No facebook for schools!

Unter diesem Titel fand am 2.Juli 2014 die Bad Wildbader Bildungsgespräche in der Landesakademie für Lehrerbildung in Baden-Würtemberg statt. Ich hatte das Vergnügen, meine Erfahrungen als Hamburger Lehrer mit der Nutzung unterschiedlicher Internetressourcen im Lernen in die Diskussion einbringen zu können.
In Baden-Würtemberg ist es Lehrern, wie auch in Schleswig-Holstein, nicht erlaubt, Facebook für die Kommunikation und Lernorganisation zu nutzen, weil Facebook die Datenschutzgesetze Deutschlands nicht einhält. In der Diskussion wurde erörtert, ob das Facebook Verbot gerechtfertigt ist oder ob damit ein hilfreiches Tool für die moderne Arbeit im Klassenzimmer verloren geht. Und auch, ob es sinnvolle Alternativen gibt.

Ich finde es durchaus nachvollziehbar, dass Verwaltungen und Datenschutzbeauftragte öffentlichen Institutionen wie den Schulen die Benutzung von Facebook verbieten, da sich facebook nicht an die deutschen Datenschutzrichtlinien hält und sich mit dem Firmensitz in Irland auch einer deutschen Rechtssprechung entzieht. Hinzu kommt der massive Zugriff des US-Geheimdienst auf die Server von Facebook. Nicht zuletzt verliert man als facebook-Nutzer alle Rechte an seinen Daten und kann diese, einmal hochgeladen, nicht mehr einfach löschen. Diese Gründe sprechen gegen eine Nutzung von Facebook an Schulen.

Aus Sicht eines Lehrers will ich aber zuerst die Frage in den Blick nehmen, welche didaktischen Ziele will ich erreichen. Erst daran kann ich die Frage beantworten, welches Tool sinnvoll für die Erreichung des Zieles ist. Allein die Tatsache, dass Facebook fast von allen Jugendlichen genutzt wird und die Benutzung den meisten bekannt ist, reicht für einen didaktischen Mehrwert noch nicht aus.

Ich halte folgende didaktische Grundsätze wichtig für ein erfolgreiches Lernen und damit auch für wichtig für die Auswahl der richtigen Tools:

1. Die Ziele des Lernens müssen klar sein: Was kann ich hinterher besser als vorher?
2. Man braucht sinnvolle Aufgaben, um diese Ziele zu erreichen.
3. Man muss von dem ausgehen, was man kann: Die Ressourcen müssen bekannt sein.
4. Es sollte eine autonome Lernumgebung geschaffen werden. Eigene Wege zum Ziel sollten mögliche sein.
5. Erfolgreiches Lernen braucht die Unterstützung eines professionellen Lehrers, er sollte Feedback und Hilfen bieten.
6. Die Inhalte und Informationen sollten in einer gut präsentierten Form vorliegen.
7. Kooperatives Lernen sollte möglich sein, denn Lernen ist eine soziale Angelegenheit.
8. Wissen konstruiert sich in den Köpfen der Lernenden autonom.

Ich will das am Beispiel des 6. Punktes erläutern. Inhalte und Informationen sind für das Lernen unabdingbar. Ob diese klassisch über ein Schulbuch oder Arbeitsblatt präsentiert werden oder über eine website oder ein youtube-Video oder ganz klassisch durch einen Lehrervortrag, sagt noch nichts über die Qualität aus. Es gibt gute Lehrervorträge, die fesseln, und unübersichtliche websites. Die Auswahl der richtigen Tools, ob online oder offline, digital oder analog, ist immer wieder eine neu zu treffende Entscheidung. Dabei ist der Punkt 3 sehr wichtig: wie sind die Resourcen oder Vorerfahrungen der Lernenden. Da meist die Lehrenden diese Entscheidung treffen, ist dieses der zentrale Punkt der „Lehrkunst“.

Die pauschale Bewertung, ein ipad sei besser als ein Lehrbuch, halte ich deshalb für falsch. Jedes Tool kann in verschiedenen Situtionen seine Berechtigung haben. Auf die Mischung kommt es an.

Es kann durchaus sinnvoll sein, die Informationen für das Lernen digital und online zur Verfügung zu haben: Ein Schulbuch ist außerhalb des Unterrichtsraumes nicht verfügbar; Lernende waren in der Stunde krank; Arbeitsblätter gingen verloren; man war in der entsprechenden Unterrichtsstunde nicht aufmerksam usw. Dann kann es hilfreich sein, die Informationen online von zu Hause oder anderswo nachlesen zu können.

Auch für das autonome Lernen (Nr. 4) bieten digitale Lösungen sinnvolle Ergänzungen. Im individualisierten Lernen sollte nicht jeder Lernende alle Aufgaben machen, sondern die für ihn sinnvollen. Dabei bieten digital bereitgestellte Aufgaben eine bessere Möglichkeit, die auszuwählen, die zu dem Lernstand des Lernenden passt. Die Kopienschlacht im Klassenzimmer muss nicht mehr sein. Auch für unterschiedlich schnelle Lerner bieten online bereitgestellte Aufgaben die Vorteil, in der eigenen Geschwindigkeit zu lernen.

Durch Soziale Medien brauchen die Kooperativen Lernformen (Nr. 7) nicht mehr nur auf den Klassenraum beschränkt bleiben. Die Diskussion von Inhalten ist durch die Tools der Sozialen Medien von überall aus möglich. Sie bieten eine gute Ergänzung zu der Arbeit im Klassenraum. Auch die Möglichkeit, gemeinsam online Dokumente zu erstellen oder Referate und Präsentationen anzufertigen, bietet neue kreative Wege (z.B. die gemeinsame Erstellung eines Prezis).

Im Sinne der Idee, dass Wissen immer wieder neu in den Lernenden konstruiert wird, bieten Wikis eine gute Möglichkeit, gemeinsam Wissen zu erstellen.

Ich sehe in den digitalen und online Tools viele kreative Möglichkeiten, das Lernen im Klassenraum zu erweitern und zu vertiefen. Die reale Begegnung von Mensch zu Mensch in der Schule sollte es jedoch nicht ersetzen. Die Nutzung von analogen oder/und digitalen Mitteln hängt immer von dem didaktischen Ziel ab.

Und ab jetzt stellt sich erst die Frage, welches Tool es denn sein soll: Ich Facebook für das Erreichen der Ziele sinnvoll. Vielleicht, wenn man nichts anderes hat. Die Verquickung von privaten und schulischen Dingen bei Facebook halte ich nicht für gut. Deshalb habe ich mir bei Facebook für schulische Dinge auch einen Schulaccount angelegt, in dem nur schulische Dinge verhandelt werden. Aber für das Management des Lernens gibt es sicher bessere Tools. In Hamburg arbeite ich mit Schulcommsy.de. Dieses von der Bildungsbehörde bereitgestellte Portal bietet viele Möglichkeiten. Sicher, es ist nicht so leicht zu Handhaben wie facebook und das Design fällt auch deutlich einfacher aus. Aber die o.g. Probleme, die bei einer schulischen Nutzung von facebook auftreten, habe ich hier nicht.

Es wäre dringend an der Zeit, dass in Deutschland und Europa Tools entwickelt werden, die unabhängig von US-amerikanischen Unternehmen sind und die die deutschen (und hoffenlich bald vorhandenen europäischen) Datenschutzrichtlinien beachten.

Geosurfen – Stadtrundgang mit dem Smartphone

Der erste „Wave“ ist erstellt: Eine Exkursion mit dem Smartphone von dem U-Bahnhof Lutterothstraße bist um U-Bahnhof St. Pauli in Hamburg. Thema: Stadtgeografie. Neun Stationen sind zu bewältigen. An jeder Station ist eine Frage zu beantworten. Der Clou: Die Frage erscheint erst, wenn die Gruppe sich in mindestens 30m Entfernung zur Station befindet. Also etwas Schnitzeljagd mit Aufgaben.

Das Thema meines ersten Rundgangs sind die Stadtgeografie und die Stadtgeschichte.

Das Geosurfen-App lädt man sich über den Google-Play Store herunter (gibts leider nicht fürs iPhone). Die Waves kann man über die Website https://geosurfen.appspot.com/index.html erstellen oder direkt unterwegs mit dem Smartphone.

Ich werde über die Erfahrungen mit Schülergruppen weiter berichten.

Abiturklausuren bewertet – lohnt der Aufwand?

Das lange Sitzen hat ein Ende: Pro Klausur dauert es 2 Stunden, bis sie durchgelesen, gewichtet und bewertet ist. Und dann noch einmal die Zweitdurchsicht, 1 – 1,5 Stunden. Um ein objektives Urteil zu bekommen?

Die Angst vor den zentralen Abiaufgaben hat sich als als überflüssig erwiesen. Alle Aufgaben waren machbar. Die Befürchtung, man müssen jetzt die gesamte Unterrichtszeit auf die Abi-Themen verwenden und habe keine Zeit mehr für kreative Projekte, hat sich als falsch herausgestellt. Wir können in Zunkuft wieder gelassen die wichtigen Projekte angehen.

Die Bewertung der Aufgaben war aber nicht immer objektiv möglich. Die den zentral gestellten Aufgaben beigelegte Erwartungshorizonte erwiesen sich in den Fächern PGW und Geografie doch als ziemlich schwammig. Sie zählten zwar inhaltliche Aspekte auf, aber Hinweise wie sie zu gewichten und zu bewerten sind, fehlten. Da spielte das „hidden curriculum“, das im Kopf von jedem von uns verankert ist, doch eine wichtige Rolle. Natürlich oft auch im Sinne der Schüler, wenn man sie aus dem Unterricht kennt. Keiner möge von sich behaupten, von subjektiven Sichtweisen frei zu sein.

Wenn nun nur noch der Abischnitt im Blickfeld ist, was bleibt eigentlich vom Bildungswert des Abiturs? Ist dieser in einer einzigen Zahl mit einer Stelle hinter dem Komma zu beziffern? Diese Zahl, die Eintrittskarte für manche Studiengänge und Universitäten ist?

Ich glaube, sie wird an Bedeutung abnehmen. Wichtig ist, dass wir großen Teilen der Jugendlichen eine erweiterte Bildung ermöglichen, was immer sie daraus machen. Genau wie Unternehmen werden Universitäten mehr auf Eingangs- und Eignungstests setzen und weniger die Abinote entscheiden lassen. Dann zählt wieder mehr, was sich wirklich an Kompetenzen angeeignet und nicht nur was „gepaukt“ wurde. Auf Studiengänge bezogene Eignungstests hätten auch für die jungen Leute den Vorteil, nicht mehr viele Semester mit der Orientierung zu verbringen, was dann wirklich für sie der richtige Beruf ist.

Und jetzt wartet die Präsentationsprüfung auf uns…

Selbstständiges Lernen mit Arbeitsplänen

Schüler_innen in Aktivität bringen, das ist in vielen Unterrichtsstunden ganz schön schwer. Sie erwarten motiviert, unterhalten, ermahnt zu werden. Der Antrieb zum Lernen kommt in der Schule meist von außen.
Ich möchte dieses „von-außen-motivieren“ gerne umdrehen, weil ich glaube, dass sich die Lernwirksamkeit erhöht. Ich mache mir allerdings auch keine Illusionen, dass für alle Dinge, die gelernt werden, eine intrinsische Motivation aufzubauen ist. Trotzdem sagen mit Schüler_innen immer wieder, wenn sie selbstbestimmt lernen können, haben sie mehr Spaß und sind postiver eingestellt.
Um ein selbstbestimmteres Lernen zu ermöglichen, arbeite ich seit einiger Zeit mit Arbeitsplänen. Das sind Listen von verschiedenen Aufgaben, mit denen sich die Schüler_innen ein Thema erarbeiten können. Sie beinhalten alle Aktivitäten des Lernens, in den Stunden wie auch den Hausaufgaben. Die Schüler_innen bearbeiten die Arbeitspläne selbstständig und in eingenem Tempo. Ich achte darauf, dass die Aufgaben eines Arbeitsplanes sehr abwechslungsreich sind. Übungsaufgaben in Einzelarbeit gehört genauso dazu wie die Diskussion in einer Dreiergruppe. Für mich als Aufgabengestalter hat ein Arbeitsplan auch den Vorteil, dass ich verschiedene Zugänge zu einem Thema ermögliche und eine große Bandbreite an Methoden bereit stelle.
Die Arbeitspläne werden zu einem bestimmten Zeitpunkt abgegeben, sie werden in das Abgabefach in der Klasse gelegt. Ich bewerte die Bearbeitung quantitativ: Man bekommt einen „Haken“, wenn man den AP vollständig abgegeben hat. Ich finde, dass das Erarbeiten eines Themas ein bewertungsfreier Raum sein sollte, in dem es keine Sanktionen nach sich zieht, wenn man Fehler macht. Hier sollten Fehler bewusst möglich sein.
Am Anfang meiner zwei Jahre in der Profilklasse Mensch-Welt in der 12 und 13. Klasse gab es viel Wiederstand gegen die Arbeitspläne. Es gab Abstimmungen im Klassenrat zur Abschaffung von Arbeitsplänen. Eine Zeitlang habe ich dann wieder Einzelaufgaben gestellt. Den Schüler_innen war es sehr lästig, selber für ihre Lernarbeit zuständig zu sein. Zum Abschluss der Klasse hatte sich das Meinungsbild aber gewandelt. Man schätzte die selbstständige Arbeitsform und das gute Gefühl, etwas geschafft zu haben, wenn ein Arbeitsplan beendet wurde. Bei Einzelaufgaben verschwand der Erfolg im großen Strom der täglichen Aufgaben.
Ich sehe mich mit den Arbeitsplänen auch in Einklang mit Herrn Hattie, der der Direkten Instruktion eine hohe Wirkungsmächtigkeit zugeordnet hat. Lernerfolg hängt an guten Aufgaben und daran, dass die Schüler_innen wissen, was von ihnen verlangt wird. Direkte Instruktion darf ja nicht als Aufforderung zum Frontalunterricht alter Prägung missverstanden werden.
Manchmal arbeite ich auch mit Forschungsplänen, in denen die Aufgaben für eine ganze Unterrichtseinheit aufgelistet sind. Hier ist der Selbstständigkeitsgrad nicht so hoch, aber fehlende Schüler_innen haben eine gute Möglichkeit, versäumte Aufgaben nachzuholen.
Wenn Schüler an ihren Arbeitsplänen arbeiten, mache ich keine Pause. Ich stehe dann zur Unterstützung und Hilfe zur Verfügung. Und Arbeitspläne schließen ja Diskussionen, kooperative Lernprozesse und auch Lehrervorträge nicht aus. Ich sehe sie als einen guten Beitrag zu einem schülerzentrierten Lernsetting. Gute Arbeitspläne enthalten immer eine freie Zeile, in denen sich die Schüler_innen eine selbstgestellte Aufgabe geben. Geoökosys APs Gletscher
Forschungsplan Klima 11

Ab ins Abitur – zwei Jahre Profilklasse zu Ende

Die letzte Stunde beendet, die letzte Präsentation wurde gehalten, um die letzten Punkte gefeilscht: Das 4. Semester ist beendet, in einer Woche beginnen für die SchülerInnen die ersten Abiklausuren. Das erste Mal werden sie in Hamburg in allen Fächern zentral gestellt.
Zeit zurückzublicken. Habe ich meine SchülerInnen gut auf das Abitur vorbereitet?
Zuerst: Alle in meiner Klasse hatten in der 4. Klasse keine Gymnasialempfehlung, d.h. sie gingen auf die Gesamtschule, die in Hamburg heute Stadtteilschule heißt. Allein dass sie es bis zum Ende des 4. Smesters geschafft haben, ist ein Erfolg. Am Ende der 4. Klasse wurde es ihnen nicht zugetraut.

Seit Beginn der Profilklasse im 1. Semester der Studienstufe habe ich auf das selbstständige und möglichs selbstorgansierende Lernen gesetzt. Ich habe gleich das Unterrichtsgeschehen über einen Lernportal organisiert (www.schulcommsy.de) und habe die Unterrichtsinhalte in wikis
http://www.schulcommsy.de/wikis/276082/3264314/index.php?commsy_session_id=d378bbf489bef57b35ab0c54abc81690
dokumentiert. Diskussionen und Außendarstellung der Klasse fand über den Weblog statt.
Aufgaben, Termine, Materialien und die Begleitung von Aufgaben in Diskussionen fand über den Klassenraum im Schulcommsy statt. SchülerInnen „bekamen“ nicht mehr die Aufgaben und Materialien, sondern sie mussten sie sich holen. So wurde die Verantwortlichkeit für das Lernen umgedreht, eine höhere Aufforderung zur Selbstständigkeit verlangt.

Ich würde diesen Weg weiter gehen. Ich glaube, dass die SchülerInnen dadurch ein höheres Maß an Selbstverantwortung erlangt habe. Trotzdem sind 10 Jahre klassische Schulerfahrung am Ende der Schulkarriere kaum aufzuholen. Schule und Lernen ist immer noch oft eine passivie, nehmende, konsumierende Tätigkeit. Sie ist meist auch fremdbestimmt: Der Lehrer sagt, was gemacht wird. Hier sehe ich durch das Lernen im Internet große Möglichkeiten, das Lernen selbstbestimmter zu gestalten.

Man kann sich natürlich fragen, ob selbstverantwortetes Lernen eigentlich einen pädagogischen Wert darstellt. Ich denke schon! Nach dem Besuch der Uni-Tage wurde es meinen SchülerInnen selbst deutlich. Sie berichteten von einem großen Durcheinander, schlecht organisierte Veranstaltungen, drangvoller Enge. Meine Antwort darauf war: „Das ist genau der Grund, warum ich Euch zum selbstständigen Lernen bringen möchte. Im Chaos braucht ihr die Fähigkeit, euch selbst Ziele und Wege zu ermitteln“

Ich habe von Anfang an mit einer Lernplattform, Schulcommsy.de, gearbeitet. Alle Informationen, Aufgaben, Termine und Diskussionen liefen über diese Plattform. Sie ermögliche es den SchülerInnen, selbstständig sich über Aufgaben, Materialien und Termine zu informieren. Ich habe versucht, das Lernen „umzudrehen“: Ich stelle Aufgaben und Lernmöglichkeiten zur Verfügung, die SchülerInnen holen sich selbstständig diese und planen ihre Bearbeitung.

Die Aufgaben wurden meist nicht als Einzelaufgaben gestellt, sondern in sog. „Arbeitsplänen„. Diese umfassten zu einem Thema mehrere Aufgaben mit unterschiedlicher Arbeitsform, um das Thema zu erarbeiten. Die SchülerInnen bearbeiteten den Arbeitsplan selbstständig und legten ihn bei Fertigstellung vor. Es gibt keine Unterscheidung mehr zwischen Unterrichtsaufgaben und Hausaufgaben. Das hat den Vorteil, dass die SchülerInnen ihre Arbeit selbst einteilen müssen und können. Die Aufgaben werden in einen größeren thematischen Zusammenhang gebracht. Und für mich als Aufgabenersteller hat es den Vorteil, dass ich jede Aufgabe nicht isoliert sehe, sondern in einem Kontext mit anderen Aufgaben.

Das wiki haben wir in erster Linie als Wissensspeicher genutzt. Es war ein gemeinschaftliches Protokoll der Lernarbeit in der Klasse. Oft habe ich als Hausaufgabe einen Eintrag ins wiki gestellt. Gerade für die Erklärung von Fachbegriffen zum Nachschlagen ist das wiki gut geeignet. Die Beiträge wurden additiv nebeneinander gestellt. Die Einträge von anderen zu ergänzen oder zu verbessern, trauten sich die SchülerInnen noch nicht.

Der blog wurde in erster Linie zur Außendarstellung und zum Diskutieren genutzt. Meist wurden aktuelle Themen zur Diskussion gestellt und dann über die Kommentarfunktion diskutiert. Der Vorteil ist, dass immer der vorhergehende Kommentar eingesehen werden kann. Das war aber ein langer Lernweg für meine SchülerInnen, nicht nur die eigene Meinung zu sehen, sondern auch auf das einzugehen, was andere sagen. Aber das genau soll ja auch gelernt werden.

Ein Schwerpunkt im Profil der letzten zwei Jahre waren die Semesterprojekte. Jedes Semester haben wir ein Projekt gemacht, das in Gruppen erarbeitet wurde. Die Semesterprojekte waren bewusst im Gegensatz zum Zentralabitur, dass seit 2014 in Hamburg gilt, konzipiert. Ich wollte mich nicht zum Erfüllungsgehilfen eines „Learning for the Test“ machen. Die SchülerInnen haben die Semesterprojekte immer als besondere Herausforderung und auch als zufrieden stellende Arbeit empfunden. Es waren wirklich Arbeiten, die selbst entwickelt und durchgeführt wurden. Für mich als Lehrender war es eine wichtige Herausforderung, die Aufgaben so zu stellen, dass sie einerseits offen und gestaltbar waren, aber auch die Bildungsplanthemen und Kompetenzen abdecken. Und nicht zuletzt müssen die Arbeiten bewertbar sein. In der Studienstufe zählt nun mal alles für das Abi und die Durchschnittsnote. Alles was bewertbar ist, hat seinen Wert. Die Semesterprojekte sind einzeln an anderer Stelle im meinem Blog besprochen.

Das Rückgrat der Klassendemokratie war der Klassenrat. Viele meinen, dass ist doch etwas für Jüngere, wo Konflikte in der Klasse besprochen werden. Ich denke jedoch, der Klassenrat ist die Grundlage jeder Demokratieerziehung. Viele wenden sicher ein, dafür wäre bei der Inhaltsdichte in der Studienstufe keine Zeit. Aber ich bin der Meinung, diese Zeit muss man sich nehmen. Der Klassenrat als autonome Willensbildung in der Klasse gibt den SchülerInnen das Gefühl, respektiert und akzeptiert zu werden. Der Klassenrat wurde vollständig von den SchülerInnen selbst organisiert, die Rollen des Gesprächsleiters, Meldelistenführer, Protokollant wechselten.

Alle SchülerInnen der Klasse haben die Zulassung zum Abitur erhalten. Keiner von ihnen hatte nach der 4. Klasse eine Gymnasialempfehlung. Ihnen wurde von den Grundschullehrern nicht zugetraut, Abitur zu machen. Allein dass sie es bis hierher geschafft haben, ist ein großer Erfolg. Sicher werden die Abschlussnoten bei dem einen oder anderen nicht grandios sein. Aber das ist nicht das entscheidende. 14 junge Menschen haben es trotz vieler Widrigkeiten es geschafft, sich mehr Bildung und Kompetenzen anzueignen, als ihnen eigentlich zugetraut wurde. Und hier hat das Zentralabitur, dass die Jungen Leute ab nächster Woche bestehen müssen, auch einen Vorteil: Das Abi an einer Stadtteilschule ist kein Abi-Light mehr. Es sind die gleichen Aufgaben wie in Bayern und in Sachsen.
 

Lerntagebücher „Space Odyssey“ beendet

Jetzt habe ich über 40 Lerntagebücher durchgesehen, und bin begeistert! Im Fach Physik der 10. Klasse habe ich sechs Wochen in Abschnitten die Doku-Fiction „Space Odyssey“ der BBC mit den SchülerInnen geschaut. Den Film habe ich genutzt, um die Begriffe Masse, Kraft, Gravitation, Dichte, Druck, Schwerkraft, Freier Fall usw. zu bearbeiten. Das sind ja sonst nicht so begeisterungsfähige Themen. Aber mit der „fiktiven Reise zu den Planeten“ des Film waren die SchülerInnen sehr engagiert dabei.

Was sie gelernt haben, trugen sie in ihr Lerntagebuch ein. Das besondere an einem Lerntagebuch ist, dass sie selbst bestimmen können, wie sie es gestalten und wie sie ihre Einträge machen. Und siehe da, die Motivation ein Heft zu führen, das wirklich ihr eigenes ist (weil es sind nicht die abgeschriebenen Tafelbilder), mit eigenen Texten, eingeklebten Fotos und eigenen Zeichnungen. Natürlich habe ich ihnen Tipps und Hilfen gegeben, was man alles hineinschreiben sollte. Aber die Umsetzung bleibt ihnen überlassen.

Schlusskapitel war die von mir geforderte Reflexion. Was ich da gelesen habe, hat meine Erwartungen übertroffen. Die meisten haben geschrieben, dass sie mit viel Spaß an ihrem Lerntagebuch gearbeitet haben – auch wenn es viel Arbeit war. Sie hätten erst gedacht, was ein langweiliges Thema, haben aber mit der Beschäftigung gemerkt, das viel interessantes drinsteckt. Viele sagten, sie hätten sich das erste Mal überhaupt für Physik interessiert.

Ich glaube, es lag nicht am Thema, sondern an der Freiheit der eigenen Gestaltung und des eigenen Lernens, das ein Lerntagebuch bietet. Sie haben ihr Herz für das naturwissenschaftliche Denken geöffnet – was will ich mehr?

Film „Space Odyssey“: https://www.youtube.com/watch?v=ANOxVfwY9Hg

Space Odyssey Start
space_odyssey_bbc
AufgabenübersichtSpace Odyssey Fliehkraft
Rück Space Odyssey

Mehr deutsche Verantwortung in der Außenpolitik? Update 1

Am erste Februarwochende tagte zum 50. Mal die Münchener Sicherheitskonferenz. Der Bundespräsident und  der Außenminister forderten eine größere außenpolitische Verantwortung Deutschlands ein. Aber mit welchem Ziel und mit welchen Konzepten?

Unter dem Semesterthema „internationale Konflikte“ beschäftige ich mich mit meiner 13. Profilklasse MenschWelt im Fach Politik-Gesesellschaft-Wirtschaft mit der Frage, ob Deutschland eine „Globale Schutzverantwortung“ hat, die „responsibility2protect“. Dabei gehe ich nach dem Lernkonzept der Broschüre „Schutzverantwortung“ aus der Reihe Globales Lernen des LI Hamburg vor.

Dieses Konzept bewährt sich in den Lernstunden sehr, weil die SchülerInnen mit sehr viel Engagement und Betroffenheit das Thema bearbeiten. Das Konzept kann man unter http://www.globales-lernen.de/ downloaden. Ausgangspunkt ist der Film „Schlimmer als Krieg“ von Daniel Goldhagen, der weltweit Völkermorde untersucht hat und weitgehende Forderungen an die UNO und die demokratischen Staaten stellt:

Ich möchte das Lernkonzept hier ausdrücklich empfehlen und werde hier weiter über meine Erfahrungen im Globalen Lernen berichten.

Hier ist die Klausur, die zu diesem Thema geschrieben wurde. Klausur Rolle Deutschlands in der Welt

„Sag ihnen, was sie können“

Lehrer geben Noten, hunderte, tausende; Noten scheinen unzertrennbar mit der Schule verwachsen zu sein. Tägliches Ranking, dauernder Vergleich, Bundesligatabelle. Lehrer sind gerecht, wenn es gute Noten gibt und ungerecht bei schlechten. Bei Versuchen, Noten durch Kompetenzrückmeldungen zu ersetzen, gibt es oft Proteste von den Eltern, und viele Schüler wollen nach der Grundschule endlich „richtige“ Noten.

Ich glaube dass sich alle Lehrpersonen einig sind, dass man Schüler fördern und unterstützen soll. Am besten geht das unzweifelhaft, wenn man ihnen sagt, was sie können. Aber kann man das mit Noten ausdrücken? Da bekommt man von Schülern nur die Auskunft: „Ich bin schlecht in Mathe, aber ganz gut in Englisch“. Das wars.

Wie kann man es etwas differenzierter hinkrieben? Ich versuche seit einiger Zeit mit Rückmeldskalen zu arbeiten. Dabei wird eine Aussage zu einer Teilkompetenz formuliert und dann auf einer Skala der erreichte Grad eingetragen. Das können dann 10er Skalen sein, Prozentskalen oder eben auch Notenskalen. Es ergibt sich dadurch ein grafisches Bild einer Kompetenz. Je weiter rechts das Kreuz, desto besser wird die Kompetenz erfüllt. Z.B. „Du hast alle sachlich wichtigen Teile in deinem Text erfasst“: Skalenstufe 8 von 10; und „Du hast deinen Text gut und sinnvoll strukturiert“: Skalenstufe 4 von 10. Dann kann man gleich sehen, dass die Stärke im inhaltlichen Erfassen liegt, aber auf die Strukturierung eines Textes noch geachtet werden muss.

Ich sehe dieses Verfahren als einen pragmatischen Beitrag zur Kompetenzdebatte und vielleicht einen dem Schulalltag angepassten Weg für eine komptenzorientierte Rückmeldung, ohne in grundsätzliche Diskussionen zu genen.

Hier einige Beispiele für Rückmeldeskalen:
Rück FachtexteGeo
Rück Raumanalyse Plattentektonik
Rückmeldung Kartenerstellung
Rück Grafikerstellung
Rückmeldebogen Semesterprojekt
KR Selbststeuerung GES
KompRast mündliche Beiträge

Forschungsauftrag Fahrrad

Seit einiger Zeit arbeite ich mit meinen SchülerInnen im Physikunterricht mit Forschungsaufträgen. Ich möchte damit das selbstständige forschende Lernen fördern. Außerdem versuche ich das Lernen „umzudrehen“, d.h. ich gebe nicht mehr kleinschrittige Aufgaben vor, sondern die SchülerInnen bekommen eine Forschungsfrage und ich helfe ihnen, diese Frage zu lösen. Meine Aufgabe besteht dann darin,

  • impulsgebende Inputs zu machen
  • die Arbeit zu strukturieren
  • zu ermutigen, sich an die Arbeit zu machen (Schüler haben immer Angst, etwas falsch zu machen)
  • Tipps und Hilfestellungen zu geben.

Zu jeder Forscherfrage gehört eine feste Struktur:

  • Physikalische Größen und Begriffe müssen in einem Steckbrief erklärt werden
  • Es muss ein Versuch durchgeführt und protokolliert werden
  • Ein Informationstext zur Forscherfrage wird erstellt
  • Messwerte werden genommen und berechnet
  • Grafiken und Fotos werden erstellt

Die Kommunikation zu den Forschungsaufträgen läuft über unsere Lernplattform (Schulcommsy.de). Alle Aufgaben und Links sind hier verfügbar. Auch hier gilt die „Umkehrung“: Alles ist online verfügbar, die Schüler müssen es selbstständig nutzen, wann auch immer. Da gibt es auch keine Ausrede mehr, ich war krank oder habe das Arbeitsblatt nicht erhalten.

Dadurch ist für die SchülerInnen diese Methode doch etwas gewöhnungsbedürftig. Sie müssen sich erstmal aus der Rolle des Lernkonsumenten in den Lernkonstrukteur hineinfinden. Es verlangt auch eine höhere Aktivität von den Schülern, auch nicht immer gern gesehen bei den jungen Leuten.

Aber ich erfoffe mir langfristig eine höhere Motivation zum Lernen, weil die Selbstwirksamkeit größer ist. Man erstellt ein eigenes, individuelles Produkt, da vorgezeigt werden kann. Das Internet unterstützt dabei das Lernen sehr gut.

Hier der Forschungsauftrag Fahrrad.

 

 

Forschungsauftrag „Fahrrad Vers3

„Taxi zur Hölle“: Folter im Antiterrorkampf

Eigentlich war es als eine Übung für meine Schüler gedacht, systematisch eine Stellungnahme zu einem schwierigen Thema zu schreiben. Es geht in der 13. Klasse auf das Abitur zu und eine systematische, begründete Stellungnahme zu schreiben, bereitet meinen Schülern immer noch Schwierigkeiten. Ich hatte die Filmsammlung „Demokratie für Alle?“ der Bundeszentrale für Politische Bildung zur Verfügung und fand darin den Film „Taxi zur Hölle“, der die Folterpraktiken der USA in Afghanistan, Irak und Guantanamo zum Thema hat.
http://www.bpb.de/shop/multimedia/dvd-cd/33891/demokratie-fuer-alle

Die SchülerInnen sollten für sich klären, ob es legitim ist, undemokratische Mittel anzuwenden, um die Demokratie vor Terrorismus zu schützen.
Da bekam die Frage eine neue Aktualität durch die Vorwürfe gegen die britischen Soldaten, im Irakkrieg ebenfalls gefoltert zu haben. Wir haben diese Frage dann sehr systematisch in acht Schritten erarbeitet: immer drei Schüler arbeiteten eine Runde zusammen. Nach jeder Runde wurden einzelne Ergebnisse im Plenum vorgestellt.
Foto-3
Die fertigen Stellungnahmen veröffentlichen wir dann in unserem blog.
http://blogs.hamburg.schulcommsy.de/276082_3264314/2014/01/14/film-taxi-zur-holle-usa-foltert-im-antiterrorkampf/
JedeR SchülerIn hat dann die Möglichkeit, die anderen Arbeiten durchzulesen. Im Plenum stellen wir dann einzelne Texte zur Diskussion.
Ein sehr empfehlenswertes Thema und eine sehr intensive Arbeit, die sich gelohnt hat.