„Ich bin superwichtig“? wirklich?

http://www.zeit.de/2013/02/Paedagogik-John-Hattie-Visible-Learning

Der Lehrer – und die Lehrerin – sind die entscheidenden Faktoren für ein erfolgreiches Lernen, lese ich in dem ZEIT-Artikel über den neuseeländischen Bildungsforscher John Hattie. Internetbasiertes Lernen schadet nichts – bringt aber auch nichts. Nun habe ich in letzter Zeit versucht, mich als zentralen Akteur des Unterrichts zurückzunehmen und versucht, den SchülerInnen Raum und Hilfen für das selbstständige Lernen an die Hand zu geben. Und dazu habe ich auch noch die Tools des Web 2.0 benutzt.

Alles falsch gemacht? Bei näherer Überlegung sehe ich aber gar nicht mehr so viele Widersprüche zu den empirischen Erkenntnissen aus den Studien von Hattie. Zwar hat Hattie ein Ranking zur Wirksamkeit von Lernmethoden aufgestellt, aber entscheidend bleibt doch der sinnvolle Methoden-Mix. Und da hilft die Bewertung von Hattie wirklich weiter. Die für die Lerngruppe sinnvolle Auswahl von Lernmethoden und die individuelle Anpassung an die einzelnen Schüler verlangt die Kunst des Lehrers und der Lehrerin. Und hier hat der Satz aus dem ZEIT-Artikel seine Richtigkeit: „Auf den guten Lehrer kommt es an“. Die geschickte Kombination aus verschiedenen Zugängen zum Lernen inszeniert die Lehrperson. Sie bietet ein breites Repertoir an Lernmöglichkeiten an. Sie gibt Feedback und bestärkt und lobt bei den Lernfortschritten. Und sie weiß um die Wirksamkeit von den Lernmethoden. In diesem Sinne muss der Lehrer „gut sein“.

Was an unseren Schulen wirklich fehlt, ist die offene Diskussion der Qualität von Unterricht und Lernsituationen. Die meiste Zeit wird über Inhalte gesprochen – und was die Schüler nicht gelernt haben. Fast nie wird über die Qualität von Unterrichtsarrangements und Lehrerhandeln gesprochen. Jeder steht allein in der Klasse. Kollegiale Hospitationen scheinen bei dem eng getackteten Stundenplan kaum möglich. Und wir haben kaum Instrumente, unser eigenes Handeln zu reflektieren und auszuwerten.

Hier sehe ich die große Chance: Lasst uns über Qualität des Lernens an der Schule sprechen. Welche Dinge befördern das Lernen, welche behindern sie? Wie können wir unser eigenes Handeln verbessern, wie können wir als Organisation besser werden? Woran können wir erkennen, ob wir gut sind und wo wir uns verbessert haben?

»Ein guter Lehrer sieht den eigenen Unterricht mit den Augen seiner Schüler«, sagt Hattie.

Welche Oberstufe wollen wir sein?

oder: Wie lernen und arbeiten wir in Zeiten des Zentralabiturs?

Bankwerbung: Wir machen den Weg frei.

Macht das Zentralabitur in allen Fächern das Leben nicht leichter?
Ein zielgerichtetes Hinarbeiten auf das Bestehen einer Abiturprüfung mit klaren inhaltlichen Rahmen? Keine eigene Prüfungsthemenfindung mehr und auch kein lästiges Prozedere der Themenprüfung? Die Inhalte kommen wieder in den Vordergrund!

Aber!
Was wird aus dem projektbezogenem Lernen, das in den Profilen stattfinden soll? Was wird aus dem methodischen und fächerverbindenden Lernen, für das das Seminar steht (einige Schulen schaffen das Seminarfach im Hinblick auf das Zentralabitur schon ab). Was ist mit den Zielen eines demokratischen, selbstverantworteten Lernens?

Ich glaube, wir sollten uns durch das Zentralabitur die „Pferde nicht scheu machen“ lassen. Wir sollten bei allen fachlichen Anforderungen und den vollen Inhaltskatalogen das wesentliche Ziel nicht  aus den Augen verlieren:

Wenn wir den jungen Menschen einen Raum und eine Begleitung bieten, mit denen sie sich zu selbstbewussten, in ihre Fähigkeiten und ihre Potentiale vertrauenden Menschen entwickeln, dann kann das Zentralabitur seine Bedrohung verlieren. Was braucht es, um dieses Ziel gelingen zu lassen?

Zu aller erst braucht es eine Haltung, mit der die Potentiale der jungen Leute herausgelassen werden. Diese Potentiale sind nicht sofort sichtbar und meist auch nicht an schulischen Kriterien zu messen. Die Frage: „Was kannst  du schon gut?“ ist der Schlüssel für weiteres Lernen. Auch wenn wir bei den SchülerInnen oft „Defizite“ feststellen, die aus dem Lernen der Sekundarstufe 1 eigentlich mitgebracht werden sollten, hilft ein Fixieren auf dieses Fehlen nicht weiter. Erst ein Anerkennen der Potentiale der SchülerInnen macht den Weg frei, Defizite aufzuarbeiten.

Eine weitere wichtige Haltung ist die Erkenntnis, dass Lernen nicht linear erfolgt. „Wir haben das letzte Stunde gehabt“ scheint keine Gelingensstrategie zu sein. Zu viele Störfaktoren beeinflussen das lineare Lernen. Es muss  viele Möglichkeiten geben, die Dinge zu lernen, viele Wege eröffnet werden. Achtung! Ich spreche mich nicht gegen eine gut strukturierte Lernsituation (Unterricht) aus – im Gegenteil. Sie sollte aber viele Möglichkeiten enthalten. Deshalb erscheint mir eine Methodendiskussion, die in den vergangenen Jahrzehnten oft geführt wurde, für müßig. Ich glaube nicht, dass es die Methode gibt, sondern dass die Lehrpersonen viele Methoden anbieten und die Lernenden darin begleiten, ihre richtige zu finden.

Ziel der Oberstufe sollte es sein, jungen Menschen einen Weg in eine anspruchsvolle Berufsausbildung oder ein Studium zu ermöglichen. Ihnen ein Orientierungswissen mit auf den Weg zu geben, mit dem Abitur entscheiden zu können, welchen nächsten Schritt sie gehen wollen. Dabei sollten alle fachlichen Inhalte „Mittel zum Zweck“ sein, dass die jungen Leute ihre Potentiale entdecken und entwickeln. Das Lernen von Analysis z.B. ist kein Selbstzweck, sondern sollte dazu dienen, dass sich die SchülerInnen entscheiden können, ob sie einen Beruf oder Studiengang wählen wollen, in dem die Mathematik eine Rolle spielt. Die Qualität des Mathe-Unterrichtes hat dann die Folge, ob die SchülerInnen ihr mathematischen Potentiale entwickeln können – und wollen.

Learning for the test in Zeiten des Zentralbiturs ermöglicht dieses Ziel kaum. So wird es unsere strategische Aufgabe als Lehrende sein, eine gute Ausgewogenheit von zentralen Prüfungsanforderungen und persönlichkeitsentwickelnden Lernarrangements zu finden. Hier ist wieder die pädagogische Kunst gefragt. Es muss auch nicht immer das Ziel sein, das Abitur mit 2.0 zu machen.

Lernentwicklungsgespräche

Zwei Tage lang Lernentwicklungsgepräche (LEGs). Zwei Tage lang je 30 Minuten mit einem Schüler oder einer Schülerin über die Lernentwicklung sprechen. Nicht viel im Vergleich zu der Zeit, die wir sonst in der Schule verbringen. Aber trotzdem eine wertvolle Zeit, in der wir und mit dem einzelnen Menschen beschäftigen. Eine Zeit, in der über die Erfolge und Perspektiven gesprochen werden kann.

Lernentwicklungsgespräche sind keine „gut dass wir darüber gesprochen haben“ – Gespräche, sondern strukturierter Austausch über Erfolge und Gelungenes, über Leistungen und auch Niederlagen, über Gefühle und Sicherheiten, über Perspektiven und Anschlüsse. Sie münden immer in Vereinbarungen, die schriftlich festgehalten werden. Es nehmen auch die Eltern verpflichtend an den LEGs teil, aber der Focus bilden die Lernenden.

Ausgangspunkt eines LEGs sind die Potentiale und die Stärken der SchülerInnen, denn sie sind die Basis für alles was kommt. Klagen über fehlende Hausaufgaben oder mangelnde Motivation der jungen Leute in Richtung Eltern haben auf den LEGs keinen Platz. Auch die emotionale Seite des Lernens ist ein wichtiger Ausgangspunkt für das Gespräch: „Fühlst du dich in der Klasse wohl?“; „Lernst du gerne?“; „Hast du Freundinnen in der Klasse, mit denen du zusammen Lernen kannst?“ usw.

Dann sind die persönlichen Ziele ein wichtiges Gesprächsthema. „Was möchtest du erreichen?“; „Kannst du diese Ziele mit deinen Leistungen schaffen?“ Hier muss man sich natürlich auch mal die Noten anschauen.

Wichtig ist mir die Haltung, in der ich die Lernentwicklungsgespräche führe. Ich gehe in die Rolle des Fragenden, der es ermöglicht, dass die jungen Leute Erkenntnisse über ihre Ziele und Wünsche und auch über mögliche Wege dorthin erhalten. Durch Nachfragen kann ich die Möglichkeiten gut herausarbeiten und helfen, die Gedanken der Lernenden zu strukturieren. Aussagen wie „du musst…“ oder „du sollst…“ vermeide ich. Bei der Formulierung von Fragen hat mir das Buch von Carmen Kindl-Beilfuß: Fragen können wie Küsse schmecken“ sehr geholfen.

Foto am 20-11-2012 um 08.09

Die Lernentwicklungsgepräche werden immer mit der Formulierung von maximal drei Zielen beendet. Ziele sind erreichbar, überschaubar und überprüfbar. Sie sollten einen Erfolg ermöglichen, denn Erfolg ist der Treibstoff unseres Handlens. Viele SchülerInnen wünschen sich z.B. eine größere Beteiligung am Unterrichtsgespräch. Ich vereinbare dann mit ihnen ein über drei Woche laufendes Protokoll, in dem sie jeden Beitrag von ihnen im einem Symbol eintragen. Drei Einträge pro Tag können schon ein Erfolg sein. Nach drei Woche zeigt mir die/der SchülerIn das Protokoll und wir feiern gemeinsam das Erreichte.

Educamp Ilmenau

vom 19. – 21.10.2012
Sessions zu Lernen und neuen Medien.

Mich hat besonders die Session „Unterrichtsgespräch 2.0“ beeindruckt. Es wurde hier nicht nur die technische Seite der Nutzung des Internets für Lerngespräche beleuchtet, sondern auch die Haltung, die man als Lehrender einnehmen sollte, um kreative Denkprozesse auszulösen. Dazu als meinen Beitrag dazu ein Kompetenzraster zur Rückmeldung mündlicher Beiträge im Lerngespräch, zu finden in der Mediathek.

Nutzung von Social Media in der Schule:

http://www.vielfalt-lernen.de/2012/11/23/social-media-in-der-schule/

Potentialentwicklung mit jungen Erwachsenen

Potentialentwicklung an der Oberstufe? Da geht es doch in erster Linie um das Bestehen des Abiturs. Und dann um einen guten Notenschnitt! Also geht es in erster Linie um die Verteilung von Zukunftschancen: Wer darf Medizin und Jura studieren!

Die erste Aufgabe von Schule sollte die Entwicklung und Entfaltung von den Potentialen von jungen Menschen sein. Erst sehr nachrangig ist die Auslese und Bewertung von Schülern, um die Startchancen im Leben aufzuteilen. Wenn von Potentialentfaltung gesprochen wird, hat man in erster Linie den Wissensdurst von Kindern vor Augen, den man in der Schule aufgreifen will. Aber die jungen Leute zwischen 15 und 19, die an den Oberstufen lernen, gehen meist sehr strategisch an das Lernen heran: wie kann mit minimalem Aufwand eine möglichst hohe Punktzahl erreicht werden? Vom systemischen Standpunkt aus betrachtet ist ein solches Vorgehen auch ökonomisch. Bei 34-36 Wochenstunden hat man wenig Zeit, sich auf Interessen und Begeisterung einzulassen. Und die jungen Leute haben mit zehn Schuljahren ja auch schon reichlich Erfahrung, wie es in der Bildungsökonomie läuft.

Trotzdem mit jungen Erwachsenen an der Oberstufe Potentiale entwickeln? Ja!

Ich arbeite in meiner Profilklasse 12/13 MenschWelt (mit den Fächern PGW, Geografie) an Semesterprojekten, die es den jungen Lernenden ermöglichen soll, eigene Forschungs- und Lernschwerpunkte zu setzen. Dabei ist es immer wieder eine hohe Herausforderung, Projekte so offen zu konzipieren, dass die Lernenden eigene Gestaltungsmöglichkeiten haben, auf der anderen Seite auch die Anforderungen des Bildungsplanes abzudecken, denn ich bewege mich ja im System einer staatlichen Schule. Deshalb muss ich bei dem Projektdesign auch darauf achten, Rückmeldekriterien zu haben, die eine Bepunktung (Benotung) ermöglichen, sonst wäre die Arbeit nichts „wert“.

In der 12. Klasse habe ich die Projekte:

– Gentrifizierung in Hamburger Stadtteilen

– Europa und die Türkei (mit Studienreise nach Istanbul)

durchgeführt. Bei dem Gentrifizierungsthema wurde als Produkt ein Forschungsbericht erstellt, bei dem Europa/Türkei Thema wurde eine Stellwand mit Film oder Computerpräsentation produziert. Diese wurden auf einem Elternabend und am Kulturtag der Schule präsentiert.

Hier können die Projekte näher angesehen werden: http://blogs.hamburg.schulcommsy.de/276082_3264314/

Die SchülerInnen konnten aus meiner Sicht in den Projekten vielfältige Lernerfahrungen machen:

  • Es braucht viel Zeit, eine Arbeitsgruppe zu organisieren und mit den Emotionen umzugehen
  • Eine eigene Forschung ist mehr als nur ein paar Informationen aus dem Internet aufzuschreiben
  • Ein Projekt braucht eine gute Planung
  • Ein Projekt braucht eine gute Arbeitsteilung
  • Selbstbestimmtes Arbeiten macht viel Spaß, aber bei Problemen muss man auch mit Frust umgehen.

Aber: es geht hier nicht nur um den Prozess, sondern auch das Ergebnis ist wichtig. Daran misst sich auch das Feedback von mir als Lehrer anhand der Bewertungskriterien. Wichtig ist mir immer, dass jede Arbeit mit einer Reflexion abgeschlossen wird, die auch in die Bewertung mit einfließt.

Gerade in Zeiten des Zentralabiturs halte ich solche Projekte für besonders wichtig. Wie sollen denn sonst die jungen Erwachsenen lernen, die Probleme unserer Gesellschaft zu lösen?

Erfolgreiches Lernen?

Wann kann man von einem erfolgreichen Lernen sprechen?

In der Schule ist die Rückmeldepraxis über die Noten immer noch defizitorientiert. Nur zwei Noten geben Auskunft über ein erfolgreiches, „die Anforderungen erfüllt“, Lernen: die „2“ und die „1“. Bei Lernüberprufungen erreichen meist nur 20% der SchülerInnen diese Noten. Sind die anderen also nicht erfolgreich?

Wenn man Ziffernnoten verwenden will, sollte man die Skala umdrehen: Alle solten die Chance haben, die Basisanforderungen zu erfüllen. Darauf aufbauend kann man sich dann in Schritten denn nächsten, schwierigeren Anforderungen widmen. Jeder in seinem Tempo.

Ziel sollte es sein, allen Schülerinnen und Schülern ein erfolgreiches Lernen zu ermöglichen. Nur der Erfolg kann nach den Erkenntnissen der Neurowissenschaftlern für ein weiteres Lernen motivieren. Aufgaben können am besten so gewählt werden, dass sie zu schaffen sind. Die Schwierigkeitsgrade können dann immer weiter gesteigert werden. Das schafft Anreiz für die SchülerInnen, sich selbst herauszufordern und sich immer schwierigeren Aufgaben zu stellen.

Auch für die Lehrpersonen ist erfolgreiches Lernen sehr wichtig. Unter ihnen ist das defizitorientierte Denken immer noch sehr verbreitet. „Die Schüler können nichts, sie sind so schwach“ ist immer wieder von Lehrern zu hören. Dieses Klagen ist glaube ich so alt wie es Schule gibt. Dabei orientiert sich die „Messlatte“ immer an den Anforderungen des Faches. Das ist oft eine abstrakte Messhöhe, die sich aus der Logik des Faches ergibt.

In der Schule sollten wir jedoch Menschen, junge Menschen „unterichten“, besser: ihnen erfolgsorientierte Lernmöglichkeiten bieten. Die Fächer bieten ihnen das Handwerkszeug, um sich persönlich zu entwickeln, sich in der Welt zurechtzufinden und eigenen Entscheidungen für den eigenen Lebensweg zu treffen. Leider wird in der Schule noch viel zu oft die Fachlogik in den Vordergrund gestellt. Die Entwicklung des Kompetenzbegriffes ist schon ein Schritt in die richtige Richtung. Erfolgreiches Lernen ist also auch die Entwicklung von umfassenden Kompetenzen, in den Fächern und übergreifend.

Beim Lernen sollte es darum gehen, Potentiale zu entfalten (Gerald Hüther, Was wir sind und was wir sein könnten, 2011). Potentiale von jungen Menschen sind jedoch nicht so leicht zu erkennen und sie sind auch nicht so leicht zu messen wie Wissenshäppchen. Erfolgreiches Lernen ist also, wenn man es schafft, die Potentiale der jungen Leute zur Entfaltung zu bringen, wenn man es schafft, das was in ihnen angelegt ist, zu entwickeln. Dieses Ziel ist kaum linear planbar. Man kann nur möglichst gute Bedingungen schaffen, damit es klappt. Es zeigt sich hier, dass Lernen oft ein chaotischer, zumindestens nicht gradlinig ablaufender Prozess ist. Das was heute nicht funktioniert, kann morgen schon gehen (und umgekehrt).

In der Schule hat man wenig Vertrauen in diesen Prozess. Lernen in der Schule muss immer gemessen werden, und dann wird ein Ranking durchgeführt, damit jeder sieht, wo er in der Schule steht. Ähnlich wie bei den Rankings in den Eurostaaten werden durch eine Abstufung die Bedingungen für das Lernen nicht verbessert. Misserfolge, Niederlagen und Abstufungen sind kein „Dünger“ für das Lernen. Das Vertrauen in die jungen Menschen, erfolgreich zu sein, kann ein wichiger Antrieb für das Lernen sein.

Was macht eine erfolgreiche Oberstufe aus einer systemischen Sicht aus?

Die Schüler haben nun den Sprung in die 11. Klasse geschafft und stellen fest, dass sie sich neuen Anforderungen konfrontiert sehen. Die LehrerInnen reagieren mit dem schon oben beschriebenen Reflex: „Die Schüler sind ja gar nicht auf die Oberstufe vorbereitet“ oder „sie gehören gar nicht auf die Oberstufe“. Aus fachlicher Sicht und mit der Wissensbrille geschaut mag das auch stimmen. Aber man kann ja auch eine andere Brille aufsetzen:

Wie kann man die Potentiale der Schüler, die in die Oberstufe gekommen sind, aufnehmen und so entwickeln, dass sie für sie sinnvolle Entscheidungen zu ihrem Lebensweg fällen können? Wie kann man Lernsituationen schaffen, dass sie positive Lernerfahrungen machen können, ihre Möglichkeiten voll zur Entfaltung bringen?

Erfolg“ kann dann sehr unterschiedlich sein. Für den einen ist der Erfolg das Bestehen des Abiturs mit einem bestimmten Notenschnitt, weil er einen NC erreichen will. Für die andere ist es überhaupt das Bestehen des Abiturs ein Erfolg, weil man es ihr in der 6. Klasse überhaupt nicht zugetraut hätte. Für den nächsten ist es ein Erfolg für sich zu entscheiden, kein Abitur zu machen, weil er für sich festgestellt hat, dass das eher theoretische Lernen an einer Oberstufe nichts für ihn ist. Er will lieber eine Ausbildung machen.

Erfolg muss also individuell gesehen werden. Zum Erfolg kann auch zwischenzeitliches Scheitern gehören. Es gibt die Chance, den „Stand der Dinge“ zu sehen und ggf. die Ziele zu korrigieren. Damit kann man vielleicht realistischere Ziele anpeilen, mit denen man längerfristig erfolgreicher bleibt. Wichtig ist jedoch, die jungen Leute bei diesem Prozess zu begleiten. Wir Lehrpersonen sollten die Schüler bei der Findung ihrer Ziele beraten, ihnen dabe helfen, realistische, erfolgversprechende Ziele zu formulieren. Und ihnen Anschlussmöglichkeiten aufzeigen. Deshalb halte ich ein Lernchoaching für so wichtig für ein erfolgreiches Lernen.

 

Sehr zu empfehlen: Gerald Hüther, Was wir sind und was wir sein könnten – ein neurobiologischer Mutmacher, Franfurt/M, 2011.

 

Haltung

Die etwas altmodisch wirkende Aussage: „Wir führen unsere Schüler zum Abitur“ wirkt unter dem Blickwinkel des „Lerncoachings“ gar nicht mehr so altbacken. Junge Menschen zu einem erweiterten Schulabschluss zu führen, beinhaltet die „Haltung“, sie auf diesem Weg zu begleiten und möglichst zum Erfolg zu führen. Dabei nehmen wir als Lehrer die Haltung ein, die gesamte Persönlichkeit der jungen Menschen in den Blick zu nehmen. Der „Fachblick“, den Lehrer oft einnehmen,  tritt dabei zurück.

Die Haltung „Schüler zum Abitur führen“ nimmt bewusst möglichst viele Faktoren in den Blick, die in dem System, in dem sich die Schüler bewegen, eine Rolle spielen:

  1. Die bisherige Lernbiografie: Welche Stärke und Schwächen hat der Schüler
  2. Die Unterstütung in der Familie oder anderen Bezugsgruppen: Wer gibt Unterstützung? Wie können Hemmnisse abgebaut werden?
  3. Die institutionellen Anforderungen der Schule: formale Anforderungen der Fächer und der Prüfungen; aber auch: Fördermöglichkeiten und Unterstützungen
  4. Ressourcenorientierung: Welche Potentiale können aktiviert werden? Welche Möglichkeiten liegen noch brach und müssen noch entdeckt werden? Welche Stärken sind vorhanden? Wie können die persönlichen Ressourcen aktiviert werden?
  5. Ziele und Wege: Ist das Abitur wirklich das anzustrebende Ziel? Gibt es Alternativen, die dem Leistungsvermögen der Schüler besser entsprechen? Welche Anschlussmöglichkeiten bestehen.

Im Sinne einer konstruktivistischen Didaktik halte ich zwei Haltungen für wichtig:

1. Lernen ist ein unbestimmter Prozess (Rolf Arnold); er verläuft nicht linear und ist von vielen meist unbestimmbaren Faktoren bestimmt. Die Haltung zu dieser Erkenntnis ist, möglichst günstige lernförderliche Bedingungen für das erfolgreiche Lernen zu schaffen.

2. Übergang von einer defizitorientierten zu einer potentialorientierten Haltung. Welche Möglichkeiten haben die Schüler? Sie beinhaltet aber auch, gemeinsam mit dem Schüler Ziele zu entwickeln, die zu diesem Protenial passen. Es muss nicht
immer das Abitur sein.

Sollten wir nicht zu allererst eine haltung einnehmen, die schüler einzuladen, sich der gedankenwelt eines faches zu öffnen? Verhindert die weitverbreitete haltung, „die Schüler sollen…“ nicht genau diese öffnung für die ideenwelt, die dem fach zugrunde liegt? Mir scheint diese haltung der “einladung “ eine Voraussetzung für eine gelingendes lernen zu sein.

Natürlich hatte Lernen auch immer die “Mühen der ebene “. Aber diese Mühen sind leichter zu bewältigt, wenn man weiß, warum.

Haben Noten eine Zukunft?

Seit ich mich mit individualisiertem Lernen beschäftige, frage ich mich, wie weit das tägliche Ranking in der Klasse eigentlich noch lernförderlich ist. Jeden Tag vergeben wir Lehrer hunderte von Noten für Mitarbeit, Hausaufgaben, Tests, Qualität der Beiträge und natürlich für Klassenarbeiten und Klausuren. Wenn ich mir vorstelle, ich wäre selbst diesem Dauerbombardement von täglicher Bewertung ausgesetzt, wird mir schlecht.

Aber Noten sind tief in der Gesellschaft verankert. Alle Menschen haben in ihrem Leben tausende von Noten bekommen, und diese Bewertung prägt vielleicht so manche Lebensrichtung. Deshalb fordern viele Eltern Noten für ihre Kinder ein. Aber vielleicht auch, weil es wenig Wissen über Alternativen gibt. Und weil es immer noch eine Hauptaufgabe der Schule ist, Lebenschancen und Berechtigungen zu verteilen. Die Berechtigung gewisse Berufe zu ergreifen, Fachschulen oder Universitäten zu besuchen. Und dass, obwohl eigentlich unstrittig ist, dass Noten kaum Fähigkeiten und Kompetenzen ausdrücken.

Ich frage mich, ob schlechte Noten wirklich lernförderlich sind. Ist der tägliche Versuch, „gerechte“ Noten in einer Klasse zu verteilen, nicht eine Scheingerechtigkeit; laufen sie dem Prinzip der Individualisierung, und damit der Akzeptanz des Ungleichzeitigen, nicht zuwider?

Meine Versuche, ein handhabbares System zur Erfassung von erreichten Kompetenzen in einer Schülergruppe zu entwickeln und dieses dann in Noten (Ziffern) auszudrücken, machen mir immer mehr deutlich, wie umöglich es ist, individuelle Lernleistungen in den Noten 1-6 auszudrücken.

Wenn wir wirklich eine Veränderung der Lernkultur erreichen wollen, dann ist es nur mit einer grundlegenden Reform der Feedbackkultur an Schule möglich. Ich sehe alle Versuche, Noten durch ergänzende Informationen anzureichern (Kommentare, Berichtszeugnisse usw.) für nicht geeignet. Wenn wir wirklich einen Paradigmenwechsel in der Lernkultur erreichen wollen, kommen wir um die Abschaffung der Noten nicht herum

Ungleichzeitigkeiten

Lernen ist kein linearer Prozess. Oft chaotisch, von Irrungen und Wirrungen begleitet, bleibt das Licht der Erkenntnis lange dunkel, bis einem endlich ein Licht aufgeht.

Muss man dann nicht dieser Erkenntnis auch bei organisierten Lernen in der Schule Rechnung tragen? Sind dann nicht alle normierten Abgabetermine von Aufgaben, gleichzeitig geschriebene Klassenarbeiten nicht eine Scheingerechtigkeit? Gehen sie nicht von der Annahme aus, alle Lernende einer Klasse, meist über 20, kommen zu einem gleichen Zeitpunkt zu gleichen Leistungen?
Oder ist es von unserem schulischen System nicht sogar gewollt, dass nicht alle gleich erfolgreich sein können, damit es die Möglichkeit zur Selektion gibt.

Aber wenn wir alle Lernenden bestmöglich individuell fördern wollen, müssen wir und doch von der Vorstellung lösen, dass alle zu gleichen Zeit die gleiche Leistung erbringen sollen. Wir müssen die Ungleichzeitigkeit beim Lernen in das System integrieren. Sonst kann eine individuelle Förderung und Begleitung der Lernenden gar nicht gelingen.

 

START

Ich will nicht mehr unterrichten.

Das wird langweilig und scheint mir wenig erfolgreich. Unterricht hält die Schüler passiv: sie werden unterrichtet, sie bekommen unterricht, (sie erleiden ihn?).

Der Lehrer ist derjenige der unterrichtet. Der ist aktiv. Der macht etwas, er unterrichtet. „Wann fangen Sie mit dem Unterricht an?“

Sollte es nicht umgekehrt sein?

Die Schüler lernen aktiv. Der Lehrer begleitet sie.

Hilft und unterstützt. Und der Lehrer bereitet den Rahmen, den Raum, die Lernaufgaben vor. Er stellt Instrumente zur Lernsteuerung und Selbstorganisation bereit. Er beobachtet und steuert.

Aber die Schüler lernen! Möglichst selbstständig und selbstgesteuert.

Ein Wandel in der Lernkultur: Vom Unterricht zum Lernen.