Lineares versus vernetztes Lernen

In der letzten Woche bin ich mit meinen Schülern, wie schon öfter, an die Schnittstelle von linearem und vernetzten Lernen gestoßen. Ich sehe als eines der Chancen des digitalen Lernens die Möglichkeit, stärker ein vernetztes Lernen zu ermöglichen, da die Lernressourcen dauernd verfügbar sein können. Ich arbeite deshalb mit Arbeitsplänen, auf denen die Lernaufgaben zu einem Themenfeld verzeichnet sind und die die Schüler selbstständig erarbeiten können (ganz analog). Ich achte darauf, dass die Aufgaben eines Arbeitsplanes verschiedene Sichtweisen und Erarbeitungsmöglichkeiten auf den Lerngegenstand enthält. Gleichzeitig stehen die Aufgaben in unserm Lernportal im Internet zur Verfügung. Lernergebnisse werden im wiki zusammengefasst.

Nun beschweren sich die Schüler, dass ihnen dieses Verfahren zu kompliziert sei. Sie wüssten nicht, was sie zuerst machen sollen und was für die nächste Stunde gebraucht werde. Sie forderten, ich solle es wieder wie die anderen Lehrer machen, die allen eine klar definierte Hausaufgabe aufgeben, die am Anfang der nächsten Stunde abgefragt wird.

Darüber nachdenkend erkenne ich, wie starkt die Schüler noch in der linearen Lernkultur (wie ich sie auch im Referendariat gelernt habe) mit „Problemaufriss > Erarbeitung > Sicherung > Hausaufgabe“ für alle im gleichen Zeitschritt verhaftet sind. Problemlösendes, vernetztes Denken? Gar nicht erwünscht. „Sagen Sie uns doch einfach, was wir lernen sollen, dann machen wir das!“, höre ich von meinen Schülern.

Schüler können nicht besser sein als ihre Schule. Wenn sie 10, 12 Jahre in eine Institution gegangen sind und in ihr große Teile ihres Lebens verbracht haben, werden sie die Prinzipien dieser Institution verinnerlichen. Wenn Schule lineares Lernen betreibt, werden auch die Schüler lineares Lernen sinnvoll finden. Ich glaube jedoch, dass die Bewältigung von Zukunftsaufgaben ein vernetztes Denken nötig ist, um die Probleme der Zukunft zu bewältigen.

Es braucht also einen langen Atem, Lernen vom linearen Denken hin zum vernetzen Denken zu entwickeln. Dabei ist das Internet sicher hilfreich. Sobald ein Arbeitsauftrag für eine Gruppenarbeit vergeben ist, erstellen die Schüler eine whatsapp-Gruppe. Sie legen also einen Grundstein für eine Vernetzung.

Weiter so.

Klausuren am Computer schreiben?

Klausuren am Computer schreiben? Und dabei noch Internetzugang haben? Eine Bastion des deutschen Bildungstums, die handschriftliche Klausur, gerät in Gefahr? Klausuren sind vergleichbare Lernnachweise, die von allen Schülern zur gleichen Zeit unter gleichen Bedingungen geschrieben werden, damit eine objektive Vergleichbarkeit zwecks Leistungsranking möglich sei.

Ist das noch zeitgemäß? Kein Mensch würde sich heute in einem professionellen Zusammenhang eine Präsentation, ein Meeting, ein Thema vorbereiten, ohne vorher ins Internet zu schauen. Die meisten Vorberitungen würden am Computer entstehen. Da frage ich mich, warum Klausuren in der Schule immer noch per Hand geschrieben werden. Ich wollte es ausprobieren, und ermöglichte meinen Schülern der 12 Klasse das Schreiben einer Klausur im Fach Politik in einer Textdatei. Sie hatten über die Schulcomputer Zugang zum Internet, und dadurch auch Zugang zu unserem Lernraum, in dem die Wikis zum Thema abgelegt sind. Nach Fertigstellung der Klausur luden sie ihre Datei im virtuellen Lernraum hoch.

Die Grundidee besteht darin, dass es in einer Klausur nicht um (auswendig) gelernte Inhalte geht (die natürlich trotzdem nötig sind), sondern um zu zeigen, ob man politische Ideen und Konzepte darstellen, vergleichen und bewerten kann. Dieses sind Kompetenzen, die man nicht einfach aus dem Internet abschreiben kann. Die Schüler waren aufgefordert, die Ideen von klassischen politischen Konzepten (wie z.B. John Locke, siehe Bild, http://commons.m.wikimedia.org/wiki/File:John_Locke.jpg)

Ich habe  jetzt fast alle Klausuren durchgesehen. Mir ist aufgefallen, dass fast alle 4-5 Seiten geschrieben haben. Die Texte sind besser strukturiert als die handschriftlich geschriebenen. Das scheint mir auch logisch, da man in einem Textprogramm ja noch während des Schreibprozesses noch strukturieren, umstellen und ergänzen kann. Für mich ein klarer Vorteil für die Arbeit am Computer.

Es scheint mir auch, dass die Verwendung der fachlichen Begrifflichkeit sicherer ist. Benutzte Fachbegriffe kann man mit Internetzugang noch nachschlagen und sie in ihrer Bedeutung sicherer anwenden. Trotzdem bleibt in einer Klausur nicht die Zeit, unbekannte Begriffe zu recherchieren. Die Schüler müssen schon auf dem aufbauen, was sie gelernt haben.

Was mich verwundert hat, ist dass Schüler mit einer schwachen Rechtschreibung ihre Fehlerzahl nicht reduzieren konnten. Trotz einer Rechtschreibüberprüfung, die ja WORD bietet, konnte bei einigen Schülern die Qualität nicht verbessert werden. Die Gründe dafür habe ich noch nicht ergründet.

Gerade Jungen haben öfters keine fließende Handschrift und tun sich schwer mit langen Texten, die ja in Klausuren erwartet werden. Hier kann das Schreiben am Computer eine Erleichterung sein.

Bei dem Blick auf die inhaltliche Qualität muss ich feststellen, dass die Nutzung des Internets nicht automatisch eine Verbesserung darstellt. Was man vor der Klausur nicht kann, wird man auch nicht während der Klausur im Internet nachlesen können. Die Kompetenz der sprachlich strukturierten Darstellung, der Analyse kann man sich nicht im Internet anlesen, sondern ist ein Ergebnis einer lernenden Auseinandersetzung – vor der Klausur. Deshalb sehe ich die Gefahr, dass nur aus dem Internet abgeschrieben wird, als nicht sehr groß an.

Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass Schüler ihren Aufwand, eine Klausur vorzubereiten, verringern könnten, wenn sie die Möglichkeit der Internet-Nutzung während der Klausur haben. Es könnte ihnen suggerieren, alles im Internet nachsehen zu können. Aber auch das wird ein wichtiger Lernschritt sein, zu erkennen, dass dieses so nicht funktioniert.

Somit ist für mich bis hierher das Fazit, dass eine Klausur am Computer nicht automatisch bessere Ergebnisse bringt, aber im Aspekt „Struktur“ und „Begrifflichkeit“ Entwicklungsmöglichkeiten bietet.

Ich werde jetzt noch einen Schülerfragebogen entwerfen und die Schüler nach ihrem Feedback fragen. Und ich werde die organisatorischen Rahmenbedingungen für eine Klausur am Computer näher beleuchten. Dazu in einem späteren Aritikel mehr.

Hier der Fragebogen für die Schüler

Fragebogen Klausur Computer

#ecstg15 Educamp in Stuttgart, Jugend Präsentiert

Ich war eben auf der Session zu Jugend-Präsentiert. Dabei wurde die Frage aufgeworten, wie man Präsentationen eigentlich bewertet. Ich habe hier in der Anlage mal die von uns benutzten Rückmeldebögen angehängt.

Im Anhang findet ihr auch noch zwei Dateien zur Erstellung eines Exposés in der Vorbereitung einer Präsentation.

Beurteilungsbögen PL und PP

PL Schülerberatung 

Bewertungsbogen PLExposé PGW

Das Exposé

Abiturklausuren bewertet – lohnt der Aufwand?

Das lange Sitzen hat ein Ende: Pro Klausur dauert es 2 Stunden, bis sie durchgelesen, gewichtet und bewertet ist. Und dann noch einmal die Zweitdurchsicht, 1 – 1,5 Stunden. Um ein objektives Urteil zu bekommen?

Die Angst vor den zentralen Abiaufgaben hat sich als als überflüssig erwiesen. Alle Aufgaben waren machbar. Die Befürchtung, man müssen jetzt die gesamte Unterrichtszeit auf die Abi-Themen verwenden und habe keine Zeit mehr für kreative Projekte, hat sich als falsch herausgestellt. Wir können in Zunkuft wieder gelassen die wichtigen Projekte angehen.

Die Bewertung der Aufgaben war aber nicht immer objektiv möglich. Die den zentral gestellten Aufgaben beigelegte Erwartungshorizonte erwiesen sich in den Fächern PGW und Geografie doch als ziemlich schwammig. Sie zählten zwar inhaltliche Aspekte auf, aber Hinweise wie sie zu gewichten und zu bewerten sind, fehlten. Da spielte das „hidden curriculum“, das im Kopf von jedem von uns verankert ist, doch eine wichtige Rolle. Natürlich oft auch im Sinne der Schüler, wenn man sie aus dem Unterricht kennt. Keiner möge von sich behaupten, von subjektiven Sichtweisen frei zu sein.

Wenn nun nur noch der Abischnitt im Blickfeld ist, was bleibt eigentlich vom Bildungswert des Abiturs? Ist dieser in einer einzigen Zahl mit einer Stelle hinter dem Komma zu beziffern? Diese Zahl, die Eintrittskarte für manche Studiengänge und Universitäten ist?

Ich glaube, sie wird an Bedeutung abnehmen. Wichtig ist, dass wir großen Teilen der Jugendlichen eine erweiterte Bildung ermöglichen, was immer sie daraus machen. Genau wie Unternehmen werden Universitäten mehr auf Eingangs- und Eignungstests setzen und weniger die Abinote entscheiden lassen. Dann zählt wieder mehr, was sich wirklich an Kompetenzen angeeignet und nicht nur was „gepaukt“ wurde. Auf Studiengänge bezogene Eignungstests hätten auch für die jungen Leute den Vorteil, nicht mehr viele Semester mit der Orientierung zu verbringen, was dann wirklich für sie der richtige Beruf ist.

Und jetzt wartet die Präsentationsprüfung auf uns…

Ab ins Abitur – zwei Jahre Profilklasse zu Ende

Die letzte Stunde beendet, die letzte Präsentation wurde gehalten, um die letzten Punkte gefeilscht: Das 4. Semester ist beendet, in einer Woche beginnen für die SchülerInnen die ersten Abiklausuren. Das erste Mal werden sie in Hamburg in allen Fächern zentral gestellt.
Zeit zurückzublicken. Habe ich meine SchülerInnen gut auf das Abitur vorbereitet?
Zuerst: Alle in meiner Klasse hatten in der 4. Klasse keine Gymnasialempfehlung, d.h. sie gingen auf die Gesamtschule, die in Hamburg heute Stadtteilschule heißt. Allein dass sie es bis zum Ende des 4. Smesters geschafft haben, ist ein Erfolg. Am Ende der 4. Klasse wurde es ihnen nicht zugetraut.

Seit Beginn der Profilklasse im 1. Semester der Studienstufe habe ich auf das selbstständige und möglichs selbstorgansierende Lernen gesetzt. Ich habe gleich das Unterrichtsgeschehen über einen Lernportal organisiert (www.schulcommsy.de) und habe die Unterrichtsinhalte in wikis
http://www.schulcommsy.de/wikis/276082/3264314/index.php?commsy_session_id=d378bbf489bef57b35ab0c54abc81690
dokumentiert. Diskussionen und Außendarstellung der Klasse fand über den Weblog statt.
Aufgaben, Termine, Materialien und die Begleitung von Aufgaben in Diskussionen fand über den Klassenraum im Schulcommsy statt. SchülerInnen „bekamen“ nicht mehr die Aufgaben und Materialien, sondern sie mussten sie sich holen. So wurde die Verantwortlichkeit für das Lernen umgedreht, eine höhere Aufforderung zur Selbstständigkeit verlangt.

Ich würde diesen Weg weiter gehen. Ich glaube, dass die SchülerInnen dadurch ein höheres Maß an Selbstverantwortung erlangt habe. Trotzdem sind 10 Jahre klassische Schulerfahrung am Ende der Schulkarriere kaum aufzuholen. Schule und Lernen ist immer noch oft eine passivie, nehmende, konsumierende Tätigkeit. Sie ist meist auch fremdbestimmt: Der Lehrer sagt, was gemacht wird. Hier sehe ich durch das Lernen im Internet große Möglichkeiten, das Lernen selbstbestimmter zu gestalten.

Man kann sich natürlich fragen, ob selbstverantwortetes Lernen eigentlich einen pädagogischen Wert darstellt. Ich denke schon! Nach dem Besuch der Uni-Tage wurde es meinen SchülerInnen selbst deutlich. Sie berichteten von einem großen Durcheinander, schlecht organisierte Veranstaltungen, drangvoller Enge. Meine Antwort darauf war: „Das ist genau der Grund, warum ich Euch zum selbstständigen Lernen bringen möchte. Im Chaos braucht ihr die Fähigkeit, euch selbst Ziele und Wege zu ermitteln“

Ich habe von Anfang an mit einer Lernplattform, Schulcommsy.de, gearbeitet. Alle Informationen, Aufgaben, Termine und Diskussionen liefen über diese Plattform. Sie ermögliche es den SchülerInnen, selbstständig sich über Aufgaben, Materialien und Termine zu informieren. Ich habe versucht, das Lernen „umzudrehen“: Ich stelle Aufgaben und Lernmöglichkeiten zur Verfügung, die SchülerInnen holen sich selbstständig diese und planen ihre Bearbeitung.

Die Aufgaben wurden meist nicht als Einzelaufgaben gestellt, sondern in sog. „Arbeitsplänen„. Diese umfassten zu einem Thema mehrere Aufgaben mit unterschiedlicher Arbeitsform, um das Thema zu erarbeiten. Die SchülerInnen bearbeiteten den Arbeitsplan selbstständig und legten ihn bei Fertigstellung vor. Es gibt keine Unterscheidung mehr zwischen Unterrichtsaufgaben und Hausaufgaben. Das hat den Vorteil, dass die SchülerInnen ihre Arbeit selbst einteilen müssen und können. Die Aufgaben werden in einen größeren thematischen Zusammenhang gebracht. Und für mich als Aufgabenersteller hat es den Vorteil, dass ich jede Aufgabe nicht isoliert sehe, sondern in einem Kontext mit anderen Aufgaben.

Das wiki haben wir in erster Linie als Wissensspeicher genutzt. Es war ein gemeinschaftliches Protokoll der Lernarbeit in der Klasse. Oft habe ich als Hausaufgabe einen Eintrag ins wiki gestellt. Gerade für die Erklärung von Fachbegriffen zum Nachschlagen ist das wiki gut geeignet. Die Beiträge wurden additiv nebeneinander gestellt. Die Einträge von anderen zu ergänzen oder zu verbessern, trauten sich die SchülerInnen noch nicht.

Der blog wurde in erster Linie zur Außendarstellung und zum Diskutieren genutzt. Meist wurden aktuelle Themen zur Diskussion gestellt und dann über die Kommentarfunktion diskutiert. Der Vorteil ist, dass immer der vorhergehende Kommentar eingesehen werden kann. Das war aber ein langer Lernweg für meine SchülerInnen, nicht nur die eigene Meinung zu sehen, sondern auch auf das einzugehen, was andere sagen. Aber das genau soll ja auch gelernt werden.

Ein Schwerpunkt im Profil der letzten zwei Jahre waren die Semesterprojekte. Jedes Semester haben wir ein Projekt gemacht, das in Gruppen erarbeitet wurde. Die Semesterprojekte waren bewusst im Gegensatz zum Zentralabitur, dass seit 2014 in Hamburg gilt, konzipiert. Ich wollte mich nicht zum Erfüllungsgehilfen eines „Learning for the Test“ machen. Die SchülerInnen haben die Semesterprojekte immer als besondere Herausforderung und auch als zufrieden stellende Arbeit empfunden. Es waren wirklich Arbeiten, die selbst entwickelt und durchgeführt wurden. Für mich als Lehrender war es eine wichtige Herausforderung, die Aufgaben so zu stellen, dass sie einerseits offen und gestaltbar waren, aber auch die Bildungsplanthemen und Kompetenzen abdecken. Und nicht zuletzt müssen die Arbeiten bewertbar sein. In der Studienstufe zählt nun mal alles für das Abi und die Durchschnittsnote. Alles was bewertbar ist, hat seinen Wert. Die Semesterprojekte sind einzeln an anderer Stelle im meinem Blog besprochen.

Das Rückgrat der Klassendemokratie war der Klassenrat. Viele meinen, dass ist doch etwas für Jüngere, wo Konflikte in der Klasse besprochen werden. Ich denke jedoch, der Klassenrat ist die Grundlage jeder Demokratieerziehung. Viele wenden sicher ein, dafür wäre bei der Inhaltsdichte in der Studienstufe keine Zeit. Aber ich bin der Meinung, diese Zeit muss man sich nehmen. Der Klassenrat als autonome Willensbildung in der Klasse gibt den SchülerInnen das Gefühl, respektiert und akzeptiert zu werden. Der Klassenrat wurde vollständig von den SchülerInnen selbst organisiert, die Rollen des Gesprächsleiters, Meldelistenführer, Protokollant wechselten.

Alle SchülerInnen der Klasse haben die Zulassung zum Abitur erhalten. Keiner von ihnen hatte nach der 4. Klasse eine Gymnasialempfehlung. Ihnen wurde von den Grundschullehrern nicht zugetraut, Abitur zu machen. Allein dass sie es bis hierher geschafft haben, ist ein großer Erfolg. Sicher werden die Abschlussnoten bei dem einen oder anderen nicht grandios sein. Aber das ist nicht das entscheidende. 14 junge Menschen haben es trotz vieler Widrigkeiten es geschafft, sich mehr Bildung und Kompetenzen anzueignen, als ihnen eigentlich zugetraut wurde. Und hier hat das Zentralabitur, dass die Jungen Leute ab nächster Woche bestehen müssen, auch einen Vorteil: Das Abi an einer Stadtteilschule ist kein Abi-Light mehr. Es sind die gleichen Aufgaben wie in Bayern und in Sachsen.
 

Mehr deutsche Verantwortung in der Außenpolitik? Update 1

Am erste Februarwochende tagte zum 50. Mal die Münchener Sicherheitskonferenz. Der Bundespräsident und  der Außenminister forderten eine größere außenpolitische Verantwortung Deutschlands ein. Aber mit welchem Ziel und mit welchen Konzepten?

Unter dem Semesterthema „internationale Konflikte“ beschäftige ich mich mit meiner 13. Profilklasse MenschWelt im Fach Politik-Gesesellschaft-Wirtschaft mit der Frage, ob Deutschland eine „Globale Schutzverantwortung“ hat, die „responsibility2protect“. Dabei gehe ich nach dem Lernkonzept der Broschüre „Schutzverantwortung“ aus der Reihe Globales Lernen des LI Hamburg vor.

Dieses Konzept bewährt sich in den Lernstunden sehr, weil die SchülerInnen mit sehr viel Engagement und Betroffenheit das Thema bearbeiten. Das Konzept kann man unter http://www.globales-lernen.de/ downloaden. Ausgangspunkt ist der Film „Schlimmer als Krieg“ von Daniel Goldhagen, der weltweit Völkermorde untersucht hat und weitgehende Forderungen an die UNO und die demokratischen Staaten stellt:

Ich möchte das Lernkonzept hier ausdrücklich empfehlen und werde hier weiter über meine Erfahrungen im Globalen Lernen berichten.

Hier ist die Klausur, die zu diesem Thema geschrieben wurde. Klausur Rolle Deutschlands in der Welt

„Taxi zur Hölle“: Folter im Antiterrorkampf

Eigentlich war es als eine Übung für meine Schüler gedacht, systematisch eine Stellungnahme zu einem schwierigen Thema zu schreiben. Es geht in der 13. Klasse auf das Abitur zu und eine systematische, begründete Stellungnahme zu schreiben, bereitet meinen Schülern immer noch Schwierigkeiten. Ich hatte die Filmsammlung „Demokratie für Alle?“ der Bundeszentrale für Politische Bildung zur Verfügung und fand darin den Film „Taxi zur Hölle“, der die Folterpraktiken der USA in Afghanistan, Irak und Guantanamo zum Thema hat.
http://www.bpb.de/shop/multimedia/dvd-cd/33891/demokratie-fuer-alle

Die SchülerInnen sollten für sich klären, ob es legitim ist, undemokratische Mittel anzuwenden, um die Demokratie vor Terrorismus zu schützen.
Da bekam die Frage eine neue Aktualität durch die Vorwürfe gegen die britischen Soldaten, im Irakkrieg ebenfalls gefoltert zu haben. Wir haben diese Frage dann sehr systematisch in acht Schritten erarbeitet: immer drei Schüler arbeiteten eine Runde zusammen. Nach jeder Runde wurden einzelne Ergebnisse im Plenum vorgestellt.
Foto-3
Die fertigen Stellungnahmen veröffentlichen wir dann in unserem blog.
http://blogs.hamburg.schulcommsy.de/276082_3264314/2014/01/14/film-taxi-zur-holle-usa-foltert-im-antiterrorkampf/
JedeR SchülerIn hat dann die Möglichkeit, die anderen Arbeiten durchzulesen. Im Plenum stellen wir dann einzelne Texte zur Diskussion.
Ein sehr empfehlenswertes Thema und eine sehr intensive Arbeit, die sich gelohnt hat.

Potentialentfaltung in der Oberstufe?

Zentralabitur in allen Fächern in Hamburg.

Das erste Mal wird es zentrale Aufgaben im Abitur 14 in (fast) allen Fächern geben. Muss man in einer solchen Situation nicht seine Schüler nur auf diese Klausuren vorbereiten? Nur noch „learning for the test“?

Nein, ich meine im Gegenteil. Weil wir Lehrer nun auch die Aufgaben nicht kennen, müssen wir die SchülerInnen auf breiter Basis darauf vorbereiten, Probleme zu lösen. Das geht nur, wenn sie das Vertrauen darin haben, was sie können. Sie sollten in der Oberstufe also gelernt haben, ihre Potentiale zu entfalten. Nur Wissen anzuhäufen, scheint mir zu kurz gesprungen. Gerade bei den Themen, die in meinem Fach Politik-Gesellschaft-Wirtschaft ausgeschrieben sind, ist die Informationsmenge so groß, dass man eigentlich gleich kapitulieren kann.

Ich glaube, dass man die Potentiale der SchülerInnen fördert, in dem man das Lernen stärker in die Selbstverantwortung der Lernenden legt. Man sollte Lernangebote bieten, die eine offene Lösung ermöglichen. Keine fertigen Lösungen vorgeben, sondern Lernaufgaben so stellen, dass eine aktive und kreative Auseinandersetzung mit dem Lerngegenstand möglich wird.

Weniger ist manchmal mehr: Wenn wir nur Inhalte „durchprügeln“, kommt die Potentialentfaltung zu kurz. Diese braucht auch Zeit für Planung und Strategie, genauso wie Zeit für die Reflexion. Die Reflexion scheint mir ein zentrales Instrument für die Potentialentwicklung zu sein.

Ich halte deshalb auch im Abiturjahr an der Arbeit an Semesterprojekten fest. In diesen Projekten können die Schüler weitgehend selbstbestimmt Themen bearbeiten. Ich als Lehrer gehe in die Rolle des Prozessbegleiters. Meine Schüler haben sich sogar gewünscht, die Bedeutung in der Notenbepunktung noch zu verstärken, weil sie gerne viel Arbeit in die Semesterprojekte investieren.

Beispiele für Semesterprojekte finden sich hier:

http://blogs.hamburg.schulcommsy.de/276082_3264314/2013/08/04/semesterprojekt-gentrifizierung-in-hamburgs-stadtteilen/

 

Abitur

In Hamburg geht es jetzt in die Ferien, die Abiturfeiern sind sind gefeiert, die Abiballkleider wieder in den Schrank gehängt. Die „Abi13“ Aufkleber auf den Autors fahren weiter durch die Stadt. In vielen Reden wurden die Erfolge gefeiert, die guten Notendurchschnitte, die größere Anzahl der Abiturienten, die ersten Abgänger von den neuen Oberstufen der Stadtteilschulen.

Es ist in der Tat ein Erfolg, dass vielen Schülerinnen und Schülern, denen in der 4. Klasse nicht das Abitur zugetraut wurde, jetzt  mit genau diesem Papier die Schule verlassen. Ich habe einem Schüler nach der Zeugnisübergabe die Hand gedrückt, der ohne Gymnasialempfehlung jetzt einen Abischnitt von 1,3 hingelegt hat. Daran zeigt sich die Unmöglichkeit dieser Prognose für Schüler mit 9 Lebensjahren.

Haben wir nun diese Abiturienten gut auf die vor ihnen liegenden Aufgaben vorbereitet? Sie haben ihre Prüfungen in Mathe, Deutsch, Englisch usw. gemacht und Klausuren geschrieben. In der Präsentationsprüfung haben sie immerhin ein Thema selbst bearbeitet. Sind diese jungen Leute nun darauf vorbereitet, sich an die drängenden Fragen unserer Gesellschaft zu machen? Sind sie motiviert, weiter zu lernen, um diese Fragen lösen zu können? Werden sie die langhaltenden Batterien entwickeln, um die fossile Zeit im Autoverkehr abzulösen? Werden sie neue Formen des Zusammenlebens in einer alternden Gesellschaft finden? Werden sie es schaffen, Europa zu retten? Könnte es ihnen gelingen, gesunde Lebensmittel ohne Massentierhaltung herzustellen? Sind sie kreativ genug, der ostasiatischen Konkurrenz zu begegnen?

Haben wir sie gut vorbereitet?

Welche Oberstufe wollen wir sein?

oder: Wie lernen und arbeiten wir in Zeiten des Zentralabiturs?

Bankwerbung: Wir machen den Weg frei.

Macht das Zentralabitur in allen Fächern das Leben nicht leichter?
Ein zielgerichtetes Hinarbeiten auf das Bestehen einer Abiturprüfung mit klaren inhaltlichen Rahmen? Keine eigene Prüfungsthemenfindung mehr und auch kein lästiges Prozedere der Themenprüfung? Die Inhalte kommen wieder in den Vordergrund!

Aber!
Was wird aus dem projektbezogenem Lernen, das in den Profilen stattfinden soll? Was wird aus dem methodischen und fächerverbindenden Lernen, für das das Seminar steht (einige Schulen schaffen das Seminarfach im Hinblick auf das Zentralabitur schon ab). Was ist mit den Zielen eines demokratischen, selbstverantworteten Lernens?

Ich glaube, wir sollten uns durch das Zentralabitur die „Pferde nicht scheu machen“ lassen. Wir sollten bei allen fachlichen Anforderungen und den vollen Inhaltskatalogen das wesentliche Ziel nicht  aus den Augen verlieren:

Wenn wir den jungen Menschen einen Raum und eine Begleitung bieten, mit denen sie sich zu selbstbewussten, in ihre Fähigkeiten und ihre Potentiale vertrauenden Menschen entwickeln, dann kann das Zentralabitur seine Bedrohung verlieren. Was braucht es, um dieses Ziel gelingen zu lassen?

Zu aller erst braucht es eine Haltung, mit der die Potentiale der jungen Leute herausgelassen werden. Diese Potentiale sind nicht sofort sichtbar und meist auch nicht an schulischen Kriterien zu messen. Die Frage: „Was kannst  du schon gut?“ ist der Schlüssel für weiteres Lernen. Auch wenn wir bei den SchülerInnen oft „Defizite“ feststellen, die aus dem Lernen der Sekundarstufe 1 eigentlich mitgebracht werden sollten, hilft ein Fixieren auf dieses Fehlen nicht weiter. Erst ein Anerkennen der Potentiale der SchülerInnen macht den Weg frei, Defizite aufzuarbeiten.

Eine weitere wichtige Haltung ist die Erkenntnis, dass Lernen nicht linear erfolgt. „Wir haben das letzte Stunde gehabt“ scheint keine Gelingensstrategie zu sein. Zu viele Störfaktoren beeinflussen das lineare Lernen. Es muss  viele Möglichkeiten geben, die Dinge zu lernen, viele Wege eröffnet werden. Achtung! Ich spreche mich nicht gegen eine gut strukturierte Lernsituation (Unterricht) aus – im Gegenteil. Sie sollte aber viele Möglichkeiten enthalten. Deshalb erscheint mir eine Methodendiskussion, die in den vergangenen Jahrzehnten oft geführt wurde, für müßig. Ich glaube nicht, dass es die Methode gibt, sondern dass die Lehrpersonen viele Methoden anbieten und die Lernenden darin begleiten, ihre richtige zu finden.

Ziel der Oberstufe sollte es sein, jungen Menschen einen Weg in eine anspruchsvolle Berufsausbildung oder ein Studium zu ermöglichen. Ihnen ein Orientierungswissen mit auf den Weg zu geben, mit dem Abitur entscheiden zu können, welchen nächsten Schritt sie gehen wollen. Dabei sollten alle fachlichen Inhalte „Mittel zum Zweck“ sein, dass die jungen Leute ihre Potentiale entdecken und entwickeln. Das Lernen von Analysis z.B. ist kein Selbstzweck, sondern sollte dazu dienen, dass sich die SchülerInnen entscheiden können, ob sie einen Beruf oder Studiengang wählen wollen, in dem die Mathematik eine Rolle spielt. Die Qualität des Mathe-Unterrichtes hat dann die Folge, ob die SchülerInnen ihr mathematischen Potentiale entwickeln können – und wollen.

Learning for the test in Zeiten des Zentralbiturs ermöglicht dieses Ziel kaum. So wird es unsere strategische Aufgabe als Lehrende sein, eine gute Ausgewogenheit von zentralen Prüfungsanforderungen und persönlichkeitsentwickelnden Lernarrangements zu finden. Hier ist wieder die pädagogische Kunst gefragt. Es muss auch nicht immer das Ziel sein, das Abitur mit 2.0 zu machen.