MOOCs in der Schule?

Die werkstatt.bpb hat in den Sommerwochen sich mit dem Thema „MOOCs“ beschäftigt.

https://www.bpb.de/lernen/digitale-bildung/werkstatt/211475/fazit-moocs-und-e-learning-2-0

Ich probiere ja schon seit längeren aus, wie man in der Schule selbstständige Lernformen und selbstwirksameres Lernen fördern kann. Und frage mich auch, ob MOOCs dabei helfen können.

MOOCs kommen ja aus dem universitären Bereich und ermöglichen durch verschiedene Internetressourcen die Teilnahme an Onlinekursen von außerhalb der Universität. Sie sind offen für jeden und verlangen eine hohe Eigenmotivation, um sie durchzuhalten.

Schule scheint das Gegenteil davon zu sein. Schule ist ja gar nicht offen: Die Lernenden sind in Klassen, Stundenpläne, Kurse, Fächer und Inhalte hineingesetzt, ohne selbst etwas bestimmen zu können. Diese Fremdbestimmung prägt die Lernkultur in der Schule. Wie kann man da etwas öffnen?

Vielleicht geben Online-Kurse ja die Möglichkeit, das Lernen in der Schule etwas selbstbestimmter und selbstwirksamer zu machen. Es ist  ja mittlerweile allseits anerkannt, dass sich Können und Wissen nachhaltiger bildet, wenn es selbstbestimmt erarbeitet wurde.

Ich versuche den Lernenden in „Lernplänen“ einen Überblick über ihre Lernmöglichkeiten zur Erarbeitung eines Thema zu geben. LehrerInnen nennen das meist „Unterrichtseinheiten“. Die Lernenden können dann in ihrem eigenen Rhythmus und Tempo die Lernaufgaben bearbeiten, wann und wo sie wollen. Das kann in den Lernstunden in der Schule sein, in den Studienzeiten im Stundenplan, zu Hause oder im Park. Die Lernpläne enthalten Einzelaufgaben, Partner- und Gruppenaufgaben, Puzzleaufgaben und Kreativaufgaben sowie Aufgaben zum Füllen unseres wikis und zu Diskussionen im blog. Mein Job als Lehrender ist es, für die vielfältigen Zugänge und Lernmöglichkeiten zu sorgen, Diskussionen anzuregen, Wiederholungen und Vertiefungen zu organisieren.

Ich arbeite zweigleisig: analog und digital. Die Lernpläne bekommen die SchülerInnen ausgedruckt, sie stehen auch auf der Lernplattform der Klasse. Das erarbeitete Wissen wird im Themenwiki gesammelt und Diskussionen finden im Klassenblog statt. Die Aufgaben aus den Lernplänen werden zu Hause und auch in den Lernstunden in der Schule bearbeitet. Klassische „Hausaufgaben“ erteile ich nicht mehr. Der Schwerpunkt in den Lernstunden in der Schule liegt auf dem Verarbeiten, Diskutieren, Vertiefen sowie auch das Überprüfen der Lerninhalte. Dabei spielen kooperative Lernformen eine große Rolle. Interessant wäre eine Ausweitung der Diskussionen über den Klassenraum hinaus zu anderen SchülerInnen und Schulen.

Meine SchülerInnen springen auf die Möglichkeiten des digitalen Lernens noch nicht so richtig auf. Für sie ist das schön geschriebene Heft mit den eigenen Inhalten wichtiger als eine kollektive Sammlung wie in einem Wiki. Vielleicht ist es das unbewusste Gefühl, was man im eigenen Heft geschrieben hat, besitzt man wirklich selbst. Wahrscheinlich spielt die jahrelange analoge Lernsozialisation auch eine große Rolle. Das digitale Gerät, was alle benutzen, ist das Handy. Damit werden Buchseiten abfotografiert, damit man nicht das schwere Buch mit nach Hause schleppen muss. Wenn es Handy-Apps für meine Wikiseiten gäbe, würden sie sicher mehr genutzt werden.

Wie könnten also die Perspektiven an der Schule aussehen:

  1. Die Lernbausteine einer Unterrichtseinheit werden online zur Verfügung gestellt. Dabei kann man entscheiden, ob sie nur der eigenen Lerngruppe, der Schule oder im www verfügbar ist.
  2. Der Kurs hat einen Anfang und ein Ende. Er wird durch die Lernperson begleitet, kann aber auch nach den Kursterminen selbstständig wiederholt werden. Das kann für Lernende, die krank sind, wichtig sein. Aber auch für SchülerInnen, die mal einen „Hänger“ haben, gibt es die Möglichkeit, Inhalte nachzuarbeiten.
  3. Man kann andere Klassen der eigenen oder anderer Schulen zu Diskussionen einladen. Diese Diskussionen können über einen Blog geführt werden und müssen nicht unbedingt in Echtzeit stattfinden.
  4. Es werden Zwischentests und andere Lernnachweise erstellt.

Mein Fazit bis hierher:

Elemente aus MOOCs könnten das schulische Lernen ergänzen und bereichern:

  • Das Öffnen, d.h. das zur Verfügungstellen aller Lernmaterialien und Aufgaben online. Ein „ich habe das Arbeitsblatt nicht gekriegt“ gehört der Vergangenheit an. Das gibt den SchülerInnen auch mehr Verantwortung für ihren eigenen Lernprozess.
  • Das Online Arbeiten ist eine Ergänzung und Erweiterung der Möglichkeiten des klassischen analogen Lernens im Klassenraum. Das gibt besonders SchülerInnen, die sich ungern an Klassengesprächen beteiligen, einen Teilnahmekanal.
  • Die Demokratisierung: Durch das Onlinestellen aller Lernmaterialien verringert sich die Abhängigkeit der SchülerInnen von der jeweiligen Lehrperson. Trotzdem bleibt die Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden ein wichtiger Faktor für erfolgreiches Lernen. Monika Heusinger weist auf die Bedeutung der Lernautonomie hin.

Ich freue mich auf spannende Diskussionen

Hier noch einige weiterführende Links:
bit.ly/moocis13 Hashtag: #MOOCiS http://monika-heusinger.info/blog/moocs

Europaprojekt

Back to school. Während die südlichen Bundesländern noch im Ferienmodus schlummern, sind wir im Norden wieder zurück in den Schulräumen.

Meine Begeisterung für Projekte möchte ich gleich am Schuljahresanfang ausleben: mit einem Europaprojekt. Nur acht Monate vor dem Eintritt in die Prüfungsphase des Abiturs im Jahrgang 13 ist es vielleicht gewagt, nicht alle Zeitressourcen auf die Prüfungsvorbereitung zu legen. Aber für mich liegt darin der Reiz, ein Projekt zu gestalten, dass einerseits die Freiheit beinhaltet, die Schwerpunkte selbst zu legen, auf der anderen Seite auch Bildungsplanthemen mit abzudecken.

Es geht bei diesem Projekt darum, die Lebensbedingungen von jungen Menschen in Europa zu erkunden. Dabei wählen sich die SchülerInnen zwei europäische Länder aus und vergleichen die Lebensbedingungen. Wir erhalten so in der Klasse einen kleinen Überblick über die verschiedenen Länder Europas.

Folgende Kompetenzen können die SchülerInnen anwenden und üben:

  • eine sozialwissenschaftliche Analyse nach Kriterien durchführen
  • Ergebnisse dieser Analyse vergleichen anhand zweier Länder
  • Kartenerstellung
  • Szenarien erstellen

Das Projekt soll in einem Science Café münden, in dem die Ergebnisse mir externen Experten diskutiert werden. Dabei können die SchülerInnen lernen, eine eigene Veranstaltung zu planen und durchzuführen (http://juniorsciencecafe.de/).

Vielleicht gibt die Projektausschreibung Anregungen für eigenen Projekte.

Guten Schuljahrs-Start

Europaprojekt Auftragsblatt

Globale Probleme: Der Hunger in der Welt

Ich habe mich mit meinen SchülerInnen er 12. Klasse im Fach Geografie im letzten Semester mit dem Problem des Hungers in der Welt auseinandergesetzt. Ich habe mich an dem Unterrichtskonzept „Globales Lernen – Hunger durch Wohlstand“ orientiert. (Download hier: http://www.globales-lernen.de/).

Ich möchte hier meine Arbeitsmaterialien zur Verfügung stellen, damit andere damit weiter arbeiten können. Die von mir erstellten Dateien (mit meinem Namen in der Fußzeile) stehen unter der CC Lizenz 3 SA -BY und können damit weiterverwendet und verändert werden. Bei den anderen Dateien muss die Copyright Regelung einzeln geprüft werden.

Ich habe die Ebenen:

  • Was ist Hunger, Definitionen
  • Wie schlimm ist der Hunger, Statistiken und Diagramme, Welthungerindex
  • Ursachen für Hunger, exemplarisch: Biosprit, Fleischkonsum und Klimawandel
  • Was kann man gegen den Hunger tun?
  • eigene Kartografie
  • Film „We feed the world“ von Erwin Wagendörfer (http://www.we-feed-the-world.at/)

bearbeitet. Am Ende haben wir in unserer Fußgängerzone einen Vormittag lang einen Inforstand aufgebaut, in der die SchüerInnen versuchen sollten, mit Passanten ins Gespräch zu kommen.

Ich wünsche viel Erfolg bei eigenen Lernvorhaben.

Wiki: http://www.schulcommsy.de/wikis/276082/4466859/Main/GlobaleProbleme

2015_Brennpunkt_Baumwolle_Textilherstellung_WHH_Schoeninger Brennpunkt_Nr.28__Biokraftstoff Hunger-Factsheet-Welthungerhilfe-2014 Inforstand Hunger in der Welt Neue Strategien gegen Hunger und Unterernährung | Hunger im Überfluss | Aktuell | fluter.de Organisationen gegen den Hunger Thesen zur Bekämpfung des Hungers Ursachen Hunger AGs Welthunger-Index_2014_web Welthungerindex Wirkungsgeflecht Hunger Klausur Hunger 15

Teilst du schon, oder …? Digitales Lernen im Politikunterricht

Am 24. Juni fand in Berlin ein Netzwerktreffen der werkstatt.bpb zum Thema „Kultur des Teilens“ im politischen Lernen statt. Es wurde der Frage nachgegangen, mit welchen Aktionen das digitale Arbeiten unter Lehrern und politischen Bildungsstätten gefördert werden kann und wie es erreicht werden kann, eine Kultur des Teilens zu etablieren. Und was wird gebraucht, damit sich eine Kultur des Teilens entwickeln kann?

Das digitale Arbeiten erleichtert das Austauschen von Bildungsmaterialien, von Arbeitsblättern, Aufgabenformulierungen, Übungen, Überprüfungstests usw. Daraus müsste sich doch ein großer kreativer Mehrwert ergeben, ein Push an vielfältigen Anregungen und Impulsen? Eine Weiterentwicklung des eigenen pädagogischen Handelns durch neue unterschiedliche Sichtweisen könnte möglich werden. Und eine Arbeitserleichterung bietet ein breiteres Angebot an freien Bildungsmaterialien.

Warum kommt es in der Praxis nicht dazu – und was müsste man tun, um es zu erreichen.

Die vielen MINT-Initiativen haben es vorgemacht. Viele gute Websites sind entstanden, vielfältige Unterstützungsangebote für Lehrer, unzählige gute Arbeitsmaterialien, Möglichkeiten des Austausches. Durch einen großen Geldeinsatz von Industrie und Staat wurde der Technikmüdigkeit und dem drohenden Facharbeitermangel der Kampf angesagt.

Brauchen wir in der politischen Bildung nicht eine ähnliche Kraftanstrengung? Droht nicht auch bei jungen Leuten eine Politikmüdigkeit? Ist politisches Engagement und Beteiligung in Zeiten der Selbstoptimierung überhaupt noch angesagt? Sind Wahlbeteiligungsquoten von 23% der 16-18jährigen bei der letzten Hamburger Wahl nicht ein Alarmsignal?

Die werkstatt.bpb.de möchte die Entwicklungsmöglichkeiten ausloten, die sich durch das Teilen von Material und Erfahrung im Internet ergeben. Ich hoffe, dass sie den Prozess zu mehr Kooperation moderieren kann. Welche Hemmnisse im Wege stehen, hat Phillipe Wampfler aus der Schweiz im März auf seinem Blog gut dargestellt (http://schulesocialmedia.com/2015/03/29/warum-teilen-lehrkrafte-ihre-materialien-nicht/).

Man sollte immer bei sich selber anfangen. Und so werde ich die letzten Tage des Schuljahres nutzen, die Materialien und Erfahrungen des letzten Schuljahres hier einstellen. Ich werden sie dann mit Edutags mit Schlagworten versehen, so dass sie dort gefunden werden können (http://www.edutags.de). Und ich werde meine Politik und Gesellschafts-KollegInnen auffordern, das gleiche zu tun. Vielleicht ist das ja ein Anfang.

(Das Bild stammt aus der tollen Installation „Gehorsam“ von Sasia Boddeke und Peter Greenaway im Jüdischen Museum in Berlin, wer die Gelegenheit hat, sollte sie dringend anschauen, http://www.jmberlin.de/gehorsam

Lineares versus vernetztes Lernen

In der letzten Woche bin ich mit meinen Schülern, wie schon öfter, an die Schnittstelle von linearem und vernetzten Lernen gestoßen. Ich sehe als eines der Chancen des digitalen Lernens die Möglichkeit, stärker ein vernetztes Lernen zu ermöglichen, da die Lernressourcen dauernd verfügbar sein können. Ich arbeite deshalb mit Arbeitsplänen, auf denen die Lernaufgaben zu einem Themenfeld verzeichnet sind und die die Schüler selbstständig erarbeiten können (ganz analog). Ich achte darauf, dass die Aufgaben eines Arbeitsplanes verschiedene Sichtweisen und Erarbeitungsmöglichkeiten auf den Lerngegenstand enthält. Gleichzeitig stehen die Aufgaben in unserm Lernportal im Internet zur Verfügung. Lernergebnisse werden im wiki zusammengefasst.

Nun beschweren sich die Schüler, dass ihnen dieses Verfahren zu kompliziert sei. Sie wüssten nicht, was sie zuerst machen sollen und was für die nächste Stunde gebraucht werde. Sie forderten, ich solle es wieder wie die anderen Lehrer machen, die allen eine klar definierte Hausaufgabe aufgeben, die am Anfang der nächsten Stunde abgefragt wird.

Darüber nachdenkend erkenne ich, wie starkt die Schüler noch in der linearen Lernkultur (wie ich sie auch im Referendariat gelernt habe) mit „Problemaufriss > Erarbeitung > Sicherung > Hausaufgabe“ für alle im gleichen Zeitschritt verhaftet sind. Problemlösendes, vernetztes Denken? Gar nicht erwünscht. „Sagen Sie uns doch einfach, was wir lernen sollen, dann machen wir das!“, höre ich von meinen Schülern.

Schüler können nicht besser sein als ihre Schule. Wenn sie 10, 12 Jahre in eine Institution gegangen sind und in ihr große Teile ihres Lebens verbracht haben, werden sie die Prinzipien dieser Institution verinnerlichen. Wenn Schule lineares Lernen betreibt, werden auch die Schüler lineares Lernen sinnvoll finden. Ich glaube jedoch, dass die Bewältigung von Zukunftsaufgaben ein vernetztes Denken nötig ist, um die Probleme der Zukunft zu bewältigen.

Es braucht also einen langen Atem, Lernen vom linearen Denken hin zum vernetzen Denken zu entwickeln. Dabei ist das Internet sicher hilfreich. Sobald ein Arbeitsauftrag für eine Gruppenarbeit vergeben ist, erstellen die Schüler eine whatsapp-Gruppe. Sie legen also einen Grundstein für eine Vernetzung.

Weiter so.

Klausuren am Computer 2

Ich habe hier vor zwei Wochen berichtet, dass ich eine Politikklausur in der 12. Klasse versuchsweise am Computer schreiben lies. Es war möglich, das Internet und damit auch unser Klassenwiki, in dem die Schüler die Lerninhalte der Einheiten sammeln. Ihnen stand also die gesamte Unterstützungspalette des Internets zur Verfügung. Die Klausur war von der Aufgabenstellung her nicht auf Wissenswiedergabe hin ausgelegt, sondern es waren die Kompetenzbereiche:

  • einen Text mit eigenen Worten strukturiert zusammenfassen
  • Eine pluralistische Demokratietheorie (Text von Karl Popper) mit einer klassischen Theorie (Rousseau) vergleichen
  • Eine Stellungnahme zu den Vorschlägen Poppers, in wie weit sie geeignet sind, das Problem der geringen Wahlbeteiligung zu lösen.

Bei dieser Aufgabenstellung findet man natürlich keine direkt anwendbare Wissensbausteine, die man kopieren könnte. So war sicherlich die Zugriffsmöglichkeit auf das klasseneigene Wiki inhaltlich die größte Hilfe.

Ich habe jetzt die Schüler mit einem Fragebogen zu ihrem Eindruck dieser Form der Leistungsüberprüfung befragt. Überraschend war, dass die Gesamteinschätzung sehr verteilt war, von „super“ bis „mangelhaft“. Die Hälfte der befragten SchülerInnen (von 18) gab dem Vorhaben die Note „befriedigend“. Hier die Ergebnisse im einzelnen:

Wie bewertest du insgesamt die Möglichkeit, Klausuren mit dem Computer zu schreiben? 1 2 3 4 5 6

2 4 9 2 1

Deutlich positiver wurde die Möglichkeit bewertet, im Klassenwiki zu recherchieren. Einige SchülerInnen meinten, sie würden bei Texten am Computer schneller den Überblick verlieren. Ich hätte eigentlich das Gegenteil vermutet, da ein nachträgliches Umstrukturieren möglich ist, ohne wie in handschriftlichen Texten wild zu streichen und mit Anhängen zu arbeiten. Nur 9 SchülerInnen (50%) haben von dieser Umstrukturierungsmöglichkeit gebrauch gemacht.

Auch bei der Frage, ob das Schreiben mit Tastatur leichter ist als mit der Hand, ist die Meinung zweigeteilt. 7 sagten ja, 6 nein, den anderen bedeutete es keinen Unterschied.

Für mich war überraschend, dass trotz Rechtschreibkorrektur und Grammatikhilfe von WORD die Hälfte der SchülerInnen eine schlechte Rechtschreibleistung gezeigt haben. Es waren die gleichen, die auch sonst große Probleme mit der Rechtschreibung haben. Es macht mich etwas ratlos, wenn dabei nicht einmal die Rechtschreibkorrektur hilft. Es haben auch nur 10 SchülerInnen gesagt, dass ihnen die Rechtschreibkorrektur geholfen hat.

Klausuren mit Internetzugang bieten ja auch die Möglichkeit, gezielt Spickzettel zu deponieren und die Klausurvorbereitung dabei zu benutzen. Dabei stellt sich natürlich die Frage nach der Gerechtigkeit (ich glaube zwar, dass wir in der Schule immer eine Scheingerechtigkeit produzieren, aber das ist eine andere Frage). Aber immerhin 6 SchülerInnen (33%) finden das ungerecht.

Für mich ergibt die Schülerbefragung ein gemischtes Ergebnis. Klausuren am Computer mit Internetunterstützung wären nicht der große didaktische Wurf, man müsste den Mehrwert noch mal genauer erforschen. Ich sehe auch die Gefahr, dass sich die Schüler dann weniger auf Klausuren vorbereiten und lernen, weil die Internetmöglichkeit ja suggeriert, man könne alles während der Arbeit nachlesen.

Voraussetzung für ein erfolgreiches Klausurenschreiben am Computer ist sicherlich die Fähigkeit, mit 10 Fingern tippen zu können. Ich denke, das sollte zum Kanon der von der Schule zu vermittelnden Kulturtechniken gehören, um in einer digitalen Gesellschaft gut klarzukommen.

Persönlichkeitsentwicklung kommt in der Schule zu kurz?

In seiner Studie fordert der Aktionsrat Bildung, nach den fachlichen Verbesserungen durch die PISA-Tests die Persönlichkeitsentwicklung der Schüler nicht zu vernachlässigen.

http://www.welt.de/politik/deutschland/article140536003/Was-deutsche-Schulen-den-Kindern-nicht-beibringen.html

Diesen Artikel habe ich gestern auf der Fahrt zwischen zwei Besuchen meiner Schüler im Betriebspraktikum des Jahrganges 12 gelesen. Mir wurde dabei bewusst, wie wichtig diese Gespräche mit SchülerInnen außerhalb der Schule für ihre Persönlichkeitsentwicklung ist. Ich habe an einem Tag fünf intensive 30-45minütige Gespräche mit meinen Schülern geführt, wie sie intensiver und unterschiedlicher kaum sein könnten. Es ging nicht um fachliches Lernen, um Noten, worum sich die Gespräche in der Schule oft drehen. Es ging um Lebensperspektiven, um Hoffnungen und Ängste, um Ermutigung und Chancen.

Wie hilfreich waren die Menschen, die die Schüler im Praktikum in den Betrieben betreuen. Es gab viel Lob für die jungen Leute, aber auch viel Lebenserfahrung, die weitergegeben wurde. Für mich als Lehrer gab es viele Einblicke in unterschiedliche Berufe und ein update darüber, was Betriebe eigentlich von der Schule erwarten. Und es gab einen ganz neuen Blick auf meine SchülerInnen.

Ich halte diese Gespräche auch in der Oberstufe für sehr wichtig. Ich würde mir wünschen, dass sie von der Schulleitung auch unterstützt werden und nicht zur Privatangelegenheit der Lehrer erklärt werden. Auch 18jährige Oberstufenschüler sind noch nicht fertig und brauchen noch viel Unterstützung in ihrer Persönlichkeitsentwicklung. Das kann der fachlich fragmentierte Unterrichtsalltag an der Schule oft nicht leisten, da deckt sich die Forderung der Schule mit meinen Beobachtungen.

Um so wichtiger sind solche Gespräche im Betriebs- oder Sozialpraktikum. Außerhalb der schulischen Konstellation können Gespräche auf Augenhöhe geführt werden, die oft richtungsweisend sein können.

Aus diesem Grunde halte ich ein Praktikum, egal ob berufs- oder sozial-orientierend in der Oberstufe für sehr wichig und persönlichkeitsbildend. Und die Betreuung durch die LehrerInnen ist ebenso wichtig, weil sie persönlichkeitsbildende Impulse setzen kann.

Klausuren am Computer schreiben?

Klausuren am Computer schreiben? Und dabei noch Internetzugang haben? Eine Bastion des deutschen Bildungstums, die handschriftliche Klausur, gerät in Gefahr? Klausuren sind vergleichbare Lernnachweise, die von allen Schülern zur gleichen Zeit unter gleichen Bedingungen geschrieben werden, damit eine objektive Vergleichbarkeit zwecks Leistungsranking möglich sei.

Ist das noch zeitgemäß? Kein Mensch würde sich heute in einem professionellen Zusammenhang eine Präsentation, ein Meeting, ein Thema vorbereiten, ohne vorher ins Internet zu schauen. Die meisten Vorberitungen würden am Computer entstehen. Da frage ich mich, warum Klausuren in der Schule immer noch per Hand geschrieben werden. Ich wollte es ausprobieren, und ermöglichte meinen Schülern der 12 Klasse das Schreiben einer Klausur im Fach Politik in einer Textdatei. Sie hatten über die Schulcomputer Zugang zum Internet, und dadurch auch Zugang zu unserem Lernraum, in dem die Wikis zum Thema abgelegt sind. Nach Fertigstellung der Klausur luden sie ihre Datei im virtuellen Lernraum hoch.

Die Grundidee besteht darin, dass es in einer Klausur nicht um (auswendig) gelernte Inhalte geht (die natürlich trotzdem nötig sind), sondern um zu zeigen, ob man politische Ideen und Konzepte darstellen, vergleichen und bewerten kann. Dieses sind Kompetenzen, die man nicht einfach aus dem Internet abschreiben kann. Die Schüler waren aufgefordert, die Ideen von klassischen politischen Konzepten (wie z.B. John Locke, siehe Bild, http://commons.m.wikimedia.org/wiki/File:John_Locke.jpg)

Ich habe  jetzt fast alle Klausuren durchgesehen. Mir ist aufgefallen, dass fast alle 4-5 Seiten geschrieben haben. Die Texte sind besser strukturiert als die handschriftlich geschriebenen. Das scheint mir auch logisch, da man in einem Textprogramm ja noch während des Schreibprozesses noch strukturieren, umstellen und ergänzen kann. Für mich ein klarer Vorteil für die Arbeit am Computer.

Es scheint mir auch, dass die Verwendung der fachlichen Begrifflichkeit sicherer ist. Benutzte Fachbegriffe kann man mit Internetzugang noch nachschlagen und sie in ihrer Bedeutung sicherer anwenden. Trotzdem bleibt in einer Klausur nicht die Zeit, unbekannte Begriffe zu recherchieren. Die Schüler müssen schon auf dem aufbauen, was sie gelernt haben.

Was mich verwundert hat, ist dass Schüler mit einer schwachen Rechtschreibung ihre Fehlerzahl nicht reduzieren konnten. Trotz einer Rechtschreibüberprüfung, die ja WORD bietet, konnte bei einigen Schülern die Qualität nicht verbessert werden. Die Gründe dafür habe ich noch nicht ergründet.

Gerade Jungen haben öfters keine fließende Handschrift und tun sich schwer mit langen Texten, die ja in Klausuren erwartet werden. Hier kann das Schreiben am Computer eine Erleichterung sein.

Bei dem Blick auf die inhaltliche Qualität muss ich feststellen, dass die Nutzung des Internets nicht automatisch eine Verbesserung darstellt. Was man vor der Klausur nicht kann, wird man auch nicht während der Klausur im Internet nachlesen können. Die Kompetenz der sprachlich strukturierten Darstellung, der Analyse kann man sich nicht im Internet anlesen, sondern ist ein Ergebnis einer lernenden Auseinandersetzung – vor der Klausur. Deshalb sehe ich die Gefahr, dass nur aus dem Internet abgeschrieben wird, als nicht sehr groß an.

Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass Schüler ihren Aufwand, eine Klausur vorzubereiten, verringern könnten, wenn sie die Möglichkeit der Internet-Nutzung während der Klausur haben. Es könnte ihnen suggerieren, alles im Internet nachsehen zu können. Aber auch das wird ein wichtiger Lernschritt sein, zu erkennen, dass dieses so nicht funktioniert.

Somit ist für mich bis hierher das Fazit, dass eine Klausur am Computer nicht automatisch bessere Ergebnisse bringt, aber im Aspekt „Struktur“ und „Begrifflichkeit“ Entwicklungsmöglichkeiten bietet.

Ich werde jetzt noch einen Schülerfragebogen entwerfen und die Schüler nach ihrem Feedback fragen. Und ich werde die organisatorischen Rahmenbedingungen für eine Klausur am Computer näher beleuchten. Dazu in einem späteren Aritikel mehr.

Hier der Fragebogen für die Schüler

Fragebogen Klausur Computer

#ecstg: Session Lernprodukte erstellen

Am Sonnabend habe ich auf dem Educamp Stuttgart die Session „Lernprodukte erstellen“ angeboten. Der Raum im Literaturhaus war rappelvoll, was mich sehr gefreut hat. Ich habe diese Session angeboten, weil ich mich im letzten halben Jahr gefragt habe, was die Diskussion um open education ressources OER eigentlich den Schulen bringt – an Unterrichtsmaterial mangelt es uns doch nicht.

In meinen Recherchen und Überlegungen bin ich darauf gestoßen, dass die Chancen für OER an der Schule auch in einer erweiterten Lernkultur liegen: Lernprodukte werden erstellt – geteilt – verändert – wieder veröffentlicht. Ich habe in die Runde der Session gefragt, welche Möglichkeiten digitale Ressourcen bieten, diese Kultur zu entwickeln.

Die Wertschätzung der Produkte der Schüler ist für mich ein zentrales Ziel, diese Diskussion aufzunehmen. Sehr häufig arbeiten die Schüler nur für die Note, die in das rote Büchlein des Lehrenden eingetragen wird, und dann hat die Arbeit des Schülers ausgedient und wandert in den Papiermüll. Ich glaube, dass täglich so viele tolle Produkte von Schülern hergestellt werden, dass sie mehr gewertschätzt und von anderen Schülern weiterverwendet werden können.

Das setzt natürlich auch eine andere Fehlerkultur voraus. Das Unperfekte – das Objekt allen Lernens – gibt die Chance, es zu verbessern und in diesem Verbesserungsprozess weiter zu lernen. Nach meiner Wahrnehmung leiden die Schüler sehr darunter, dass sie viel zu häufig die Rückmeldung „nicht gut“ (also alle Noten unterhalb von ‚2‘) bekommen. Wir Lehrende sollten sie ermutigen, ihr bestes zu geben, aber nicht das Perfekte zu erwarten, und wir sollten es auch nicht erwarten. Zwischen ‚falsch‘ und ’noch nicht perfekt‘ gibt es einen Unterschied. Die Lehrenden sollten natürlich darauf achten, dass sachlich falsches nicht unkomentiert stehen bleibt, aber sie sollten in dem ’noch nicht Perfekten‘ die Chancen sehen, weiter daran zu lernen und die Schüler in diesem Sinne zu ermutigen.

Es wurde in der Session deutlich, dass das Erstellen und Veröffentlichen von Lernprodukten überhaupt nicht neu ist. Auch schon im analogen Zeitalter wurden Lesetagebücher, Lyrikheftchen, Kunstmappen usw. gedruckt und veröffentlicht. Bei Montessori und Freinet war das Produzieren schon vor vielen Jahrzehnten eine zentrale Idee ihrer Pädagogik. Im Internet-Zeitalter wird das Veröffentlichen und Verbreiten deutlich leichter. Uns stehen heute vielfältige Tools und Plattformen zur Verfügung, um Lernprodukte herzustellen: Neben den klassischen Texten können Videos, Podcasts einfach mit dem Smartphone aufgenommen werden. Blogeinträge ermöglichen eine leichte Kommunikation über den Klassenraum hinaus.

Wo veröffentlicht wird, hängt von der jeweiligen Situation der Lerngruppe ab. Die erste Stufe ist die Veröffentlichung in der Klasse, Texte, Videos usw. werden ausgetauscht, kommentiert und verbessert. Die nächste Stufe könnte der Austausch unter Parallelklassen sein um zu schauen, was die anderen zu einem Thema machen. Lernprodukte können auch den folgenden Jahrgängen zur Verfügung gestellt werden, wenn diese im nächsten Schuljahr zu dem gleichen Thema arbeiten. Lernprodukte können auch auf der Schulhomepage veröffentlicht werden, Eltern und Lehrer können sich ein Bild über die Lernarbeit in den Klassen machen. Und zuletzt gibt es natürlich auch die Möglichkeit, im www weltweit zu veröffentlichen. In youtube können Videos auch im Privatmodus veröffentlicht werden, so dass nur diejenigen das Video sehen können, die den Link haben.

Fördern wir durch die Veröffentlichung von Lernprodukten nicht die schon leidlich vorhandene ‚copy and paste‘-Kultur? Ich denke nicht, wenn wir bewusst mit den Möglichkeiten umgehen. Wie bei allen Möglichkeiten bietet auch das Veröffentlichen Chancen und Gefahren. Aber eine Lernkultur zeichnet sich dadurch aus, dass man die Möglichkeiten und Chancen nutzt, und die Gefahren minimiert. Etwas nicht zu tun aus Angst vor ‚copy and paste‘ hieße, Chancen zu verpassen. So wäre die Entwicklung einer ’no-copy and paste-Kultur‘ an der Schule eine wichtige Lernaufgaben. Der Umgang mit dem Urheberrecht kann dabei gelernt werden. Aber aus dem Angst vor dem Urheberrecht, die gerne immer wieder beschworen wird, sollten wir und und unsere Schüler nicht von kreativen Veröffentlichungen abhalten lassen.

Die Wertschätzung der Leistungen der Schüler über die Noten hinaus ist ein wichtiger Treibstoff für das Lernen – das wurde von allen Teilgebern in der Session in Stuttgart unterstützt.

Vielen Dank für die engagierte Diskussion

Hier noch ein paar Beispiele

Konfliktanalysen Schüler 12MW Semesterprojekt St. Georg

Beispiele von Thorsten Larbig: http://herrlarbig.de/2011/11/07/faust-der-tragodie-1-teil-als-rap-text-schulerarbeit/ … und http://herrlarbig.de/2012/06/12/schulerarbeiten-zu-theodor-fontanes-irrungen-wirrungen/ …