Präsenz-Lernen und Heim-Lernen zusammen führen

Seit einer Woche arbeite ich mit der Hälfte meiner Klasse zusammen in einem Raum in der Schule. Die andere Hälfte sitzt zu Hause an ihren Aufgaben. In der nächsten Woche werde ich die zweite Gruppe in der Schule begrüßen können, die erste bleibt dann zu Hause. Schule in Corona-Zeiten. 

Das hört sich nach der klassischen Struktur des Unterrichts seit Jahrzehnten an: Im Unterricht werden Inhalte erklärt, nachgefragt, diskutiert, dann geht es mit Hausaufgaben nach Hause, die die Schüler_innen dann an ihrem heimischen Schreibtisch bearbeiten. Sie kommen damit dann in die nächste Stunde, die damit beginnt, dass Hausaufgaben vorgelesen werden (einer spricht, alles schläft). 

Ist das nach den sechs Wochen Erfahrung im digital unterstützten Fernlernen noch zeitgemäß? 

Ich überlege, wie man Präsenz-Lernen und Heim-Lernen zusammenführen kann. Wir sollten doch die Erfahrungen, die wir die letzten Wochen gemacht haben, nicht einfach wieder ablegen, und zu der alten Schule zurückkehren. Mal einen kurzen Überblick über diese Erfahrungen: 

  • die jungen Leute haben ganz viele Selbstorganisation-Erfahrungen gemacht
  • sie haben den Wert von direkter, analoger, unmittelbarer Kommunikation gespürt. Es ist etwas schönes, in die Schule zu gehen und die Lehrenden und Mitschüler zu treffen. 
  • Es gibt eine große Gruppe von Schüler_innen, die mangels Endgeräte vom Lernen abgekoppelt sind.
  • Es gibt eine weitere große Gruppe, die aufgrund mangelnder Selbstorganisation oder familiärer Unterstützung nicht die Aufgaben der Schule nicht bearbeiten konnten. 

Die Zusammenführung von Präsenz- und Heim-Lernen, so meine Idealvorstellung, baut aufeinander auf. Jede Gruppe gibt ihre Ergebnisse weiter und veröffentlicht diese in den entsprechenden Tools. Damit wird gemeinsam an den Themen und Aufgaben gearbeitet, jedoch nicht synchron wie im normalen Unterricht, sondern asynchron. 

Nach einer Woche kann ich folgendes sagen: 

  • Ich gebe jeden Morgen um 9.00 einen Morgengruß an alle Schüler über das Forum heraus, wo ich den Stand der Arbeit beschreibe 
  • Ich gebe jeden Morgen eine Tages-Denk-Aufgabe, zu der die Schüler Stellung nehmen sollen (im Forum für die Heim-Schüler und in der Schule für die Präsenz-Schüler) 
  • Die Lernaufgaben werden über MeisterTask organisiert. 
  • Die Präsenzgruppe legt vor, die Ergebnisse werden auf Flipcharts geschrieben und abfotografiert 
  • Die Präsenz-Gruppe legt den Schwerpunkt auf das gemeinsame Besprechen
  • Die Heim-Gruppe hat ihren Schwerpunkt im Bearbeiten der Aufgaben. 
  • In der zweiten Woche dreht sich der Schwerpunkt um, wobei die zweite Präsenzgruppe von der Vorarbeit profitiert. 
  • Meine Inputs nehme ich mit explain everything auf und stelle sie zur Verfügung. Dabei nutze ich die Ergebnisse der ersten Präsenzgruppe. 

In der kommenden Woche werden wir auch eine Präsentationsleistung von einem Schüler aus der Heim-Gruppe bekommen, die wir gemeinsam, in der Schule und zu Hause anschauen werden. 

Mein Fazit bisher: 

Ich muss gut koordinieren! 

Ich muss die Aufgabenkarten und die Ergebnisssicherungen schnell auf den neuesten Stand halten. 

Ich muss gut den Überblick halten. 

Es ist schon einiges an Arbeit, aber vielleicht, weil ich es noch nicht gewohnt bin, in zwei Ebenen zu denken. 

Mit Trello Veranstaltungen mit Schülern organisieren

Dienstag, der 20.6.2017. Ich habe schlecht geschlafen, weil ich Bedenken hatte, ob der „Schülerkongress“, der ab 12 Uhr in der Aula stattfinden sollte, auch klappen würde. Dann die Schrecksekunde um 10 Uhr: Beide Schüler, die für die Moderation und Leitung des Kongresses verantwortlich waren, haben sich krank gemeldet. Um 11 Uhr kommt die Entwarnung: Eine Schülerin, bisher eher still im Unterricht, hat sich selbstständig mit die Moderationskarten besorgt und die Leitung der Veranstaltung übernommen. Steine fielen von meinem Herzen. Vor allem auch der Stein, der daran zweifelte, dass Selbstorganisation in der Schule machbar ist.

Der „Schülerkongress“ an der Stadtteilschule Niendorf war eine der ersten selbstorganisierten Veranstaltungen, die ich mit Schülern durchgeführt habe. Ich hatte mir zum Ziel gesetzt, die Partizipation der jungen Leute am politischen Geschehen zu stärken. Ich wollte Räume inszenieren, in denen sie sich als „wichtig“ und als „gewollt“ und „beachtet“ erleben können.

Selbstorganisiert heißt für Lehrer auch immer: Verantwortung und Kontrolle abgeben – meist gar nicht so leicht für Lehrer, denen die „Kontrolle über den Unterrichtsprozess“ schon im Referendariat eingebleut wird.

Das fängt dann mit der Veränderung der Haltung zum Lernen an. Im Februar habe ich der Klasse den Auftrag gegeben, diesen Schülerkongress zu organisieren. Für die zwei Seminarstunden pro Woche wird die Klasse zu einer Agentur, die diesen Auftrag umsetzt. Ich wollte mich nur noch als Coach einbringen, der Impulse aus meiner Erfahrung mit politischen Veranstaltungen gibt. Es wurden zwei Projektleiter gewählt und erste Verantwortlichkeiten verteilt. Auch räumlich sollte die veränderte Haltung deutlich werden: Die Tische im Klassenraum wurden zu einem langen Konferenztisch zusammengestellt.

Das zentrale Kommunikationstool wurde ein Trello-Board.

trello.com ist ein Internet-Tool, mit dem man kostenlos Projekte und Veranstaltungen organisieren kann. Die Bedienung ist sehr intuitiv und einfach. Die Schüler fanden sich schnell mit der Handhabung zurecht. Alle Informationen wurden im Board gespeichert und waren so für alle jederzeit nutzbar. Es war nicht mehr nötig, E-mails hin und her zuschicken, und zu fragen, „hast du die E-Mail bekommen?“

Die Organisation erfolgt über eine Sachstruktur über Listen, die von links nach rechts aneinander gereiht werden; sowie über die zeitliche Struktur von oben nach unten, in dem in den Listen die Aktivitäten chronologisch abgelegt werden. Meine Aufgabe als Coach war die Erstellung dieser Struktur, die neuen Karten hinzuzufügen. In den Karten haben dann die Schüler ihre Aktivitäten abgelegt: Dateien, Kommentare und Ideen, Checklisten und Fotos waren die wichtigsten Inhalte der Karten. 

Unsere erste Aktivität war das Brainstorming von möglichen Workshop-Themen auf dem Kongress, die Brainstorming-Karten wurden auf dem Boden ausgelegt und ein Foto davon in die Trello-Liste „Workshops“ gestellt. So hatte jeder Zugriff zu den ursprünglichen Planungen.

Unter der Liste „Projektsteuerung“ habe ich für jede Woche eine Checkliste mit Aufgaben für die Projektleiter eingestellt, die diese ergänzt und mit dem „Team“ (= Klasse) abgearbeitet haben. Weitere Listen waren dann die üblichen Aufgabenbereiche einer Veranstaltung: * Teilnehmer und Akkreditierung, * Öffentlichkeitsarbeit und Dokumentation, * Verpflegung, * Technik, * Kommunikation mit Gästen, * Veranstaltungsformen auf dem Kongress (Workshops, Talks, open space), * Auswertung.

Eine zentrale Frage für Lehrer ist immer wieder: Wie bewerte ich dieses „nicht-unterrichtliche“ Lernen? Das tolle Engagement der Schüler nicht zu bewerten, kam für mich nicht in Frage, denn im schulischen System, das auf dauernde Bewertung aufbaut, haben nicht-bewertete Aktivitäten einen geringen Stellenwert. Ich habe eine quantitative und eine qualitative Bewertung durchgeführt. Die quantitative Bewertung erfolgte über die Trello-Liste „Arbeitsnachweise“. Hier stellte ich für jede Vorbereitungswoche eine Karte ein mit der Aufforderung an die Schüler, ihren Beitrag zum Kongress dieser Woche einzutragen. Jeder Eintrag wurde von mir in der Arbeitsliste mit einem „Haken“ dokumentiert. Durch die Trello-Liste konnte ich die Arbeitsnachweise in Ruhe anschauen und „verbuchen“. Die Schüler bekamen die eigene Verantwortung, ihren Beitrag zu dokumentieren. Durch das Trello-Tool ging auch nichts verloren, Ausreden („ich habe mein Heft zu Hause vergessen“) waren nicht mehr möglich.

Für die qualitative Bewertung der Arbeit habe ich ein Kompetenzraster „Engagement im Projekt“ entwickelt.

Hier habe ich versucht, in fünf Stufen das unterschiedliche Engagement zu beschreiben. Ich beobachte meine Schüler während der Vorbereitungsarbeit (welch ein Luxus) und ordne ihren Einsatz den Stufen zu. Natürlich habe ich vorher den Schülern dieses Kompetenzraster gegeben und sie aufgefordert, in ihren Arbeitsnachweisen sich selbst einzuschätzen. Diese Einschätzungen habe ich dann in meine Bewertungslisten eingetragen.

Diese Einschätzungen kann ich dann in Ruhe am Schreibtisch in Trello nachlesen. Das Kompetenzraster kann man sich hier herunterladen: KR Engagement Projekt

Insgesamt hat sich die Arbeit mit http://www.Trello.com bewährt. Es ist ein einfaches, leicht zu bedienendes Tool, das für die Schüler intuitiv zu bedienen ist. Als Anmeldung wird nur eine E-Mail-Adresse benötigt. Über andere Erfahrungsberichte und Tipps würde ich mich freuen.

Projekte und digitales Lernen in der Studienstufe

Das neue Schuljahr hat begonnen und ich habe eine neue Profilklasse mit den Fächern Politik, Geografie und Seminar gestartet: Die Profilklasse MenschWelt. Ich gehe mit diesem Konzept in die dritte Runde und möchte meinen Schwerpunkte: Projekte und digitales Lernen, in diesem Profil ausbauen.

Hier ist mein Konzept: profilklasse-mw1618-planung

Ich hätte besonders Interesse an einer digitalen Austauschmöglichkeit meiner Schüler_innen mit anderen Klassen in Deutschland und Europa. Die Bearbeitung eines gemeinsamen Blogs wäre ein lohnendes Projekt.

Zurzeit bearbeiten wir ein Stadtteilprojekt: Gentrifizierung in Hamburger Stadtteilen. Weitere Projektideen wären die Organisation eines Jugendkongresses, in dem die Schüler Jungpolitiker in die Schule zur Diskussion einladen, ein Europaprojekt oder ein Projekt zum Thema Migration. Ich würde mich über Kontakte zu anderen Schulen und Lehrer_innen freuen.

Auch im digitalen Lernen würde ich gerne wieder etwas ausprobieren. In meinem Planungskonzept habe ich eine Liste verzeichnet, welche digitalen Tools ich gerne ausprobieren würde. Ein Hindernis gab es am Schuljahresanfang: Ein Bagger hat in den Ferien eine Wasserleitung gekappt, die den gesamten Keller mit Server unter Wasser gesetzt hat. Während der Server an einem anderen Standort wieder aufgebaut werden konnte, ging das WLAN mehrere Wochen nicht. Ich fand es doch schon erschreckend und überraschend, wie abhängig ich mittlerweile vom Internetzugang im Unterricht bin. Sogar das normale Drucken lief über den defekten Router und war somit nicht mehr möglich.

Aber nun kann es losgehen, alles geht wieder. Ich freue mich über weitere Projektideen für die Klassenstufen 12 und 13.

Eine Klasse digital beenden …

Nun sind sie weg, meine Schüler_innen der 13.Klasse. Noch ein gemeinsames Essen, den Klassenraum aufräumen, alles mitnehmen. Die meisten haben  jetzt schon Ihre Abitur Klausuren hinter sich. Da habe ich Zeit, die Auswertungsfragebögen durchzusehen und bin gespannt, welche Lernformen bei den Schüler_innen am besten angekommen sind.

Digital habe ich ja kontinuierlich mit einer Lernplattform (schulcommsy.de) und einem Wiki gearbeitet.

Im Wiki sind in den letzten zwei Jahren viele Seiten zu allen Themen des bildungsplanes Oberstufe in den Fächern PGW und Geografie zusammen gekommen. Die Einträge in das Wiki waren für die Schüler_innen verpflichtend, meist ein Teil der Arbeitspläne zu den einzelnen Themen. Alle Einträge wurden mit den Namen versehen, so dass sie zuortbar sind. Die Schüler_innen haben ihre Einträge nur additiv gemacht. Fast nie wurde auf schon bestehenden aufgebaut oder schon Geschriebenes ergänzt oder erweitert. Die kollaborative Logik eines Wikis wurde kaum genutzt. Das entspricht ja auch der traditionellen Logik der Schule: Schüler werden für ihren individuellen Beitrag bewertet. Aus in Unterrichtsgesprächen beobachte ich, wie schwer den Schüler_innen das Eingehen auf  Vorredner fällt.

Trotzdem ist in den Wikis eine beeindruckende Sammlung selbst erarbeiteten Wissens entstanden, auf das produktiv im Unterricht eingegangen werden konnte („ist der Beitrag von … verständlich für das Thema oder muss er ergänzt werden?“) In den  Schüler Auswertungen gehen die Meinungen zu Wiki sehr auseinander. Auf einer Skala von 1-10 ergeben sich auch Nennungen von 1-10. Obwohl ich in der Studienstufe seit zwei Jahren konsequent auch digitale Tools einsetze, ist die Akzeptanz der Schüler_innen geteilt. Die Hälfte setzt auf die eigenen Aufzeichnungen in ihrem Heft, „was man selbst hat, hat man“. Der kollaborative Geist, das Lernen als Gemeinschaftsprojekt, ist bei dieser Gruppe gering ausgeprägt, man verlässt sich lieber auf sich selbst. Die andere Hälfte nimmt das Digitale deutlich mehr an. Besonders die Zweigleisigkeit, digital und analog, wurde in der Umfrage befürwortet.

Die Organisation des Lernens über die Lernplattform wird mehrheitlich kritischer gesehen („Schulcommsy abschaffen“). Über die Lernplattform habe ich die Lernaufgaben gestellt, Materialien zur Verfügung gestellt, Termine verwaltet und Ankündigungen und Feedbacks gegeben. Sie hatte hauptsächlich organisatorischen Charakter. Erschwerend kommt hinzu, dass unsere Schule eine Kommunikationsplattform (iServ) hat, über die die schulischen Email, Vertretungsplan sowie Klausurenplan organisiert ist. Dadurch ist immer eine Doppelgleisigkeit der Anmeldung nötig. IServ ist als Lernplattform eher nicht geeignet und auch nicht dafür konzipiert. Ich weiß natürlich auch, dass viele Schulen froh wären, wenn sie wenigstens dieses hätten.

Trotzdem muss ich mir überlegen, die Funktionen der Lernplattform auch über iServ abzubilden. Vielleicht ist dann die Akzeptanz größer. IServ als Kommunikationsinstrument ist mitlerweile bei den Schüler_innen angenommen. Unangenehm für die Schüler_innen ist sicher auch der Effekt der Umkehrung der Verantwortung für das Lernen. Systemmeldungen Lücken („ich habe das Arbeitsblatt nicht bekommen“, „das wusste ich nicht“) können nicht mehr ausgenutzt werden, wenn alle Materialien zum Download zur Verfügung stehen und Informationen online vorhanden sein.

Der Weg zur digitalen Schule ist also noch weit. Ein Schulnetzwerk aus digital arbeitenden Lehrer_innen ist auch noch nicht in Sicht. Jeder probiert für sich selber vor sich hin. Ich sehe die Zukunft auch im friedlichen Miteinander digitaler und analoger Arbeitsweisen – das Beste aus beiden Welten.

Weltweite Disparitäten

Hier stelle ich meine Lernpläne für das Semesterthema im der Studienstufe als OER zur Verfügung. Die Pläne basieren auf dem Bildungsplan Geografie für die Oberstufe in Hamburg.

Ich benutze die Lernpläne für die Förderung des selbstständigen Lernens in der Oberstufe. Ich mische analoge und digitale Erarbeitungen bewusst. Die Bearbeitung der Pläne findet in den Unterrichtsstunden sowie zu Hause statt. Traditionelle Hausaufgaben stelle ich nicht.Die Arbeitspläne bekommen die SchülerInnen in Papier- und digitaler Form. APs Disparitäten

Die Arbeitspläne haben immer einen Abgabetermin. Die SchülerInnen geben dann den ausgearbeiteten Lernplan bei mir ab, ich sehe ihn durch und bekomme so einen Überblick über das Lernen der Schüler. Die Abgabe der Lernpläne geht als quantitative Leistung in die Semesternote mit ein.

Für mich in der Planung der Lernmöglichkeiten kann ich in den Arbeitsplänen verschiedene Aufgabenformen kombinieren, um ein abwechslungsreiches Lernen zu gewährleisten.

Vielleicht finden sich ja Anregungen für das eigene Arbeiten in diesen Plänen. Für einen Austausch wäre ich sehr dankbar.

Lineares versus vernetztes Lernen

In der letzten Woche bin ich mit meinen Schülern, wie schon öfter, an die Schnittstelle von linearem und vernetzten Lernen gestoßen. Ich sehe als eines der Chancen des digitalen Lernens die Möglichkeit, stärker ein vernetztes Lernen zu ermöglichen, da die Lernressourcen dauernd verfügbar sein können. Ich arbeite deshalb mit Arbeitsplänen, auf denen die Lernaufgaben zu einem Themenfeld verzeichnet sind und die die Schüler selbstständig erarbeiten können (ganz analog). Ich achte darauf, dass die Aufgaben eines Arbeitsplanes verschiedene Sichtweisen und Erarbeitungsmöglichkeiten auf den Lerngegenstand enthält. Gleichzeitig stehen die Aufgaben in unserm Lernportal im Internet zur Verfügung. Lernergebnisse werden im wiki zusammengefasst.

Nun beschweren sich die Schüler, dass ihnen dieses Verfahren zu kompliziert sei. Sie wüssten nicht, was sie zuerst machen sollen und was für die nächste Stunde gebraucht werde. Sie forderten, ich solle es wieder wie die anderen Lehrer machen, die allen eine klar definierte Hausaufgabe aufgeben, die am Anfang der nächsten Stunde abgefragt wird.

Darüber nachdenkend erkenne ich, wie starkt die Schüler noch in der linearen Lernkultur (wie ich sie auch im Referendariat gelernt habe) mit „Problemaufriss > Erarbeitung > Sicherung > Hausaufgabe“ für alle im gleichen Zeitschritt verhaftet sind. Problemlösendes, vernetztes Denken? Gar nicht erwünscht. „Sagen Sie uns doch einfach, was wir lernen sollen, dann machen wir das!“, höre ich von meinen Schülern.

Schüler können nicht besser sein als ihre Schule. Wenn sie 10, 12 Jahre in eine Institution gegangen sind und in ihr große Teile ihres Lebens verbracht haben, werden sie die Prinzipien dieser Institution verinnerlichen. Wenn Schule lineares Lernen betreibt, werden auch die Schüler lineares Lernen sinnvoll finden. Ich glaube jedoch, dass die Bewältigung von Zukunftsaufgaben ein vernetztes Denken nötig ist, um die Probleme der Zukunft zu bewältigen.

Es braucht also einen langen Atem, Lernen vom linearen Denken hin zum vernetzen Denken zu entwickeln. Dabei ist das Internet sicher hilfreich. Sobald ein Arbeitsauftrag für eine Gruppenarbeit vergeben ist, erstellen die Schüler eine whatsapp-Gruppe. Sie legen also einen Grundstein für eine Vernetzung.

Weiter so.

Klausuren am Computer schreiben?

Klausuren am Computer schreiben? Und dabei noch Internetzugang haben? Eine Bastion des deutschen Bildungstums, die handschriftliche Klausur, gerät in Gefahr? Klausuren sind vergleichbare Lernnachweise, die von allen Schülern zur gleichen Zeit unter gleichen Bedingungen geschrieben werden, damit eine objektive Vergleichbarkeit zwecks Leistungsranking möglich sei.

Ist das noch zeitgemäß? Kein Mensch würde sich heute in einem professionellen Zusammenhang eine Präsentation, ein Meeting, ein Thema vorbereiten, ohne vorher ins Internet zu schauen. Die meisten Vorberitungen würden am Computer entstehen. Da frage ich mich, warum Klausuren in der Schule immer noch per Hand geschrieben werden. Ich wollte es ausprobieren, und ermöglichte meinen Schülern der 12 Klasse das Schreiben einer Klausur im Fach Politik in einer Textdatei. Sie hatten über die Schulcomputer Zugang zum Internet, und dadurch auch Zugang zu unserem Lernraum, in dem die Wikis zum Thema abgelegt sind. Nach Fertigstellung der Klausur luden sie ihre Datei im virtuellen Lernraum hoch.

Die Grundidee besteht darin, dass es in einer Klausur nicht um (auswendig) gelernte Inhalte geht (die natürlich trotzdem nötig sind), sondern um zu zeigen, ob man politische Ideen und Konzepte darstellen, vergleichen und bewerten kann. Dieses sind Kompetenzen, die man nicht einfach aus dem Internet abschreiben kann. Die Schüler waren aufgefordert, die Ideen von klassischen politischen Konzepten (wie z.B. John Locke, siehe Bild, http://commons.m.wikimedia.org/wiki/File:John_Locke.jpg)

Ich habe  jetzt fast alle Klausuren durchgesehen. Mir ist aufgefallen, dass fast alle 4-5 Seiten geschrieben haben. Die Texte sind besser strukturiert als die handschriftlich geschriebenen. Das scheint mir auch logisch, da man in einem Textprogramm ja noch während des Schreibprozesses noch strukturieren, umstellen und ergänzen kann. Für mich ein klarer Vorteil für die Arbeit am Computer.

Es scheint mir auch, dass die Verwendung der fachlichen Begrifflichkeit sicherer ist. Benutzte Fachbegriffe kann man mit Internetzugang noch nachschlagen und sie in ihrer Bedeutung sicherer anwenden. Trotzdem bleibt in einer Klausur nicht die Zeit, unbekannte Begriffe zu recherchieren. Die Schüler müssen schon auf dem aufbauen, was sie gelernt haben.

Was mich verwundert hat, ist dass Schüler mit einer schwachen Rechtschreibung ihre Fehlerzahl nicht reduzieren konnten. Trotz einer Rechtschreibüberprüfung, die ja WORD bietet, konnte bei einigen Schülern die Qualität nicht verbessert werden. Die Gründe dafür habe ich noch nicht ergründet.

Gerade Jungen haben öfters keine fließende Handschrift und tun sich schwer mit langen Texten, die ja in Klausuren erwartet werden. Hier kann das Schreiben am Computer eine Erleichterung sein.

Bei dem Blick auf die inhaltliche Qualität muss ich feststellen, dass die Nutzung des Internets nicht automatisch eine Verbesserung darstellt. Was man vor der Klausur nicht kann, wird man auch nicht während der Klausur im Internet nachlesen können. Die Kompetenz der sprachlich strukturierten Darstellung, der Analyse kann man sich nicht im Internet anlesen, sondern ist ein Ergebnis einer lernenden Auseinandersetzung – vor der Klausur. Deshalb sehe ich die Gefahr, dass nur aus dem Internet abgeschrieben wird, als nicht sehr groß an.

Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass Schüler ihren Aufwand, eine Klausur vorzubereiten, verringern könnten, wenn sie die Möglichkeit der Internet-Nutzung während der Klausur haben. Es könnte ihnen suggerieren, alles im Internet nachsehen zu können. Aber auch das wird ein wichtiger Lernschritt sein, zu erkennen, dass dieses so nicht funktioniert.

Somit ist für mich bis hierher das Fazit, dass eine Klausur am Computer nicht automatisch bessere Ergebnisse bringt, aber im Aspekt „Struktur“ und „Begrifflichkeit“ Entwicklungsmöglichkeiten bietet.

Ich werde jetzt noch einen Schülerfragebogen entwerfen und die Schüler nach ihrem Feedback fragen. Und ich werde die organisatorischen Rahmenbedingungen für eine Klausur am Computer näher beleuchten. Dazu in einem späteren Aritikel mehr.

Hier der Fragebogen für die Schüler

Fragebogen Klausur Computer

#ecstg15 Educamp in Stuttgart, Jugend Präsentiert

Ich war eben auf der Session zu Jugend-Präsentiert. Dabei wurde die Frage aufgeworten, wie man Präsentationen eigentlich bewertet. Ich habe hier in der Anlage mal die von uns benutzten Rückmeldebögen angehängt.

Im Anhang findet ihr auch noch zwei Dateien zur Erstellung eines Exposés in der Vorbereitung einer Präsentation.

Beurteilungsbögen PL und PP

PL Schülerberatung 

Bewertungsbogen PLExposé PGW

Das Exposé

Abiturklausuren bewertet – lohnt der Aufwand?

Das lange Sitzen hat ein Ende: Pro Klausur dauert es 2 Stunden, bis sie durchgelesen, gewichtet und bewertet ist. Und dann noch einmal die Zweitdurchsicht, 1 – 1,5 Stunden. Um ein objektives Urteil zu bekommen?

Die Angst vor den zentralen Abiaufgaben hat sich als als überflüssig erwiesen. Alle Aufgaben waren machbar. Die Befürchtung, man müssen jetzt die gesamte Unterrichtszeit auf die Abi-Themen verwenden und habe keine Zeit mehr für kreative Projekte, hat sich als falsch herausgestellt. Wir können in Zunkuft wieder gelassen die wichtigen Projekte angehen.

Die Bewertung der Aufgaben war aber nicht immer objektiv möglich. Die den zentral gestellten Aufgaben beigelegte Erwartungshorizonte erwiesen sich in den Fächern PGW und Geografie doch als ziemlich schwammig. Sie zählten zwar inhaltliche Aspekte auf, aber Hinweise wie sie zu gewichten und zu bewerten sind, fehlten. Da spielte das „hidden curriculum“, das im Kopf von jedem von uns verankert ist, doch eine wichtige Rolle. Natürlich oft auch im Sinne der Schüler, wenn man sie aus dem Unterricht kennt. Keiner möge von sich behaupten, von subjektiven Sichtweisen frei zu sein.

Wenn nun nur noch der Abischnitt im Blickfeld ist, was bleibt eigentlich vom Bildungswert des Abiturs? Ist dieser in einer einzigen Zahl mit einer Stelle hinter dem Komma zu beziffern? Diese Zahl, die Eintrittskarte für manche Studiengänge und Universitäten ist?

Ich glaube, sie wird an Bedeutung abnehmen. Wichtig ist, dass wir großen Teilen der Jugendlichen eine erweiterte Bildung ermöglichen, was immer sie daraus machen. Genau wie Unternehmen werden Universitäten mehr auf Eingangs- und Eignungstests setzen und weniger die Abinote entscheiden lassen. Dann zählt wieder mehr, was sich wirklich an Kompetenzen angeeignet und nicht nur was „gepaukt“ wurde. Auf Studiengänge bezogene Eignungstests hätten auch für die jungen Leute den Vorteil, nicht mehr viele Semester mit der Orientierung zu verbringen, was dann wirklich für sie der richtige Beruf ist.

Und jetzt wartet die Präsentationsprüfung auf uns…

Ab ins Abitur – zwei Jahre Profilklasse zu Ende

Die letzte Stunde beendet, die letzte Präsentation wurde gehalten, um die letzten Punkte gefeilscht: Das 4. Semester ist beendet, in einer Woche beginnen für die SchülerInnen die ersten Abiklausuren. Das erste Mal werden sie in Hamburg in allen Fächern zentral gestellt.
Zeit zurückzublicken. Habe ich meine SchülerInnen gut auf das Abitur vorbereitet?
Zuerst: Alle in meiner Klasse hatten in der 4. Klasse keine Gymnasialempfehlung, d.h. sie gingen auf die Gesamtschule, die in Hamburg heute Stadtteilschule heißt. Allein dass sie es bis zum Ende des 4. Smesters geschafft haben, ist ein Erfolg. Am Ende der 4. Klasse wurde es ihnen nicht zugetraut.

Seit Beginn der Profilklasse im 1. Semester der Studienstufe habe ich auf das selbstständige und möglichs selbstorgansierende Lernen gesetzt. Ich habe gleich das Unterrichtsgeschehen über einen Lernportal organisiert (www.schulcommsy.de) und habe die Unterrichtsinhalte in wikis
http://www.schulcommsy.de/wikis/276082/3264314/index.php?commsy_session_id=d378bbf489bef57b35ab0c54abc81690
dokumentiert. Diskussionen und Außendarstellung der Klasse fand über den Weblog statt.
Aufgaben, Termine, Materialien und die Begleitung von Aufgaben in Diskussionen fand über den Klassenraum im Schulcommsy statt. SchülerInnen „bekamen“ nicht mehr die Aufgaben und Materialien, sondern sie mussten sie sich holen. So wurde die Verantwortlichkeit für das Lernen umgedreht, eine höhere Aufforderung zur Selbstständigkeit verlangt.

Ich würde diesen Weg weiter gehen. Ich glaube, dass die SchülerInnen dadurch ein höheres Maß an Selbstverantwortung erlangt habe. Trotzdem sind 10 Jahre klassische Schulerfahrung am Ende der Schulkarriere kaum aufzuholen. Schule und Lernen ist immer noch oft eine passivie, nehmende, konsumierende Tätigkeit. Sie ist meist auch fremdbestimmt: Der Lehrer sagt, was gemacht wird. Hier sehe ich durch das Lernen im Internet große Möglichkeiten, das Lernen selbstbestimmter zu gestalten.

Man kann sich natürlich fragen, ob selbstverantwortetes Lernen eigentlich einen pädagogischen Wert darstellt. Ich denke schon! Nach dem Besuch der Uni-Tage wurde es meinen SchülerInnen selbst deutlich. Sie berichteten von einem großen Durcheinander, schlecht organisierte Veranstaltungen, drangvoller Enge. Meine Antwort darauf war: „Das ist genau der Grund, warum ich Euch zum selbstständigen Lernen bringen möchte. Im Chaos braucht ihr die Fähigkeit, euch selbst Ziele und Wege zu ermitteln“

Ich habe von Anfang an mit einer Lernplattform, Schulcommsy.de, gearbeitet. Alle Informationen, Aufgaben, Termine und Diskussionen liefen über diese Plattform. Sie ermögliche es den SchülerInnen, selbstständig sich über Aufgaben, Materialien und Termine zu informieren. Ich habe versucht, das Lernen „umzudrehen“: Ich stelle Aufgaben und Lernmöglichkeiten zur Verfügung, die SchülerInnen holen sich selbstständig diese und planen ihre Bearbeitung.

Die Aufgaben wurden meist nicht als Einzelaufgaben gestellt, sondern in sog. „Arbeitsplänen„. Diese umfassten zu einem Thema mehrere Aufgaben mit unterschiedlicher Arbeitsform, um das Thema zu erarbeiten. Die SchülerInnen bearbeiteten den Arbeitsplan selbstständig und legten ihn bei Fertigstellung vor. Es gibt keine Unterscheidung mehr zwischen Unterrichtsaufgaben und Hausaufgaben. Das hat den Vorteil, dass die SchülerInnen ihre Arbeit selbst einteilen müssen und können. Die Aufgaben werden in einen größeren thematischen Zusammenhang gebracht. Und für mich als Aufgabenersteller hat es den Vorteil, dass ich jede Aufgabe nicht isoliert sehe, sondern in einem Kontext mit anderen Aufgaben.

Das wiki haben wir in erster Linie als Wissensspeicher genutzt. Es war ein gemeinschaftliches Protokoll der Lernarbeit in der Klasse. Oft habe ich als Hausaufgabe einen Eintrag ins wiki gestellt. Gerade für die Erklärung von Fachbegriffen zum Nachschlagen ist das wiki gut geeignet. Die Beiträge wurden additiv nebeneinander gestellt. Die Einträge von anderen zu ergänzen oder zu verbessern, trauten sich die SchülerInnen noch nicht.

Der blog wurde in erster Linie zur Außendarstellung und zum Diskutieren genutzt. Meist wurden aktuelle Themen zur Diskussion gestellt und dann über die Kommentarfunktion diskutiert. Der Vorteil ist, dass immer der vorhergehende Kommentar eingesehen werden kann. Das war aber ein langer Lernweg für meine SchülerInnen, nicht nur die eigene Meinung zu sehen, sondern auch auf das einzugehen, was andere sagen. Aber das genau soll ja auch gelernt werden.

Ein Schwerpunkt im Profil der letzten zwei Jahre waren die Semesterprojekte. Jedes Semester haben wir ein Projekt gemacht, das in Gruppen erarbeitet wurde. Die Semesterprojekte waren bewusst im Gegensatz zum Zentralabitur, dass seit 2014 in Hamburg gilt, konzipiert. Ich wollte mich nicht zum Erfüllungsgehilfen eines „Learning for the Test“ machen. Die SchülerInnen haben die Semesterprojekte immer als besondere Herausforderung und auch als zufrieden stellende Arbeit empfunden. Es waren wirklich Arbeiten, die selbst entwickelt und durchgeführt wurden. Für mich als Lehrender war es eine wichtige Herausforderung, die Aufgaben so zu stellen, dass sie einerseits offen und gestaltbar waren, aber auch die Bildungsplanthemen und Kompetenzen abdecken. Und nicht zuletzt müssen die Arbeiten bewertbar sein. In der Studienstufe zählt nun mal alles für das Abi und die Durchschnittsnote. Alles was bewertbar ist, hat seinen Wert. Die Semesterprojekte sind einzeln an anderer Stelle im meinem Blog besprochen.

Das Rückgrat der Klassendemokratie war der Klassenrat. Viele meinen, dass ist doch etwas für Jüngere, wo Konflikte in der Klasse besprochen werden. Ich denke jedoch, der Klassenrat ist die Grundlage jeder Demokratieerziehung. Viele wenden sicher ein, dafür wäre bei der Inhaltsdichte in der Studienstufe keine Zeit. Aber ich bin der Meinung, diese Zeit muss man sich nehmen. Der Klassenrat als autonome Willensbildung in der Klasse gibt den SchülerInnen das Gefühl, respektiert und akzeptiert zu werden. Der Klassenrat wurde vollständig von den SchülerInnen selbst organisiert, die Rollen des Gesprächsleiters, Meldelistenführer, Protokollant wechselten.

Alle SchülerInnen der Klasse haben die Zulassung zum Abitur erhalten. Keiner von ihnen hatte nach der 4. Klasse eine Gymnasialempfehlung. Ihnen wurde von den Grundschullehrern nicht zugetraut, Abitur zu machen. Allein dass sie es bis hierher geschafft haben, ist ein großer Erfolg. Sicher werden die Abschlussnoten bei dem einen oder anderen nicht grandios sein. Aber das ist nicht das entscheidende. 14 junge Menschen haben es trotz vieler Widrigkeiten es geschafft, sich mehr Bildung und Kompetenzen anzueignen, als ihnen eigentlich zugetraut wurde. Und hier hat das Zentralabitur, dass die Jungen Leute ab nächster Woche bestehen müssen, auch einen Vorteil: Das Abi an einer Stadtteilschule ist kein Abi-Light mehr. Es sind die gleichen Aufgaben wie in Bayern und in Sachsen.