„Sag ihnen, was sie können“

Lehrer geben Noten, hunderte, tausende; Noten scheinen unzertrennbar mit der Schule verwachsen zu sein. Tägliches Ranking, dauernder Vergleich, Bundesligatabelle. Lehrer sind gerecht, wenn es gute Noten gibt und ungerecht bei schlechten. Bei Versuchen, Noten durch Kompetenzrückmeldungen zu ersetzen, gibt es oft Proteste von den Eltern, und viele Schüler wollen nach der Grundschule endlich „richtige“ Noten.

Ich glaube dass sich alle Lehrpersonen einig sind, dass man Schüler fördern und unterstützen soll. Am besten geht das unzweifelhaft, wenn man ihnen sagt, was sie können. Aber kann man das mit Noten ausdrücken? Da bekommt man von Schülern nur die Auskunft: „Ich bin schlecht in Mathe, aber ganz gut in Englisch“. Das wars.

Wie kann man es etwas differenzierter hinkrieben? Ich versuche seit einiger Zeit mit Rückmeldskalen zu arbeiten. Dabei wird eine Aussage zu einer Teilkompetenz formuliert und dann auf einer Skala der erreichte Grad eingetragen. Das können dann 10er Skalen sein, Prozentskalen oder eben auch Notenskalen. Es ergibt sich dadurch ein grafisches Bild einer Kompetenz. Je weiter rechts das Kreuz, desto besser wird die Kompetenz erfüllt. Z.B. „Du hast alle sachlich wichtigen Teile in deinem Text erfasst“: Skalenstufe 8 von 10; und „Du hast deinen Text gut und sinnvoll strukturiert“: Skalenstufe 4 von 10. Dann kann man gleich sehen, dass die Stärke im inhaltlichen Erfassen liegt, aber auf die Strukturierung eines Textes noch geachtet werden muss.

Ich sehe dieses Verfahren als einen pragmatischen Beitrag zur Kompetenzdebatte und vielleicht einen dem Schulalltag angepassten Weg für eine komptenzorientierte Rückmeldung, ohne in grundsätzliche Diskussionen zu genen.

Hier einige Beispiele für Rückmeldeskalen:
Rück FachtexteGeo
Rück Raumanalyse Plattentektonik
Rückmeldung Kartenerstellung
Rück Grafikerstellung
Rückmeldebogen Semesterprojekt
KR Selbststeuerung GES
KompRast mündliche Beiträge

Forschungsauftrag Fahrrad

Seit einiger Zeit arbeite ich mit meinen SchülerInnen im Physikunterricht mit Forschungsaufträgen. Ich möchte damit das selbstständige forschende Lernen fördern. Außerdem versuche ich das Lernen „umzudrehen“, d.h. ich gebe nicht mehr kleinschrittige Aufgaben vor, sondern die SchülerInnen bekommen eine Forschungsfrage und ich helfe ihnen, diese Frage zu lösen. Meine Aufgabe besteht dann darin,

  • impulsgebende Inputs zu machen
  • die Arbeit zu strukturieren
  • zu ermutigen, sich an die Arbeit zu machen (Schüler haben immer Angst, etwas falsch zu machen)
  • Tipps und Hilfestellungen zu geben.

Zu jeder Forscherfrage gehört eine feste Struktur:

  • Physikalische Größen und Begriffe müssen in einem Steckbrief erklärt werden
  • Es muss ein Versuch durchgeführt und protokolliert werden
  • Ein Informationstext zur Forscherfrage wird erstellt
  • Messwerte werden genommen und berechnet
  • Grafiken und Fotos werden erstellt

Die Kommunikation zu den Forschungsaufträgen läuft über unsere Lernplattform (Schulcommsy.de). Alle Aufgaben und Links sind hier verfügbar. Auch hier gilt die „Umkehrung“: Alles ist online verfügbar, die Schüler müssen es selbstständig nutzen, wann auch immer. Da gibt es auch keine Ausrede mehr, ich war krank oder habe das Arbeitsblatt nicht erhalten.

Dadurch ist für die SchülerInnen diese Methode doch etwas gewöhnungsbedürftig. Sie müssen sich erstmal aus der Rolle des Lernkonsumenten in den Lernkonstrukteur hineinfinden. Es verlangt auch eine höhere Aktivität von den Schülern, auch nicht immer gern gesehen bei den jungen Leuten.

Aber ich erfoffe mir langfristig eine höhere Motivation zum Lernen, weil die Selbstwirksamkeit größer ist. Man erstellt ein eigenes, individuelles Produkt, da vorgezeigt werden kann. Das Internet unterstützt dabei das Lernen sehr gut.

Hier der Forschungsauftrag Fahrrad.

 

 

Forschungsauftrag „Fahrrad Vers3

„Taxi zur Hölle“: Folter im Antiterrorkampf

Eigentlich war es als eine Übung für meine Schüler gedacht, systematisch eine Stellungnahme zu einem schwierigen Thema zu schreiben. Es geht in der 13. Klasse auf das Abitur zu und eine systematische, begründete Stellungnahme zu schreiben, bereitet meinen Schülern immer noch Schwierigkeiten. Ich hatte die Filmsammlung „Demokratie für Alle?“ der Bundeszentrale für Politische Bildung zur Verfügung und fand darin den Film „Taxi zur Hölle“, der die Folterpraktiken der USA in Afghanistan, Irak und Guantanamo zum Thema hat.
http://www.bpb.de/shop/multimedia/dvd-cd/33891/demokratie-fuer-alle

Die SchülerInnen sollten für sich klären, ob es legitim ist, undemokratische Mittel anzuwenden, um die Demokratie vor Terrorismus zu schützen.
Da bekam die Frage eine neue Aktualität durch die Vorwürfe gegen die britischen Soldaten, im Irakkrieg ebenfalls gefoltert zu haben. Wir haben diese Frage dann sehr systematisch in acht Schritten erarbeitet: immer drei Schüler arbeiteten eine Runde zusammen. Nach jeder Runde wurden einzelne Ergebnisse im Plenum vorgestellt.
Foto-3
Die fertigen Stellungnahmen veröffentlichen wir dann in unserem blog.
http://blogs.hamburg.schulcommsy.de/276082_3264314/2014/01/14/film-taxi-zur-holle-usa-foltert-im-antiterrorkampf/
JedeR SchülerIn hat dann die Möglichkeit, die anderen Arbeiten durchzulesen. Im Plenum stellen wir dann einzelne Texte zur Diskussion.
Ein sehr empfehlenswertes Thema und eine sehr intensive Arbeit, die sich gelohnt hat.

OER in der Schule?

Brauchen wir Open Education Ressources an der Schule?

Warten Lehrer und Schüler eigentlich auf OER?

These: OER sind nur sinnvoll, wenn sie eine positive Weiterentwicklung der Lernkultur ermöglichen.

Können freie Internet-Inhalte die subjektive Konstruktion von Wissen bei den einzelnen SchülerInnen fördern?
Wenn freie Bildungsinhalte zur Verfügung stehen, können Lernende diese direkt für sich benutze und weiter verarbeiten. Sie können sie in eigene Lerntagebücher, Heften, wikis oder Portfolios einfügen, ohne eine Urheberrechtsverletzung zu begehen. Ich glaube, dass die subjektive Re-Konstruktion von Wissen ein wirksames Lernen ermöglicht. Dabei spielt das eigene Bearbeiten eine große Rolle, und nicht nur das „Abschreiben“.

Können freie Internet-Inhalte selbst gesteuerte, autonome Lernformen fördern?
Freie Bildungsinhalte sollten nicht nur einen Informationsinhalt haben, sondern auch methodische Vorschläge für die Bearbeitung enthalten. Es wäre ein echter Fortschritt in der Autonomie des Lernens, wenn die Lernenden unabhängiger, freier, selbstständiger Agieren können. Ich glaube, dass die SchülerInnen in der Schule heute noch in extremer Unselbstständigkeit gehalten werden (Hausaufgaben werden „aufgegeben“) und sie darauf oft mit Verweigerung reagieren (eben keine Hausaufgaben machen, oder sie aus Angst vor Repression, dem Strich im roten Lehrerbüchlein, widerwillig machen). Offene Bildungsmaterialien sollten neben Inhalten auch Bearbeitungsmöglichkeiten anbieten, die die Lernenden selbst aussuchen können.

Ermöglichen freie Inhalte kooperatives Lernen?
Gemeinsam neue Produkte herstellen ist ein wichtiger Lernprozess. Im Team ein Projekt arbeitsteilig bearbeiten und ein gemeinsames Ergebnis produzieren scheint mir für die Vorbereitung auf das Leben wichtiger zu sein als individuelles Pauken. Die Dominanz des individuellen Lernens hat ja seinen Grund eher in der besseren Prüfbarkeit in der Schule.
Wenn Inhalte frei zu Verfügung stehen für die Weiterverarbeitung, bieten sie viele Möglichkeiten kooperativen Lernens. Ich glaube, dass hier freie Bildungsmaterialien ihre Stärke zeigen können.

Bieten freie Bildungsmaterialien Übungsmöglichkeiten, die die Lernenden selbstständig nutzen können?
Das wäre zu hoffen. Gerade mit der Perspektive des „lebenslangen Lernens“ bekommt der Aspekt selbstständige Übungsmöglichkeiten ein neues Gewicht. Hier wurde in der Session besonders auf die Kölner Geschichtsplattform „segu Geschichte“ hingewiesen. Es wäre erfreulich, wenn weitere Übungsmöglichkeiten

Geben freie Bildungsmaterialien die Chance, das Prüfungssystem zu verbessern? Ist eine Prüfungssituation ohne Nutzung des Internets nicht gerade kein „Lernen für das Leben“?
Das ist wohl noch sehr unklar. In der Schule werden ja Prüfungen für die Lernrückmeldung und für die Selektion benutzt, zwei sehr unterschiedliche Zielsetzungen. Lernrückmeldungen im Internet sind meines Wissens noch ein Neuland und beschränken sich auf Anklicklisten. Hier wäre sicher noch Arbeit zu leisten.

Können freie Bildungsmaterialien die Qualität des Lernens im Vergleich zu der Arbeit mit Schulbüchern verbessern?
Freie Bildungsmaterialen bieten nicht automatisch die Garantie für eine verbesserte Qualität. Auf der Session im educamp Berlin 13 wurden abschreckende Beispiele aus Südkorea berichtet. Die Teilnehmenden an der Session schätzten eher ein Nebeneinander von Schulbuch und freien Ressourcen aus dem Internet als Szenario für die nahe Zukunft als wahrscheinlich ein. Im Moment ist wohl die Stadt Köln am weitesten, Möglichkeiten für OER an den Schulen bereit zu stellen.

Die Idee, ein Qualitätslabel für OER zu vergeben, wurde auf der Session als eher unrealistisch eingeschätzt. Wenn etwas permanent veränderbar ist, kann man dafür kein „festes“ Label vergeben. Für die Beurteilung der Qualität muss die professionelle Beurteilungskompetenz des Lehrenden gerade stehen. Es wurde deutlich gemacht, dass für von LehrerInnen erstellte Materialien keine Genehmigung von der Schulaufsicht nötig ist, solange sie nicht in Buchform veröffentlicht werden.

Die Beurteilung der Qualität von Inhalten, Aufgaben und Lernarrangements ist ja die tägliche Aufgabe von Lehrenden, auch in der analogen Buchwelt. Man muss dauernd bewerten, welche Materialien man auswählt, auch aus Büchern. Das wird sich in der Internetwelt nicht ändern. Der Vorteil offener Bildungsmaterialien besteht darin, dass man vorhandenes verändern, ergänzen, gestalten kann.

Wird Selbstwirksamkeit für die Schüler mehr spürbar durch freie Bildungsmaterialien?
Die Möglichkeit, Bildungsinhalte aus dem Internet zu nehmen und unter einer eigenen Fragestellung neu zu verarbeiten, um damit ein neues, eigenes Produkt (Portfolio, Themenarbeit, Präsentation usw.) zu gestalten, ist sicher eines der großen Chancen von offenen Bildungsressourcen. Wenn es beim Lernen nicht nur um das „Nachvollziehen“ und „Stofflernen“ geht, kann eine Selbstwirksamkeit beim Lernen durch OER sicher erfolgreich eingesetzt werden. Die Möglichkeiten, eigene neue Produkte herzustellen, ist dann sicher grenzenlos und bieten viele Möglichkeiten der subjektiven Konstruktion von Wissen und Bildung.

Lernkultur?
Wie alle Kulturen, der Art, wie Menschen zusammen leben und arbeiten, wird sich die Lernkultur immer wandeln und weiter entwickeln. Sie ist auch immer ein Abbild der Gesellschaft, in der wir leben. In den letzten Jahren haben besonders die neuen Kommunikationsmöglichkeiten des Internets, die Erkenntnisse der Hirnforschung und auch konstruktivistische Vorstellungen die Lernkultur beeinflusst. Die Entwicklung der Lernkultur ist ein dauernder Wandlungsprozess (the road of learning is permanent under construction, Andreas Müller). Ich finde es erfreulich, dass dieser Prozess nicht mehr so stark unter ideologischen Gesichtspunkten diskutiert wird wie in den neunziger Jahren, als sich die Anhänger des gegliederten und des Gesamtschulsystems unversöhnlich gegenüber standen. Es ist erfrischend, dass es jetzt um die Möglichkeiten, und weniger um die richtigen Methoden geht.

OER: Semesterprojekt Gentrifizierung

Hier stelle ich mein Lernprojekt „Gentrifizierung in Hamburger Stadtteilen“ vor. Die WORD-Datei zum Download und zur Weiterverwendung hängt an.

Didaktischer Kommentar:
Das Semesterprojekt habe ich in einer 12. Klasse im Rahmen des Profils PGW, Geografie und Seminar durchgeführt. Das Ziel dieses Projektes war
– die Durchführung eines Projektes in allen Phasen
– das Entwickeln von selbstständigen Lernvorhaben
– die Förderung des autonomen Lernens
– das fächerübergreifende Arbeiten
– eine hohe Identifikation der SchülerInnen mit dem Projekt

Als Lehrender habe ich die Rahmenbedingungen des Projektes beschrieben und festgelegt. Ich habe die Arbeitsgruppen eng begleitet und die „Wegmarken“ durch das Projekt gesetzt. Letztendlich war es auch meine Aufgabe, eine Rückmeldung zu geben und sie mit Notenpunkten für das Zeugnis zu versehen.

In ihrer Rückmeldung haben die Lernenden das Projekt als sehr motivierend empfunden. Sie konnten eigene Schwerpunkte setzen. Sie merkten, dass sie eng an der Tagespolitik dran waren. Eine Schülergruppe hat eine städtische Informationsveranstaltung für ein großes Stadtentwicklungsprojekt („Neue Mitte Altona“) besucht, eine andere konnte einen Buchhändler in der Straße „Lange Reihe“ interviewen, der eine verdoppelte Mieterhöhung bekommen hat und seine Buchhandlung aufgeben musste.

Anlage:
Projektskizze (WORD und pdf)
zwei Beispiele von Schülerarbeiten
Semesterprojekt Gentrifizierung
Semesterprojekt Gentrifizierung
St.Pauli
eimsbuettel

OER: Meine Lerneinheiten zum Download

Ich möchte das mit den Open Education Ressources jetzt mal ausprobieren. Ich stelle hier unter der Kategorie OER meine Lerneinheiten, die ich mit meinen Schülern durchgeführt habe. Jeder kann sie herunterladen und für sich weiter verwenden. Über eine Rückmeldung würde ich mich natürlich freuen. Ich möchte wissen, ob die OERs die Lernentwicklung an den Schulen wirklich voranbringt. Ich bin mir da nämlich nicht sicher, siehe letzten Artikel.

OER – Open Education Ressources: Haben wir in der Schule darauf gewartet?

OER – Ein neues faszinierendes Kürzel für gemeinschaftlich erstellte, offene Lerninhalte. Kein Herumschlagen mehr mit Urheberrechtsverletzungen, freie Weiterverarbeitung in Arbeitsblättern und Lernplattformen, ein Wikipedia für die Schule. Haben wir in der Schule darauf gewartet?

Das digitale Lernen bietet viele neue Möglichkeiten und Chancen. Schulbücher scheinen bei den SchülerInnen „out“ zu sein, uncool und fremdgesteuert („Hausaufgabe ist das Rechnen der Blöcke 4a-f auf Seite 164 im Mathebuch“). Die OER Diskussion umfasst den Diskurs darüber, wie wir mit Inhalten in der digitalen Lernwelt umgehen. Und dieser Diskurs kann spannend sein. Trotzdem ist zu beobachten, dass die Diskussion über OER haußtsächlich ausserhalb der Schule geführt wird.

Trotzdem frage ich mich, ob das das zentrale Problem in der Schule ist, das Problem von LehrerInnen und SchülerInnen. Es mangelt den Schulen ja nicht an Inhalten. Ich sehe das Problem eher darin, dass die Bedeutung von Inhalten in der Schule viel zu schwer wiegt und der Prozess, das „WIE“ des Lernens, zu sehr im Hintergrund liegt. Gymnasiasten werden durch das G8 gejagt, Inhalte und „Stoff“ muss „durchgenommen“ werden, Lehrpläne abgearbeitet, und in der Oberstufe wundert man sich dann, was die SchülerInnen alles nicht können.

Kann dieses Problem durch OER gelöst werden?

OER hat nur eine Chance, wenn es das „WIE“ des Lernens, die Lernkultur, mit verhandelt. Es kann bei OER nicht nur um die digitalte Bereitstellung von Inhalten gehen, sondern OER muss auch eine Weiterentwicklung der Lernkultur ermöglichen. Diese Lernkultur müsste folgende Eckpunkte haben:

* Potentialentwicklung: Von dem Können der Lernenden ausgehend und bestärkend
* Kooperativ und kollaborativ: Lernen ist eine soziale Angelegenheit und in der Gemeinschaft nachhaltiger
* Autonome Lernformen: Eine Lernkultur unterstützt die Bedürfnisse der Lernenden nach Autonomie
* Produktorientiert: Durch das Lernen und den Lernprozess entstehen schöne Produkte
* Erfahrungen: Lernen ist mehr als nur Wissen anhäufen. Erfahrungen machen ist ein wichter Faktor für erfolgreiches Lernen
* Rückmeldung und Begleitung: Lernen braucht Begleitung durch Experten (in der Schule die LehrerInnen). Die Rückmeldung zum Lernprozess darf sich nicht nur auf das Wissen (Noten) beziehen. Sie soll eine Beschämung der Lernenden vermeiden.

Wenn OER in der Schule eine Chance haben soll, dann müssen die LehrerInnen mit ins Boot geholt werden. Es muss deutlich werden, wie OER die Gestaltung von Lernsituationen von LehrerInnen erleichtert. Sonst sind die anderen Aufgaben in der Schule, die in den letzten Jahren dort hineingetragen wurden, wie

* Inklusion
* Übernahme von Erziehungsaufgaben von der Familie
* Ganztagsschule
* hoher Leistungsdruck auf SchülerInnen

nicht zu bewältigen.

Kess Studie 13 in Hamburg

In Hamburg wurde in der letzten Woche die Kess-Studie für den Jahrgang 13 veröffentlicht. Kess bedeutet “ Kompetenzen und Einstellungen von Schülerinnen und Schülern. Diese Studie konnte zum ersten Mal die SchülerInnen testen, die an einer Stadtteilschule (und anderen Schulen ausßerhalb des G8-Gymnasiums) Abitur gemacht haben, untersuchen. Verglichen wurden diese Daten mit einer „Lernausgangslagen-Untersuchung“ (LAU) von 2007 und konnte damit eine Entwicklung feststellen.

Mir scheinen drei Aspekte dieser Untersuchung wichtig:

1. Die Zahl der Abiturienten aus bildungsfernen Elternhäusern konnte deutlich gesteigert werden. Damit leistet das Abitur in 13 Jahren an einer Stadtteilschule einen großen Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit.

2. Die Kompetenzen der Schüler an den Stadtteilschulen liegt deutlich hinter denen an den Gymnasien. Dieser Unterschied relativiert sich, wenn man den sozialen Hintergrund herausrechnet, bleibt aber deutlich erkennbar. Dieser Befund ist wenig überraschend und gibt damit eine Zukunftsaufgabe für die Stadtteilschule vor.

3. Der Lernzuwachs der Kess 13 SchülerInnen an der Oberstufe Jg. 11-13 ist besonders hoch. Er konnte jedoch die Lücken aus der Sekundarstufe I nicht schließen. Besonders in Mathematik sind die Unterschiede zu Gymnasiasten deutlich.

Es wird jetzt Kritik laut, dass Abitur sei durch die Ausweitung der Abiturientenzahlen „weniger wert“, die Bedeutung des Abiturs würde „verwässert“, wenn 50% eines Jahrganges Abitur machen.

Aber ist das nicht gerade ein Erfolg in Richtung Chancengerechtigkeit, wo wir doch in Deutschland noch so viel aufzuholen haben?

studie-kess-13

Potentialentfaltung in der Oberstufe?

Zentralabitur in allen Fächern in Hamburg.

Das erste Mal wird es zentrale Aufgaben im Abitur 14 in (fast) allen Fächern geben. Muss man in einer solchen Situation nicht seine Schüler nur auf diese Klausuren vorbereiten? Nur noch „learning for the test“?

Nein, ich meine im Gegenteil. Weil wir Lehrer nun auch die Aufgaben nicht kennen, müssen wir die SchülerInnen auf breiter Basis darauf vorbereiten, Probleme zu lösen. Das geht nur, wenn sie das Vertrauen darin haben, was sie können. Sie sollten in der Oberstufe also gelernt haben, ihre Potentiale zu entfalten. Nur Wissen anzuhäufen, scheint mir zu kurz gesprungen. Gerade bei den Themen, die in meinem Fach Politik-Gesellschaft-Wirtschaft ausgeschrieben sind, ist die Informationsmenge so groß, dass man eigentlich gleich kapitulieren kann.

Ich glaube, dass man die Potentiale der SchülerInnen fördert, in dem man das Lernen stärker in die Selbstverantwortung der Lernenden legt. Man sollte Lernangebote bieten, die eine offene Lösung ermöglichen. Keine fertigen Lösungen vorgeben, sondern Lernaufgaben so stellen, dass eine aktive und kreative Auseinandersetzung mit dem Lerngegenstand möglich wird.

Weniger ist manchmal mehr: Wenn wir nur Inhalte „durchprügeln“, kommt die Potentialentfaltung zu kurz. Diese braucht auch Zeit für Planung und Strategie, genauso wie Zeit für die Reflexion. Die Reflexion scheint mir ein zentrales Instrument für die Potentialentwicklung zu sein.

Ich halte deshalb auch im Abiturjahr an der Arbeit an Semesterprojekten fest. In diesen Projekten können die Schüler weitgehend selbstbestimmt Themen bearbeiten. Ich als Lehrer gehe in die Rolle des Prozessbegleiters. Meine Schüler haben sich sogar gewünscht, die Bedeutung in der Notenbepunktung noch zu verstärken, weil sie gerne viel Arbeit in die Semesterprojekte investieren.

Beispiele für Semesterprojekte finden sich hier:

http://blogs.hamburg.schulcommsy.de/276082_3264314/2013/08/04/semesterprojekt-gentrifizierung-in-hamburgs-stadtteilen/

 

Abitur

In Hamburg geht es jetzt in die Ferien, die Abiturfeiern sind sind gefeiert, die Abiballkleider wieder in den Schrank gehängt. Die „Abi13“ Aufkleber auf den Autors fahren weiter durch die Stadt. In vielen Reden wurden die Erfolge gefeiert, die guten Notendurchschnitte, die größere Anzahl der Abiturienten, die ersten Abgänger von den neuen Oberstufen der Stadtteilschulen.

Es ist in der Tat ein Erfolg, dass vielen Schülerinnen und Schülern, denen in der 4. Klasse nicht das Abitur zugetraut wurde, jetzt  mit genau diesem Papier die Schule verlassen. Ich habe einem Schüler nach der Zeugnisübergabe die Hand gedrückt, der ohne Gymnasialempfehlung jetzt einen Abischnitt von 1,3 hingelegt hat. Daran zeigt sich die Unmöglichkeit dieser Prognose für Schüler mit 9 Lebensjahren.

Haben wir nun diese Abiturienten gut auf die vor ihnen liegenden Aufgaben vorbereitet? Sie haben ihre Prüfungen in Mathe, Deutsch, Englisch usw. gemacht und Klausuren geschrieben. In der Präsentationsprüfung haben sie immerhin ein Thema selbst bearbeitet. Sind diese jungen Leute nun darauf vorbereitet, sich an die drängenden Fragen unserer Gesellschaft zu machen? Sind sie motiviert, weiter zu lernen, um diese Fragen lösen zu können? Werden sie die langhaltenden Batterien entwickeln, um die fossile Zeit im Autoverkehr abzulösen? Werden sie neue Formen des Zusammenlebens in einer alternden Gesellschaft finden? Werden sie es schaffen, Europa zu retten? Könnte es ihnen gelingen, gesunde Lebensmittel ohne Massentierhaltung herzustellen? Sind sie kreativ genug, der ostasiatischen Konkurrenz zu begegnen?

Haben wir sie gut vorbereitet?