Haltung

Die etwas altmodisch wirkende Aussage: „Wir führen unsere Schüler zum Abitur“ wirkt unter dem Blickwinkel des „Lerncoachings“ gar nicht mehr so altbacken. Junge Menschen zu einem erweiterten Schulabschluss zu führen, beinhaltet die „Haltung“, sie auf diesem Weg zu begleiten und möglichst zum Erfolg zu führen. Dabei nehmen wir als Lehrer die Haltung ein, die gesamte Persönlichkeit der jungen Menschen in den Blick zu nehmen. Der „Fachblick“, den Lehrer oft einnehmen,  tritt dabei zurück.

Die Haltung „Schüler zum Abitur führen“ nimmt bewusst möglichst viele Faktoren in den Blick, die in dem System, in dem sich die Schüler bewegen, eine Rolle spielen:

  1. Die bisherige Lernbiografie: Welche Stärke und Schwächen hat der Schüler
  2. Die Unterstütung in der Familie oder anderen Bezugsgruppen: Wer gibt Unterstützung? Wie können Hemmnisse abgebaut werden?
  3. Die institutionellen Anforderungen der Schule: formale Anforderungen der Fächer und der Prüfungen; aber auch: Fördermöglichkeiten und Unterstützungen
  4. Ressourcenorientierung: Welche Potentiale können aktiviert werden? Welche Möglichkeiten liegen noch brach und müssen noch entdeckt werden? Welche Stärken sind vorhanden? Wie können die persönlichen Ressourcen aktiviert werden?
  5. Ziele und Wege: Ist das Abitur wirklich das anzustrebende Ziel? Gibt es Alternativen, die dem Leistungsvermögen der Schüler besser entsprechen? Welche Anschlussmöglichkeiten bestehen.

Im Sinne einer konstruktivistischen Didaktik halte ich zwei Haltungen für wichtig:

1. Lernen ist ein unbestimmter Prozess (Rolf Arnold); er verläuft nicht linear und ist von vielen meist unbestimmbaren Faktoren bestimmt. Die Haltung zu dieser Erkenntnis ist, möglichst günstige lernförderliche Bedingungen für das erfolgreiche Lernen zu schaffen.

2. Übergang von einer defizitorientierten zu einer potentialorientierten Haltung. Welche Möglichkeiten haben die Schüler? Sie beinhaltet aber auch, gemeinsam mit dem Schüler Ziele zu entwickeln, die zu diesem Protenial passen. Es muss nicht
immer das Abitur sein.

Sollten wir nicht zu allererst eine haltung einnehmen, die schüler einzuladen, sich der gedankenwelt eines faches zu öffnen? Verhindert die weitverbreitete haltung, „die Schüler sollen…“ nicht genau diese öffnung für die ideenwelt, die dem fach zugrunde liegt? Mir scheint diese haltung der “einladung “ eine Voraussetzung für eine gelingendes lernen zu sein.

Natürlich hatte Lernen auch immer die “Mühen der ebene “. Aber diese Mühen sind leichter zu bewältigt, wenn man weiß, warum.

Haben Noten eine Zukunft?

Seit ich mich mit individualisiertem Lernen beschäftige, frage ich mich, wie weit das tägliche Ranking in der Klasse eigentlich noch lernförderlich ist. Jeden Tag vergeben wir Lehrer hunderte von Noten für Mitarbeit, Hausaufgaben, Tests, Qualität der Beiträge und natürlich für Klassenarbeiten und Klausuren. Wenn ich mir vorstelle, ich wäre selbst diesem Dauerbombardement von täglicher Bewertung ausgesetzt, wird mir schlecht.

Aber Noten sind tief in der Gesellschaft verankert. Alle Menschen haben in ihrem Leben tausende von Noten bekommen, und diese Bewertung prägt vielleicht so manche Lebensrichtung. Deshalb fordern viele Eltern Noten für ihre Kinder ein. Aber vielleicht auch, weil es wenig Wissen über Alternativen gibt. Und weil es immer noch eine Hauptaufgabe der Schule ist, Lebenschancen und Berechtigungen zu verteilen. Die Berechtigung gewisse Berufe zu ergreifen, Fachschulen oder Universitäten zu besuchen. Und dass, obwohl eigentlich unstrittig ist, dass Noten kaum Fähigkeiten und Kompetenzen ausdrücken.

Ich frage mich, ob schlechte Noten wirklich lernförderlich sind. Ist der tägliche Versuch, „gerechte“ Noten in einer Klasse zu verteilen, nicht eine Scheingerechtigkeit; laufen sie dem Prinzip der Individualisierung, und damit der Akzeptanz des Ungleichzeitigen, nicht zuwider?

Meine Versuche, ein handhabbares System zur Erfassung von erreichten Kompetenzen in einer Schülergruppe zu entwickeln und dieses dann in Noten (Ziffern) auszudrücken, machen mir immer mehr deutlich, wie umöglich es ist, individuelle Lernleistungen in den Noten 1-6 auszudrücken.

Wenn wir wirklich eine Veränderung der Lernkultur erreichen wollen, dann ist es nur mit einer grundlegenden Reform der Feedbackkultur an Schule möglich. Ich sehe alle Versuche, Noten durch ergänzende Informationen anzureichern (Kommentare, Berichtszeugnisse usw.) für nicht geeignet. Wenn wir wirklich einen Paradigmenwechsel in der Lernkultur erreichen wollen, kommen wir um die Abschaffung der Noten nicht herum

Ungleichzeitigkeiten

Lernen ist kein linearer Prozess. Oft chaotisch, von Irrungen und Wirrungen begleitet, bleibt das Licht der Erkenntnis lange dunkel, bis einem endlich ein Licht aufgeht.

Muss man dann nicht dieser Erkenntnis auch bei organisierten Lernen in der Schule Rechnung tragen? Sind dann nicht alle normierten Abgabetermine von Aufgaben, gleichzeitig geschriebene Klassenarbeiten nicht eine Scheingerechtigkeit? Gehen sie nicht von der Annahme aus, alle Lernende einer Klasse, meist über 20, kommen zu einem gleichen Zeitpunkt zu gleichen Leistungen?
Oder ist es von unserem schulischen System nicht sogar gewollt, dass nicht alle gleich erfolgreich sein können, damit es die Möglichkeit zur Selektion gibt.

Aber wenn wir alle Lernenden bestmöglich individuell fördern wollen, müssen wir und doch von der Vorstellung lösen, dass alle zu gleichen Zeit die gleiche Leistung erbringen sollen. Wir müssen die Ungleichzeitigkeit beim Lernen in das System integrieren. Sonst kann eine individuelle Förderung und Begleitung der Lernenden gar nicht gelingen.

 

START

Ich will nicht mehr unterrichten.

Das wird langweilig und scheint mir wenig erfolgreich. Unterricht hält die Schüler passiv: sie werden unterrichtet, sie bekommen unterricht, (sie erleiden ihn?).

Der Lehrer ist derjenige der unterrichtet. Der ist aktiv. Der macht etwas, er unterrichtet. „Wann fangen Sie mit dem Unterricht an?“

Sollte es nicht umgekehrt sein?

Die Schüler lernen aktiv. Der Lehrer begleitet sie.

Hilft und unterstützt. Und der Lehrer bereitet den Rahmen, den Raum, die Lernaufgaben vor. Er stellt Instrumente zur Lernsteuerung und Selbstorganisation bereit. Er beobachtet und steuert.

Aber die Schüler lernen! Möglichst selbstständig und selbstgesteuert.

Ein Wandel in der Lernkultur: Vom Unterricht zum Lernen.