Lernen mit Wikis, so geht das.

Wikipedia kennt jeder und nutzt jeder. Aber ein Wiki selber machen, und das mit Schülern – wie geht das? Und wozu? Ich möchte das aus meiner Lehrpraxis berichten.

Ich benutze ein Wiki als einen Wissensspeicher für die Schüler. Dieser Wissenspeicher fängt mit einer leeren Seite an und füllt sich langsam mit dem Unterrichtsfortschritt. So können die Lernenden sehen, was an Wissen alles dazu kommt.

Ein Wiki ist neben den persönlichen Aufzeichnungen und Notizen eine kollektive Form der Wissensaufbereitung. Das besondere daran ist, dass sich jeder Nutzer aktiv mit dem vorhandenen auseinander setzen muss. Er muss sich fragen, was fehlt noch an Informationen, was kann ich noch beitragen. Das führt meiner Meinung nach zu einer viertieften Auseinandersetzung mit dem Lernstoff und führt zu nachhaltigerem Lernen.

Gleichzeitig müssen die Lernenden alles, was im wiki steht, kritisch hinterfragen. Das wiki gibt ja immer nur den derzeitigen Lernstand der Gruppe wider, also durchaus noch fehlerhaft und unvollkommen sein kann. Aber dieses kritische Hinterfragen ist für mich ein wichtiger Lernschritt.

wiki StadtgeoAlle Schüler müssen sich an dem Wiki beteiligen. Ich erwarte einen Beitrag pro Thema. Ich bewerte aber die Einträge nicht, damit alle den Mut haben, etwas zu schreiben. Ich habe festgestellt, dass es doch einige Hemmnisse gibt, etwas eigenes öffentlich (wenn es auch nur klassenöffentlich ist) aufzuschreiben. Jeder Eintrag wird mit dem Namen des Autors versehen.

Meine Aufgabe als Lehrender ist die Strukturierung und Qualitätskontrolle des Wikis. Ich lege die Überschriften fest, schreibe die Begriffe für den Glossar hinein, füge Fotos hinzu. Falsche Informationen korrigiere ich.

Wikis im Internet sind Betriebssystem unabhängig. Sie können also mit jedem Computer oder Tablet bedient werden. Das Prinzip „Bring your own device“, in dem die Schüler ihre eigenen Geräte mit in die Schule bringen, bietet sich also an. Es ist auch nicht sinnvoll, mit allen Schülern gleichzeitig an einem Wiki zu arbeiten, da dann das Wiki mit dem schnellen Speicherrhythmus und den verschiedenen Versionen durcheinander kommt. Ich habe gute Erfahrungen gemacht, immer einen Schüler zum Wiki-Beauftragten zu machen, der dann die Arbeitsergebnisse ins Wiki einträgt. Das kann dann ja anschließend von anderen ergänzt und verbessert werden. Wenn man einen Beamer in der Klasse hat, kann das Ergebnis auch gleich angeschaut werden. Einträge in Wikis eignen sich auch sehr gut als Hausaufgabe.

Woher bekommt man nun ein Wiki? Ich habe das Glück, dass in Hamburg und Schleswig-Holstein den Schulen eine Lernplattform zur Verfügung gestellt ist, die für jeden virtuellen Klassenraum ein Wiki enthält. Wer so etwas nicht hat, kann bei http://www.zum.de ein Wiki für seine Klasse anlegen.

http://www.zum.de/

In jedem Wiki lassen sich viele Unterseiten anlegen. Es bietet sich natürlich an, dass jedes Thema eine eigene Seite bekommt. Aber es könnte auch jeder Schüler eine eigene Seite bekommen, und man könnte einen kleinen Wettbewerb zur Gestaltung der schönsten und informativsten Seite machen.

Ein pdf-Beispiel eines Wikis zur Stadtgeografie findet sich hier: Profil_MenschWelt_14_16_Main_Stadtgeografie

OER und Fehlerkultur

Potentiale entdecken oder Fehler anstreichen? Was soll ich als Lehrer machen?

Die Klausurensaison hat nach den Herbstferien wieder begonnen. Zwischen Oktober und Weihnachten brummen bis zu drei Klausuren wöchentlich durch die Klassenräume. Und dann werden an den heimischen Schreibtischen wieder tausende von Fehlern angestrichen und sich in Lehrerzimmern über die unfassbare Menge von Fehlern aufgeregt.

Dabei weiß der humanistisch eingestellte Lehrer schön länger, und der an neurobiologischen Forschungen interessierte Kollege seit kürzeren, dass eher die Ermutigung und das Unterstreichen des Guten und Besonderen die Lernmotivation und das Selbstvertrauen stärkt. Lob und Bestärkung sind kräftige Rückenwinde im Lernalltag.

Und Fehler? Aus denen lernt man bekanntlich. Für den selbstbewussten Lerner können sie ein Ansporn sein, für den Zögerlichen niederschmetternd. Der eine lehnt sich bei viel Lob selbstgefällig zurück, der andere schöpft Energie für das nächste Lernprojekt. Was also tun?

Ich glaube, das Bestärkung und Potentialförderung genau so wichtig sind wie Kritik und Fehlerbenennung. Das Verhältnis zwischen beiden Polen ist individuell, und es abzuwägen bleibt die Lehrkunst des Pädagogen. Das ist auch eines der Gründe, warum die Lehrer trotz aller Digitalisierung, Internetressourcen und MOOCs nicht überflüssig werden. Sie sind, finde ich, nötiger denn je, um Orientierung in der wilden weiten Lernwelt zu geben.

Freie Bildungsmaterialien bieten viele Chancen, beide Pole bei der Erstellung von schönen Lernprodukten zu bedienen – und damit einen guten Lernerfolg zu erzielen. Lernprodukte werden von Lernenden erstellt, die noch unvollkommen sind (also viel Potential enthalten, aber noch mit Fehlern versehen sind). Wir stellen sie bewusst unvollkommen als OER zur Verfügung, damit sie andere Lernende aufnehmen und verbessern. So entsteht ein kollektiver Lernprozess der dauerhaften Verbesserung. Dieses Prinzip ist analog wie digital möglich, die digitale Bearbeitung kann aber eine Überarbeitung erleichtern. Auch funktioniert es von der Dreiergruppe im Klassenraum bis hin zum www.

Eine einfache Möglichkeit zur Erstellung von Lernprodukten sind wikis. Ich erstelle ein wiki in meiner Klasse zu einem Thema. Alle in einer Klasse führen ein gemeinsames wiki zu dem bearbeiteten Thema wie ein gemeinsam erarbeiter Wissenspeicher, der sich kontinuierlich füllt. Als Lehrender gebe ich die Stuktur, die dann von den Lernenden gefüllt wird. Jeder muss sich beteiligen. Dabei ist die kritische Auseinandersetzung mit dem schon vorhandenen nötig, eben auch das Erkennen und Verbessern von Fehlern.

Ich merke bei dieser Arbeit, wie festgefügt die Kultur ist, dass nur der Lehrer Fehler identifiziert und „anstreicht“. Bisher haben meine Schüler eine große Scheu, sich mit dem von anderen geschriebenen auseinander zusetzen und zu verändern und zu verbessern. Aber ich glaube gerade in dieser Auseinandersetzung mit dem Vorhandenen in einer kritischen Weise (eben nicht nur in einer Adaption wie aus dem Schulbuch) bietet eine vertiefte Beschäftigung mit dem Thema und ein nachhaltiges Lernen. Aber die Schüler trauen sich noch nicht recht.

Dabei ist das Prinzip der kollaborativen Problemlösung heute nicht mehr wegzudenken. Welche (globalen) Probleme können heute noch von einzelnen gelöst werden? Ohne das Potential von vielen werden große Herausforderungen nicht zu meistern sein, aber auch nicht ohne die kritische Sicht auf die Fehler.

Ich möchte also meine Schüler zu einer kritischen und konstruktiven Auseinandersetzung mit den Lernprodukten von anderen ermutigen – im Sinne von „open“, die eigenen Lernprodukte für eine Weiterentwicklung zur Verfügungen zu stellen. Und ich möchte mich selbst weiter in einem pädagogischen Umgang mit Potenialen und Fehlern weiterentwickeln.

#oerkoeln: Lernprodukte mit neuer Fehlerkultur

Wenn wir Lernpodukte mit OER erstellen und veröffentlichen wollen, brauchen wir eine neue Fehlerkultur. Lernprodukte sind ja nie perfekt, was Lernende produzieren, kann man ja nicht mit professionellen Veröffentlichungen vergleichen. Trotzdem halte ich das Veröffentlichen für einen wichtigen Schritt der Wertschätzung und der Verantwortung für die eigene Arbeit. Lernprodukte werden nicht mehr nur für den Lehrer gemacht, sondern für andere; je nach Verbreitung für die Klasse, den Jahrgang, die Schule, die Welt.

Das ist doch eigentlich der Sinn von OER, Dinge zu veröffentlichen, die andere weiter verwenden und verbessern können. Die Idee, gemeinsam für ein best möglichen Produkt zu arbeiten, finde ich faszinierend. Es verlangt Mut, Dinge zu veröffentlichen, von denen man weiß, dass sie noch nicht perfekt sind und den „momentan gültigen Irrtum“ darstellen (Peter Fratton).

Das gilt natürlich auch für Lehrende. Viele Lehrprodukte werden nicht veröffentlicht, weil sie schnell für die nächste Stunde entworfen wurden und eine pragmatische Qualität aufweisen. Sie erfüllen nicht die harten Kriterien der Didaktik und dem strengen Blick der Seminarleiter. Ich glaube das ist der Grund, warum Lehrende auch so zurückhaltend mit der Kooperation sind: sie müssten eigene Arbeit offen legen, die nicht die Qualität einer Doktorarbeit hätte.

Aber was wäre daran so schlimm? Sollten wir Lehrende nicht mit gutem Beispiel voran gehen und selbstbewusst unsere nicht perfekten Lehr-Materialien veröffentlichen, damit sie im Sinne von OER von anderen aufgenommen, verbessert, verarbeitet werden können? Im Sinne von Anregen, Inspirieren, Ideen geben? Wenn wir Lehrenden mit einer neuen Fehlerkultur voran gehen würden, könnte das auf die Schüler ermutigend wirken.

Ich werde mich bei jedem Lernenden bedanken, der etwas falsches sagt: er gibt uns die Chance, in Zukunft falsche Wege zu vermeiden und die Möglichkeit, uns vertiefter mit der Sache auseinander zusetzen.

OER Camp in Köln

Ich komme zurück nach Hamburg vom OER Camp und dem learnlab an der Kaiserin Augusta Schule am Freitag. Zeit Tage voller Eindrücke und Inputs, voller Gespräche und Gedanken.  Die Chancen und Möglichkeiten des Lernens mit dem Internet wurden über zwei Tage ausgelotet und vermessen. Zwei Tage sitzen oder stehen, schauen auf smartphone und Tablett, auf Twitterwalls und Notebook Bildschirme. Fünf Stunden im IC mit langen Verspätungen.

Jetzt sehne ich mich nach Bewegung und Sport, nach Natur und draußen sein, nach dem Geruch des Herbstes, den Farben des Laubes, und das alles ohne irgendwelche Bildschirme und Beamer.

Trotz aller Begeisterung für das Lernen mit dem web 2.0 gibt es auch ein sinnliches Leben ohne Bildschirme. Lasst uns diese Welt den Schülern zeigen, in dem wir mit ihnen im Frühnebel joggen gehen, mit dem Bestimmungsbüchern in der Hand durch Wälder streifen und das farbige, nasse Herbstlaub hochwerfen. Ohne sinnliche, unmittelbare Erfahrung kann das lernen im web 2.0 nicht funktionieren.

Für eine Vielfalt des Lernens!

Lernprodukte mit OER

Referate, Hausarbeiten, Plakate, Präsentationen – Alltag in den Schulen seit Jahren. Die Plakate verstauben auf den Klassenschränken und werden am Schuljahresende weggeschmissen, Referate gehalten und nach Erhalt der Zensur vergessen, Hausarbeiten mit Glück von den Lehrerinnen und Lehrern gelesen, mit dem Ziel, eine Note zu vergeben. Mit Glück kommt ein Plakat mal eine eine Klassen- oder Schulwand.

Dabei haben viele Produkte von Schülern es verdient, mehr gewertschätzt zu werden als nur durch eine Note. Das Internet bietet nun viele Möglichkeiten, Arbeiten von Schülern zu veröffentlichen und mehr Menschen zu präsentieren. „Lernen sichtbar machen“, wie John Hattie nach seiner Auswertung von tausenden von Studien fordert, könnte so verwirklicht werden. Der einfachste Schritt ist natürlich eine Veröffentlichung auf der Schulhomepage. Ich habe für meine Klasse ein WordPress-Blog aufgelegt, in dem wir Lernprodukte veröffentlichen. Dieser ist dann mit der Schulhomepage verlinkt.

Aber bei jeder Veröffentlichung im Internet kommt man mit dem Copyright in Berührung. Das in der Schule übliche kopieren und neu zusammensetzen von Lernmaterialien, von Lehrerinnen und Lehrern bei der Gestaltung von Arbeitsblättern täglich praktiziert, geht bei einer Veröffentlichung im Internet natürlich nicht mehr. Veröffentlichen macht es notwendig, sich über das Urheberrecht mit den Schülerinnen und Schülern genau auseinanderzusetzen. Das beliebte Copy and Paste geht dann nicht mehr.

Ich halte die Notwendigkeit, nur eigene Produkte zu verarbeiten, für einen wichtigen Lernschritt. Die Umwandlung von Gelesenem in ein eigenes Produkt ermöglicht ein „vertieftes Verarbeiten“, das ein nachhaltiges Lernen, das über den nächsten Test-Termin hinausgeht, möglich. Trotzdem gibt es Inhalte, besonders Fotos, Grafiken und Videos, die sinnvoll in ein eigenes Lernprodukt eingebunden werden sollte.

Hier kann man dann nur freie Materialien nehmen, die zur Weiterverwendung lizensiert sind. Hier setzt das Konzept Open Education Ressorces an. Freie Bildungsmaterialien sind ausdrücklich für die Weiterverwendung freigegeben. Sie können bei Namensnennung und Quellenangabe für eigene Lernmaterialien verwendet werden.

Das Herstellen von eigenen Lernmaterialien und deren Veröffentlichung kann ein wichtiger Schritt für eine vertiefte Auseinandersetzung mit den Lerngegenständen sein und eine stärkere Identifikation der Lernenden mit ihrer Arbeit ermöglichen.

Ich werde an dieser Stelle weiter über praktische Beispiele von Lernprodukten berichten.

 

whatsapp mit Schülern?

Ich habe ja länger gezögert mit den Schülern über whatsapp zu kommunizieren. Ich hatte die Befürchtung, berufliches und privates nicht meht trennen zu können. Nun habe ich ab heute meine Handynummer frei gegeben, und sende mir Kurzmitteilungen über whatsapp mit meinen Schülern.
Sie waren heute alleine auf Exkursion in verschiedene Hamburger Stadtteile, die sie nach Gentrifizierung untersuchen. Ich versuchte herauszufinden, wo sie gerade steckten und was sie gerade machten.
Bisher habe ich für die ad-hoc Kommunikation facebook benutzt. Da musste ich immer noch die anderen Postings der Schüler sehen, nicht immer ein Vergnügen und oft eine durchaus flache Angelegenheit. Mein erster Eindruck ist, dass man mit whatsapp sich wirklich auf die reine Information beschränken kann.
Bei meinen Schülern schein facebook eher out zu sein. Die haben sich bei der Gründung einer Arbeitsgruppe erstmal gleich eine whatsapp Gruppe gegründet.
Wie sind eure Erfahrungen?

OER-Konferenz 14: (Digitales) Lernen in der Schule mit OER

Am 13.09.2014 habe ich auf der OER-Konferenz in Berlin, die von wikimedia organisiert wurde, einen kleinen Vortrag zu meinen Vorstellungen zu den Möglichkeiten gehalten, freie Bildungsmedien in der Schule zu nutzen. Ich lade hier die Präsentation und den Text des Vortrages zum Nachlesen hoch. Im Verlauf der Konferenz und in den vielfältigen Workshops und Sessions ist mir aus Sicht eines Lehrenden deutlich geworden, dass freie Bildungsmaterialien die klassischen Schulbücher nicht ersetzen, aber gut ergänzen können und zu einer Erweiterung der Möglichkeiten des Lernens darstellen. Ich habe die These formuliert, dass freie Bildungsmaterialien nicht „per se“ gut sind, sondern erst innerhalb eines didaktischen Konzepts wirksam sind. Dazu gehört v.a. die Möglichkeit, Lernmaterialien durch Lernende zu erstellen und wieder zu veröffentlichen, um Lernen sichtbar zu machen. Das verlangt wiederum, dass wir in der Schule auch eine „Freude am Unperfekten“ entwickeln, was dann allerdings auch ein Überdenken der „Fehlerkultur“ an der Schule nötig macht. Dazu im Vortragstext mehr. OER-Konferenz Hillebrecht OER Vortrag

No facebook for schools!

Unter diesem Titel fand am 2.Juli 2014 die Bad Wildbader Bildungsgespräche in der Landesakademie für Lehrerbildung in Baden-Würtemberg statt. Ich hatte das Vergnügen, meine Erfahrungen als Hamburger Lehrer mit der Nutzung unterschiedlicher Internetressourcen im Lernen in die Diskussion einbringen zu können.
In Baden-Würtemberg ist es Lehrern, wie auch in Schleswig-Holstein, nicht erlaubt, Facebook für die Kommunikation und Lernorganisation zu nutzen, weil Facebook die Datenschutzgesetze Deutschlands nicht einhält. In der Diskussion wurde erörtert, ob das Facebook Verbot gerechtfertigt ist oder ob damit ein hilfreiches Tool für die moderne Arbeit im Klassenzimmer verloren geht. Und auch, ob es sinnvolle Alternativen gibt.

Ich finde es durchaus nachvollziehbar, dass Verwaltungen und Datenschutzbeauftragte öffentlichen Institutionen wie den Schulen die Benutzung von Facebook verbieten, da sich facebook nicht an die deutschen Datenschutzrichtlinien hält und sich mit dem Firmensitz in Irland auch einer deutschen Rechtssprechung entzieht. Hinzu kommt der massive Zugriff des US-Geheimdienst auf die Server von Facebook. Nicht zuletzt verliert man als facebook-Nutzer alle Rechte an seinen Daten und kann diese, einmal hochgeladen, nicht mehr einfach löschen. Diese Gründe sprechen gegen eine Nutzung von Facebook an Schulen.

Aus Sicht eines Lehrers will ich aber zuerst die Frage in den Blick nehmen, welche didaktischen Ziele will ich erreichen. Erst daran kann ich die Frage beantworten, welches Tool sinnvoll für die Erreichung des Zieles ist. Allein die Tatsache, dass Facebook fast von allen Jugendlichen genutzt wird und die Benutzung den meisten bekannt ist, reicht für einen didaktischen Mehrwert noch nicht aus.

Ich halte folgende didaktische Grundsätze wichtig für ein erfolgreiches Lernen und damit auch für wichtig für die Auswahl der richtigen Tools:

1. Die Ziele des Lernens müssen klar sein: Was kann ich hinterher besser als vorher?
2. Man braucht sinnvolle Aufgaben, um diese Ziele zu erreichen.
3. Man muss von dem ausgehen, was man kann: Die Ressourcen müssen bekannt sein.
4. Es sollte eine autonome Lernumgebung geschaffen werden. Eigene Wege zum Ziel sollten mögliche sein.
5. Erfolgreiches Lernen braucht die Unterstützung eines professionellen Lehrers, er sollte Feedback und Hilfen bieten.
6. Die Inhalte und Informationen sollten in einer gut präsentierten Form vorliegen.
7. Kooperatives Lernen sollte möglich sein, denn Lernen ist eine soziale Angelegenheit.
8. Wissen konstruiert sich in den Köpfen der Lernenden autonom.

Ich will das am Beispiel des 6. Punktes erläutern. Inhalte und Informationen sind für das Lernen unabdingbar. Ob diese klassisch über ein Schulbuch oder Arbeitsblatt präsentiert werden oder über eine website oder ein youtube-Video oder ganz klassisch durch einen Lehrervortrag, sagt noch nichts über die Qualität aus. Es gibt gute Lehrervorträge, die fesseln, und unübersichtliche websites. Die Auswahl der richtigen Tools, ob online oder offline, digital oder analog, ist immer wieder eine neu zu treffende Entscheidung. Dabei ist der Punkt 3 sehr wichtig: wie sind die Resourcen oder Vorerfahrungen der Lernenden. Da meist die Lehrenden diese Entscheidung treffen, ist dieses der zentrale Punkt der „Lehrkunst“.

Die pauschale Bewertung, ein ipad sei besser als ein Lehrbuch, halte ich deshalb für falsch. Jedes Tool kann in verschiedenen Situtionen seine Berechtigung haben. Auf die Mischung kommt es an.

Es kann durchaus sinnvoll sein, die Informationen für das Lernen digital und online zur Verfügung zu haben: Ein Schulbuch ist außerhalb des Unterrichtsraumes nicht verfügbar; Lernende waren in der Stunde krank; Arbeitsblätter gingen verloren; man war in der entsprechenden Unterrichtsstunde nicht aufmerksam usw. Dann kann es hilfreich sein, die Informationen online von zu Hause oder anderswo nachlesen zu können.

Auch für das autonome Lernen (Nr. 4) bieten digitale Lösungen sinnvolle Ergänzungen. Im individualisierten Lernen sollte nicht jeder Lernende alle Aufgaben machen, sondern die für ihn sinnvollen. Dabei bieten digital bereitgestellte Aufgaben eine bessere Möglichkeit, die auszuwählen, die zu dem Lernstand des Lernenden passt. Die Kopienschlacht im Klassenzimmer muss nicht mehr sein. Auch für unterschiedlich schnelle Lerner bieten online bereitgestellte Aufgaben die Vorteil, in der eigenen Geschwindigkeit zu lernen.

Durch Soziale Medien brauchen die Kooperativen Lernformen (Nr. 7) nicht mehr nur auf den Klassenraum beschränkt bleiben. Die Diskussion von Inhalten ist durch die Tools der Sozialen Medien von überall aus möglich. Sie bieten eine gute Ergänzung zu der Arbeit im Klassenraum. Auch die Möglichkeit, gemeinsam online Dokumente zu erstellen oder Referate und Präsentationen anzufertigen, bietet neue kreative Wege (z.B. die gemeinsame Erstellung eines Prezis).

Im Sinne der Idee, dass Wissen immer wieder neu in den Lernenden konstruiert wird, bieten Wikis eine gute Möglichkeit, gemeinsam Wissen zu erstellen.

Ich sehe in den digitalen und online Tools viele kreative Möglichkeiten, das Lernen im Klassenraum zu erweitern und zu vertiefen. Die reale Begegnung von Mensch zu Mensch in der Schule sollte es jedoch nicht ersetzen. Die Nutzung von analogen oder/und digitalen Mitteln hängt immer von dem didaktischen Ziel ab.

Und ab jetzt stellt sich erst die Frage, welches Tool es denn sein soll: Ich Facebook für das Erreichen der Ziele sinnvoll. Vielleicht, wenn man nichts anderes hat. Die Verquickung von privaten und schulischen Dingen bei Facebook halte ich nicht für gut. Deshalb habe ich mir bei Facebook für schulische Dinge auch einen Schulaccount angelegt, in dem nur schulische Dinge verhandelt werden. Aber für das Management des Lernens gibt es sicher bessere Tools. In Hamburg arbeite ich mit Schulcommsy.de. Dieses von der Bildungsbehörde bereitgestellte Portal bietet viele Möglichkeiten. Sicher, es ist nicht so leicht zu Handhaben wie facebook und das Design fällt auch deutlich einfacher aus. Aber die o.g. Probleme, die bei einer schulischen Nutzung von facebook auftreten, habe ich hier nicht.

Es wäre dringend an der Zeit, dass in Deutschland und Europa Tools entwickelt werden, die unabhängig von US-amerikanischen Unternehmen sind und die die deutschen (und hoffenlich bald vorhandenen europäischen) Datenschutzrichtlinien beachten.

Geosurfen – Stadtrundgang mit dem Smartphone

Der erste „Wave“ ist erstellt: Eine Exkursion mit dem Smartphone von dem U-Bahnhof Lutterothstraße bist um U-Bahnhof St. Pauli in Hamburg. Thema: Stadtgeografie. Neun Stationen sind zu bewältigen. An jeder Station ist eine Frage zu beantworten. Der Clou: Die Frage erscheint erst, wenn die Gruppe sich in mindestens 30m Entfernung zur Station befindet. Also etwas Schnitzeljagd mit Aufgaben.

Das Thema meines ersten Rundgangs sind die Stadtgeografie und die Stadtgeschichte.

Das Geosurfen-App lädt man sich über den Google-Play Store herunter (gibts leider nicht fürs iPhone). Die Waves kann man über die Website https://geosurfen.appspot.com/index.html erstellen oder direkt unterwegs mit dem Smartphone.

Ich werde über die Erfahrungen mit Schülergruppen weiter berichten.

Abiturklausuren bewertet – lohnt der Aufwand?

Das lange Sitzen hat ein Ende: Pro Klausur dauert es 2 Stunden, bis sie durchgelesen, gewichtet und bewertet ist. Und dann noch einmal die Zweitdurchsicht, 1 – 1,5 Stunden. Um ein objektives Urteil zu bekommen?

Die Angst vor den zentralen Abiaufgaben hat sich als als überflüssig erwiesen. Alle Aufgaben waren machbar. Die Befürchtung, man müssen jetzt die gesamte Unterrichtszeit auf die Abi-Themen verwenden und habe keine Zeit mehr für kreative Projekte, hat sich als falsch herausgestellt. Wir können in Zunkuft wieder gelassen die wichtigen Projekte angehen.

Die Bewertung der Aufgaben war aber nicht immer objektiv möglich. Die den zentral gestellten Aufgaben beigelegte Erwartungshorizonte erwiesen sich in den Fächern PGW und Geografie doch als ziemlich schwammig. Sie zählten zwar inhaltliche Aspekte auf, aber Hinweise wie sie zu gewichten und zu bewerten sind, fehlten. Da spielte das „hidden curriculum“, das im Kopf von jedem von uns verankert ist, doch eine wichtige Rolle. Natürlich oft auch im Sinne der Schüler, wenn man sie aus dem Unterricht kennt. Keiner möge von sich behaupten, von subjektiven Sichtweisen frei zu sein.

Wenn nun nur noch der Abischnitt im Blickfeld ist, was bleibt eigentlich vom Bildungswert des Abiturs? Ist dieser in einer einzigen Zahl mit einer Stelle hinter dem Komma zu beziffern? Diese Zahl, die Eintrittskarte für manche Studiengänge und Universitäten ist?

Ich glaube, sie wird an Bedeutung abnehmen. Wichtig ist, dass wir großen Teilen der Jugendlichen eine erweiterte Bildung ermöglichen, was immer sie daraus machen. Genau wie Unternehmen werden Universitäten mehr auf Eingangs- und Eignungstests setzen und weniger die Abinote entscheiden lassen. Dann zählt wieder mehr, was sich wirklich an Kompetenzen angeeignet und nicht nur was „gepaukt“ wurde. Auf Studiengänge bezogene Eignungstests hätten auch für die jungen Leute den Vorteil, nicht mehr viele Semester mit der Orientierung zu verbringen, was dann wirklich für sie der richtige Beruf ist.

Und jetzt wartet die Präsentationsprüfung auf uns…