Teilst du schon, oder …? Digitales Lernen im Politikunterricht

Am 24. Juni fand in Berlin ein Netzwerktreffen der werkstatt.bpb zum Thema „Kultur des Teilens“ im politischen Lernen statt. Es wurde der Frage nachgegangen, mit welchen Aktionen das digitale Arbeiten unter Lehrern und politischen Bildungsstätten gefördert werden kann und wie es erreicht werden kann, eine Kultur des Teilens zu etablieren. Und was wird gebraucht, damit sich eine Kultur des Teilens entwickeln kann?

Das digitale Arbeiten erleichtert das Austauschen von Bildungsmaterialien, von Arbeitsblättern, Aufgabenformulierungen, Übungen, Überprüfungstests usw. Daraus müsste sich doch ein großer kreativer Mehrwert ergeben, ein Push an vielfältigen Anregungen und Impulsen? Eine Weiterentwicklung des eigenen pädagogischen Handelns durch neue unterschiedliche Sichtweisen könnte möglich werden. Und eine Arbeitserleichterung bietet ein breiteres Angebot an freien Bildungsmaterialien.

Warum kommt es in der Praxis nicht dazu – und was müsste man tun, um es zu erreichen.

Die vielen MINT-Initiativen haben es vorgemacht. Viele gute Websites sind entstanden, vielfältige Unterstützungsangebote für Lehrer, unzählige gute Arbeitsmaterialien, Möglichkeiten des Austausches. Durch einen großen Geldeinsatz von Industrie und Staat wurde der Technikmüdigkeit und dem drohenden Facharbeitermangel der Kampf angesagt.

Brauchen wir in der politischen Bildung nicht eine ähnliche Kraftanstrengung? Droht nicht auch bei jungen Leuten eine Politikmüdigkeit? Ist politisches Engagement und Beteiligung in Zeiten der Selbstoptimierung überhaupt noch angesagt? Sind Wahlbeteiligungsquoten von 23% der 16-18jährigen bei der letzten Hamburger Wahl nicht ein Alarmsignal?

Die werkstatt.bpb.de möchte die Entwicklungsmöglichkeiten ausloten, die sich durch das Teilen von Material und Erfahrung im Internet ergeben. Ich hoffe, dass sie den Prozess zu mehr Kooperation moderieren kann. Welche Hemmnisse im Wege stehen, hat Phillipe Wampfler aus der Schweiz im März auf seinem Blog gut dargestellt (http://schulesocialmedia.com/2015/03/29/warum-teilen-lehrkrafte-ihre-materialien-nicht/).

Man sollte immer bei sich selber anfangen. Und so werde ich die letzten Tage des Schuljahres nutzen, die Materialien und Erfahrungen des letzten Schuljahres hier einstellen. Ich werden sie dann mit Edutags mit Schlagworten versehen, so dass sie dort gefunden werden können (http://www.edutags.de). Und ich werde meine Politik und Gesellschafts-KollegInnen auffordern, das gleiche zu tun. Vielleicht ist das ja ein Anfang.

(Das Bild stammt aus der tollen Installation „Gehorsam“ von Sasia Boddeke und Peter Greenaway im Jüdischen Museum in Berlin, wer die Gelegenheit hat, sollte sie dringend anschauen, http://www.jmberlin.de/gehorsam

Lineares versus vernetztes Lernen

In der letzten Woche bin ich mit meinen Schülern, wie schon öfter, an die Schnittstelle von linearem und vernetzten Lernen gestoßen. Ich sehe als eines der Chancen des digitalen Lernens die Möglichkeit, stärker ein vernetztes Lernen zu ermöglichen, da die Lernressourcen dauernd verfügbar sein können. Ich arbeite deshalb mit Arbeitsplänen, auf denen die Lernaufgaben zu einem Themenfeld verzeichnet sind und die die Schüler selbstständig erarbeiten können (ganz analog). Ich achte darauf, dass die Aufgaben eines Arbeitsplanes verschiedene Sichtweisen und Erarbeitungsmöglichkeiten auf den Lerngegenstand enthält. Gleichzeitig stehen die Aufgaben in unserm Lernportal im Internet zur Verfügung. Lernergebnisse werden im wiki zusammengefasst.

Nun beschweren sich die Schüler, dass ihnen dieses Verfahren zu kompliziert sei. Sie wüssten nicht, was sie zuerst machen sollen und was für die nächste Stunde gebraucht werde. Sie forderten, ich solle es wieder wie die anderen Lehrer machen, die allen eine klar definierte Hausaufgabe aufgeben, die am Anfang der nächsten Stunde abgefragt wird.

Darüber nachdenkend erkenne ich, wie starkt die Schüler noch in der linearen Lernkultur (wie ich sie auch im Referendariat gelernt habe) mit „Problemaufriss > Erarbeitung > Sicherung > Hausaufgabe“ für alle im gleichen Zeitschritt verhaftet sind. Problemlösendes, vernetztes Denken? Gar nicht erwünscht. „Sagen Sie uns doch einfach, was wir lernen sollen, dann machen wir das!“, höre ich von meinen Schülern.

Schüler können nicht besser sein als ihre Schule. Wenn sie 10, 12 Jahre in eine Institution gegangen sind und in ihr große Teile ihres Lebens verbracht haben, werden sie die Prinzipien dieser Institution verinnerlichen. Wenn Schule lineares Lernen betreibt, werden auch die Schüler lineares Lernen sinnvoll finden. Ich glaube jedoch, dass die Bewältigung von Zukunftsaufgaben ein vernetztes Denken nötig ist, um die Probleme der Zukunft zu bewältigen.

Es braucht also einen langen Atem, Lernen vom linearen Denken hin zum vernetzen Denken zu entwickeln. Dabei ist das Internet sicher hilfreich. Sobald ein Arbeitsauftrag für eine Gruppenarbeit vergeben ist, erstellen die Schüler eine whatsapp-Gruppe. Sie legen also einen Grundstein für eine Vernetzung.

Weiter so.

Klausuren am Computer 2

Ich habe hier vor zwei Wochen berichtet, dass ich eine Politikklausur in der 12. Klasse versuchsweise am Computer schreiben lies. Es war möglich, das Internet und damit auch unser Klassenwiki, in dem die Schüler die Lerninhalte der Einheiten sammeln. Ihnen stand also die gesamte Unterstützungspalette des Internets zur Verfügung. Die Klausur war von der Aufgabenstellung her nicht auf Wissenswiedergabe hin ausgelegt, sondern es waren die Kompetenzbereiche:

  • einen Text mit eigenen Worten strukturiert zusammenfassen
  • Eine pluralistische Demokratietheorie (Text von Karl Popper) mit einer klassischen Theorie (Rousseau) vergleichen
  • Eine Stellungnahme zu den Vorschlägen Poppers, in wie weit sie geeignet sind, das Problem der geringen Wahlbeteiligung zu lösen.

Bei dieser Aufgabenstellung findet man natürlich keine direkt anwendbare Wissensbausteine, die man kopieren könnte. So war sicherlich die Zugriffsmöglichkeit auf das klasseneigene Wiki inhaltlich die größte Hilfe.

Ich habe jetzt die Schüler mit einem Fragebogen zu ihrem Eindruck dieser Form der Leistungsüberprüfung befragt. Überraschend war, dass die Gesamteinschätzung sehr verteilt war, von „super“ bis „mangelhaft“. Die Hälfte der befragten SchülerInnen (von 18) gab dem Vorhaben die Note „befriedigend“. Hier die Ergebnisse im einzelnen:

Wie bewertest du insgesamt die Möglichkeit, Klausuren mit dem Computer zu schreiben? 1 2 3 4 5 6

2 4 9 2 1

Deutlich positiver wurde die Möglichkeit bewertet, im Klassenwiki zu recherchieren. Einige SchülerInnen meinten, sie würden bei Texten am Computer schneller den Überblick verlieren. Ich hätte eigentlich das Gegenteil vermutet, da ein nachträgliches Umstrukturieren möglich ist, ohne wie in handschriftlichen Texten wild zu streichen und mit Anhängen zu arbeiten. Nur 9 SchülerInnen (50%) haben von dieser Umstrukturierungsmöglichkeit gebrauch gemacht.

Auch bei der Frage, ob das Schreiben mit Tastatur leichter ist als mit der Hand, ist die Meinung zweigeteilt. 7 sagten ja, 6 nein, den anderen bedeutete es keinen Unterschied.

Für mich war überraschend, dass trotz Rechtschreibkorrektur und Grammatikhilfe von WORD die Hälfte der SchülerInnen eine schlechte Rechtschreibleistung gezeigt haben. Es waren die gleichen, die auch sonst große Probleme mit der Rechtschreibung haben. Es macht mich etwas ratlos, wenn dabei nicht einmal die Rechtschreibkorrektur hilft. Es haben auch nur 10 SchülerInnen gesagt, dass ihnen die Rechtschreibkorrektur geholfen hat.

Klausuren mit Internetzugang bieten ja auch die Möglichkeit, gezielt Spickzettel zu deponieren und die Klausurvorbereitung dabei zu benutzen. Dabei stellt sich natürlich die Frage nach der Gerechtigkeit (ich glaube zwar, dass wir in der Schule immer eine Scheingerechtigkeit produzieren, aber das ist eine andere Frage). Aber immerhin 6 SchülerInnen (33%) finden das ungerecht.

Für mich ergibt die Schülerbefragung ein gemischtes Ergebnis. Klausuren am Computer mit Internetunterstützung wären nicht der große didaktische Wurf, man müsste den Mehrwert noch mal genauer erforschen. Ich sehe auch die Gefahr, dass sich die Schüler dann weniger auf Klausuren vorbereiten und lernen, weil die Internetmöglichkeit ja suggeriert, man könne alles während der Arbeit nachlesen.

Voraussetzung für ein erfolgreiches Klausurenschreiben am Computer ist sicherlich die Fähigkeit, mit 10 Fingern tippen zu können. Ich denke, das sollte zum Kanon der von der Schule zu vermittelnden Kulturtechniken gehören, um in einer digitalen Gesellschaft gut klarzukommen.

Persönlichkeitsentwicklung kommt in der Schule zu kurz?

In seiner Studie fordert der Aktionsrat Bildung, nach den fachlichen Verbesserungen durch die PISA-Tests die Persönlichkeitsentwicklung der Schüler nicht zu vernachlässigen.

http://www.welt.de/politik/deutschland/article140536003/Was-deutsche-Schulen-den-Kindern-nicht-beibringen.html

Diesen Artikel habe ich gestern auf der Fahrt zwischen zwei Besuchen meiner Schüler im Betriebspraktikum des Jahrganges 12 gelesen. Mir wurde dabei bewusst, wie wichtig diese Gespräche mit SchülerInnen außerhalb der Schule für ihre Persönlichkeitsentwicklung ist. Ich habe an einem Tag fünf intensive 30-45minütige Gespräche mit meinen Schülern geführt, wie sie intensiver und unterschiedlicher kaum sein könnten. Es ging nicht um fachliches Lernen, um Noten, worum sich die Gespräche in der Schule oft drehen. Es ging um Lebensperspektiven, um Hoffnungen und Ängste, um Ermutigung und Chancen.

Wie hilfreich waren die Menschen, die die Schüler im Praktikum in den Betrieben betreuen. Es gab viel Lob für die jungen Leute, aber auch viel Lebenserfahrung, die weitergegeben wurde. Für mich als Lehrer gab es viele Einblicke in unterschiedliche Berufe und ein update darüber, was Betriebe eigentlich von der Schule erwarten. Und es gab einen ganz neuen Blick auf meine SchülerInnen.

Ich halte diese Gespräche auch in der Oberstufe für sehr wichtig. Ich würde mir wünschen, dass sie von der Schulleitung auch unterstützt werden und nicht zur Privatangelegenheit der Lehrer erklärt werden. Auch 18jährige Oberstufenschüler sind noch nicht fertig und brauchen noch viel Unterstützung in ihrer Persönlichkeitsentwicklung. Das kann der fachlich fragmentierte Unterrichtsalltag an der Schule oft nicht leisten, da deckt sich die Forderung der Schule mit meinen Beobachtungen.

Um so wichtiger sind solche Gespräche im Betriebs- oder Sozialpraktikum. Außerhalb der schulischen Konstellation können Gespräche auf Augenhöhe geführt werden, die oft richtungsweisend sein können.

Aus diesem Grunde halte ich ein Praktikum, egal ob berufs- oder sozial-orientierend in der Oberstufe für sehr wichig und persönlichkeitsbildend. Und die Betreuung durch die LehrerInnen ist ebenso wichtig, weil sie persönlichkeitsbildende Impulse setzen kann.

Klausuren am Computer schreiben?

Klausuren am Computer schreiben? Und dabei noch Internetzugang haben? Eine Bastion des deutschen Bildungstums, die handschriftliche Klausur, gerät in Gefahr? Klausuren sind vergleichbare Lernnachweise, die von allen Schülern zur gleichen Zeit unter gleichen Bedingungen geschrieben werden, damit eine objektive Vergleichbarkeit zwecks Leistungsranking möglich sei.

Ist das noch zeitgemäß? Kein Mensch würde sich heute in einem professionellen Zusammenhang eine Präsentation, ein Meeting, ein Thema vorbereiten, ohne vorher ins Internet zu schauen. Die meisten Vorberitungen würden am Computer entstehen. Da frage ich mich, warum Klausuren in der Schule immer noch per Hand geschrieben werden. Ich wollte es ausprobieren, und ermöglichte meinen Schülern der 12 Klasse das Schreiben einer Klausur im Fach Politik in einer Textdatei. Sie hatten über die Schulcomputer Zugang zum Internet, und dadurch auch Zugang zu unserem Lernraum, in dem die Wikis zum Thema abgelegt sind. Nach Fertigstellung der Klausur luden sie ihre Datei im virtuellen Lernraum hoch.

Die Grundidee besteht darin, dass es in einer Klausur nicht um (auswendig) gelernte Inhalte geht (die natürlich trotzdem nötig sind), sondern um zu zeigen, ob man politische Ideen und Konzepte darstellen, vergleichen und bewerten kann. Dieses sind Kompetenzen, die man nicht einfach aus dem Internet abschreiben kann. Die Schüler waren aufgefordert, die Ideen von klassischen politischen Konzepten (wie z.B. John Locke, siehe Bild, http://commons.m.wikimedia.org/wiki/File:John_Locke.jpg)

Ich habe  jetzt fast alle Klausuren durchgesehen. Mir ist aufgefallen, dass fast alle 4-5 Seiten geschrieben haben. Die Texte sind besser strukturiert als die handschriftlich geschriebenen. Das scheint mir auch logisch, da man in einem Textprogramm ja noch während des Schreibprozesses noch strukturieren, umstellen und ergänzen kann. Für mich ein klarer Vorteil für die Arbeit am Computer.

Es scheint mir auch, dass die Verwendung der fachlichen Begrifflichkeit sicherer ist. Benutzte Fachbegriffe kann man mit Internetzugang noch nachschlagen und sie in ihrer Bedeutung sicherer anwenden. Trotzdem bleibt in einer Klausur nicht die Zeit, unbekannte Begriffe zu recherchieren. Die Schüler müssen schon auf dem aufbauen, was sie gelernt haben.

Was mich verwundert hat, ist dass Schüler mit einer schwachen Rechtschreibung ihre Fehlerzahl nicht reduzieren konnten. Trotz einer Rechtschreibüberprüfung, die ja WORD bietet, konnte bei einigen Schülern die Qualität nicht verbessert werden. Die Gründe dafür habe ich noch nicht ergründet.

Gerade Jungen haben öfters keine fließende Handschrift und tun sich schwer mit langen Texten, die ja in Klausuren erwartet werden. Hier kann das Schreiben am Computer eine Erleichterung sein.

Bei dem Blick auf die inhaltliche Qualität muss ich feststellen, dass die Nutzung des Internets nicht automatisch eine Verbesserung darstellt. Was man vor der Klausur nicht kann, wird man auch nicht während der Klausur im Internet nachlesen können. Die Kompetenz der sprachlich strukturierten Darstellung, der Analyse kann man sich nicht im Internet anlesen, sondern ist ein Ergebnis einer lernenden Auseinandersetzung – vor der Klausur. Deshalb sehe ich die Gefahr, dass nur aus dem Internet abgeschrieben wird, als nicht sehr groß an.

Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass Schüler ihren Aufwand, eine Klausur vorzubereiten, verringern könnten, wenn sie die Möglichkeit der Internet-Nutzung während der Klausur haben. Es könnte ihnen suggerieren, alles im Internet nachsehen zu können. Aber auch das wird ein wichtiger Lernschritt sein, zu erkennen, dass dieses so nicht funktioniert.

Somit ist für mich bis hierher das Fazit, dass eine Klausur am Computer nicht automatisch bessere Ergebnisse bringt, aber im Aspekt „Struktur“ und „Begrifflichkeit“ Entwicklungsmöglichkeiten bietet.

Ich werde jetzt noch einen Schülerfragebogen entwerfen und die Schüler nach ihrem Feedback fragen. Und ich werde die organisatorischen Rahmenbedingungen für eine Klausur am Computer näher beleuchten. Dazu in einem späteren Aritikel mehr.

Hier der Fragebogen für die Schüler

Fragebogen Klausur Computer

#ecstg: Session Lernprodukte erstellen

Am Sonnabend habe ich auf dem Educamp Stuttgart die Session „Lernprodukte erstellen“ angeboten. Der Raum im Literaturhaus war rappelvoll, was mich sehr gefreut hat. Ich habe diese Session angeboten, weil ich mich im letzten halben Jahr gefragt habe, was die Diskussion um open education ressources OER eigentlich den Schulen bringt – an Unterrichtsmaterial mangelt es uns doch nicht.

In meinen Recherchen und Überlegungen bin ich darauf gestoßen, dass die Chancen für OER an der Schule auch in einer erweiterten Lernkultur liegen: Lernprodukte werden erstellt – geteilt – verändert – wieder veröffentlicht. Ich habe in die Runde der Session gefragt, welche Möglichkeiten digitale Ressourcen bieten, diese Kultur zu entwickeln.

Die Wertschätzung der Produkte der Schüler ist für mich ein zentrales Ziel, diese Diskussion aufzunehmen. Sehr häufig arbeiten die Schüler nur für die Note, die in das rote Büchlein des Lehrenden eingetragen wird, und dann hat die Arbeit des Schülers ausgedient und wandert in den Papiermüll. Ich glaube, dass täglich so viele tolle Produkte von Schülern hergestellt werden, dass sie mehr gewertschätzt und von anderen Schülern weiterverwendet werden können.

Das setzt natürlich auch eine andere Fehlerkultur voraus. Das Unperfekte – das Objekt allen Lernens – gibt die Chance, es zu verbessern und in diesem Verbesserungsprozess weiter zu lernen. Nach meiner Wahrnehmung leiden die Schüler sehr darunter, dass sie viel zu häufig die Rückmeldung „nicht gut“ (also alle Noten unterhalb von ‚2‘) bekommen. Wir Lehrende sollten sie ermutigen, ihr bestes zu geben, aber nicht das Perfekte zu erwarten, und wir sollten es auch nicht erwarten. Zwischen ‚falsch‘ und ’noch nicht perfekt‘ gibt es einen Unterschied. Die Lehrenden sollten natürlich darauf achten, dass sachlich falsches nicht unkomentiert stehen bleibt, aber sie sollten in dem ’noch nicht Perfekten‘ die Chancen sehen, weiter daran zu lernen und die Schüler in diesem Sinne zu ermutigen.

Es wurde in der Session deutlich, dass das Erstellen und Veröffentlichen von Lernprodukten überhaupt nicht neu ist. Auch schon im analogen Zeitalter wurden Lesetagebücher, Lyrikheftchen, Kunstmappen usw. gedruckt und veröffentlicht. Bei Montessori und Freinet war das Produzieren schon vor vielen Jahrzehnten eine zentrale Idee ihrer Pädagogik. Im Internet-Zeitalter wird das Veröffentlichen und Verbreiten deutlich leichter. Uns stehen heute vielfältige Tools und Plattformen zur Verfügung, um Lernprodukte herzustellen: Neben den klassischen Texten können Videos, Podcasts einfach mit dem Smartphone aufgenommen werden. Blogeinträge ermöglichen eine leichte Kommunikation über den Klassenraum hinaus.

Wo veröffentlicht wird, hängt von der jeweiligen Situation der Lerngruppe ab. Die erste Stufe ist die Veröffentlichung in der Klasse, Texte, Videos usw. werden ausgetauscht, kommentiert und verbessert. Die nächste Stufe könnte der Austausch unter Parallelklassen sein um zu schauen, was die anderen zu einem Thema machen. Lernprodukte können auch den folgenden Jahrgängen zur Verfügung gestellt werden, wenn diese im nächsten Schuljahr zu dem gleichen Thema arbeiten. Lernprodukte können auch auf der Schulhomepage veröffentlicht werden, Eltern und Lehrer können sich ein Bild über die Lernarbeit in den Klassen machen. Und zuletzt gibt es natürlich auch die Möglichkeit, im www weltweit zu veröffentlichen. In youtube können Videos auch im Privatmodus veröffentlicht werden, so dass nur diejenigen das Video sehen können, die den Link haben.

Fördern wir durch die Veröffentlichung von Lernprodukten nicht die schon leidlich vorhandene ‚copy and paste‘-Kultur? Ich denke nicht, wenn wir bewusst mit den Möglichkeiten umgehen. Wie bei allen Möglichkeiten bietet auch das Veröffentlichen Chancen und Gefahren. Aber eine Lernkultur zeichnet sich dadurch aus, dass man die Möglichkeiten und Chancen nutzt, und die Gefahren minimiert. Etwas nicht zu tun aus Angst vor ‚copy and paste‘ hieße, Chancen zu verpassen. So wäre die Entwicklung einer ’no-copy and paste-Kultur‘ an der Schule eine wichtige Lernaufgaben. Der Umgang mit dem Urheberrecht kann dabei gelernt werden. Aber aus dem Angst vor dem Urheberrecht, die gerne immer wieder beschworen wird, sollten wir und und unsere Schüler nicht von kreativen Veröffentlichungen abhalten lassen.

Die Wertschätzung der Leistungen der Schüler über die Noten hinaus ist ein wichtiger Treibstoff für das Lernen – das wurde von allen Teilgebern in der Session in Stuttgart unterstützt.

Vielen Dank für die engagierte Diskussion

Hier noch ein paar Beispiele

Konfliktanalysen Schüler 12MW Semesterprojekt St. Georg

Beispiele von Thorsten Larbig: http://herrlarbig.de/2011/11/07/faust-der-tragodie-1-teil-als-rap-text-schulerarbeit/ … und http://herrlarbig.de/2012/06/12/schulerarbeiten-zu-theodor-fontanes-irrungen-wirrungen/

#ecstg15 Educamp in Stuttgart, Jugend Präsentiert

Ich war eben auf der Session zu Jugend-Präsentiert. Dabei wurde die Frage aufgeworten, wie man Präsentationen eigentlich bewertet. Ich habe hier in der Anlage mal die von uns benutzten Rückmeldebögen angehängt.

Im Anhang findet ihr auch noch zwei Dateien zur Erstellung eines Exposés in der Vorbereitung einer Präsentation.

Beurteilungsbögen PL und PP

PL Schülerberatung 

Bewertungsbogen PLExposé PGW

Das Exposé

Portfolios

Nun sind sie wieder fertig, die Physikportfolios zum Thema Elektromotor und dem ganzen Drumherum. Nachdem sich die Schüler das Thema „Energieumwandlung“ mit Hilfe eines Forschungsplanes erarbeitet haben (die Arbeit mit Forschungsplänen habe ich ja schon in älteren Artikeln beschrieben), haben sie sich nun ein Thema ausgewählt, um es in einem Portfolio aufzuarbeiten. Dabei ist es nicht Sinn der Sache, das Thema neu zu erarbeiten, sondern aus dem schon Erarbeiteten ein Thema auszuwählen und es aus dem Lerntagebuch heraus aufzubereiten.

Es sind wieder sehr schöne und individuelle Portfolios entstanden, keines gleicht dem anderen, keines ist nach „Schema F“, wie es ja oft bei ausgefüllten Arbeitsblättern der Fall ist. Ich habe vorgegeben, welche Aufgabenformate im Portfolio enthalten sein sollten:

Ein Erklärtext

  • ein Glossar
  • ein Versuchsprotokoll
  • eine Berechnung
  • eine eigene Grafik, die erläutert wird
  • einen physikalischen Steckbrief
  • eine Erläuterung

Das formale Drumherum wie ein Titelblatt, ein Inhaltsverzeichnis, Quellenangaben, Seitenzahlen sollten natürlich auch vorhanden sein.

Es überrascht mich doch immer wieder, wie viele Schüler in der 10. Klasse Probleme im Handling eines Textverarbeitungsprogrammes haben. Die immer wieder von Lehrern verbreitete These, die Schüler können ja sowieso super mit dem Computer umgehen, kann ich nicht stützen. Sie benutzen den Computer sicher häufig, aber für das Lernen relevante Programme beherrschen sie wenig. So war fast allen Schülern nicht bekannt, wie man ein Bild in ein Textprogramm einfügt und es dann formatiert.

Der Mehrwert eines Portfolios liegt nach meiner Erfahrung in

  • dem individuellen Produkt, was jeder erstellt hat
  • die intensive Beschäftigung mit einem selbst gewählten Thema
  • die große persönliche Gestaltungsfreiheit
  • die größere Motivation in der Arbeit im Vergleich zu einer klassischen Vorbereitung auf eine Klassenarbeit.

So steht in allen Reflexionen geschrieben, dass alle Schüler viel über das Thema gelernt haben und vor allem verstanden haben. Reflexionen und Kommentare aus der Metasicht sind ebenfalls Pflichtbestandteil der Portfolios. Hier ist aber noch viel lernbedarf. Die Schüler sind es nicht gewohnt, ihre eigene Arbeit zu reflektieren, sondern nehmen geduldig die Note des Lehrers entgegen. Dabei ist der Moment der Selbstreflexion ein wichtiger Berstandteil des Lernens.

Und das wichtigste zum Schluss: Die Schüler können richtig stolz sein auf ihre Portfolios.

Strukturiert diskutieren mit dem etherpad

Eine Diskussion in der Schulklasse strukturiert durchzuführen, ist eine große Aufgabe für die Schüler wie auch für einen moderierenden Lehrer. Ich habe in der letzten Woche ausprobiert, die Diskussion visuell mit etherpad.org zu strukturieren.

Etherpad ist eine open source app, mit der verschiedene Nutzer gleichzeitig auf einem gemeinsamen pad schreiben können. Die Beiträge der verschiedenen Autoren wird mit unterschiedlichen Farben kenntlich gemacht.

Ich habe mit meiner Klasse die schwierige Diskussion, ob Integration in Deutschland gelingen kann oder gescheitert ist, begonnen – eine kontroverse und vielschichtige Diskussion. Vorangegangen war ein Besuch in Berlin Kreuzberg und Neu Kölln und eine Beschäftigung mit Gentrifizierung und Segregation.

Ich habe ein Etherpad vorbereitet: Ich konnte Fragen und Überschriften vorher setzen und über den Klassenbeamer das Etherpad für alle sichtbar machen. Die Schüler hatten zu zweit einen Laptop. Jeder Diskussionsbeitrag sollte kurz anschließend ins Etherpad eingetragen werden.

Die Diskussion war natürlich am Anfang viel langsamer als gewohnt, weil alle sich erst einmal mit der Technik des Diskutieren, Schreibens und Lesens vertraut machen mussten. Aber der Vorteil wurde schnell deutlich: Die vorgetragenen Argumente konnten nachgelesen werden. So war es den Schülern viel leichter möglich, auf die vorher genannten Argumente einzugehen. Auch wurde diskutiert, ob der Beitrag an der eingetragenen Stelle wirklich passt und logisch richtig ist, oder ob er nicht an einen anderen Ort verschoben werden sollte.

Durch die visuelle Protokollierung konnte sich die Diskussion sehr strukturiert entwickeln. Es wurde den Schülern zum ersten Mal möglich, wirklich Argumentationsketten zu erstellen. Auch stillere Schüler konnten ohne eine mündliche Äußerung einen Beitrag leisten, eben über die Tastatur auf das Etherpad. So konnten auch diejenigen, die sonst nie oder selten trauen, ihren Beitrag schriftlich leisten.

Am Schluss der Diskussion hatten wir alle ein Protokoll der Diskussion und konnten die Argumentation noch einmal Revue passieren lassen. Wir konnten analysieren, wo die Diskussion ihre Stärken und Schwächen hatte.

Ich werden jetzt bei Diskussionen öfter ein Ehterpad einsetzen. Die Möglichkeiten zur vorherigen Strukturierung einer Diskussion und die parallele Protokollierung der Argumente ist schon eine deutliche Erweiterung der Diskussionskultur. Am Anfang braucht es sicher etwas mehr Zeit, der Mehrwert in einem Diskussionsprotokoll und einer leichteren Strukurierung sind es wert.

Brauchen wir eine digitale Didaktik?

Das Digitale sind ja erst einmal nur Geräte, die die Möglichkeiten der Kommunikation erweitern und den Zugang zu Informationen vergrößern.

Einen Didaktik sollte sich weniger aus den Gerätschaften, sondern mehr aus einem Menschenbild und den Vorstellungen, wie wir Menschen lernen, ergeben.

Trotzdem werden die Möglichkeiten des Internets die Kommunikation und die Informationsbeschaffung verändern. Deshalb sollten unsere „analogen“ Didaktiken ergänzt und erweitert werden, genauso wie unser alltägliches Leben durch die digitalen Möglichkeiten erweitert wird.

Nur eines scheint mir klar: Das Internet ist fakt, ist nicht wegzudiskutieren. Deshalb ist die Ausklammerung des Internets aus der Schule, wie es häufig noch der Fall ist, wenig hilfreich und an der Realität vorbei. Die Frage ist eher, wie man mit der Realität des Internets sinnvoll umgeht. Wie alle Innovationen hat auch das Internet positve Möglichkeiten wie auch Gefahren. Und eine um das digitale erweiterte Didaktik sollte die positiven Möglichkeiten aufgreifen. Man wird ja auch nicht den Buchdruck verteufeln, auch wenn mir dieser Technologie „Mein Kampf“ gedruckt wurde, und keiner wird heute auf die Satelitenbilder in der Wettervorhersage verzichten wollen, auch wenn die Raketentechnologie für militärische Zwecke genutzt werden kann.

Auch im digitalen Lernen gehe ich von der konstruktivistischen Sichtweise davon aus, dass sich alle Menschen ein Bild von der Wirklichkeit in ihrem Bewusstsein konstruieren. Diese individuelle Sichtweise wurde schon vor dem digitalen Zeitalter entwickelt und hat zur Folge, dass Lernende (also wir alle) möglichst vielfältige Informations- und Verarbeitungsmöglichkeiten nutzen sollten, die möglichst ihren Potentialen entsprechen. Auch Schulbücher versuchen heutzutage differenzierte Lernmaterialien zur Verfügung zu stellen. Das Internet erweitert diese Möglichkeiten noch einmal deutlich.

Die Verfügbarkeit des Wissens beschränkt sich heute nicht mehr auf ein Lehrbuch und einen Brockhaus und der Worte des Lehrers, sondern das Wissen ist potentiell immer im Internet vorhanden. Die neue Herausforderung an eine Didaktik wird sein, dass das Internetwissen nicht immer in einer günstig didaktisierten Form vorliegt. Hier werden also weiter Lehrende gebraucht, die selber Material didaktisieren oder den Lernenden dabei hilft, Internetwissen sinnvoll für ihre Lernbedürfnisse aufzubereiten. Dabei spielen kollektive Lernprozesse eine wichtige Rolle. Diese sind auch keine Erfindung des Digitalen, bekommen aber durch die Informationsfülle des Internets einen neue Bedeutung und müssen in einer digitalen Didaktik eine besondere Rolle spielen. Das Internet bietet eine Fülle von Möglichkeiten, kollektiv Lernergebnisse zu erarbeiten: Wikis, Blogs, Etherpads usw.

Internet basiertes Lernen ermöglicht neue Wege im individualisierten Lernen. Es können verschiedene Wege genommen werden, und dank interaktiver Tools können die Ergebnisse zusammenfügt und verglichen werden. Wie das gehen kann, sollte in einer digitalen Didaktik beschrieben werden. Portfolios und Lerntagebücher sind keine Erfindung der digitalen Welt, ermöglichen jedoch kreativere Gestaltungen.

Mit digitalen Tools können leichter den je eigene Lernprodukte hergestellt und veröffentlicht werden. Das ermöglicht ganz neue Perspektiven, wenn Lernende eigene Produkte vorstellen und teilen können und Lehrende eigene Lernmaterialien – ev. auf Basis anderer OER-Materialien – herstellen.

Das selbstständige Lernen hat neue Perspektiven mit digitalen Tools. Wenn man die Lernorganisation über digitale Lernplattformen durchführt, dreht sich die Verantwortung für das Lernen um: Vom Lehrenden zum Lernenden. Nicht mehr der Lehrende ist dafür verantwortlich, dass der Lernende die Aufgaben „bekommt“, sondern der Lernende holt sich die Aufgaben bei der Lernplattform ab. Es ist also ein Wechsel vom passiven „Bekommen“ zum aktiven „Holen“. Das trifft bei traditionell schulsozialisierten Schülern nicht immer auf Gegenliebe. Die Nieschen und Lücken, die ein traditioneller Schulbetrieb bietet fallen weg. Ein aktiver Lernpart bei den Schülern kann für sie durchaus anstrengender sein.

Fazit: Die digitalen Möglichkeiten müssen bestehende Didaktiken ausdifferenzieren und ergänzen. Sie erweitern die Möglichkeiten, ohne die Grundprinzipien des Lernens komplett auf den Kopf zu stellen. Deshalb hat das digitale Lernen keinen Selbstzweck, es ist auch nicht „moderner“. Ich glaube jedoch, dass es die Möglichkeiten deutlich erweitert.