Selbstständiges Lernen mit Arbeitsplänen

Schüler_innen in Aktivität bringen, das ist in vielen Unterrichtsstunden ganz schön schwer. Sie erwarten motiviert, unterhalten, ermahnt zu werden. Der Antrieb zum Lernen kommt in der Schule meist von außen.
Ich möchte dieses „von-außen-motivieren“ gerne umdrehen, weil ich glaube, dass sich die Lernwirksamkeit erhöht. Ich mache mir allerdings auch keine Illusionen, dass für alle Dinge, die gelernt werden, eine intrinsische Motivation aufzubauen ist. Trotzdem sagen mit Schüler_innen immer wieder, wenn sie selbstbestimmt lernen können, haben sie mehr Spaß und sind postiver eingestellt.
Um ein selbstbestimmteres Lernen zu ermöglichen, arbeite ich seit einiger Zeit mit Arbeitsplänen. Das sind Listen von verschiedenen Aufgaben, mit denen sich die Schüler_innen ein Thema erarbeiten können. Sie beinhalten alle Aktivitäten des Lernens, in den Stunden wie auch den Hausaufgaben. Die Schüler_innen bearbeiten die Arbeitspläne selbstständig und in eingenem Tempo. Ich achte darauf, dass die Aufgaben eines Arbeitsplanes sehr abwechslungsreich sind. Übungsaufgaben in Einzelarbeit gehört genauso dazu wie die Diskussion in einer Dreiergruppe. Für mich als Aufgabengestalter hat ein Arbeitsplan auch den Vorteil, dass ich verschiedene Zugänge zu einem Thema ermögliche und eine große Bandbreite an Methoden bereit stelle.
Die Arbeitspläne werden zu einem bestimmten Zeitpunkt abgegeben, sie werden in das Abgabefach in der Klasse gelegt. Ich bewerte die Bearbeitung quantitativ: Man bekommt einen „Haken“, wenn man den AP vollständig abgegeben hat. Ich finde, dass das Erarbeiten eines Themas ein bewertungsfreier Raum sein sollte, in dem es keine Sanktionen nach sich zieht, wenn man Fehler macht. Hier sollten Fehler bewusst möglich sein.
Am Anfang meiner zwei Jahre in der Profilklasse Mensch-Welt in der 12 und 13. Klasse gab es viel Wiederstand gegen die Arbeitspläne. Es gab Abstimmungen im Klassenrat zur Abschaffung von Arbeitsplänen. Eine Zeitlang habe ich dann wieder Einzelaufgaben gestellt. Den Schüler_innen war es sehr lästig, selber für ihre Lernarbeit zuständig zu sein. Zum Abschluss der Klasse hatte sich das Meinungsbild aber gewandelt. Man schätzte die selbstständige Arbeitsform und das gute Gefühl, etwas geschafft zu haben, wenn ein Arbeitsplan beendet wurde. Bei Einzelaufgaben verschwand der Erfolg im großen Strom der täglichen Aufgaben.
Ich sehe mich mit den Arbeitsplänen auch in Einklang mit Herrn Hattie, der der Direkten Instruktion eine hohe Wirkungsmächtigkeit zugeordnet hat. Lernerfolg hängt an guten Aufgaben und daran, dass die Schüler_innen wissen, was von ihnen verlangt wird. Direkte Instruktion darf ja nicht als Aufforderung zum Frontalunterricht alter Prägung missverstanden werden.
Manchmal arbeite ich auch mit Forschungsplänen, in denen die Aufgaben für eine ganze Unterrichtseinheit aufgelistet sind. Hier ist der Selbstständigkeitsgrad nicht so hoch, aber fehlende Schüler_innen haben eine gute Möglichkeit, versäumte Aufgaben nachzuholen.
Wenn Schüler an ihren Arbeitsplänen arbeiten, mache ich keine Pause. Ich stehe dann zur Unterstützung und Hilfe zur Verfügung. Und Arbeitspläne schließen ja Diskussionen, kooperative Lernprozesse und auch Lehrervorträge nicht aus. Ich sehe sie als einen guten Beitrag zu einem schülerzentrierten Lernsetting. Gute Arbeitspläne enthalten immer eine freie Zeile, in denen sich die Schüler_innen eine selbstgestellte Aufgabe geben. Geoökosys APs Gletscher
Forschungsplan Klima 11

Ab ins Abitur – zwei Jahre Profilklasse zu Ende

Die letzte Stunde beendet, die letzte Präsentation wurde gehalten, um die letzten Punkte gefeilscht: Das 4. Semester ist beendet, in einer Woche beginnen für die SchülerInnen die ersten Abiklausuren. Das erste Mal werden sie in Hamburg in allen Fächern zentral gestellt.
Zeit zurückzublicken. Habe ich meine SchülerInnen gut auf das Abitur vorbereitet?
Zuerst: Alle in meiner Klasse hatten in der 4. Klasse keine Gymnasialempfehlung, d.h. sie gingen auf die Gesamtschule, die in Hamburg heute Stadtteilschule heißt. Allein dass sie es bis zum Ende des 4. Smesters geschafft haben, ist ein Erfolg. Am Ende der 4. Klasse wurde es ihnen nicht zugetraut.

Seit Beginn der Profilklasse im 1. Semester der Studienstufe habe ich auf das selbstständige und möglichs selbstorgansierende Lernen gesetzt. Ich habe gleich das Unterrichtsgeschehen über einen Lernportal organisiert (www.schulcommsy.de) und habe die Unterrichtsinhalte in wikis
http://www.schulcommsy.de/wikis/276082/3264314/index.php?commsy_session_id=d378bbf489bef57b35ab0c54abc81690
dokumentiert. Diskussionen und Außendarstellung der Klasse fand über den Weblog statt.
Aufgaben, Termine, Materialien und die Begleitung von Aufgaben in Diskussionen fand über den Klassenraum im Schulcommsy statt. SchülerInnen „bekamen“ nicht mehr die Aufgaben und Materialien, sondern sie mussten sie sich holen. So wurde die Verantwortlichkeit für das Lernen umgedreht, eine höhere Aufforderung zur Selbstständigkeit verlangt.

Ich würde diesen Weg weiter gehen. Ich glaube, dass die SchülerInnen dadurch ein höheres Maß an Selbstverantwortung erlangt habe. Trotzdem sind 10 Jahre klassische Schulerfahrung am Ende der Schulkarriere kaum aufzuholen. Schule und Lernen ist immer noch oft eine passivie, nehmende, konsumierende Tätigkeit. Sie ist meist auch fremdbestimmt: Der Lehrer sagt, was gemacht wird. Hier sehe ich durch das Lernen im Internet große Möglichkeiten, das Lernen selbstbestimmter zu gestalten.

Man kann sich natürlich fragen, ob selbstverantwortetes Lernen eigentlich einen pädagogischen Wert darstellt. Ich denke schon! Nach dem Besuch der Uni-Tage wurde es meinen SchülerInnen selbst deutlich. Sie berichteten von einem großen Durcheinander, schlecht organisierte Veranstaltungen, drangvoller Enge. Meine Antwort darauf war: „Das ist genau der Grund, warum ich Euch zum selbstständigen Lernen bringen möchte. Im Chaos braucht ihr die Fähigkeit, euch selbst Ziele und Wege zu ermitteln“

Ich habe von Anfang an mit einer Lernplattform, Schulcommsy.de, gearbeitet. Alle Informationen, Aufgaben, Termine und Diskussionen liefen über diese Plattform. Sie ermögliche es den SchülerInnen, selbstständig sich über Aufgaben, Materialien und Termine zu informieren. Ich habe versucht, das Lernen „umzudrehen“: Ich stelle Aufgaben und Lernmöglichkeiten zur Verfügung, die SchülerInnen holen sich selbstständig diese und planen ihre Bearbeitung.

Die Aufgaben wurden meist nicht als Einzelaufgaben gestellt, sondern in sog. „Arbeitsplänen„. Diese umfassten zu einem Thema mehrere Aufgaben mit unterschiedlicher Arbeitsform, um das Thema zu erarbeiten. Die SchülerInnen bearbeiteten den Arbeitsplan selbstständig und legten ihn bei Fertigstellung vor. Es gibt keine Unterscheidung mehr zwischen Unterrichtsaufgaben und Hausaufgaben. Das hat den Vorteil, dass die SchülerInnen ihre Arbeit selbst einteilen müssen und können. Die Aufgaben werden in einen größeren thematischen Zusammenhang gebracht. Und für mich als Aufgabenersteller hat es den Vorteil, dass ich jede Aufgabe nicht isoliert sehe, sondern in einem Kontext mit anderen Aufgaben.

Das wiki haben wir in erster Linie als Wissensspeicher genutzt. Es war ein gemeinschaftliches Protokoll der Lernarbeit in der Klasse. Oft habe ich als Hausaufgabe einen Eintrag ins wiki gestellt. Gerade für die Erklärung von Fachbegriffen zum Nachschlagen ist das wiki gut geeignet. Die Beiträge wurden additiv nebeneinander gestellt. Die Einträge von anderen zu ergänzen oder zu verbessern, trauten sich die SchülerInnen noch nicht.

Der blog wurde in erster Linie zur Außendarstellung und zum Diskutieren genutzt. Meist wurden aktuelle Themen zur Diskussion gestellt und dann über die Kommentarfunktion diskutiert. Der Vorteil ist, dass immer der vorhergehende Kommentar eingesehen werden kann. Das war aber ein langer Lernweg für meine SchülerInnen, nicht nur die eigene Meinung zu sehen, sondern auch auf das einzugehen, was andere sagen. Aber das genau soll ja auch gelernt werden.

Ein Schwerpunkt im Profil der letzten zwei Jahre waren die Semesterprojekte. Jedes Semester haben wir ein Projekt gemacht, das in Gruppen erarbeitet wurde. Die Semesterprojekte waren bewusst im Gegensatz zum Zentralabitur, dass seit 2014 in Hamburg gilt, konzipiert. Ich wollte mich nicht zum Erfüllungsgehilfen eines „Learning for the Test“ machen. Die SchülerInnen haben die Semesterprojekte immer als besondere Herausforderung und auch als zufrieden stellende Arbeit empfunden. Es waren wirklich Arbeiten, die selbst entwickelt und durchgeführt wurden. Für mich als Lehrender war es eine wichtige Herausforderung, die Aufgaben so zu stellen, dass sie einerseits offen und gestaltbar waren, aber auch die Bildungsplanthemen und Kompetenzen abdecken. Und nicht zuletzt müssen die Arbeiten bewertbar sein. In der Studienstufe zählt nun mal alles für das Abi und die Durchschnittsnote. Alles was bewertbar ist, hat seinen Wert. Die Semesterprojekte sind einzeln an anderer Stelle im meinem Blog besprochen.

Das Rückgrat der Klassendemokratie war der Klassenrat. Viele meinen, dass ist doch etwas für Jüngere, wo Konflikte in der Klasse besprochen werden. Ich denke jedoch, der Klassenrat ist die Grundlage jeder Demokratieerziehung. Viele wenden sicher ein, dafür wäre bei der Inhaltsdichte in der Studienstufe keine Zeit. Aber ich bin der Meinung, diese Zeit muss man sich nehmen. Der Klassenrat als autonome Willensbildung in der Klasse gibt den SchülerInnen das Gefühl, respektiert und akzeptiert zu werden. Der Klassenrat wurde vollständig von den SchülerInnen selbst organisiert, die Rollen des Gesprächsleiters, Meldelistenführer, Protokollant wechselten.

Alle SchülerInnen der Klasse haben die Zulassung zum Abitur erhalten. Keiner von ihnen hatte nach der 4. Klasse eine Gymnasialempfehlung. Ihnen wurde von den Grundschullehrern nicht zugetraut, Abitur zu machen. Allein dass sie es bis hierher geschafft haben, ist ein großer Erfolg. Sicher werden die Abschlussnoten bei dem einen oder anderen nicht grandios sein. Aber das ist nicht das entscheidende. 14 junge Menschen haben es trotz vieler Widrigkeiten es geschafft, sich mehr Bildung und Kompetenzen anzueignen, als ihnen eigentlich zugetraut wurde. Und hier hat das Zentralabitur, dass die Jungen Leute ab nächster Woche bestehen müssen, auch einen Vorteil: Das Abi an einer Stadtteilschule ist kein Abi-Light mehr. Es sind die gleichen Aufgaben wie in Bayern und in Sachsen.
 

Lerntagebücher „Space Odyssey“ beendet

Jetzt habe ich über 40 Lerntagebücher durchgesehen, und bin begeistert! Im Fach Physik der 10. Klasse habe ich sechs Wochen in Abschnitten die Doku-Fiction „Space Odyssey“ der BBC mit den SchülerInnen geschaut. Den Film habe ich genutzt, um die Begriffe Masse, Kraft, Gravitation, Dichte, Druck, Schwerkraft, Freier Fall usw. zu bearbeiten. Das sind ja sonst nicht so begeisterungsfähige Themen. Aber mit der „fiktiven Reise zu den Planeten“ des Film waren die SchülerInnen sehr engagiert dabei.

Was sie gelernt haben, trugen sie in ihr Lerntagebuch ein. Das besondere an einem Lerntagebuch ist, dass sie selbst bestimmen können, wie sie es gestalten und wie sie ihre Einträge machen. Und siehe da, die Motivation ein Heft zu führen, das wirklich ihr eigenes ist (weil es sind nicht die abgeschriebenen Tafelbilder), mit eigenen Texten, eingeklebten Fotos und eigenen Zeichnungen. Natürlich habe ich ihnen Tipps und Hilfen gegeben, was man alles hineinschreiben sollte. Aber die Umsetzung bleibt ihnen überlassen.

Schlusskapitel war die von mir geforderte Reflexion. Was ich da gelesen habe, hat meine Erwartungen übertroffen. Die meisten haben geschrieben, dass sie mit viel Spaß an ihrem Lerntagebuch gearbeitet haben – auch wenn es viel Arbeit war. Sie hätten erst gedacht, was ein langweiliges Thema, haben aber mit der Beschäftigung gemerkt, das viel interessantes drinsteckt. Viele sagten, sie hätten sich das erste Mal überhaupt für Physik interessiert.

Ich glaube, es lag nicht am Thema, sondern an der Freiheit der eigenen Gestaltung und des eigenen Lernens, das ein Lerntagebuch bietet. Sie haben ihr Herz für das naturwissenschaftliche Denken geöffnet – was will ich mehr?

Film „Space Odyssey“: https://www.youtube.com/watch?v=ANOxVfwY9Hg

Space Odyssey Start
space_odyssey_bbc
AufgabenübersichtSpace Odyssey Fliehkraft
Rück Space Odyssey

Mehr deutsche Verantwortung in der Außenpolitik? Update 1

Am erste Februarwochende tagte zum 50. Mal die Münchener Sicherheitskonferenz. Der Bundespräsident und  der Außenminister forderten eine größere außenpolitische Verantwortung Deutschlands ein. Aber mit welchem Ziel und mit welchen Konzepten?

Unter dem Semesterthema „internationale Konflikte“ beschäftige ich mich mit meiner 13. Profilklasse MenschWelt im Fach Politik-Gesesellschaft-Wirtschaft mit der Frage, ob Deutschland eine „Globale Schutzverantwortung“ hat, die „responsibility2protect“. Dabei gehe ich nach dem Lernkonzept der Broschüre „Schutzverantwortung“ aus der Reihe Globales Lernen des LI Hamburg vor.

Dieses Konzept bewährt sich in den Lernstunden sehr, weil die SchülerInnen mit sehr viel Engagement und Betroffenheit das Thema bearbeiten. Das Konzept kann man unter http://www.globales-lernen.de/ downloaden. Ausgangspunkt ist der Film „Schlimmer als Krieg“ von Daniel Goldhagen, der weltweit Völkermorde untersucht hat und weitgehende Forderungen an die UNO und die demokratischen Staaten stellt:

Ich möchte das Lernkonzept hier ausdrücklich empfehlen und werde hier weiter über meine Erfahrungen im Globalen Lernen berichten.

Hier ist die Klausur, die zu diesem Thema geschrieben wurde. Klausur Rolle Deutschlands in der Welt

„Sag ihnen, was sie können“

Lehrer geben Noten, hunderte, tausende; Noten scheinen unzertrennbar mit der Schule verwachsen zu sein. Tägliches Ranking, dauernder Vergleich, Bundesligatabelle. Lehrer sind gerecht, wenn es gute Noten gibt und ungerecht bei schlechten. Bei Versuchen, Noten durch Kompetenzrückmeldungen zu ersetzen, gibt es oft Proteste von den Eltern, und viele Schüler wollen nach der Grundschule endlich „richtige“ Noten.

Ich glaube dass sich alle Lehrpersonen einig sind, dass man Schüler fördern und unterstützen soll. Am besten geht das unzweifelhaft, wenn man ihnen sagt, was sie können. Aber kann man das mit Noten ausdrücken? Da bekommt man von Schülern nur die Auskunft: „Ich bin schlecht in Mathe, aber ganz gut in Englisch“. Das wars.

Wie kann man es etwas differenzierter hinkrieben? Ich versuche seit einiger Zeit mit Rückmeldskalen zu arbeiten. Dabei wird eine Aussage zu einer Teilkompetenz formuliert und dann auf einer Skala der erreichte Grad eingetragen. Das können dann 10er Skalen sein, Prozentskalen oder eben auch Notenskalen. Es ergibt sich dadurch ein grafisches Bild einer Kompetenz. Je weiter rechts das Kreuz, desto besser wird die Kompetenz erfüllt. Z.B. „Du hast alle sachlich wichtigen Teile in deinem Text erfasst“: Skalenstufe 8 von 10; und „Du hast deinen Text gut und sinnvoll strukturiert“: Skalenstufe 4 von 10. Dann kann man gleich sehen, dass die Stärke im inhaltlichen Erfassen liegt, aber auf die Strukturierung eines Textes noch geachtet werden muss.

Ich sehe dieses Verfahren als einen pragmatischen Beitrag zur Kompetenzdebatte und vielleicht einen dem Schulalltag angepassten Weg für eine komptenzorientierte Rückmeldung, ohne in grundsätzliche Diskussionen zu genen.

Hier einige Beispiele für Rückmeldeskalen:
Rück FachtexteGeo
Rück Raumanalyse Plattentektonik
Rückmeldung Kartenerstellung
Rück Grafikerstellung
Rückmeldebogen Semesterprojekt
KR Selbststeuerung GES
KompRast mündliche Beiträge

Forschungsauftrag Fahrrad

Seit einiger Zeit arbeite ich mit meinen SchülerInnen im Physikunterricht mit Forschungsaufträgen. Ich möchte damit das selbstständige forschende Lernen fördern. Außerdem versuche ich das Lernen „umzudrehen“, d.h. ich gebe nicht mehr kleinschrittige Aufgaben vor, sondern die SchülerInnen bekommen eine Forschungsfrage und ich helfe ihnen, diese Frage zu lösen. Meine Aufgabe besteht dann darin,

  • impulsgebende Inputs zu machen
  • die Arbeit zu strukturieren
  • zu ermutigen, sich an die Arbeit zu machen (Schüler haben immer Angst, etwas falsch zu machen)
  • Tipps und Hilfestellungen zu geben.

Zu jeder Forscherfrage gehört eine feste Struktur:

  • Physikalische Größen und Begriffe müssen in einem Steckbrief erklärt werden
  • Es muss ein Versuch durchgeführt und protokolliert werden
  • Ein Informationstext zur Forscherfrage wird erstellt
  • Messwerte werden genommen und berechnet
  • Grafiken und Fotos werden erstellt

Die Kommunikation zu den Forschungsaufträgen läuft über unsere Lernplattform (Schulcommsy.de). Alle Aufgaben und Links sind hier verfügbar. Auch hier gilt die „Umkehrung“: Alles ist online verfügbar, die Schüler müssen es selbstständig nutzen, wann auch immer. Da gibt es auch keine Ausrede mehr, ich war krank oder habe das Arbeitsblatt nicht erhalten.

Dadurch ist für die SchülerInnen diese Methode doch etwas gewöhnungsbedürftig. Sie müssen sich erstmal aus der Rolle des Lernkonsumenten in den Lernkonstrukteur hineinfinden. Es verlangt auch eine höhere Aktivität von den Schülern, auch nicht immer gern gesehen bei den jungen Leuten.

Aber ich erfoffe mir langfristig eine höhere Motivation zum Lernen, weil die Selbstwirksamkeit größer ist. Man erstellt ein eigenes, individuelles Produkt, da vorgezeigt werden kann. Das Internet unterstützt dabei das Lernen sehr gut.

Hier der Forschungsauftrag Fahrrad.

 

 

Forschungsauftrag „Fahrrad Vers3

„Taxi zur Hölle“: Folter im Antiterrorkampf

Eigentlich war es als eine Übung für meine Schüler gedacht, systematisch eine Stellungnahme zu einem schwierigen Thema zu schreiben. Es geht in der 13. Klasse auf das Abitur zu und eine systematische, begründete Stellungnahme zu schreiben, bereitet meinen Schülern immer noch Schwierigkeiten. Ich hatte die Filmsammlung „Demokratie für Alle?“ der Bundeszentrale für Politische Bildung zur Verfügung und fand darin den Film „Taxi zur Hölle“, der die Folterpraktiken der USA in Afghanistan, Irak und Guantanamo zum Thema hat.
http://www.bpb.de/shop/multimedia/dvd-cd/33891/demokratie-fuer-alle

Die SchülerInnen sollten für sich klären, ob es legitim ist, undemokratische Mittel anzuwenden, um die Demokratie vor Terrorismus zu schützen.
Da bekam die Frage eine neue Aktualität durch die Vorwürfe gegen die britischen Soldaten, im Irakkrieg ebenfalls gefoltert zu haben. Wir haben diese Frage dann sehr systematisch in acht Schritten erarbeitet: immer drei Schüler arbeiteten eine Runde zusammen. Nach jeder Runde wurden einzelne Ergebnisse im Plenum vorgestellt.
Foto-3
Die fertigen Stellungnahmen veröffentlichen wir dann in unserem blog.
http://blogs.hamburg.schulcommsy.de/276082_3264314/2014/01/14/film-taxi-zur-holle-usa-foltert-im-antiterrorkampf/
JedeR SchülerIn hat dann die Möglichkeit, die anderen Arbeiten durchzulesen. Im Plenum stellen wir dann einzelne Texte zur Diskussion.
Ein sehr empfehlenswertes Thema und eine sehr intensive Arbeit, die sich gelohnt hat.

OER in der Schule?

Brauchen wir Open Education Ressources an der Schule?

Warten Lehrer und Schüler eigentlich auf OER?

These: OER sind nur sinnvoll, wenn sie eine positive Weiterentwicklung der Lernkultur ermöglichen.

Können freie Internet-Inhalte die subjektive Konstruktion von Wissen bei den einzelnen SchülerInnen fördern?
Wenn freie Bildungsinhalte zur Verfügung stehen, können Lernende diese direkt für sich benutze und weiter verarbeiten. Sie können sie in eigene Lerntagebücher, Heften, wikis oder Portfolios einfügen, ohne eine Urheberrechtsverletzung zu begehen. Ich glaube, dass die subjektive Re-Konstruktion von Wissen ein wirksames Lernen ermöglicht. Dabei spielt das eigene Bearbeiten eine große Rolle, und nicht nur das „Abschreiben“.

Können freie Internet-Inhalte selbst gesteuerte, autonome Lernformen fördern?
Freie Bildungsinhalte sollten nicht nur einen Informationsinhalt haben, sondern auch methodische Vorschläge für die Bearbeitung enthalten. Es wäre ein echter Fortschritt in der Autonomie des Lernens, wenn die Lernenden unabhängiger, freier, selbstständiger Agieren können. Ich glaube, dass die SchülerInnen in der Schule heute noch in extremer Unselbstständigkeit gehalten werden (Hausaufgaben werden „aufgegeben“) und sie darauf oft mit Verweigerung reagieren (eben keine Hausaufgaben machen, oder sie aus Angst vor Repression, dem Strich im roten Lehrerbüchlein, widerwillig machen). Offene Bildungsmaterialien sollten neben Inhalten auch Bearbeitungsmöglichkeiten anbieten, die die Lernenden selbst aussuchen können.

Ermöglichen freie Inhalte kooperatives Lernen?
Gemeinsam neue Produkte herstellen ist ein wichtiger Lernprozess. Im Team ein Projekt arbeitsteilig bearbeiten und ein gemeinsames Ergebnis produzieren scheint mir für die Vorbereitung auf das Leben wichtiger zu sein als individuelles Pauken. Die Dominanz des individuellen Lernens hat ja seinen Grund eher in der besseren Prüfbarkeit in der Schule.
Wenn Inhalte frei zu Verfügung stehen für die Weiterverarbeitung, bieten sie viele Möglichkeiten kooperativen Lernens. Ich glaube, dass hier freie Bildungsmaterialien ihre Stärke zeigen können.

Bieten freie Bildungsmaterialien Übungsmöglichkeiten, die die Lernenden selbstständig nutzen können?
Das wäre zu hoffen. Gerade mit der Perspektive des „lebenslangen Lernens“ bekommt der Aspekt selbstständige Übungsmöglichkeiten ein neues Gewicht. Hier wurde in der Session besonders auf die Kölner Geschichtsplattform „segu Geschichte“ hingewiesen. Es wäre erfreulich, wenn weitere Übungsmöglichkeiten

Geben freie Bildungsmaterialien die Chance, das Prüfungssystem zu verbessern? Ist eine Prüfungssituation ohne Nutzung des Internets nicht gerade kein „Lernen für das Leben“?
Das ist wohl noch sehr unklar. In der Schule werden ja Prüfungen für die Lernrückmeldung und für die Selektion benutzt, zwei sehr unterschiedliche Zielsetzungen. Lernrückmeldungen im Internet sind meines Wissens noch ein Neuland und beschränken sich auf Anklicklisten. Hier wäre sicher noch Arbeit zu leisten.

Können freie Bildungsmaterialien die Qualität des Lernens im Vergleich zu der Arbeit mit Schulbüchern verbessern?
Freie Bildungsmaterialen bieten nicht automatisch die Garantie für eine verbesserte Qualität. Auf der Session im educamp Berlin 13 wurden abschreckende Beispiele aus Südkorea berichtet. Die Teilnehmenden an der Session schätzten eher ein Nebeneinander von Schulbuch und freien Ressourcen aus dem Internet als Szenario für die nahe Zukunft als wahrscheinlich ein. Im Moment ist wohl die Stadt Köln am weitesten, Möglichkeiten für OER an den Schulen bereit zu stellen.

Die Idee, ein Qualitätslabel für OER zu vergeben, wurde auf der Session als eher unrealistisch eingeschätzt. Wenn etwas permanent veränderbar ist, kann man dafür kein „festes“ Label vergeben. Für die Beurteilung der Qualität muss die professionelle Beurteilungskompetenz des Lehrenden gerade stehen. Es wurde deutlich gemacht, dass für von LehrerInnen erstellte Materialien keine Genehmigung von der Schulaufsicht nötig ist, solange sie nicht in Buchform veröffentlicht werden.

Die Beurteilung der Qualität von Inhalten, Aufgaben und Lernarrangements ist ja die tägliche Aufgabe von Lehrenden, auch in der analogen Buchwelt. Man muss dauernd bewerten, welche Materialien man auswählt, auch aus Büchern. Das wird sich in der Internetwelt nicht ändern. Der Vorteil offener Bildungsmaterialien besteht darin, dass man vorhandenes verändern, ergänzen, gestalten kann.

Wird Selbstwirksamkeit für die Schüler mehr spürbar durch freie Bildungsmaterialien?
Die Möglichkeit, Bildungsinhalte aus dem Internet zu nehmen und unter einer eigenen Fragestellung neu zu verarbeiten, um damit ein neues, eigenes Produkt (Portfolio, Themenarbeit, Präsentation usw.) zu gestalten, ist sicher eines der großen Chancen von offenen Bildungsressourcen. Wenn es beim Lernen nicht nur um das „Nachvollziehen“ und „Stofflernen“ geht, kann eine Selbstwirksamkeit beim Lernen durch OER sicher erfolgreich eingesetzt werden. Die Möglichkeiten, eigene neue Produkte herzustellen, ist dann sicher grenzenlos und bieten viele Möglichkeiten der subjektiven Konstruktion von Wissen und Bildung.

Lernkultur?
Wie alle Kulturen, der Art, wie Menschen zusammen leben und arbeiten, wird sich die Lernkultur immer wandeln und weiter entwickeln. Sie ist auch immer ein Abbild der Gesellschaft, in der wir leben. In den letzten Jahren haben besonders die neuen Kommunikationsmöglichkeiten des Internets, die Erkenntnisse der Hirnforschung und auch konstruktivistische Vorstellungen die Lernkultur beeinflusst. Die Entwicklung der Lernkultur ist ein dauernder Wandlungsprozess (the road of learning is permanent under construction, Andreas Müller). Ich finde es erfreulich, dass dieser Prozess nicht mehr so stark unter ideologischen Gesichtspunkten diskutiert wird wie in den neunziger Jahren, als sich die Anhänger des gegliederten und des Gesamtschulsystems unversöhnlich gegenüber standen. Es ist erfrischend, dass es jetzt um die Möglichkeiten, und weniger um die richtigen Methoden geht.

OER: Semesterprojekt Gentrifizierung

Hier stelle ich mein Lernprojekt „Gentrifizierung in Hamburger Stadtteilen“ vor. Die WORD-Datei zum Download und zur Weiterverwendung hängt an.

Didaktischer Kommentar:
Das Semesterprojekt habe ich in einer 12. Klasse im Rahmen des Profils PGW, Geografie und Seminar durchgeführt. Das Ziel dieses Projektes war
– die Durchführung eines Projektes in allen Phasen
– das Entwickeln von selbstständigen Lernvorhaben
– die Förderung des autonomen Lernens
– das fächerübergreifende Arbeiten
– eine hohe Identifikation der SchülerInnen mit dem Projekt

Als Lehrender habe ich die Rahmenbedingungen des Projektes beschrieben und festgelegt. Ich habe die Arbeitsgruppen eng begleitet und die „Wegmarken“ durch das Projekt gesetzt. Letztendlich war es auch meine Aufgabe, eine Rückmeldung zu geben und sie mit Notenpunkten für das Zeugnis zu versehen.

In ihrer Rückmeldung haben die Lernenden das Projekt als sehr motivierend empfunden. Sie konnten eigene Schwerpunkte setzen. Sie merkten, dass sie eng an der Tagespolitik dran waren. Eine Schülergruppe hat eine städtische Informationsveranstaltung für ein großes Stadtentwicklungsprojekt („Neue Mitte Altona“) besucht, eine andere konnte einen Buchhändler in der Straße „Lange Reihe“ interviewen, der eine verdoppelte Mieterhöhung bekommen hat und seine Buchhandlung aufgeben musste.

Anlage:
Projektskizze (WORD und pdf)
zwei Beispiele von Schülerarbeiten
Semesterprojekt Gentrifizierung
Semesterprojekt Gentrifizierung
St.Pauli
eimsbuettel

OER: Meine Lerneinheiten zum Download

Ich möchte das mit den Open Education Ressources jetzt mal ausprobieren. Ich stelle hier unter der Kategorie OER meine Lerneinheiten, die ich mit meinen Schülern durchgeführt habe. Jeder kann sie herunterladen und für sich weiter verwenden. Über eine Rückmeldung würde ich mich natürlich freuen. Ich möchte wissen, ob die OERs die Lernentwicklung an den Schulen wirklich voranbringt. Ich bin mir da nämlich nicht sicher, siehe letzten Artikel.