiale entdecken und entwickeln. Das Lernen von Analysis z.B. ist kein Selbstzweck, sondern sollte dazu dienen, dass sich die SchülerInnen entscheiden können, ob sie einen Beruf oder Studiengang wählen wollen, in dem die Mathematik eine Rolle spielt. Die Qualität des Mathe-Unterrichtes hat dann die Folge, ob die SchülerInnen ihr mathematischen Potentiale entwickeln können – und wollen.

Learning for the test in Zeiten des Zentralbiturs ermöglicht dieses Ziel kaum. So wird es unsere strategische Aufgabe als Lehrende sein, eine gute Ausgewogenheit von zentralen Prüfungsanforderungen und persönlichkeitsentwickelnden Lernarrangements zu finden. Hier ist wieder die pädagogische Kunst gefragt. Es muss auch nicht immer das Ziel sein, das Abitur mit 2.0 zu machen.

Lernentwicklungsgespräche

Zwei Tage lang Lernentwicklungsgepräche (LEGs). Zwei Tage lang je 30 Minuten mit einem Schüler oder einer Schülerin über die Lernentwicklung sprechen. Nicht viel im Vergleich zu der Zeit, die wir sonst in der Schule verbringen. Aber trotzdem eine wertvolle Zeit, in der wir und mit dem einzelnen Menschen beschäftigen. Eine Zeit, in der über die Erfolge und Perspektiven gesprochen werden kann.

Lernentwicklungsgespräche sind keine „gut dass wir darüber gesprochen haben“ – Gespräche, sondern strukturierter Austausch über Erfolge und Gelungenes, über Leistungen und auch Niederlagen, über Gefühle und Sicherheiten, über Perspektiven und Anschlüsse. Sie münden immer in Vereinbarungen, die schriftlich festgehalten werden. Es nehmen auch die Eltern verpflichtend an den LEGs teil, aber der Focus bilden die Lernenden.

Ausgangspunkt eines LEGs sind die Potentiale und die Stärken der SchülerInnen, denn sie sind die Basis für alles was kommt. Klagen über fehlende Hausaufgaben oder mangelnde Motivation der jungen Leute in Richtung Eltern haben auf den LEGs keinen Platz. Auch die emotionale Seite des Lernens ist ein wichtiger Ausgangspunkt für das Gespräch: „Fühlst du dich in der Klasse wohl?“; „Lernst du gerne?“; „Hast du Freundinnen in der Klasse, mit denen du zusammen Lernen kannst?“ usw.

Dann sind die persönlichen Ziele ein wichtiges Gesprächsthema. „Was möchtest du erreichen?“; „Kannst du diese Ziele mit deinen Leistungen schaffen?“ Hier muss man sich natürlich auch mal die Noten anschauen.

Wichtig ist mir die Haltung, in der ich die Lernentwicklungsgespräche führe. Ich gehe in die Rolle des Fragenden, der es ermöglicht, dass die jungen Leute Erkenntnisse über ihre Ziele und Wünsche und auch über mögliche Wege dorthin erhalten. Durch Nachfragen kann ich die Möglichkeiten gut herausarbeiten und helfen, die Gedanken der Lernenden zu strukturieren. Aussagen wie „du musst…“ oder „du sollst…“ vermeide ich. Bei der Formulierung von Fragen hat mir das Buch von Carmen Kindl-Beilfuß: Fragen können wie Küsse schmecken“ sehr geholfen.

Foto am 20-11-2012 um 08.09

Die Lernentwicklungsgepräche werden immer mit der Formulierung von maximal drei Zielen beendet. Ziele sind erreichbar, überschaubar und überprüfbar. Sie sollten einen Erfolg ermöglichen, denn Erfolg ist der Treibstoff unseres Handlens. Viele SchülerInnen wünschen sich z.B. eine größere Beteiligung am Unterrichtsgespräch. Ich vereinbare dann mit ihnen ein über drei Woche laufendes Protokoll, in dem sie jeden Beitrag von ihnen im einem Symbol eintragen. Drei Einträge pro Tag können schon ein Erfolg sein. Nach drei Woche zeigt mir die/der SchülerIn das Protokoll und wir feiern gemeinsam das Erreichte.